Ostenmauer – 15. Unterwerfung und Harmonie

Mit bestimmten Typen meiner Gattung hatte ich zeitlebens Probleme. Einem davon hat Heinrich Mann exemplarisch einen ganzen Roman gewidmet. Der Untertan ist eine ganz besondere Spezies. Ich habe immer wieder versucht zu ergründen, warum sich Menschen Verhältnissen unterwerfen, die weder ihren Interessen noch ihren Vorlieben entsprechen. Manchmal mit Murren, aber ohne offenen Widerspruch. Immer zuerst die Unterwerfungsgeste. Dann, sollte sich ein Mensch mit etwas mehr Selbstbewusstsein in der Nähe befinden, mit dem Versuch einer Erklärung. Zumeist werden entweder gar nicht so schlechte Motive des Unterwerfenden angegeben. Wobei, das meine Vermutung, die sich Unterwerfenden genau wissen, dass es sich dabei um eine Ausrede hinsichtlich des eigenen Versagens handelt. Eine weitere Begründung ist der Wunsch nach Harmonie.

Bei letzterem fallen mir immer meine javanischen Freunde ein. Sie gehören dem Kulturtypus an, in dem die Harmonie eine herausragende Rolle spielt. Auch sie halten alles aus, was man sich nur denken kann. Nur, wenn sie eine Quelle ausmachen, die aus ihrer Sicht den Zustand der Harmonie systemisch stört, dann bricht ein Sturm los, der so gewaltig ist wie der Ausbruch des Krakatau. Manchmal, so sagte mir ein javanischer Kollege, ist eine Revolution nötig, um die Harmonie wieder herzustellen. Das gefiel mir und ließ mich die vielen Gesten der Duldsamkeit verzeihen.

Nur hier, in unserem Kulturkreis, verhält es sich anders. Da bleibt Unterwerfung einfach Unterwerfung. Dahinter steckt nie eine emanzipative Ratio. Und das ist das Elend. 

In Jakarta trägt ein Stadtteil den Namen

Ostenmauer – 14. Vom Kriege

Der und der war gefallen. Der eine in Russland und der andere an der Westfront. Und wieder ein anderer war gar nicht weg gewesen, sondern hatte die ganze Zeit in KZs verbracht und dennoch alles überlebt. Dafür rannte er jetzt nachts auf dem Friedhof herum und weinte stundenlang laut. Der große Krieg, wie sie ihn nannten, war die Schule meines Vaters und seiner Generation gewesen. Es war nicht so, dass sie nicht darüber sprachen. Aber zumeist waren es einzelne Sätze oder Erzählfetzen und alle wussten Bescheid. Da kamen russische Partisanen vor, die Haltung bewahrt hatten, obwohl sie wussten, dass ihre letzten Minuten angebrochen waren. Da gab es einen ganz brutalen Hund in der Kompanie, der am Heiligen Abend im russischen Winter in Tränen ausbrach. Die Metaphern, in denen etwas geschildert wurde, kamen meistens aus dem Krieg. Da war jemand voll wie eine Haubitze, da schlug eine Bombe ein oder da gab es Frauen, die als Granaten bezeichnet wurden. 

Sie hatten vieles erlebt und das zu ihrer besten Zeit, wie man so unbedacht sagt. In jungen Mannesjahren. Da wurden Soldaten, die nicht angreifen wollten, von ihren Vorgesetzten Granaten in die Hacken geworfen. Alkohol bei den niederen Graden und andere Drogen beim Offizierskorps sorgten dafür, dass sie vieles überhaupt aushielten. Und, obwohl der Krieg immer präsent war, auch in der Zeit danach, in denen sie sich zurück holen wollten, was sie verpasst hatten und sich dabei oft aufführten wie die Vandalen. Vieles blieb im Dunkeln. Weil sie es nicht erklären konnten, weil sie es nicht erklären und weil sie nach vorne blicken wollten. 

Diese sperrigen Typen, die durch die harte Schule des Krieges gegangen waren, die Entbehrungen und Krisen kannten, schufen, zusammen mit den Frauen, die jahrelang den Laden an der Heimatfront geschmissen hatten, das Land, in dem ich aufwuchs. Die Werte, die dabei eine Rolle spielten, kamen aus der Krise. Und zwar aus einer, in der es um Leben und Tod ging. Da fandest du Anerkennung, wenn du unter schwierigen Bedingungen etwas zustande gebracht hast. Da hattest du dann die Arschbacken zusammen gekniffen, wie es hieß, und dafür bekamst du Respekt. Hast du dich dagegen beklagt, über schlechte Bedingungen oder Ungerechtigkeiten, dann warst du eine Memme. Dann warst du schwach. 

