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George Orwell, aktuell wie nie!

Wie eindeutig schienen doch die beiden wirklich bedeutenden, bekannten Werke George Orwells zum Zeitpunkt ihrer Publikation. Mit „Animal Farm“ schuf der Trotzkist, der daraus nie einen Hehl gemacht hatte, eine bittere, bissige Satire auf die Restauration der Herrschaft der Bolschewiki über das Volk. Keine kapitalistische Kritik hatte die Sowjetunion so ins Herz getroffen wie Orwells Fabel. Da hatten die Tiere des Hofes gegen den brutal herrschenden, saufenden und tötenden Bauern rebelliert und selbst die Herrschaft übernommen. Und dann begannen sie sich selbst zu organisieren und so langsam übernahmen die Schweine das Kommando, erlagen dem archetypischen Wunsch nach Macht und Status und es dauerte nicht lange, und die gut gläubigen, arbeitenden Tiere unterstanden dem Befehl der neuen Herrscher. Und Orwell beschrieb die neue Diktatur der Schweine so brillant, dass viele Leserinnen und Leser seines Werkes sogar glaubten, reale Personen zu erkennen. 

Der Roman „1984“, im Titel eine Zahlenspielerei, weil 1948 verfasst, entwarf Orwell ein Zukunftsszenario. Auch hier schwang Kritik an dem real existierenden Sozialismus mit. Aber es wäre falsch, es nur unter diesem Aspekt zu lesen. Er beschreibt eine gleich geschaltete Gesellschaft, in der totalitäre Tendenzen herrschen. Vor allem seine Analyse des Denkens und der Sprache gehen aus heutiger Sicht mächtig unter die Haut. Als hätte es dieser feinfühlige Mann geahnt, er schildert die versklavende, folternde Wirkung des politisch korrekten Codes und damit wird dieses Phänomen in „1984“ zum brillanten Kernstück der negativen Utopie. Wer das Buch heute liest und sich nicht darüber wundert, inwieweit unsere ach so liberale Gesellschaft die negativen Linien der kritischen Utopie bereits überholt hat, der hat große Probleme mit der Adaption und Rezeption von Literatur generell.

Wäre da nicht eine gewisse Bewegung im Norden Spaniens aktiv, die für sich reklamiert, in der Tradition der katalanischen Freiheitsbewegungen zu stehen, die es in der spanischen Republik und dem folgenden spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 gab, dann hätte ein weiteres Buch von Orwell hier keine Erwähnung gefunden. Doch die historische Aktualität fordert auch die Berichte Orwells über die Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg auf republikanischer Seite auf den Plan. 

Unter dem deutschen Titel „Mein Katalonien“ beschrieb da auch ein sehr kritischer Kriegsteilnehmer,  was sich an Stellvertreterkrieg vor dem II. Weltkrieg auf spanischem Boden abspielte. Aus heutiger Sicht ist allerdings das Interessanteste, wie er die Verhältnisse und die Freiheitsprogrammatik in Katalonien darstellt. Und da dominierten libertäre Gruppierungen, die mit den heutigen Separatisten nichts, aber auch gar nichts gemein hatten. Das waren Arbeiterräte, die aus der Armut ein soziales Programm machten und ihre natürlichen Verbündeten in den anderen spanischen Hafenstädten suchten. Von dem, was dort an elitärer und korrupter Version des Separatismus vorgelebt wird, findet sich keine Spur.

Die Empfehlung geht in Richtung aller hier erwähnten Titel, wobei Animal Farm insofern noch einmal gelesen werden sollte, weil die Wirkung heute aus dem Bewusstsein entsteht, dass auch hier, in unseren Verhältnissen, die Restauration in vollem Gange ist und die gesellschaftlichen Verhältnisse auf das Totalitäre zustreben. Und 1984 scheint gar wie ein Ausschnitt aus einer zeitgenössischen Analyse. 

Die Werke George Orwells sind aktueller den je. Eine bittere Erkenntnis. Aber selbst diese hilft, um nicht zu erstarren im leeren Entsetzen!

