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Topien und Utopien

Gustav Landauer war es, der Anarchist, tot geschlagen wie so viele seinesgleichen, der versucht hatte, mit einem einfachen wie einleuchtenden Modell den Lauf der Welt zu erklären. Er sprach von Utopien, die die Vision einer besseren Zukunft enthielten und von Topien. Mit letzteren meinte er den gesellschaftlichen Zustand, der das Bestehende festschreibt und die Verhältnisse zu konservieren sucht. Aus heutiger Sicht ist das nicht unbedingt ein berauschendes, aber andererseits dennoch ein nachvollziehbares Modell. Die stereotypen Modelle gesellschaftlicher Veränderungen sind auch nicht plausibler und und dennoch spricht auch vieles für ihre einzelnen Aspekte. Das Modell der Klassen und Klassenkämpfe zum Beispiel, von Marx theoretisch und von Lenin praktisch auf die Spitze getrieben, gilt seit den Großprojekten der sozialistischen Staaten im 20. Jahrhundert als gescheitert. Wiewohl, unter den Eindrücken ihres Zusammenbruchs und den Resultaten des freien Spiels der Kräfte in der Welt des Finanzkapitalismus vieles dafür spricht, dass gerade diese Theorie wieder an Attraktivität gewinnen wird.

Landauers Idee von den Utopien und Topien wurde zu seiner Zeit zu allgemein betrachtet. Was sie jedoch nicht machte, war eine Zäsur der Dominanz zu ziehen. Weder das Subjekt noch das gesellschaftlich Ganze wurden von einander getrennt. Insofern ist die Trennung von dem Subjekt und seiner historischen Unzulänglichkeit und dem gesellschaftlichen Objekt in seiner realen Gegebenheit in diesem Theorem nicht vollzogen. Die Chance, die sich dadurch auftut, ist die Trennung von Modell und persönlicher Lebenspraxis aufzuheben. Um es deutlich zu sagen: Es wird nie ein richtiges Programm existieren, wenn die Menschen, die es in die Praxis umsetzen wollen, sich verhalten wie es die überkommenen Verhältnisse erforderten. Die Revolution, die Umgestaltung, beginnt nicht nur im Kopf, sondern sich muss sich fortsetzen in der täglichen Lebenspraxis der Individuen, bevor sie Gestalt annehmen kann in Programmen und großen politischen Bewegungen. 

Auch letzteres ist keine neue Erkenntnis. Aber sie birgt immer noch die Chance, etwas zu überprüfen, das mit einem so antiquierten Begriff wie Aufrichtigkeit beschrieben werden kann. Denn das Dilemma der versuchten Veränderungen ist in der Regel genau in dieser Hinsicht zu suchen. Was bringen Programme, die niemand lebt und was bringen Programme, die ihres Geistes beraubt und durch den eigenen Buchstaben umgebracht werden. Letzteres ist eine Tugend, derer die Bürokraten dieser Welt mächtig sind. Sie ersticken die Idee, indem sie Richtlinien und Regelwerke schaffen, die sich verlieren in Verwaltungsakten, die restriktiv wirken und das freie Atmen verhindern. Heinrich von Kleist war es, dem kaum jemand eine Vorstellung von großer Umgestaltung unterstellte, der eine Art archetypischer Unterscheidung aufstellte: Es gibt Individuen, so Kleist in einer kleinen Note, die begreifen die Formel und es existieren Individuen, die sind der Metapher mächtig. Darin sah er den Grundwiderspruch seiner Zeit. Wer wollte ihm heute, im 21. Jahrhundert, widersprechen?

Mit der Etablierung der Technokratie als Form der Herrschaft unserer Zeit wurde das Denken in Formeln zu der dominanten Art und Weise, mit der Welt umzugehen. Das Beispiel, das eine Metapher setzt, wird von den Technikern des Geistes, wie Sartre sie nannte, in einen Raum verwiesen, in dem nur noch kulturell und kreativ agierende Randgruppen ihr Dasein fristen. Die Avantgarde der Technokratie hat, wiewohl sie eine restringierte Weltsicht verkörpert, die Metapher der Freiheit ramponiert bis zur Unkenntlichkeit. Es herrscht die Topie. Und genau dann dämmert der Morgen für neue Utopien. 