Zeiten sind so, wie sie sind. Es ist aus meiner Sicht absurd, aus einer anderen Epoche moralisch über sie zu urteilen. Das Beste, was einem gelingen kann, ist, sie zu verstehen und die Umstände, die dazu geführt haben, zu begreifen. Vielleicht, wenn alles gut gelingt, auch, um eine Wiederholung zu verhindern.  In Anbetracht erneuter Kriege bin ich sprachlos,  wie schnell wieder eine Begeisterung für dieses Gemetzel hergestellt werden konnte. Natürlich von Leuten, die da nicht hin müssen. Hegel hatte wohl Recht, als er davon sprach, dass eine Lehre aus der Geschichte sei, dass die Menschheit aus ihr nichts lerne. 

Picasso demaskiert den Krieg. Arbeit an Guernica

Nun gehts hinaus und wählt!

Man möchte sehnsüchtig zum Himmel hoch blicken und welche Instanz auch immer anflehen. Um sich zu wünschen, dass der seit langer Zeit eingeübte Brauch erstürbe, alle und alles nach einem fiktiven Wertemaßstab zu beurteilen, der vor allem eines garantiert: die überzogene, in keinem Verhältnis stehende Reaktion auf andere Sichtweisen. Das einzige Maß, das sich aus dieser Übung ableiten lässt, ist das der Empörung. Bei einem einzelnen Individuum in unseren Breitengraden spräche man von einer Adoleszenzkrise. Aber wie soll das Phänomen genannt werden, wenn es sich um eine ganze Gesellschaft handelt?

Da ist zum einen die Übersteigerung der individuellen Befindlichkeit und ihre Erhebung zum Maß aller Dinge. Und genau das ist ein Kriterium für den Prozess des Erwachsen-Wederns. Da kommt das vor. Und es gilt als ein Erfolg der Sozialisation, wenn diese hormonell bedingte Übersteigerung zugunsten einer realistischen Einschätzung der eigenen Existenz im Konsortium eines sozialen Ensembles zurück gedrängt werden kann. 

Und zum anderen ist es die Absenz einer jeden Form von Rationalität. Rationalität im gesellschaftlichen Sinne. Wo es nicht um Befindlichkeit, sondern um berechtigte Interessen geht. Die im Ensemble austariert werden müssen und die als Grundlage eines Modus Vivendi zu gelten haben. 

Diese zwei Kleinigkeiten trüben zur Zeit die Urteilskraft. Zuviel Emotion und zu wenig Verstand. Und die nicht vorhandene Urteilskraft für gesellschaftliche Zusammenhänge und ihr Wirken strahlt in voller Kraft auf die Welt, die betrachtet wird. Gerade in diesen Tagen wird deutlich, dass die wie auch immer generierte Emotion das Urteil nach den eigenen Interessen unbarmherzig ertränkt. 

Da mag man nur hoffen, dass so manches Phänomen, das sich vor den Augen der überhitzten Betrachter entfaltet, so schockiert und beeindruckt, dass der tief im Innern schlummernde Selbsterhaltungstrieb erwacht und zu einem kühlen Urteil rät. Denn, auch das weiß diese Instanz, Panik ist nicht nur die schlechteste mögliche Ratgeberin, sondern, ganz im Gegenteil, nahezu eine Garantie für das größt mögliche Desaster. Wäre es nicht so banal, müsste man den Rat geben, sich an der Natur zu orientieren. Da heißt Panik Tod.

Aber, kann man mehr als appellieren? Zu hoffen und zu bitten, sich zu besinnen, tief durchzuatmen und nach den eigenen Interessen zu entscheiden? Nein. Aber darum geht es. In einer der wohl emotional überhitztesten Phasen der Republikgeschichte stehen Wahlen an. Und  es geht um sehr viel. Jeder möge sich seiner tatsächlichen, existenziellen Interessen besinnen und dann entscheiden, wer das Potenzial hat, sie zu vertreten. Und seine Urteilskraft nicht kaufen lassen vom Ressentiment. Weder vom einen noch vom anderen! Von keinem! Und kalt kalkulieren wie eine Registrierkasse. Gefühl bei Wahlen zeugt davon, nicht erwachsen zu sein. Alle großen Zivilisationen haben gezeigt, wie das geht. Davon sind wir im Moment sehr weit entfernt. Auch das sollte uns bewusst sein. Wir sind nicht in der Position, anderen Ratschläge zu erteilen. Es ist zu zeigen, was verstanden wurde. Und was nicht. Ambition ohne Demut garantiert die Katastrophe. 

Nun gehts hinaus und wählt!