Schlagwort-Archive: Freiheit

Freiheit und Glück!

Nietzsche, der so perfekt Verfemte, wusste es. Die Menschheit, so schrieb er in einem seiner vielen Momente der Erleuchtung, würde von der mächtigen Natur, die einem wilden Stier gleiche, irgendwann wie ein lästiges Insekt von sich geschüttelt. Nietzsche kannte sich aus mit Bildern. Er hatte eine Ahnung davon, wie sehr die Nichtigkeit unserer Existenz überblendet wurde von unserem unbändigen Subjektivismus, der auf nichts anderem fußte als auf einem kollektiven Tabu, das die meisten Kulturen überstrahlt. Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit wird von den wertschöpfenden Gesellschaften mit Macht ausgeblendet, um die furchtbare Relativität unseres Tuns zu verbergen. In Anbetracht der kosmischen Dimensionen, eingeschlossen der Zeit, ist die Menschheit allenfalls eine Episode im Gang der Dinge. Wie klein, wie schrecklich klein ist in diesem Kontext doch das Individuum.

Der falsche Schluss aus dieser Erkenntnis wäre der Fatalismus. Er ist die Unterwerfung der Verantwortung unter das unvermeidliche Scheitern. Der Fatalismus, Produkt dieses Denkens, rät den Menschen, sich im Orkus der ungeheuren Entwicklungsgeschichte nicht in die Pflicht nehmen zu lassen. Er ist das Ticket zur Freisprechung von der Pflicht zur Gestaltung, und sei die Phase ihrer Möglichkeit auch noch so kurz. Daraus entspringt der Typus Mensch, der uns so allen so auf die Nerven geht: Der Hedoniker, der nach der Maxime „Nach mir die Sintflut“ nach den Gütern greift, die im unersättlichen Konsum die Klimax der Existenz versprechen, ohne dabei zu bedenken, dass den Momenten, die den nächsten Generationen bereit stehen, das wenige an Zeit nehmen, die genutzt werden könnten, um ihrer eigenen Existenz einen Sinn zu verschaffen.

Der richtige Schluss wäre Demut. Demut vor der eigenen Begrenztheit und Dank für die Möglichkeit, dennoch aus ihr etwas zu machen. Das ist ein sehr hoher Anspruch, der uns die Gewissheit darüber vermittelt, wie wenig wir beitragen können zu dem, was den Sinn des Lebens ausmacht. In Relation zu der uns verbleibenden Zeit ist das Drehen am großen Rad, das selbstverständlich nur aus der kleinen Perspektive des Individuums groß erscheint, eine Illusion, die neben dem verbreiteten Hedonismus als die andere, verhängnisvolle Entschuldigung gereicht. Die Alternative zwischen Rausch und Depression ist die des Realismus in Bezug auf die eigene Lebenswelt. In ihr, unserer eigenen, von uns selbst beeinflussbaren Sphäre, wachsen wir als Individuen in einem vernünftigen Maßstab hinsichtlich der von uns beeinflussbaren Dinge. Wir können etwas bewirken, und es ist, selbst im Wissen um unseren unbedeutenden Mikrokosmos, eine große Chance, unserer Existenz Nanosekunden des Sinns zu vermitteln. Das ist viel, und wir sollten uns nicht von einem Hochmut irreführen lassen, der zu nichts führt.

Das vermeintlich Unbedeutende, Profane, ist unser Metier, in dem wir uns zu Giganten des Augenblicks machen können. Wirksam werden wir dann, wenn wir die Chancen nutzen, die uns die täglichen Routinen bieten, um zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten, um durch Haltung und Richtung denen Orientierung zu bieten, die im Zweifel durch die Existenz schlingern, die erkennen lassen, dass sie nach einem Sinn suchen, der sie befreit von nutzloser Gier, von Streben nach Status, von verhängnisvoller Illusion. Das Leben ist und bleibt ein Auftrag. Unser Sein ist etwas zu Leistendes. Nur wenn wir uns dessen bewusst sind, werden wir beglückt durch Sinn und das Leben gewinnt die Qualität, die einen Wert vermittelt. Vergessen wir das nie! Es beschert uns die Freiheit, in der sich das Glück offenbart!