Heinrich von Kleist und die systemische Beratung

Das Schöne an der Menschheit ist ihre Vielfalt. Ausgehend von einer nahezu unendlichen Diversität ist es dennoch erforderlich, sich an bestimmten Typologien zu orientieren, wenn es darum geht, Organisationen am Laufen zu halten, Teams und ihre Dynamiken zu begreifen und unterschiedliche Interessen von Konsumenten, Produzenten oder Wählerinnen und Wählern zu identifizieren. Die Versuche der Typologisierung gehen ebenfalls ins Unendliche und reichen von sehr formalen Kriterien bis hin zu Charakterisierungen. Wer kennt sie nicht, die Choleriker oder die Romantiker, die Melancholiker und die Rampensäue. Immer wieder, ganz im Sog des jeweiligen Zeitgeistes, tauchen neue Muster auf, die sich besonders gut vermarkten lassen. Fest steht jedoch, dass, wenn sie intelligent definiert sind, sie in der Lage sind, Aufschlüsse zu vermitteln über soziale Gebilde, in denen die Menschen unterwegs sind.

Es ist müßig, sich mit Kategorisierungen zu beschäftigen, die eher Klischees bedienen und eine Welterkenntnis beinhalten, die ihrer Komplexität längst nicht mehr gerecht wird. Also ist es ratsam, nach möglichst einfachen, weitest gehend anwendbaren und der Entschlüsselung des sozialen Wirkens maximal zuträglichen Begriffen zu suchen. Das ist schwer und leicht zugleich, denn historisch haben sich bereits kluge Geister an derartigen Vorhaben versucht, und eigenartigerweise wurden die nahezu genialsten Vorschläge von der Gesellschaft nicht aufgegriffen. Andererseits sind heutige Untersuchungen aus Soziologie und Sozialpsychologie ebenfalls sehr hilfreich, weil sie Wirkungszusammenhänge identifizieren, die nahezu Universalcharakter im Zeitalter der Moderne haben.

Eine grandiose Entschlüsselung liefert zum Beispiel der ehemalige preußische Offizier und Großmeister der deutschen Sprache Heinrich von Kleist. In nachgelassenen Notizen findet sich eine Dichotomie der menschlichen Weltwahrnehmung: Diejenigen, die die Welt in Form von Formeln verstehen und diejenigen, die sie aus Metaphern lesen. Da ist mit einem Federstrich das Grundproblem der Moderne identifiziert, die Linie zwischen Philosophie und Technokratie, zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Idealismus und Pragmatismus beschrieben. Und der Vorschlag Kleists, dem wir die vorwärtsstrebende Syntax verdanken, ist überall bis heute verifizierbar. Nehmt sie unter die Lupe, die Artgenossen in der Familie, im Verein, am Arbeitsplatz oder in der Politik, und es wird erstaunen, dass wir es tatsächlich mit einer Kategorisierung zu tun haben, die überall anwendbar ist. Die spannende Frage ist dabei, wo welche Kategorie das jeweilige Sozialsystem dominiert und welche Rückschlüsse auf die daraus resultierende Funktionsweise gezogen werden können.

Und vom Nachlass aus einem der großen Metaphoriker unserer Literatur in die Soziogramme aus der systemischen Beratung ist es ebenfalls ein spannender, weil gewinnbringender Schritt. Dort kursiert eine binäre Typologie, die differenziert zwischen Funktion und Person. Menschen, die sich über die eigene Person definieren, sehen alles durch diese Linse, sie definieren ihre Rolle über Status, Macht und Ansehen, sie zielen mit ihren Handlungen darauf hin, die daraus resultierenden Gewinne wiederum ihrer Person anheften zu können.

Die andere Spezies wiederum definiert sich exklusiv über die Funktion. Sie sehen sich als ein Glied einer sozialen Organisation, in der sie für eine bestimmte Aufgabe stehen. Alles, was sie unternehmen, gilt der Verbesserung der Funktion, der sie ihre persönlichen Vorlieben und Neigungen unterordnen. Auch die Dichotomie von Funktion und Person, ähnlich wie der von Formelversteher und Metaphoriker, ist überaus hilfreich, um das Wirken sozialer Organisatoren zu verstehen. Kleists Definition bezieht sich mehr auf die individuelle Perzeption der Welt, die aus der Systemik auf die Rolle der Individuen in einem sozialen Gebilde. Sie schließen sich nicht aus, sondern sie ergeben eine wertvolle Synergie in der Lesbarkeit der Welt.

