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Der Biss einer Straßenzicke und die Grandezza eines Herrn

Nicht nur die amerikanischen, sondern auch afrikanische Mannschaften haben dafür gesorgt, dass große europäische Fußballnationen die Gruppenphase nicht überlebt haben. Nachdem Welt- und Europameister Spanien deklassiert nach Hause fahren muss, hat es bereits ebenso England wie dann auch Italien getroffen. Englands Abgang war früh klar und es gehörte keine große prognostische Fähigkeit dazu, dieses schnelle Ende vorauszusagen. Italien wiederum starb ohne die morbide Schönheit, die vielleicht das positive Image gerettet hätte.

Nein, was das Ensemble um Majestäten wie Pirlo und Buffon gegen Uruguay bot, war keiner Diskussion würdig. Ausgelaugt und ideenlos wirkten sie, Pirlos Geniestreiche blieben aus und nur Buffon ließ die Dimension vergangener Grandezza aufblitzen. Lediglich seine Worte nach dem Aus dokumentierten, welcher Gigant sich von der internationalen Bühne wohl für immer verabschiedete. Er verlor kein Wort über dubiose Schiedsrichterbesetzungen und -entscheidungen. Selbstkritisch verwies er auf die Tatsache, dass es eben nicht reiche, wenn man in zwei Speilen selbst kein einziges Tor geschossen habe und nun allein dafür verantwortlich sei, wenn die traurige Heimreise angetreten werden müsse. Andere seien besser, und die hätten es verdient. Das war Sportsgeist, den anscheinend nur noch die aufbringen, die bereits in den Annalen stehen.

Dabei hätte man sich beklagen können über eine allzu harte Rote Karte für das eigene Team und vor allem über eine ausgebliebene für den uruguayischen Pistolero Luis Suarez, der gegen England noch mit zwei atemberaubenden Toren auf sich aufmerksam gemacht hatte, gegen Italien aber dadurch auffiel, dass er seinem italienischen Gegenspieler in die Schulter biss, was nicht geahndet wurde. So wurde aus dem Helden gegen England eine Straßenzicke gegen Italien. Für viele war neu, dass diese Art von Attacke nicht seine erste in seiner Karriere war und er sich damit die Aura eines Mike Tyson erwarb.

Obwohl dann doch sehr viel Glück im Spiel war, erkämpfte sich Griechenland wiederum das Weiterkommen gegen die glücklosen, aber durchaus starken Akteure der Elfenbeinküste, die nur durch einen Elfmeter in der 93. Minute den Abschied nehmen mussten. Griechenland zeigte eine geschlossene Mannschaftsleistung und und war von Kampfeswillen beflügelt, was ihnen die deutschen Kommentatoren wiederum im Vorfeld nicht zugetraut hätten. So kommt es, wenn man lange gehegte und gepflegte Klischees für bare Münze nimmt.

Und obwohl Argentinien es sich hätte gegen Nigeria leichter machen können und Nigeria selbst sehr früh wusste, dass auch sie es geschafft hatten, lieferten beide Teams ein Spiel, als gäbe es kein Morgen mehr. Das war technisch gut und kämpferisch brillant, von beiden Seiten, und zeigte, dass es so etwas wie Spielfreude auch jenseits der als abgebrüht und professionell geltenden Haltung noch gibt. Argentiniens Messi, mit dem sich so mancher Mediokrer gerne misst und Nigerias Musa zeigten, über welches Kaliber sie tatsächlich verfügen. Allein die beiden schossen vier Tore in einem Spiel, in dem es vermeintlich um nichts mehr ging.

Da bleibt die Frage, wie sich das bevorstehende Spiel der Deutschen gegen die USA gestalten wird. Die Unken des Metiers erinnern gerne an das Unentschieden von Gijon aus dem letzten Jahrtausend, bei dem sich die Akteure Österreichs und Deutschland gegenseitig den Ball zuschoben, weil ein Unentschieden beiden reichte, während aufgebrachte Zuschauer die reibende Handbewegung mit den Geldscheinen machten, weil sie die Verkommenheit zurecht ankotzte. Ja, auch Kassandra ist ein durchaus deutsches Phänomen, das immer wieder zum Vorschein kommt. Aber wir, die wir infiziert sind von der Magie eines Spiels, das trotz aller Beugungsversuche, Entartungen und Diskriminierungen immer wieder aufblitzt, wir alle wissen um das philosophische Axiom: Wichtig ist auf dem Platz!