Das Metier von Untertanen

Jedes Volk hat so seine Vorlieben. Den Franzosen sagt man nicht zu Unrecht nach, dass sie nichts so lieben wie die Freiheit, eine üppige Pastete und den Wein, den Briten ist mehr nach reservierter Größe und Fairplay, den Spaniern sagt man nach, ihnen sei nichts wichtiger als die Hitze des Temperaments, den Chinesen sind es für uns unvorstellbare Dimensionen des Denkens und schlichter Reichtum, den Amerikanern die Jagd nach dem Glück und den Russen das Maß an Vergeudung. Uns Deutschen ging es immer ums Kollektiv. Das klingt zwar auf den ersten Blick befremdlich, lässt sich aber dokumentieren an dem Wert, der dem Begriff der Gerechtigkeit zugemessen wird. Die Gerechtigkeit ist jedoch die Sphäre, in der das Kollektiv sich bewegt, in der geklärt ist, unter welchen Umständen die einzelnen Glieder sich zu arrangieren haben.

Ja, der Slogan der französischen Revolution, der das Bürgertum emanzipierte und seine Epoche einleitete, beinhaltete die Gerechtigkeit nicht. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bezogen sich auf das Individuum. Es ging um die individuelle Freiheit, die formale Gleichheit und die Toleranz, es ging aber nicht um die Regulierung der Beziehungen der vielen Individuen zueinander. Das trauten alle revolutionären Denker dieser Zeit, von Montaigne bis Voltaire, von Saint-Just bis Danton den freien Individuen zu. Es ist die Note der deutschen Interpretation, die bürgerliche, die ihr nach folgende proletarische wie die wohlfahrtsstaatliche Epoche mit dem Diktum der Gerechtigkeit zu dominieren. In jeder Nuance wird sie bemüht. Dass sie dem Regulativ des sozialen Vergleichs entspringt und auf einer so profanen Regung wie dem Neid beruht, sollte durchaus bei der kritischen Betrachtung eine Rolle spielen.

Wie emanzipatorisch kann eine Idee sein, wenn sie in der Regung allgemeiner Missgunst beginnt und jedem Individuum a priori zutraut, sich auf Kosten des Kollektivs bereichern oder Vorteile verschaffen zu wollen? Das Pendant zur Programmatik der Gerechtigkeit ist die Form des übermächtigen Staates, der die einzelnen, womöglich freien Bestien im Zaum zu halten und zu bevormunden hat. Das Konzept der bürgerlichen Revolution, das freie und selbstreferenzielle Individuum, ist dem mit dem Monopol auf die Gerechtigkeit ausgestatteten Staat ein Gräuel. Das sollten wir uns vor Augen führen, wenn wir zum Beispiel in dem neuen Koalitionsvertrag der Regierung lesen. Dort ist von Chancengerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, gerechter Bildung und gerechter Weltordnung die Rede, es geht dort altersgerecht, tiergerecht und geschlechtergerecht zu. Das sind Kampfansagen an die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger und eine Ermächtigung der Justiziare des Gleichmaßes. So sozialrevolutionär die Forderung nach Gerechtigkeit auch verkauft wird, ein Staat ist die letzte Institution, die den Zustand garantieren kann.

Es sind die freien, selbstbestimmten Individuen, die der Staat in ihrem Handeln schützen sollte, die aus ihren Handlungen das herstellen können, was als eine Annäherung an den Zustand der Gerechtigkeit begriffen werden kann. Wie morbid ist der Gedanke, dass Bürokratien durch Bestimmungen und Verordnungen dafür sorgen können, dass sich die einzelnen Glieder der Gesellschaft dem Stadium von Freiheit und Glück, dem Fanal aller Revolutionen der Neuzeit, nähern könnten? Solange der Fluch der Gerechtigkeit über unseren Köpfen schwebt, sind wir tatsächlich unter dem Joch von staatlicher Intervention und Bevormundung. Die Freiheit und die Fähigkeit des aufgeklärten Individuums, mit ihr umzugehen, sind der Weg, der zu nahezu gerechten Verhältnissen führen kann. Als Mittel gegen Diskriminierung mag das Programm der Gerechtigkeit sich eignen, als Maß der Befreiung taugt sie nicht. Denn Gerechtigkeit in Unfreiheit, das ist ein Metier, das nur überzeugte Untertanen bereit sind zu lieben.

