“Sie können den Frühling nicht aufhalten!“

Wer sich gefühlsmäßig im ewigen November befindet, dem kann es schon einmal passieren, dass der tatsächliche Wechsel der Jahreszeiten gar nicht mehr wahrgenommen wird. Und es sind nicht unbedingt nur die Depressiven, Defätisten und Misanthropen, die von diesem Phänomen ergriffen werden. Die Ursache liegt auf der Hand: Kriege, die eine Lawine von Lügen losgetreten haben, Zerstörung von Mensch und Natur, Havarien, Betrügereien, Feinde ringsum, Fratzen der Zerstörung, und was die tägliche Ladung an nur nach dem Filter der größtmöglichen Aufmerksamkeit zusammengestellten Abscheulichkeiten auch sonst noch beinhalten mag, haben ihren Effekt. 

Menschen, die es gewohnt waren, positive wie negative Ereignisse des Lebens zu unterscheiden und nach ihren Interessen zu selektieren, haben keine Wahl mehr. Alles, was sie erfahren, ist Grund genug, in verzweifelte Raserei zu verfallen oder gleich aus dem Fenster zu springen. Das Ziel ist, ihnen die Fähigkeit zu nehmen, sich selbst noch ein Urteil zu bilden. Wenn du keine Chance mehr hast, dann kannst du entweder alles kurz und klein schlagen oder rebellieren. Und beides läuft auf das Gleiche hinaus: die Vernunft hat kapituliert, oder schlimmer noch, sie hat nicht einmal mehr eine Stimme. Da ist so etwas wie eine chronische Novemberdepression noch eine sanfte Form.  

Und wie schön ist es, wenn irgend etwas, auf den ersten Blick vielleicht sogar etwas scheinbar Unbedeutendes diese Endlosschleife durchbricht. Heute, zum Frühlingsbeginn, war so ein Tag. Es kam ganz alltäglich daher. Da war im Sport ein Mann zu sehen, der, angesichts wärmerer Temperaturen, ein kurzes Sportdress trug und seine Oberarme zeigte. Auf einem schimmerte das Konterfei Ernesto Che Guevaras in der Sonne. Da fiel mir ein wunderbares Zitat des im bolivianischen Busch verstümmelten und gemeuchelten Revolutionärs wieder ein, das zu diesem Tag so gut passte. 

„Sie können alle Blumen abschneiden, aber sie können den Frühling nicht aufhalten.“ (Podran cortar todas las flores, pero nunca terminaran con la primavera.)

Mit der Erinnerung an dieses Zitat traf es mich wie ein Blitz. Denn dieser Satz, quasi als Motto des heutigen Tages, schien mir eine Überschrift zu sein, mit der ich mir das Herangehen an die nächsten, wiederum haarsträubenden Meldungen und Ereignisse vornahm. Mögen sie alles verunstalten, zertreten und verstümmeln, was mir an Zivilisation so am Herzen gelegen hat. Ihnen wir es nicht gelingen zu verhindern, dass etwas Neues kommen wird, das farbenfroh ist, das in der Sonne leuchtet und wieder Zuversicht vermittelt. Che hatte Recht: Sie können den Frühling nicht aufhalten!

Man verzeihe mir dieses intime Geständnis. Aber heute ist Frühlingsanfang, da dominieren schon einmal die Gefühle. 

“Von der Leyen ertränkt Kinder und Frauen im Meer“?