 

Mensch, Maschine IV: Homo ludens in der Falle

Jede Phantasie, die sich mit der Kontrolle von Menschen beschäftigte, ob in fiktionaler Literatur oder wissenschaftlichen Abhandlungen, entpuppt sich im Nachhinein als eine naive Vorstellung. Von George Orwell bis H.G. Wells muss vor allem den so gescheiten Literaten attestiert werden, dass sie, gemeinsam mit dem Rest der Menschheit, zu ihrer Zeit keine Vorstellung davon haben konnten, was die digitale Technologie noch möglich machen sollte. Sowohl 1984 als auch Brave New World sind, betrachtet man die tatsächliche Entwicklung, aus heutiger Sicht romantische Darstellungen einer nicht gewollten Welt. Die Digitalisierung hat alles überboten, was die Kontrolle des homo sapiens anbetrifft. Und das große Phänomen, das mit der technischen Möglichkeit einher geht, ist die Tatsache, dass die Durchsetzung der totalen Kontrolle über keine extraordinäre Gewaltanwendung vonstatten gegangen ist.

Wie jede neue Technologie, so begann auch die digitale damit, zunächst die emanzipatorischen Möglichkeiten ihrer selbst hervorzuheben. Der freie und unbegrenzte Zugang zu Information, so hieß es, ermögliche Demokratie und Selbstbestimmung. Dass zu einer tatsächlichen Flut von Informationen auch Strukturen im Kopf gehören, wurde dabei geflissentlich übersehen. Wer nicht weiß, was er sucht, wer keine eigenen Filter hat, was den Trash anbetrifft, kurz, wer nicht zu strukturieren weiß, der ertrinkt in dem, was an Informationen zugänglich ist. Wobei als kleine Randbemerkung erwähnt werden sollte, dass längst nicht alles so zugänglich ist, was interessant sein könnte.

Hinzu kommt, dass diese Technologie, ganz im Gegensatz zu allen Vorläuferinnen, tatsächlich in vielen Fällen als eine Arbeitserleichterung daher kam und sich, und dort ist die tödliche Falle zu suchen, in Form von spielerischer Anwendung sich Platz machte. Die Totalkontrolle unserer Tage gelang nicht über den homo sapiens, sondern über den homo ludens, den spielenden Menschen. In dem alles nicht so ernst gemeint war, in dem alles eine kleine Übung ohne sichtbare Konsequenzen war, in dem nicht darüber unterrichtet wurde, dass alles, komplett alles in den ewigen Archiven der Tyrannei landen würde, vertrauten sich viele diesem Spielchen an und verloren damit ihre Unschuld. Dinge, die vordem als essenzielles Privatissimo gegolten haben, wurden in den digitalen Orkus ohne Vorbehalt geschleudert. Man überlege sich, welches Theater hierzulande noch bei einer Volkszählung in den achtziger Jahren stattgefunden hat, um dem Staat bestimmte Informationen über die Person nicht zugänglich zu machen und sich ansieht, was heute freiwillig in den Rachen privater Akteure geworfen wird, könnte man am Verstand der kompletten Gesellschaft zweifeln.

Die wahre, totale, radikale und komplette Kontrolle vermittels der digitalen Technologie erfolgt jedoch über die Arbeits- und Geschäftsprozesse. Alles wird dokumentiert, nicht nur die Zeiten, in denen gearbeitet wird, sondern auch die Inhalte, die bearbeitet werden. Hinzu kommen Einkäufe, Banküberweisungen, die Benutzung von Verkehrsmitteln etc.. Über jeden ist es möglich, Typen- wie Bewegungsprofile zu erstellen, bei deren Publikationen die Individuen über sich selbst sehr viel Neues erfahren würden. Die Vernetzung, wieder so eines der Zauberwörter, macht den Kontrolltotalitarismus komplett. Wie furchtbar wirkt da doch der nahezu religiöse Hinweis, wer nichts zu verbergen habe, müsse sich auch keine Sorgen machen. Angesichts der handfesten Interessen von Leuten, die alles verkaufen – die Oma liegt schon längst auf dem Ramschtisch – und einem Staat, der seine eigentliche Liquidierung zugunsten ersterer im Sinne hat und deshalb jede kritische Äußerung bereit ist zu kriminalisieren, ist das kein Trost. Woran wir uns zu gewöhnen hatten, war die Neuheit, zu begreifen, wie ein Totalitarismus ohne physische Gewalt funktioniert.