Ostenmauer – 115. Unser Mann in Jakarta

Unvergessen!

Als wir ihn zum ersten mal trafen, befanden wir uns auf einer Erkundungsreise. Wir wollten herausfinden, ob wir mit dem Land und der Kultur klarkämen, um dort für einige Jahre zu arbeiten und zu leben. Wir waren nach Jakarta geflogen und hatten uns in unserer Unwissenheit ein Hotel im Chinesenviertel ausgesucht. Dorthin, wo es derb zuging, Tag und Nacht viele rote Lichter brannten und Europäer nie zu sehen waren. In der Tasche hatten wir eine Telefonnummer. Das sei ein wichtiger Kontakt. Von dem erführen wir viel. Als ich ihn anrief und er hörte, wo wir residierten, hörte ich ein rauchiges Lachen und den Vorschlag, wir sollten uns ein Taxi nehmen und ins Zentrum kommen, da müsse er nicht rund um den Pudding fahren.

Der Mann, der uns als Experte für Indonesien empfohlen wurde, sah eher aus wie ein großer, intellektueller und etwas ungelenker Brite aus Graham Greene-Romanen. Tatsächlich war er Deutscher, lebte bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in Jakarta und kannte sich bestens aus. Jenes erste Treffen, das neben einem riesigen, rumpelnden Lautsprecher in einer Bar mit einer Liveband stattfand und bis zum frühen Morgen dauerte, diente dazu, uns eine Orientierung zu geben. Es reichte, uns zu überzeugen. Wir hatten danach Adressen und Kontakte in der Tasche, die wir alle nutzten und die weiterhin überzeugten, dass wir das Abenteuer Indonesien wagen wollten. 

Meine Tätigkeit bei einer Regierungsinstitution, die sich aufgrund zu erwartender und schließlich auch eintretender politischer Veränderungen radikal reformieren wollte, war auch der Ort, wo er sein Büro hatte. Er öffnete mir alle Türen, er gab mir Tipps und vermittelte mir Kontakte, auf die ich beim besten Willen nicht gekommen wäre. Ich lernte schnell, dass es auf die ankam, und nicht auf irgendwelche Organigramme. Und als 1998 Jakarta brannte und Soeharto gestürzt wurde, bot er an, uns mit einem Hubschrauber in Sicherheit bringen zu lassen. Kein Kontakt, den er nicht hatte. 

Sein Büro, in dem immer eine alte Klimaanlage gegen die Hitze hilflos anleierte, lag im Halbdunkel. Hinter einem großen alten Schreibtisch saß er, immer eine Kretek-Zigarette im Mundwinkel, was zur Folge hatte, dass er nie ein Hemd ohne Brandspuren trug. Eine seiner vielen Sekretärinnen brachte zuckersüßen, pechschwarzen javanischen Kaffee. Und dann wurden Pläne geschmiedet, die vom Anspruch die höchsten Vulkane des schönen Javas erklommen und die Touren und Routen in diesem Land der unzähligen Inseln beschrieben, die Abenteuer en masse versprachen. Java, Sulawesi, Sumatra, Lombok, Bali. Wir erlebten zusammen Schiffshavarien und Beinahe-Flugzeugabstürze, in der Regenzeit unbefahrbare Straßen. Manchmal saßen wir in Orten fest, die auf keiner Landkarte standen.

Er kannte gefühlt alle und alle kannten gefühlt ihn. Der Orang Jerman, wie ihn viele nannten, machte vieles möglich. Alles wurde versucht, um in diesem gewaltigen Land mit den unzähligen Kulturen zusammen mit diesen wunderbaren Menschen etwas zu verändern. Die Reisen mit ihm waren pure Abenteuer. Wir saßen bei Gouverneuren, Kapitänen, Philosophen, Fischern und in Spelunken, immer bei Kretek und einem Bintang Bier. Haute Volée und Tingeltangel wechselten sich ab, wir waren in Moscheen und Kirchen, in Hochschulen und auf Märkten. Immer wieder trafen wir Menschen, die ihm irgend etwas verdankten und ihn sehr respektierten.