Seren und Narkotika

Wer kennt sie nicht, die mahnenden Ratschläge der Ärzte oder den Gesundheitsdiskurs in der Politik. Figuren wie der Sozialdemokrat Lauterbach sind sogar dazu angetan, die durchaus wichtigen Fragen der Gesundheitserhaltung mit dem Kabarett zu verwechseln. Gut im Gedächtnis geblieben ist eine TV-Diskussion mit Lauterbach und der grünen Politikerin Künast, die gefragt wurden, ob es zu viele Vorschriften und mahnende Hinweise und vor allem zu viele Dekrete seitens der EU gebe, die das Thema zu würdigen hätten. Das Fazit beider war, dass nicht zu viele Paragraphen zum Gesundheitsschutz, sondern zu wenige existierten.

Die Diskussion war, um im Bild zu bleiben, symptomatisch für eine gesellschaftliche Entwicklung und sie sollte nicht fest gemacht werden an den beiden Protagonisten dieses Gespräches. Wichtig ist jedoch die Tatsache, dass es für beide anscheinend sonnenklar ist, dass das Gros der Menschen nicht selbst beurteilen kann, was gesund ist und was krank macht. Natürlich existieren Bevölkerungsgruppen, die selbst nicht mehr kochen können und sich nur noch von Junk Food ernähren, natürlich gibt es Menschen, die sich zu wenig bewegen und natürlich gibt es Menschen, die zu Rausch- und Arzneimitteln greifen, um ihre Alltagsprobleme in den Griff zu bekommen.

Das Phänomen ist nicht neu, jedoch durch den aggressivsten Lobbyismus in der Geschichte der Pharmaindustrie zu einer Dimension gereift, die zu großer Skepsis veranlasst. Das nach-industrielle Zeitalter, das durch die Digitalisierung der Kommunikation beschrieben wird, hat es zu einer Dichte geschafft, die es vorher so nicht gab. Mit der Abnahme unmittelbarer Erfahrung und einer exorbitanten Entfremdung der Welt ist der Homo sapiens einer massiven Krise seiner sozialen Stabilität und einer wachsenden Diffusion der eigenen Identität ausgesetzt. Das, was er braucht, sind mögliche Orientierung, soziale Bindung, Solidarität und eine eigene Entscheidung. Die Objektivierung des Subjektes ist wahrscheinlich der größte Krisengenerator überhaupt.

In diesem Kontext mit Geboten und Verboten arbeiten zu wollen, wäre nur dann plausibel und verzeihlich, wenn sie einher gingen mit einem Plan zum Kompetenzerwerb und der eigenen Befähigung, die richtigen Entscheidungen zu fällen und richtig zu handeln. Aber gerade weil es nur um die Reglementierung derer geht, die zunehmend zu erkranken drohen, muss leider davon ausgegangen werden, dass wir es mit Brokern des Elends zu tun haben, die alles, was das Leben lebenswert macht zu den Störfaktoren rechnen und kriminalisieren, während die Arbeit und die damit einher gehende Form der Zivilisation in ihrer Generierung von Dysfunktionalität und Unglück tabuisiert werden.

Wir sind zeugen einer der großen Paradoxien dieser Moderne, betriebswirtschaftliche Modelle vollbringen das Kunststück, den Zweck der menschlichen Existenz, nämlich Leistung, Freiheit und Glück, in ein dissonantes System zu verwandeln. Die Leistung wird wie ein tödliches Serum isoliert und als Zweck verabsolutiert, während Freiheit und Glück als psychedelische Narkotika auf den Index gesetzt und gesellschaftlich verbannt werden. Da wundert es kaum, dass der Begriff von Gesundheit so kompliziert geworden zu sein scheint. Denn das, was sie immer war, zu leisten und das Leben in vollen Zügen zu genießen, wird ihr seit langem nicht mehr zugesprochen. Klapperdürr steht sie da, im Zustand der Askese! Und sie wundert sich, dass ihre Attraktivität so gelitten hat!