Der Straßenfeger aus Brindisi und die russischen Drohnen

Was sagte mir gerade ein Straßenfeger, seinerseits ein Immigrant aus dem italienischen Brindisi? „Sie wollen den Krieg. Und wenn sie so weitermachen, dann bekommen sie ihn.“ Es wäre also falsch, das, was uns jeden Tag an Informationen kredenzt wird, als eine Ware zu betrachten, deren Botschaften dem gemeinen Mann oder der gemeinen Frau verborgen blieben. Wir unterhielten uns nicht weiter, weil wir uns täglich treffen und es bei einem oder zwei Sätzen bleibt. Mehr wäre auch zu seiner Aussage nicht zu bemerken. Wir verstehen uns.

Vor wenigen Tagen noch wurde die Meldung versprüht, dass das GPS-System eines von der EU-Kommissionspräsidentin benutzten Flugzeuges durch einen russischen Sabotageakt außer Betrieb gesetzt wurde. „Mutmaßlich“ stand selbstverständlich bei diesen Meldungen, ein sicheres Etikett für den von jeglicher Redlichkeit gesäuberten Journalismus. Kurz darauf meldete die Fluggesellschaft, dass das GPS-System durchweg solide gearbeitet habe. Ein Dementi derer, die mit fetten Lettern die vermeintlich russische Unverschämtheit verbreitet haben, blieb aus. Die nicht gewählte Verteidigerin der Demokratie schwieg auch.

Analog verhielt es sich gestern, als „mutmaßlich“ russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen waren. Sofort wurde, auch von dem deutschen Spitzenpersonal, der Herren P. und M., von einer ungeheuren russischen Provokation gesprochen. Polen, zusammen mit der Ukraine immer in der ersten Reihe, wenn es darum geht, die NATO in einen offenen Krieg mit Russland zu ziehen, rief sogleich die Partner zu einer Konsultation zusammen. Was nicht in den Meldungen stand, war die Tatsache, dass das weißrussische Militär die polnische Seite auf allen Kanälen gewarnt hatte, dass in der Orientierung gestörte Drohnen vom weißrussischen Territorium aus in den polnischen Luftraum eindringen würden. Hinzu kommt, dass die dann abgeschossenen Drohnen unbewaffnet waren. Richtigstellungen blieben bis zu diesem Zeitpunkt aus. Kein Wunder, denn im Regieplan steht Eskalation.

Ganz anders im Falle des Luftschlages Israels in Katar. Ein souveräner, mit den USA assoziierter Staat wird ohne Vorwarnung angegriffen, die USA bedauern dieses sehr. Sie gaben zum gleichen Zeitpunkt des Angriffs eine Warnung an Katar heraus. Dass die USA, die in Katar ihren größten Militärflughafen im arabischen Raum betreiben, nicht in der Lage gewesen sein sollen, frühzeitig zu intervenieren oder zu warnen, ist an Naivität nicht zu überbieten. Würden sie es tatsächlich nicht können, wären sie bereits am Ende. Die Berichterstattung darüber war „deeskalierend“ und gemäßigt. Wie man es kennt, wenn die Hegemonialansprüche der „Goldenen Milliarde“, wie der Westen zunehmend im Rest der Welt genannt wird, mit militärischem Vorgehen unterstrichen werden. 

Was lehrt uns dieses jüngste Stück aus dem profanen Alltag? Die Doppelstandards haben Bestand, an den Feindbildern und dem Bedrohungsszenario wird weiter fleißig gearbeitet, die Diplomatie ist hierzulande mausetot und die Kriegsgefahr rückt näher. Für den guten Straßenfeger aus Brindisi und mich ist es ein furchtbares Szenario, für unsere politische Elite ein Zustand, auf den es zielstrebig hinarbeitet. Mit freundlicher Unterstützung der freien Medien, die sich allerdings in wenigen Händen befinden.  

Der Straßenfeger aus Brindisi und die russischen Drohnen

Ostenmauer – 55. Lands End

Lands End. Für mich war dieser Begriff immer eine Art Befreiung. Vielleicht liegt es auch etwas am Namen. Mers ist verwandt mit Mersch, letzteres steht wiederum für Marschlandschaft in Küstennähe. Ich erinnere mich, wie ich als Kind, im Sommer, am See, heimlich meinen Vater beobachtete, wenn er am Ufer saß und vergessen auf das Wasser schaute. Dann wirkte er wie in einer anderen Welt. Ein Freund aus dieser Zeit, der später nach Kanada ausgewandert ist, schrieb mir, nachdem wir uns nach Jahrzehnten im Netz wiedergefunden hatten, dass er sich noch gut erinnere, wie mein Vater, der bei dieser Korrespondenz bereits sehr lange tot war, in einer Seelenruhe durch den See geschwommen sei, so, als sei er eins mit ihm, abgemeldet von der Welt. Meine Liebe zum Wasser ist groß. Mein Traum war es immer, am Meer zu leben, was mir immer nur für bestimmte, begrenzte Zeiträume gelang. In New York, in Bilbao, in Jakarta. Die Stadt, an der ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe, liegt am Zusammenfluss zweier Flüsse. Atlantik, Java Sea, Neckar und Rhein. Ein Leben ganz ohne Wasser kam für mich nie in Frage. Aber das Höchste, wohin ich immer gerne geflüchtet bin, wenn alles zu dicht, zu dumm, zu überhitzt und zu ausweglos erschien, das war Lands End. Da, wo kein Haus mehr steht, wo der Übergang der Zivilisation zum Meer sichtbar ist, wo das Tosen immer lauter zu vernehmen ist, wo die Unendlichkeit zu beginnen scheint, wo die Mythen, aber keine Menschen zuhause sind. Genau dort ist vielleicht der Anfang. Vor ganz langer Zeit. Dorthin geht die Reise zurück. Lands End ist für mich das, was in die Kindheit scheint und worin ich noch nicht war. Ein Traum, der nie endet.