Obwohl er in seinen letztendlich nahezu vierzig Jahren in Indonesien sicherlich sehr viel Geld verdient hat, war er nicht reich. Zum einen liebte er das Leben in vollen Zügen, er hatte mehr Beschäftigte, als er brauchte, nur um Arbeitsplätze zu schaffen und er bezahlte unzähligen Kindern die Schule und er lieh vielen, die sich selbstständig machen wollten Geld, das er nie wiedersah. Er scherte sich nicht um Besitz und Status, was ihm auf deutscher Seite schadete, auf der indonesischen allerdings nicht. Er speiste mit Präsidenten und Generälen und zählte Minister und Staatssekretäre zu seinen Freunden, er adoptierte einen Waisen und stellte dessen spätere Frau als Sekretärin ein. Als Person und Charakter erschien er vielen als unstet. Als Unterstützer derer, die es nötig hatten, war er ein stabiler Faktor.

Unser Kontakt blieb bis zuletzt. Wenn ich ihm schrieb, konnte es sein, dass ich monatelang nichts hörte. Dann kam, wenn ich gar nicht damit rechnete, eine Antwort, die sich präzise auf meinen letzten Brief bezog. So war er. Heute erhielt ich von einem niederländischen Freund, der auf Java lebt, dass er in der letzten Nacht verstorben ist. Vor kurzem noch las ich den Satz, dass Heimat nicht der Ort ist, wo man geboren wurde oder aufwuchs, sondern dort, wo man begraben werde. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das stimmen mag. Bei ihm, unserem Mann in Jakarta, trifft er zu. Farewell, my friend! 

Unser Mann in Jakarta!

Ostenmauer – 114. Aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment?

Es scheint, als beherrsche ein Begriffspaar alles, womit wir uns in Krisen befassen. Die beiden Termini schließen sich aus, und deshalb dokumentieren sie gleichzeitig, wie gespalten unsere Gesellschaft ist. Es handelt sich um das Ressentiment und das aufgeklärte Welt- und humanistische Menschenbild. Bei den Konflikten, die in unser Leben hineinreichen, sind wir stets damit konfrontiert. Menschen, von denen ich ausging, dass sie ihr ganzes Leben mit einer Grundhaltung durchlebt haben, die auf den Prinzipien der Aufklärung basierte, sprich auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, entpuppten sich plötzlich als hasserfüllte Extremisten, denen keine historisch noch so banale Konstruktion von Feindbildern zu unappetitlich war, um sie nicht zu übernehmen, durchschnitten somit das Band der Sympathie mit einem einzigen Handgriff. Verhetzt, wie sie waren, hörten sie sich kein Argument mehr an, erblindet, wie sie waren, sahen sie nicht mehr die andere Seite, und hysterisch, wie sie waren, verbissen sie sich in immer neue Tiraden, sobald jemand ihre Ansicht nicht mehr teilte. 

Zumindest hier, in dieser Gesellschaft, die so gute Jahre erlebt hatte, weil sie es aushielt, dass man sich stritt und um Mehrheiten rang, war ein mentaler Monolith entstanden, der historisch überall da, wo er zu sehen war, das Ende dieser Gesellschaft signalisierte. Das Ressentiment wurde zur Illusion einer Gemeinsamkeit. Einer Gemeinsamkeit, die nicht dauern kann und die vor allem nichts hervorzubringen in der Lage ist, was Bestand hat. Das Ressentiment ist die Fahne der Zerstörung. Und das ist alles, was bleiben wird.

Auch das humanistische Menschenbild ist geographisch wie historisch relativ. Es ist nicht universal, weil es gewaltige kulturelle Entitäten auf diesem Planeten gibt, die anders gewoben sind und funktionieren. Es geht nicht darum, das zu bewerten, sondern zu begreifen. Wer bei der Begutachtung des Fremden gleich ins Ressentiment abgleitet, hat das Spiel bereits verloren. Das humanistische Weltbild ermöglicht zumindest einen kognitiven Zugang zu allen Erscheinungen menschlicher Existenz, die der unseren nicht gleichen. Und sie garantiert, intern, einen Glauben, dass der Hass niemals das Werkzeug einer wie auch immer gearteten Konstruktivität sein kann. 

Die Erkenntnis scheint so einfach zu sein. Und dennoch hat das Ressentiment zur Zeit die Oberhand. Und, so dramatisch, wie es klingt: aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment, es ist die Frage von Sein oder Nicht-Sein. Wollt ihr den totalen Krieg? In den Köpfen tobt er bereits!

Aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment?
Man sorting papers in an office; window sign reads BUNDESKANZLERAMT.

Demolition Man

Bei jeder Aktion des Bundeskanzlers fällt zumindest mir als allererstes fast jedesmal die Formulierung ein: ein starkes Stück! Egal, worum es geht, der Mann versteht es, zumindest Menschen mit meiner politischen Sozialisation in einen Zustand des Perplexen zu versetzen.

Alleine die jüngsten Tage haben bereits ein Konvolut an Unglaublichkeiten zusammengestellt. Ob es die Reise nach Kiew am Tag der deutschen Einheit ist, bei der es, um in der offiziellen Sprechweise zu bleiben, um zahlreiche Industriekooperationen ging, die sich ausschließlich auf Rüstungsprojekte bezog und somit die Kriegsgefahr wieder ein Stück näher nach Deutschland gebracht haben. Oder ob es seine Unverschämtheiten bei der Verleihung des Westfälischen Friedens-Preises waren, bei denen er genau das, was diesen welthistorisch bedeutenden Frieden ausmachte, mal so eben durch sein Kriegsgeschrei in die Tonne trat. Oder ob es bei seinem Verweis an die Knechte in seinem Beritt wie im Innern des Landes auf die geplanten Reformen war. Über die nicht eine der jeden Despotismus huldigen Gazetten auch nur ein Wort verlieren, was der wahre Charakter dieser Reformen tatsächlich ist. Ein gewaltiger Schritt in der weiteren Umverteilung von unten nach oben und die Applikation des altehrwürdigen Konzeptes machesterkapitalistischer Gelüste: die Einschränkung von Leistung bei gleichzeitiger Erhöhung der Gebühren. Und selbstverständlich die Beibehaltung und den Ausbau des Ständestaates. Festhalten am Beamtenrecht, Freiwilligkeit für Wohlhabende in Bezug auf Renten- und Krankenversicherung und Festschreibung von Beitragsobergrenzen. 

Eingehen wird dieser Mann in einem Zeitalter, in dem die eigenen Nachkommen sich in der unablässigen Verwendung der Sprache des Imperiums besser auszudrücken imstande sind als im eigenen Idiom, als der Demolition Man. Gegen das, was ihm bereits gelungen ist und das, was er täglich betreibt, ist jede noch so futuristisch ausgerichtete kinematographische Darstellung eine traurige Phantasie.

Dass dem Demolition Man eine ganze Kohorte von Dienstwilligen zur Hand geht, wirft ein Licht auf das gesamte Debakel. Die Karrieristen aus der Sozialdemokratie, unter deren Ägide ein Großteil der „Reformen“ erdacht und auch noch umgesetzt werden sollen, werden nicht als die Abreißer des Sozialstaates, sondern als die Sargträger ihrer eigenen Partei in die Bücher eingehen. Von den schwärmenden Bellizisten in nahezu allen Fraktionen der demokratischen Mitte soll nicht die Rede sein. Sie alle vereint nur eines: Ihnen fehlt der Wille wie die Idee, wie das Steuer noch herumgerissen werden kann. Retten werden sie weder das politische System noch den Frieden. Und zwar weder den nach innen noch den nach außen. Unter dem Namen dieses Königs der Törichten, oder vielleicht besser, des Herrschers über die Skrupellosen wird es keine Besserung geben. Das Fazit ist grausam und richtet sich auch an uns selbst: Wir hatten zahlreiche Chancen, aber wir haben keine genutzt. 

Dass wir in unruhigen Zeiten leben, sehen wir an den Wahlergebnissen und an den massiven sozialen und politischen Bewegungen jenseits der Grenzen. Während man hier noch auf die Umfragen starrt und wie benommen die einzelnen Wahlergebnisse zur Kenntnis nimmt, haben sich sowohl in den USA als auch in Frankreich und Großbritannien Kräfte durchgesetzt, die eine Art von neuem Feudalismus etablieren wollen. Aber dort sind auch Bewegungen auf dem Vormarsch, die das zu verhindern suchen. Währenddessen träumt der Zirkel um den Demolition Man von Barbarossa 2.0. Und das ohne die Verwendung psychedelischer Drogen. Auch der Untergang kann zum Trip gerieren.

Demolition Man