Schlagwort-Archive: Krise

Glücksritter und Verfahrenspriester

Und täglich von neuem: In der Krise manifestieren sich Risiken wie Chancen. Die Form, in der sich das Management von Krise offenbart, gewährt immense Chancen für eine Diagnostik über die Organisation insgesamt. Wird nach Lösungen gesucht? Werden Chancen geortet? Werden Potenziale gesichtet oder erhellen neue Erkenntnisse und positive Lernprozesse den dunkel erscheinenden Horizont? Das negative Pendant sieht die Risiken und Gefahren, die Vorkommnisse, die notwendigerweise zu einem kollektiven Ende führen müssen und die Unabänderlichkeit, mit der das Schicksal besiegelt ist. Am Ende steht die kollektive Depression, in Deutschland zumeist noch der kollektive Amoklauf. Auch der deutet sich in Konturen an.

Gegenwärtig ist noch ein anderes Phänomen zu beobachten. Die, die nach Lösungen suchen, sind in der Minderheit, die, die bereits den Untergang zelebrieren, wachsen in ihrer Zahl, bilden aber nicht die Mehrheit. Letztere, und zwar die überragende, lässt sich in anderen Verhaltensmustern finden, die zum Teil erprobt und zum Teil neu sind. Eine Variante vermutet in der Krise nicht die Chance der Lösung, sondern die Chance der Verbesserung der eigenen Ausgangslage. Da werden taktische Vorteile gesucht, da werden Besitzstände gewahrt und neue erfochten. Da wird die Krise zum Anlass genommen, um andere über den Löffel zu barbieren und die eigenen Depots prall zu füllen. Das Muster hat sich zu einem Massenphänomen entwickelt und ist in unzähligen Situationen zu beobachten. Die Krise ist der Vorwand für neue Spielregeln, die Argumentation appelliert an den Gemeinsinn, aber Zweck ist der eigene Vorteil.

Eine andere Variante, die weder mit Bewältigung noch mit Depression verwandt ist, und die auch nicht als Phänomen der Verdrängung identifiziert werden kann, ist die exzessive Zuwendung der Aufmerksamkeit auf die Verfahren. Ja, auch die Systemtheorie spricht von der Legitimation durch Verfahren. Aber dieses Memento wirkt nur, wenn die Verfahren ein bestimmtes Ziel verfolgen. Die Verfahrensexzesse, die gegenwärtig zu erleben sind, haben sich selbst als Ziel. Sie sind das Ergebnis einer Verselbstständigung der Mittel.

Das Phänomen der Instrumentalisierung der Welt ist nicht neu. Das hat es immer gegeben. Und in Zeiten der gediegenen Saturiertheit ist es gar nicht so ungewöhnlich, mit den Instrumenten zu spielen anstatt sich den essenziellen Fragen der Zielerreichung und Lebenswirkung zu stellen. In Zeiten der Krise jedoch dokumentiert die exzessive Aufmerksamkeit auf Qualität und Beschaffenheit von Verfahren eine ebenso entwickelte Ignoranz gegenüber der Dringlichkeit von Handlungen. In der Not, so heißt es, frisst der Teufel fliegen. Da sitzt er nicht am Tisch und pocht auf das Drei-Gänge-Menü, das er normalerweise an diesem Tag gewohnt ist. Die Verfahrenspriester aber sind keine Teufel, die sich aufs Überleben verstehen.

Es erscheint eher so, als seien die Glücksritter, die aus der Krise Profit schlagen wollen und die Verfahrenspriester, die das Ritual höher einschätzen als die Füllung de Mägen, Agenten dieses Teufels. Der Teufel selbst wird überleben, weil er das Spiel schon tausendmal gespielt hat und er weiß, dass Fliegen Eiweiß enthalten. Die Glücksritter werden sich wohl gegenseitig erlegen und die Verfahrenspriester werden gar nicht erst bemerken, wenn sich ihr Debattiertisch bereits im Jenseits befindet.

Es ist ein schlimmes Wort, das abgedroschener nicht sein könnte. Aber dieser Umgang mit Krise, der nun durch das Land geht, der peitscht es immer wieder auf die Zunge. Der Schrecken, den es erzeugt, hat einen Namen: Es ist die Dekadenz.