Ich stelle es mir gerade vor. Wie der Außenminister eines Landes, es muss ja nicht gleich der russische sein, bestimmte Vorkommnisse einordnet. Die Welt, so wie sie ist, versorgt uns täglich mit Nachrichten, die berechtigte Zweifel an der Zivilisationsfähigkeit des homo sapiens aufkommen lassen. Verhungernde Kinder, mit Drohnen hingerichtete Zivilisten, Entführungen, hingenommene Havarien auf dem Meer, Belagerungen, die außergewöhnliches Leid verursachen, Vergewaltigungen, Entführungen. Wir kennen das. Wir sind an derartige Meldungen gewöhnt. Die Medien haben sich darauf verständigt, um Aufmerksamkeit zu generieren, uns rund um die Uhr mit den Bestialitäten der eigenen Spezies zu bombardieren. Nicht, dass die Grausamkeiten ausgespart werden sollten. Der permanente Konsum des Konzentrats jedoch macht die Menschen krank. Insofern kann man das mediale Agieren zu den oben erwähnten unzivilisierten Verhaltensweisen dazurechnen. Da hatte Nietzsche einfach recht. Wenn du lange genug in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Was noch eine Steigerung der Barbarei bedeutet, ist der Versuch, die Gräuel gegeneinander aufzurechnen. Und noch schlimmer: die eigenen Verbrechen mit denen der vermeintlichen Konkurrenz zu begründen. Wenn du mich anklagst, dann sag ich dir, was die anderen machen. Dagegen bin ich ein Schaf. Und wer meint, damit sei die Klimax der Perversion erreicht, hat sich geirrt. Die nächste Stufe nämlich ist die Personalisierung. 

Kommen wir zurück zu dem erwähnten Außenminister. Stellen Sie sich vor, angesichts der vielen auf dem Mittelmeer Ertrinkenden, die das rettende Ufer Europas suchen, spräche er davon, Frau von der Leyen ertränke Kinder und Frauen im Meer. Oder, angesichts der immer wieder Umkommenden an der us-amerikanisch-mexikanischen Grenze, Joe Biden metzele die Menschen dort dahin. Oder, um ein bisschen näher zu kommen, Frau Faeser ließe es zu, dass immer wieder Anschläge in der Bundesrepublik verübt würden, um ihre Agenda begründen zu können. Oder der eifrige britische Ministerpräsident Sunak sei gerade dabei, Julian Assange zu ermorden.

Es ist sicher, dass eine derartige Darstellung große Empörung auslösen würde, weil sie komplexe Kausalverhältnisse zu sehr vereinfache. Und mit nichts anderem kommentiert werden könne als mit einer Einordnung in die Kategorien Propaganda und Volksverhetzung. Und, letztendlich, als eine dem Amt eines Außenministers unwürdige, dumme und boshafte Entgleisung zu sehen ist. 

In einem Interview Anfang der Woche in den Tagesthemen der ARD wartete die Außenministerin der Bundesrepublik Deutschland allerdings mit einem derartigen Verhalten auf. Wörtlich bezichtigte sie den russischen Präsidenten Putin der Entführung von Kindern aus der Ukraine („Putin hat Kinder aus der Ukraine nach Russland entführt“). Was man sich bei der Kommentierung der Unzulänglichkeiten, Kalamitäten und Verbrechen im eigenen Verantwortungsbereich verbitten würde, wird hier in einer Art und Weise gegen andere kultiviert, das nicht nur in Bezug auf das eigene Amt völlig deplatziert ist, sondern für die Zukunft alle Wege der Diplomatie verstellt. Genau das ist Zweck und Wille dieser Person. 

Wer sucht, der findet. Und komme mir niemand mit dem Argument, trotz allem seien wir die Besseren. Wenn wir es zulassen, dass uns derartige Figuren repräsentieren, dürfen wir nicht mehr von einem Bewertungsvorteil sprechen. Wir haben uns Formen der Barbarei an die Spitze gesetzt. Zwar durch Wahlen, aber nicht durch Mehrheiten, die diese Perversion gutheißen. Das Debakel ist bei uns zuhause. Genauso gut wie woanders. Das einzugestehen, wäre schon einmal ein erster Schritt.

