Wahlen: Vom Ende her denken!
Systemische Berater pflegen ihren Klienten zu Beginn eines Beratungsprozesses folgende Aufgabe zu stellen: Stellen Sie sich vor, der Prozess ist abgeschlossen und Sie sind mit dem Ergebnis zufrieden. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Und beschreiben Sie bitte den Zustand! Das verblüfft viele, weil es nicht unbedingt zu den Usancen gehört, Prozesse vom Ende her zu denken. Daher tun sich auch viele Menschen schwer, wenn sie, auch unabhängig von dem erwähnten Beratungsprozess, eine solche Frage und eine solche Aufgabe gestellt bekommen.
Wie wäre es, sich die gleiche Frage nun vor den bevorstehenden Wahlen zu stellen? Gesetzt den Fall, Sie waren mit dem Wahlergebnis zufrieden und die Erwartungen an die beauftragten Parteien haben sich eingestellt. Welche Ergebnisse, sagen wir einmal, nach zwei Jahren, liegen vor und was ist in der Zwischenzeit passiert?
Um gleich gewissen Missverständnissen vorzubeugen: Wir haben es mit unterschiedlichen Individuen zu tun, die ihrerseits unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen angehören, die soziale, kulturelle und politische Interessen haben und vertreten. Vom Milliardär über selbständige Mittelständler bis zu Dienstleistern und Arbeitern ist alles vertreten, auch wenn zwischen den einzelnen sozialen Kohorten numerisch Welten liegen. Es ist kein Geheimnis, dass auch die Bundesrepublik Deutschland über relativ wenige Superreiche, einen beachtlichen Mittelstand und sehr viele Lohnabhängige verfügt. Und Vertreter jeder Gruppe würden die Frage anders beantworten.
Sie müssen sich, wenn Sie die Übung mitmachen wollen, gemäß Ihrer eigenen Klassenzugehörigkeit und in Bezug auf die antretenden Parteien mit den ungefähr zu erwartenden Ergebnissen vorstellen, wie Sie die Frage beantworten würden.
Ich gebe zu, ich habe die Frage anhand unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen durchgeführt und komme aufgrund der zu erwartenden Optionen zu Ergebnissen, die, hätte ich nun eine Auftragsmacht und säße einem systemischen Berater gegenüber, mich zu dem Schluss brächten, ihn wieder nach Hause zu schicken, weil eine unüberbrückbare Differenz zwischen meinen Erwartungen und den realen Mitteln der Umsetzung läge. Aber, auch dessen bin ich mir bewusst, ich bin nicht unbedingt repräsentativ. Interessant ist allerdings, wie Lohnabhängige, Mittelständler oder Milliardäre in diesem Spiel aussähen.
Ich will nicht spekulieren, kann mich aber dennoch eines Verdachtes nicht erwehren: Die großen Gewinner bei diesem Quiz werden angesichts der zur erwartenden Optionen wieder einmal mehr die Milliardäre sein, die bereits seit Jahrzehnten am Gewinntisch sitzen, obwohl sie nur noch einen optionalen Bezug zu dem Gemeinwesen haben, von dem sie so herrlich profitieren. Wenn das nicht der Fall ist, sind sie schnell woanders und wenn sie mit ihren Projekten scheitern, lassen sie sich von der Allgemeinheit subventionieren.
Dass das alles in einem Rahmen geschieht, der nur noch herzlich wenig mit einer liberalen Demokratie oder einem freien Markt zu tun hat, merken mittlerweile viele, nur die nicht, die sich wieder zur Wahl stellen und der Mehrheit der Bevölkerung vorgaukeln, sie könnten den Prozess der Erosion noch aufhalten. Das gehört zu den Absurditäten von historischen Übergangsphasen.
Ja, ich muss mich zurückhalten! Mir ging es um die Übung. Ich möchte Sie inspirieren, sich die Frage ohne Vorbehalte selbst zu stellen. Vielleicht kommen Sie ja zu anderen Ergebnissen. Und Sie wissen, was geschehen ist, wenn wir nach zwei Jahren das Gefühl haben, auf dem richtigen Weg zu sein und auf einige erfolgreiche Schritte zurückblicken. Vom Ende her denken!