Krise als Chance?

Was passiert eigentlich in einer Krise, die den Namen verdient? In der vieles zusammen kommt. Bei der es nicht nur eine Entwicklung gibt, die Anlass zur Sorge bereitet. Bei der gleich verschiedene Faktoren wirken. Eben bei einer Krise, wie sie momentan zu verbuchen ist. Bei der das europäische Bündnis nicht mehr funktioniert, in punkto Verschuldung und Sanierung, in punkto Sicherheitsdenken, in punkto gemeinsame Werte. In der die Bündnispartner, die zur Durchsetzung der eigenen Interessen gewählt wurden, sich ähnlich darstellen wie das eigentliche Problem. Zum Beispiel in der Ukraine, zum Beispiel in der Türkei, zum Beispiel in Saudi Arabien, zum Beispiel in Afghanistan und zum Beispiel in den USA. In der die Mittel der Lösung in keiner Relation zum Problem stehen. Zum Beispiel bei der Liquidierung ganzer Staatswesen zugunsten der Kreditbedienung oder bei Flächenbombardements oder Drohneneinsätzen als Reaktion auf einzelne Anschläge in einem benachbarten Land.

Was passiert eigentlich, wenn davon ausgegangen werden kann, dass es keinen Plan, aber viele Aktivitäten gibt, wenn sehr viel unternommen wird, ohne dass ein Ziel identifiziert werden könnte? In der Politik ist das gar nicht so verwunderlich, denn die Zeit der Ziele und Programme ist dort längst passé. Politische Programme gehören der Vergangenheit an, seitdem die Demoskopie das Ruder übernommen hat, und das auch noch vermittelnd. Das eigentliche Ziel von Politik ist die Mehrheit. Und so hat nicht die Demoskopie, sondern die Funktionsweise des Positivismus die Herrschaft inne. Und im Augenblick der Betrachtung ist immer schon eine Mehrheit da.

Dass Zukunft eine Gestaltungsaufgabe ist, die nur gelingen kann, wenn die Erfahrungen der Vergangenheit verarbeitet werden und bei der die Vision des Neuen Berücksichtigung findet, ist den Junkies von demoskopischen Daten aus dem Blick geraten. Deshalb machen sie das, von dem sie glauben, dass es die Mehrheit des Momentes in die Zukunft rettet. So ein Fall ist die schwarze Null des Monetaristen Schäuble. Er ist der europäische Atavismus der in den USA längst überwundenen Staatsdoktrin des Wirtschaftsliberalismus. Seine Ideologie beschleunigt den Niedergang derer, die jetzt noch glauben, mit seiner Lehre ginge es weiter. Das Gegenteil ist der Fall. Es wird nur noch ein bisschen dauern, und es werden noch viele gemeinsame Werte verbrannt werden, bis diejenigen, die dem Karnivoren der Finanzwelt jetzt noch applaudieren, am eigenen Schicksal gemerkt haben, wie verhängnisvoll sein Altersstarrsinn für das Gemeinwesen war.

Eine Ahnung von Zukunft lässt sich auch über Szenarien herstellen. Es gibt wunderbar fähige Leute, die dabei helfen könnten, so etwas zu tun. Es könnte zum Beispiel darüber räsoniert werden, was mit den marginalisierten Jugendlichen in den europäischen Ballungsgebieten, die als Rekrutierungsmasse für die eine oder andere terroristische Variante dienen, geschehen könnte, wenn mit dem Geld, das allein die ersten zehn Luftangriffe kosten werden, Infrastruktur und Bildung finanziert würden, um ihnen eine Chance zu geben. Oder es könnte überlegt werden, was die 500.000.000 Euro, die allein die Bundesrepublik momentan der Türkei zur Verfügung stellt, um Flüchtlinge zu jagen, gemacht werden könnte, um Flüchtlingen in Deutschland eine Chance zu geben. Aber wer auf die Mehrheit des Augenblicks schaut, wird kein Bild von einer guten Zukunft zeichnen können. Die Überforderung reaktiver Charaktere durch die Krise ist manifest. Das ist das Problem.