Kritische Infrastruktur und Tarifautonomie

Wenn es nicht so schrill wäre. Wenn es nicht so dreist wäre. Wenn da nicht das Gefühl vorherrschte, alles machen zu können. Jenseits der Logik, jenseits der Vernunft, jenseits dessen, was von den Gutgläubigen als gesunder Menschenverstand bezeichnet wird. Unter dem Schutzschirm des großen Lautsprechers, der das erzwungene Auditorium traktiert, als handele es sich um einen Freibrief zur Körperverletzung und der seelischen Grausamkeit. Deshalb machen sie es. Weil sie es können. Wie lange, das ist und bleibt die Frage. Denn, auch das wissen wir, nichts ist von Dauer. Und alles wird vom Wind der Zeit hinfortgeblasen.

Täglich bekommen wir Futter. Für diesen Umstand. Dass sie meinen, sie dürften alles, ohne an eine Grenze zu stoßen. Ein aktuelles Beispiel ist die Thematisierung der kritischen Infrastruktur. Natürlich sprechen die Vertreter der Freien Demokraten, die sich bereits mit ihrer offenen Waffenlobby einen sichern Platz für eine zukünftige Anklage erworben haben, nicht von dem terroristischen Akt der Zerstörung von Nord Stream 2. Denn dort ist der größte Anschlag auf die kritische Infrastruktur der Bundesrepublik Deutschland seit ihrer Existenz verübt worden. In diesem Fall schweigen die so besorgten Hüter des Staates. Nein, diesmal geht es um die Bundesbahn.

Und mit der Bundesbahn als ein allgemein zu beobachtendes Leck in der öffentlichen Infrastruktur, das entstanden ist durch so genannte Privatisierung, das entstanden ist durch unterlassene Wartung und nicht getätigte Investitionen und das entstanden ist durch reihenweise überfordertes und gleichzeitig hoch dotiertes Management. Nein, sie meinen selbstverständlich die streikenden Eisenbahner. Genauer gesagt die Lokführer. Mit einem Gewerkschaftsvorsitzenden, der quasi als Unikat unter ansonsten weichgespülten Erfüllungsgehilfen des Neoliberalismus in der Vitrine steht. Wer einen Eindruck davon bekommen will, welche Aufgabe Gewerkschaften in der Vergangenheit hatten, der besehe sich diesen Mann. Er kämpft mit harten Bandagen für die Interessen der bei ihm Organisierten. Dass das den neoliberalen Waffendealern, Rentenbörsianern und Infrastrukturschützern ein Dorn im Auge ist, verwundert nicht. Deshalb der Gag mit dem Angriff auf die Tarifautonomie.

Auch dieser Fall zeigt, dass nicht nur der eine oder andere Fall dokumentiert, wie verlottert bestimmte Parlamentariergruppen unterwegs sind. Nein, er macht deutlich, dass es neben all dem Dilettantismus und belanglosem Gerede eine ganz klare Kontur gibt. Es existiert eine geostrategische Verpflichtung, die so groß ist, dass sie aus eigener Kraft nur dann erfüllt werden kann, wenn neben den entfernten, aber immer näher kommenden heißen Kriegen auch der Krieg im eigenen Land, der der Reichen gegen die Bedürftigen, der der Begüterten gegen die Mittellosen mit Vehemenz geführt werden soll. Dafür steht die genannte Partei wie keine andere, obwohl sie nicht die einzige ist. 

Insofern kann die Standhaftigkeit der Lokführergewerkschaft, ob man die konkreten Ziele teilt oder nicht, auch als ein Zeichen gelesen werden, das Aufschluss darüber gibt, wie man diesen Herrschaften am besten begegnen kann. Unabhängig davon, welchen semantischen Unsinn sie aus der Jauchepumpe holen. Wenn ihnen die kritische Infrastruktur am Herzen liegt, dann sind sie im Soll! Nicht die Lokführer. Aber wer von der eigenen Armseligkeit ablenken will und wer sich im Schutze der Meinungsindustrie zu wissen glaubt, der fühlt sich unangreifbar. 

Organisation. Klare Ziele. Entschlossenheit. Standhaftigkeit. Und Kampfbereitschaft. Das sind die Attribute, um die es geht.