Der Flaneur mit den Kroko Schuhen

Um es gleich zu sagen. Die ersten Spiele besagen noch gar nichts. Abgerechnet wird am 13. Juli. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Auch wenn die Niederlande Spanien demontierte, der stolpernde König kann sich noch erholen. Und auch wenn Costa Rica das stämmige Uruguay im Schweiße unaufhaltsamer Euphorie niederkämpfte, am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat. Selbst Griechenland hat immer wieder bewiesen, dass es nicht so schnell stirbt, wie die Tagesbörse glaubt. Ein Spiel jedoch hat gezeigt, was sich wohl auch in diesem Turnier nicht mehr ändern lässt. Wenn alte, imperiale Größen aufeinander treffen, dann ist vieles gesetzt. Italien gegen England war wieder einmal so ein Spiel.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Deutschen mögen die italienischen Tugenden nur in der Gastronomie oder im Urlaub, aber nicht im Fußball. Da bilden sie eine Klasse, an die die Helden aus Germanistan nur selten heran reichen. Der Reporter im deutschen TV dokumentierte bereits sehr früh, woran das meistens scheitert. Man kann das Spiel der Italiener nicht lesen. Diese wussten sehr genau, welchen Belastungen sie über die Gesamtdauer des Spieles ausgesetzt sein würden. Deswegen spielten sie lange Zeit One-Touch-Stafetten und ließen die motivierten Engländer laufen, die nach Jahren der Capello-Intervention zu begreifen scheinen, was Spielkultur ist, aber ihren Meister gefunden hatten. Und als der Kommentator bereits von italienischen Verzweiflungstaten sprach, schossen diese das Führungstor. So kann es kommen. Und zu Boden gehst du nur, wenn du den Schlag nicht kommen siehst, das wusste schon Muhammad Ali.

Inszeniert durch ihr Genie Andrea Pirlo! Er allein ist es wert, sich die Spiele Italiens anzuschauen. Er, von dem man glaubt, es flaniere ein Gigolo in Kroko Schuhen mit einem Schoßhündchen an der Leine über eine üppige Wiese der Po-Ebene und der dann plötzlich aus dem Fußgelenk alle Formationen auf dem Platz ad absurdum führt und Gladiatoren wie Balotelli die Möglichkeit gibt, mit einem einzigen Hammerschlag dem langweiligen Gewese ein Ende zu bereiten. Pirlos Freistoß in der Nachspielzeit, der die Latte Englands noch einmal küsste, beschrieb eine Flugbahn außerhalb der physikalischen Gesetze. Das ist große Kunst, der etwas innewohnt, das die im Profanen materialisierte Welt zum Träumen verführt.

Was immer wieder die Gemüter beflügelt ist die Frage, warum die englische Liga so stark und das Nationalteam vergleichsweise so schwach ist. Die Erklärung scheint kein Mysterium zu sein. Das Verhältnis bildet den Irrweg ab, den das Land seit Margaret Thatcher beschreitet. Es ist die Abkehr von der Eigenleistung und die Glorifizierung der Börse. Wer Leistungen nur noch einkauft, ohne selbst zumindest eine Ahnung davon zu besitzen, wie sie erstellt wird, wacht irgendwann auf und hat einen Brummschädel wie nach Unmengen Bitter Ale. In den Topp-Klubs der Insel sind Engländer Mangelware. Und die Leistungsträger spielen in Brasilien gegen England. Es ist zu hoffen, dass man das in London so langsam begreift, die jetzigen Erfahrungen böten einmal wieder eine Chance.

Den Deutschen, die sich mit Italien so schwer tun, sei zum Trost gesagt, dass es sich natürlich um eine Ambivalenz handelt. Wir, die ehrlichen Arbeiter, wir lieben den Luftikus, der das Schöne schafft. Nur gewinnen darf er nicht, das ist ungerecht. Umgekehrt ist es übrigens ähnlich. Viele der italienischen Tifosi sind erbost über die Erfolge der Teutonen, wenn sie nur durch Blut, Schweiß und Tränen zustande kommen, aber so ganz ohne Grazie. Im internationalen Projektmanagement ist man übrigens weiter: Da werden deutsch-italienische Teams als optimale Lösung gesehen. Da gilt die Kombination aufgrund ihrer jeweils unterschiedlichen Qualitäten als das Nonplusultra. Liebt euch, ihr mögt euch doch!