Krise und Charakter

Der verstorbene Helmut Schmidt pflegte zu sagen, dass sich in der Krise der wahre Charakter zeige. Damit hatte er wohl Recht. Der besondere Zustand ist es, der außerhalb der Komfortzone, der zeigt, inwieweit ein Mensch mit sich und seiner Umwelt im Einklang steht. Krisen sind nicht nur ein Prüfstein für den Charakter von Menschen, sondern auch eine hervorragende Gelegenheit, die Fähigkeit von Menschen und sozialen Systemen zu beobachten, mit dem Unvorhergesehenen umzugehen. Die jetzige Bundesregierung und ihre Protagonisten mögen nach dem, wie sie mit den gegenwärtigen Krisen umgehen, danach beurteilt werden, wie sie charakterlich dastehen. Und, sie können danach beurteilt werden, wie sie politisch, denn das ist ihr Auftrag, mit den Krisen umgehen.

Um es ganz alltäglich zu formulieren: Irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, das vieles der täglichen Routine in Frage stellt. Wie gehen Menschen damit um? Hadern sie mit dem Schicksal? Suchen sie nach Schuldigen? Versuchen sie den Schlag zu vertuschen? Werden sie hysterisch oder cholerisch oder depressiv? Oder versuchen sie, den Erfordernissen des Besonderen mit ihren Mitteln nachzukommen und die neue Situation als Grundlage für zukünftiges Handeln zu etablieren?

Das soziale und das politische System, nicht zu vergessen auch von Menschen gemacht und zu verantworten, wie reagieren deren Institutionen? Wie schnell akzeptieren sie die neuen Bedingungen? Wie erklären sie das, was passiert ist? Welche praktischen Schlussfolgerungen ziehen sie daraus für ihr eigenes Handeln? Oder deklarieren sie den neuen Zustand als eine Störung, die schnellstens zu beheben ist, damit der Status quo ante möglichst schnell wieder hergestellt ist? Und leistet vor allem das politische System den Erklärungstransfer, der zu seiner ureigensten Pflicht zählt: Stellt das politische System den Menschen den Zustand von Freiheit her, der es ihnen ermöglicht, Einsichten in das Notwendige zu entwickeln?

Bei dem Versuch, herauszufinden, was momentan bei den politischen Akteuren wie im politischen System der Bundesrepublik passiert, ist es hilfreich, unabhängig von der einzelnen Adressierung der einen oder anderen Analyse oder dem einen oder anderen Handlungsvorschlag das Grundrauschen zu identifizieren.

Auf diesem Kanal klingt immer wieder die Phantasie von einem Naturereignis, das auf keinen Fall mit der eigenen Politik auf der Welt etwas zu tun hat und wenn überhaupt etwas mit Politik, dann sind es andere Mächte, mit denen man nichts zu tun hat. Diese Befindlichkeit ist verhängnisvoll, weil sie keine praktischen Konsequenzen für die eigene Außenpolitik nahelegt, sondern das Bestreben erkennen läßt, so fortzufahren wie bisher.

Die Institutionen, die die Geschäftsführung des Staates zu verantworten haben, entwickeln keinerlei Konzepte, die das Handeln unter völlig neuen Bedingungen ermöglichen. Vielmehr versuchen sie die neue Realität in ihre eigene, alte zu zwängen. Die alten Strukturen wie Handlungsweisen werden als ultima Ratio gehandelt und es wird versucht, vor einer schwierigen Lage ein gutes System vor schlechten Menschen zu rechtfertigen. Das ist keine Krisenstrategie, das ist Apologetik!

Letztendlich sind die Protagonisten aus der Regierung Beispiele dafür, was Helmut Schmidt im eingangs bemühten Zitat zu fokussieren suchte. Ja, das wussten auch schon unsere weitaus profaneren Großeltern, bei Schicksalsschlägen zeigt sich der wahre Charakter. Und so ist es, angesichts der Tatsache, dass die Herausforderung eine extreme ist: Es geht um die Menschen, die kommen und es geht um die Menschen, die hier sind. Und angesichts dieser, wie gesagt Herausforderung, wie sieht denn da das Jonglieren mit der Spekulation auf die nächste demoskopische Erhebung aus? Zeigt es Charakter? Zeigt es die Fähigkeit, unter schwierigen Bedingungen arbeitsfähig zu sein? Oder zeigt es, dass dieses Personal deplaziert ist?