Ostenmauer – 78. Alte Lieben

Ich musste um die halbe Welt reisen, um auf das wunderbare französische Sprichwort zu stoßen. Revient sans cesse aux vieux amours – man kehrt immer wieder zu seinen alten Lieben zurück. Zitiert hatte es ein indonesischer Staatssekretär, der seinerseits in Frankreich studiert hatte. Der Kontext ist mir entfallen, aber ich habe mir den Satz gemerkt, weil er mich sofort ansprach. Um ihn allerdings richtig würdigen zu können, müssen die Jahre ins Land ziehen. Meines Erachtens bezieht sich diese Erkenntnis auf die Lebensreise. Zumindest trifft das bei mir zu. Alles, was ich in meiner Jugend lieben lernte, Frauen, Länder, Speisen, Musik, ließ ich auf meiner in hohem Tempo gestalteten Biographie hinter mir. Es galt, neue Erkenntnisse zu sammeln. Da ich analog sozialisiert wurde, hatte ich das große Privileg, dass der Anteil unmittelbarer Erfahrung an meiner Sozialisation im Vergleich zu den heutigen Möglichkeiten enorm hoch war. Länder und Märkte waren sehr verschieden, Traditionen und Verhaltensweisen unterschieden sich gravierend, und man musste Hürden überwinden, um das Neue zu sichten. Mir scheint es, als gebe es heute kaum noch Hürden, dafür aber nichts Neues.

Ich tastete mich durch fremde Städte, landete in den Armen von Frauen, deren Sprache ich nicht verstand, probierte Speisen und Getränke, von denen ich noch nie gehört hatte, stieß auf  Klänge, die mir neu waren. Für keine dieser Entdeckungen gab es Hinweise, alles beruhte auf der eigenen Dynamik, auf Irrwegen und glücklichen Zufällen. Das Leben war ein einziges Abenteuer.

Meine Stadt des Aufbruchs war London, die Länder Frankreich und Spanien. Paris und Bilbao. Ich inhalierte die für mich neue Welt in vollen Zügen. Doch dann ging es immer weiter. Irland, Portugal, die USA, Marokko, Italien, Moskau und die Sowjetunion, die Türkei, Italien. Dann kam die lange Reise nach Indonesien, es folgten Malaysia und Hongkong, Singapur, Australien, Ost und West, Tunis, Belgrad, Madrid, Amsterdam, Rotterdam, Budapest, Stockholm, Shanghai und Peking. Die Liste wurde immer länger. Und jetzt, nach den vielen Jahren, kehren die ersten Eindrücke wieder mit Macht zurück. 

Die Tage der Flucht aus der Enge der Provinz und der Langeweile, die Tage des Aufbruchs, dem bekanntlich ein Zauber innewohnt, sie kehren zurück. Französische Chansons erreichen mein Herz, spanische Gitarren beschleunigen meinen Herzschlag. Und ich beginne aus dem Kopf die Speisen zu kochen, die damals, vor vielen Jahren, für mich neu waren. Und häufig schiele ich auf meinen Humidor, um ihm vielleicht doch einmal wieder eine Havanna zu entnehmen und bei ihrem Genuss an die Stunden mit meinem chilenischen Freund Quirino zu denken, von dem ich nicht einmal mehr weiß, ob er noch, und wenn ja, wo er lebt. Was haben wir voneinander gelernt und wie sehr haben wir gelacht!

Das mag alles klingen wie das Ressentiment eines alten Herrn. Ist es nicht. Es ist das pure Glück, dass die alten Lieben auf mich gewartet haben. Ich komme zurück! Ohne Reue und mit großer Freude. Dieses Leben ist alles, was ich habe.    

Alte Lieben

Ein Sonnenstrahl in der Welt der Dystopien

Sibylle Berg. La Bella Vita. PNR

Manche Wege sind unergründlich. Vor Jahren sorgte eine gewisse Sibylle Berg als Spiegel-Kolumnistin bei mir immer wieder für Stirnrunzeln, weil sie dort herüberkam wie eine radikale Emanze mit einem Baseballschläger. Als dann vor wenigen Jahren mir ein Freund einen Roman von ihr empfahl, es handelte sich um RCE, in dem es um eine brutale Dystopie hinsichtlich des von uns allen zu erlebenden zeitgenössischen Kapitalismus ging, konnte ich mich nicht entschließen, das Buch zu lesen. Meine Bedenken gegen die Autorin waren längst verraucht, aber hinsichtlich der Inflation dystopischer Sichtweisen, die spätestens mit der Corona-Geschichte einsetzten, schien mir mein persönlicher Bedarf gedeckt. Als ich allerdings nun las, dass eben diese Sibylle Berg sich an eine Utopie gewagt hatte, konnte ich nicht mehr widerstehen. Das Buch mit dem Titel La Bella Vita und der Subzeile PNR hat mich von der ersten Zeile an fasziniert und ich empfehle es jedem weiter.