Lands End

Belgische Pralinen und europäische Kanalratten

Während unsere höchste Repräsentationsfigur bei den Vereinten Nationen in New York City mit Selfies über Taxifahrten und morgendlichen Kaffeekonsum in den sozialen Medien brilliert, hat sich ein weiteres Sternchen am dicht besiedelten Himmel des Unheils exponiert. Es handelt sich um die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, ihrerseits estnischer Provenienz und bereits häufig aufgefallen durch russophobe Paroxysmen. Letzteres verwundert nicht, denn in ihrem Land leben 21 Prozent Russen, die seit einiger Zeit behandelt werden, als handele sich um Aussatz. Da braucht die mittlerweile als belgische Praline Gehandelte nicht über den Zaun ins einstige Zarenreich zu starren, sondern die Augen nur im eigenen Garten aufzumachen. Dass es ihr in einer ihrer täglich eingeübten Tiraden nicht ausreichte, Russland bzw. der Sowjetunion den Sieg über den Faschismus abzusprechen, sondern auch China zum Verlierer des II. Weltkrieges zu deklarieren, macht die Bilanz noch schlimmer. Den selbst derzeit noch geltenden Ansprüchen im Fach Geschichte in den meisten Ländern, für die sie beansprucht, deren Interessen zu vertreten, fiele sie mit Ach und Krach durch. Sechs setzen!

Ihrer Chefin, die wenige Tage zuvor durch Fake News über einen angeblichen russischen Sabotageakt bei einem ihrer Flüge brillierte, wird es gefallen haben. Gemeinsam blicken sie jetzt auf 19 Sanktionspakete gegen den impertinenten Bären zurück. Dass sie ihn weder vernichtet noch in die Knie gezwungen haben, lässt das durch unberechtigten Größenwahn in einem permanenten Rausch befindliche Duo nicht zweifeln. Dabei brauchte die in sämtlichen Beraterbranchen hoch geschätzte Kommissionspräsidentin diese nur einmal dazu veranlassen, die Wirkung der unzähligen Maßnahmen finanzieller, handelsbezogener, Ressourcen betreffender und sogar Ledergürtel nicht auslassender Attacken mit den üblichen Instrumentarien zu evaluieren. Das Resultat wäre, wie die Schulnote der Vertreterin im Fach Geschichte: Ungenügend. 

So, wie es scheint, ist man in Brüssel der Ansicht, dass man den europäischen Kanalratten, auf die man nichts mehr gibt, alles kredenzen kann, was man nach übermäßigem Pralinengenuss erbricht. Dass der deutsche Lügenbaron, der es im Beisein aller im Parlament zum zeitweiligen Major Domus gebracht hat, es ihnen mit Verve nachtut, ist weder verwunderlich noch ein Geheimnis. Bei seiner jüngsten Beschreibung des russischen Präsidenten blendete er kurzerhand die Bilanz amerikanischer Kriege in der Nachkriegsära aus. Würde ein Geschichtslehrer, der in einem konservativen Elternhaus noch Sitte und Anstand gelehrt bekommen hätte, die Estin mit einer Strafe im Eckestehen belegen, so bliebe ihm bei dem Bruchpiloten aus dem Sauerland nichts anderes übrig, als ihm kräftig mit dem Lineal ins Genick zu schlagen. Auf der anderen Seite: wer die Lüge zum eigenen Kompass gemacht hat, dem bleibt nur das Kurshalten. 

Die Exponenten europäischer und deutscher Politik dokumentieren mit jedem neuen Tag nicht nur ihre essenziellen qualifikatorischen Mängel, sondern sie zeigen auch eine Haltung, die nur aus der Überzeugung resultieren kann, dass man es in Europa nicht mehr mit Völkern zu tun hat, die in den letzten 2000 Jahren eine beachtliche Zivilisation hervorgebracht haben. Sie meinen, es nur noch mit Kanalratten zu tun zu haben. Irgendwann wird sich das rächen. Und vieles spricht dafür, dass der Zeitpunkt näher rückt.

Belgische Pralinen und europäische Kanalratten