Die Schule der Koexistenz
Die wahre Schule einer Koexistenz von unterschiedlichen Menschen, Gruppen oder Staaten ist hart. Sehr hart. Es ist das ungeschützte Aufeinandertreffen von Subjekten, die wenig mitbringen, womit sie sich kollektiv identifizieren könnten. Das Wenige jedoch ist essenziell für eine gemeinsame Zukunft. Der Unterschied ist es nicht. Er wird bleiben. Und er wird vielleicht irgendwann erkannt als ein willkommenes Element von dem, was die Gemeinsamkeit ausmacht. Dass nämlich ein Ensemble mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten, Betrachtungsweisen, Temperamenten und Tempi mehr bewirken kann als eine weitgehend uniforme Formation.
Bis dahin ist es ein langer Weg. Das Aufeinandertreffen des jeweils Fremden bedeutet zunächst Bruch, Irritation, Erregung und Reibung. Es endet womöglich im Desaster, solange es nicht gelingt, das Gemeinsame in den Blick zu bekommen. Vulgär gesprochen ist das Gemeinsame eine Strategie, unter der sich die Diversität als Entwicklungspotenzial subsumieren lässt. In der Organisationsentwicklung läuft so etwas unter dem Terminus der Teamentwicklung. In kleinen Organisationen sind die Ziele häufig eindeutig. Ein oft gelingendes Beispiel ist der Mannschaftssport. Da ist ein erfolgreiches Kollektiv das Ziel und Quelle des Erfolgs.
Ein häufig auftretendes Hindernis bei einer Strategie, zu der ein erfolgreiches Ziel gehört, ist die Dominanz von Partikeln, die die Synergie als Störung empfinden und die Konkordanz als Demontage ihrer vermeintlichen Machtposition verstehen. Ein anderes ist die Überbetonung der Bedeutung einzelner Teile, die als das jeweilige Juwel des Ensembles verstanden werden sollen.
Der Erfolg besteht in einer Strategie, ohne die nichts geht und einem Gemeinsinn, der die Basis des Gelingens ausmacht. Die Philosophie ist, dass unterschiedliche Fähigkeiten in einer gewissen Harmonie zu einem Ziel führen können. Um die Strategie zu entwickeln und zu formulieren, dazu bedarf es eines Blickes und Interesses über einen längeren Zeitraum, vielleicht sogar der eigenen Existenz hinaus, der nicht bricht, wenn es vereinzelte Rückschläge gibt. Und es sind Menschen und Organisationen erforderlich, die den Bildungs- und Formungsprozess gestalten und moderieren.
Ist beides nicht vorhanden, befindet sich das soziale Gefüge in einem Kleinkrieg für jedermann. Da treffen die verschiedenen Charaktere und Potenziale als konkurrierende Systeme aufeinander, und sie begreifen die Möglichkeit ihres eigenen Fortbestands ausschließlich in der Vernichtung der vermeintlichen Konkurrenz.
Daher ist es von existenzieller Bedeutung, eine Strategie zu entwickeln und an einer Professionalität zu arbeiten, die mächtig genug ist, die einzelnen Entwicklungsschritte zu begleiten. Scharfer Verstand, ein unbändiger Wille und ein überaus langer Atem sind dazu genauso erforderlich wie die Fähigkeit, schmerzhafte Schläge einzustecken und dennoch nicht ins Ressentiment zu fallen.
Das ist nicht einmal leicht gesagt, und noch schwerer zu machen. Aber es ist der Weg, der gegangen werden muss. Und wer in der operativen wie methodologisch profanen Ebene weiter wursteln will, der möge dies tun. Erlösung wird er nicht finden. Und Abhilfe schafft das nicht. Nur Scherben. Und es sind nicht die des Glücks.

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