Das schöne Leben ist ein gewaltiger Hieb gegen den verständlichen, aber auch ach so modischen Trend der Dystopien. Die Autorin wagt es, dem Schlamassel eines durch jahrzehntelangen Wirtschaftsliberalismus zur Lupenreinheit gediehenen Kapitalismus das Licht abzudrehen und besticht nicht nur mit 93 verfassungsartigen Leitsätzen, sondern auch mit leicht erzählten Episoden, die das Leben nach dem Ende des Kapitalismus oder der gelungenen Revolution ausmacht. Natürlich spielt das neue Leben in Rom, der zivilisatorischen Wiege der westlichen Welt, und, ironischerweise steht das Motto des ehemaligen italienischen Präsidenten Mario Draghi in der Subzeile (piano nationale di ripresa e resilienza), dem Plan des nationalen Wiederausbaus und der Widerstandsfähigkeit nach der Pandemie. Mit Draghis Plan hat das wenig zu tun, aber mit der Analogie von Pandemie und Kapitalismus setzt Berg ein weiteres dezidiertes Statement.

Es wäre falsch, von den Inhalten des neuen Lebens berichten zu wollen, indem aufgezählt würde, was es alles nicht mehr gibt. Das würdigte in keiner Weise die Leistung der Autorin, das Neue zu formulieren. Alles ist anders. Aber eben nicht absurd oder im schlechten Sinne utopisch. Die Menschen leben, sie arbeiten, reduziert und ohne Stress, weil Nützlichkeit die Machinationen von Wachstum und Fetisch ersetzt hat. Der Gebrauchswert zählt, nicht der Tauschwert! Nützlichkeit und Freude sind die Maximen. Alles ist so, wie es ist und nichts unterliegt fremdbestimmten Zweckformulierungen. Das findet in weitgehend analogen Räumen statt und es erinnert an die glücklichen Stunden derer in der Antike, die frei waren. Die Herrschaft der Instrumente, der Maximen und der Technologie ist endgültig zu Ende und die Herrschenden schippern auf Kreuzfahrtschiffen über die Weltmeere, dürfen aber nirgendwo mehr anlegen.

Natürlich existiert noch Dissens. Manche trauern den alten Tagen nach, aber sie gewöhnen sich an die Leichtigkeit des Seins, das frei ist von den Katastrophen, die ein auf dem sozialen Zahnfleisch gehender Kapitalismus den Menschen mit seinen differenzierten Mechanismen der Angsterzeugung zu suggerieren versucht. Ob das so bleiben wird? Die Autorin lässt es offen. Und sie nennt auch die Preise, die manche derer, die als Revolutionäre agierten, bezahlen, weil sie nach der Intensität des Umsturzes in einen Zustand fallen, in dem toxischer Adrenalinausstoß nicht mehr gefragt ist. Ja, auch das Glück besitzt seine Dialektik. Ein großartiges Buch! La Bella Vita, ja, so könnte es sein! 

Ein Sonnenstrahl in der Welt der Dystopien

Der kluge König

Genießt das allmähliche,
Abrupte Ende,
Das ohne Unterlass
Die Seiten füllt.

Hört auf die Stille
Nach den Tausend Chören
Die ohne Ende
Eure Sinne quälten.

Vergesst das Hoffen
Auf Erlösung
Wenn Täter
Mit Vergeltung drohen.

Lasst das Rätseln
Lasst das Suchen
Wenn die Wahrheit längst
Auf Deponien schwelt.

Bleibt bei Euch
Schaut in Euch hinein
Dort wird sich finden
Was ein Morgen hat.

Und haltet es
Mit dem einstigen König
von Westfalen,
Napoleons Bruder.

Der ging
Nach aufgeregten Tagen
In sein Gemach
Und rief:
„Morgen wieder lustik!“

Der kluge König