Das scharfe Auge des Heinrich von Kleist

Bis heute gehört er zu den Modernen, obwohl er in einer anderen Zeit lebte und das auch noch viel zu kurz. Vielleicht lag es an dem Gewicht der Tradition, das in vielerlei Hinsicht auf seinen Schultern lastete, dass er sich mit 34 im Jahre 1811 das Leben nahm. Auch seine großen Werke sind vom Volumen eher klein, sowohl sein Stück  Der zerbrochene Krug als auch die Erzählung Michael Kohlhaas unangefochten nicht nur zum deutschen Literaturkanon, sondern auch zu dem der Weltliteratur zählt. Zu sehr spritzt aus diesen Texturen der Gärstoff der bevorstehenden Moderne, einerseits der über die Vergänglichkeit des Tradierten, andererseits der über die Explosivität des neuen Begriffs der Gerechtigkeit.

 Aber egal welches Werk, welches Fragment oder welche Notiz man von diesem außergewöhnlichen Autor noch heute in die Hand nimmt, allein seine Sprache ist und bleibt eine Erfrischung. Seine Syntax hat etwas Treibendes, in die Zukunft Weisendes, nicht nur die Unruhe der Bewegung Verbreitendes, sondern auch den Hunger nach Neuem. Kleist ist damit bis heute einzigartig, und er hat es geschafft, dass diesem, seinem eigenen syntaktischen System der Begriff der vorwärtsstrebenden Handlung zugeschrieben wird.

 Im Gegensatz zu den Rebellen aus Impetus hatte dieser junge Fähnrich, ein Uniformträger, auch noch die epistemologischen Qualitäten der frühen Aufklärung gleich mit im Gepäck. Vor allem in den Fragmenten und Briefen lässt sich entziffern, welche Potenziale in diesem schöpferischen Individuum schlummerten und leider nur marginal zur Blüte kommen konnten. Heinrich von Kleist, das war ein vorausschauendes Auge in die Zukunft von Aufklärung und ihrer dialektischen Verkehrung.

 In einem lapidaren Vierzeiler spricht er von einer möglichen Klassifizierung der Menschen, die bis heute attestierbar, aber gar nicht im öffentlichen Bewusstsein zuhause ist. Er teilt die Menschen ein in die Klasse derer, die der Metapher und derer, die der Formel mächtig sind. Den Menschen, die beides vermöchten, spricht er wegen ihrer geringen Anzahl des Status einer Klasse ab.

Das wie Hingeworfene ist ein ungemein mächtiger Schlüssel bei der Dechiffrierung menschlichen Handelns. Bis heute. Und auch morgen. Das Fragment handelt von dem großen kognitiven Klassenkampf der Moderne, in der die zu den Bildern und Abstraktionen neigenden, den Freiraum zubilligenden und die eigene Interpretationsleistung würdigenden Metaphoriker  den Formalisten gegenüberstehen, die der kalten Schönheit mathematischer Wahrheit ihre Existenz gewidmet haben. Es geht um Geist oder Regel.

 Angesichts unserer zeitgenössischen Diskursformen und immer hitziger werdenden Verwerfungen ist es überaus hilfreich und teilweise auch amüsant, die beiden kleistschen Typisierungen zu nehmen und das real handelnde Personal unserer Tage daraufhin zu überprüfen. Das geht nicht nur bei anekdotisch herauszugreifenden Individuen so, sondern auch bei ganzen politischen Parteien und Programmen. Es geht um die Verständigung auf einen Geist des Konsenses oder die Verabschiedung einer Regelung, der sich alle zu beugen haben, egal wie das Kontingent der Ungleichheit auch ist, das sich dahinter verbirgt.

Was Kleist in den hingeworfenen, spärlichen, aber folgenschweren Zeilen nicht thematisieren konnte und wollte, war eine Einschätzung darüber, welche Kräfte zu seiner Zeit überwogen. Wahrscheinlich waren es die Formalisten. Die haben es nämlich einfacher. Und die Metaphoriker, die können sich aufgrund ihres Abstraktionsvermögens immer sehr vieles vorstellen, nur eben fast nie das niedere Motiv der reinen Bequemlichkeit. Auch darin liegt ein gerüttelt Maß an historischer Tragik. Das wusste Kleist am besten. Gerettet hat es ihn nicht. Lesen sollten wir ihn trotzdem.