Eine Lesart der Europawahl

Der Skandal liegt nicht im Ergebnis. Das Ergebnis ist, wie der Begriff unmissverständlich zum Ausdruck bringt, das Resultat dessen, was vorher passiert ist. Nicht nur beim reduzierten Prozess der Wahl. Sondern auch und vor allem als Reaktion auf die sehr konkrete Politik, die vorher stattgefunden hat. Sie hat Auswirkungen und sie wird bewertet. Durch das Votum und durch die Anzahl derer, die überhaupt ein Votum abgeben. Wer zur Wahl stand und jetzt darüber jammert, dokumentiert, dass er oder sie den Sinn der ganzen Angelegenheit nicht verstanden hat. Wahlen sind immer das Ergebnis dessen, was beim Souverän ankommt. Diejenigen, die die Macht nach dem Wesen demokratischer Spielregeln auf Zeit innehaben, haben keinen Grund sich über die Reaktion des Souveräns auf ihre Politik zu beklagen. Und auf den Souverän zu schimpfen schon gar nicht. Es zeigt nur, welcher Qualität sie sind bzw. wie weit sie sich von denen entfernt haben, in deren Auftrag sie eigentlich unterwegs sind.

Nun sind die Ergebnisse der Europawahl tatsächlich in vielerlei Hinsicht nicht erfreulich, aber sie dokumentieren Erfreuliches. Das klingt absurd, ist aber logisch. Nicht erfreulich sind Ergebnisse wie die in Frankreich, bei denen der Front National unter Marie le Pen stärkste Partei wurden, 10 Prozent vor den regierenden Sozialisten. Das ist ein herber Schlag für das Land. Analog wurden Kräfte in Großbritannien gestärkt, die zwar kein rechtsextremes Profil wie im Falle Frankreichs aufweisen, aber dennoch Zeichen setzen, die Richtung Xenophobie weisen. Auch sie haben die Regierungspartei übertrumpft. In Griechenland wiederum hat die Linke einen triumphalen Sieg zu verzeichnen, der Süden Europas tickt anders als der in der EU etablierte Norden.

Was die Ergebnisse allesamt zeigen ist ein Schrumpfen der gegenwärtigen Dominanz von bürgerlich/sozialdemokratisch und eine Stagnation resp. ein leichter Rückgang der Ökologen. Alle drei Kräfte waren treibend bei der Verstärkung der Zentralisierung und bei dem Ausbau der Regulierung und damit der Unterhöhlung der lokalen Selbstbestimmungsrechte. Dafür haben sie eine schallende Ohrfeige bekommen. Daraus zu lesen, Europa treibe nach Rechts oder Links, ist töricht. Daraus zu schließen, dass der bisherige Kurs zunehmend weniger mehrheitsfähig wird, ist weise.

Wenn dem so ist, dann sollte man analysieren, woran es liegt. Als Reaktion darauf die Wählerschaft zu beschimpfen, ist absurd. Aber anscheinend hat die Brüsseler Existenz so manchem das Symptom beschert, dass das Absurde von der Aura des Normalen umgeben wird. Die Fähigkeit, nach den Europawahlen genau dort in einen Diskurs zu gehen, wo die Quittung harsch präsentiert wurde, ist in vielen Fällen durch das Ausgrenzen während des Wahlkampfes blockiert. Nun zahlt sich aus, was angelegt wurde: Die Diskriminierung der Kritik an der Amtsführung gleichzusetzen mit einer extremistischen, anti-europäischen Haltung, grenzt nun die Amtsführenden aus. Da haben sie sich ohne Not selbst ins Knie geschossen. Den Schmerz müssen sie nun aushalten.

Das Beglückende an den Europawahlen ist, dass diejenigen, die zur Wahl gegangen sind, ein Votum gegen den Status Quo abgegeben haben. Dass sie sich zum Teil für Optionen entschieden, die, realisierten sie sich tatsächlich, den Jetztzustand als etwas Wunderbares erscheinen ließen, gehört nicht nur zur Ironie der Geschichte, sondern ist auch eine essenzielle Gefahr. Die Kritik an der europäischen Amtsführung muss substanzieller werden, aber sie muss dem Wesen nach immer demokratisch sein. Sonst führt sie zu Zuständen, die nur wenige Kritiker wollen.