Harte Zeiten!

So voll die Zorndepots auch sind, so sehr die Wut in den Herzen lodert, über die Verhältnisse, wie wir sie täglich ertragen müssen. Über die Täuschung, über die Unverfrorenheit, über den Missbrauch lange erprobter Begriffe aus den Buchseiten der Befreiung. Eines sollten wir nicht tun: das Maß verlieren und uns in eine Schlammschlacht mit den Dekonstrukteuren gesellschaftlichen Zusammenlebens auf Augenhöhe begeben. Denn, dann müssten wir beträchtlich schrumpfen oder sinken, je nach Betrachtungswinkel. Wer sich auf das gleiche Niveau begibt, wie die Demagogen, wie die Geschichtsfälscher und vor allem wie die Artisten in übler Nachrede, der tut es ihnen nicht nur gleich, sondern der hat, wie sie, auch keine Zukunft.

Ein Maß, das man im Gegensatz zu dem momentan zu erlebenden Bodensatz immer im Kopf haben sollte, ist das der Zukunft. Jeder, der Zustände kritisiert und eine Perspektive haben will, sollte sich darüber im klaren sein, dass die Qualität dessen, was man erreichen will, auch bei der Kritik des aktuell Widerwärtigen durchscheinen muss. Das Neue, das entstehen soll, darf nicht kontaminiert sein durch die unzähligen Stoffe der Unwahrheit, der Diskriminierung, des Hasses und der Inquisition. 

So schwer es auch fällt. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass die Protagonisten dieser durchtriebenen Entwicklung nur deshalb so verroht und verkommen sind, weil sie wissen, dass sie keine Zukunft haben. Nach ihnen, das haben sie komplett verinnerlicht, nach ihnen kommt nichts mehr, das ihnen genehm ist, deshalb wünschen sie sich nach ihnen die Sintflut. Denn wenn sie nicht mehr das Maß und das Wort aller Dinge sind, dann hat ihre Existenz an sich ihren Wert verloren.

Und alle guten und feinen Kräfte, die sich heute so ekeln, die aber vorhanden sind und mit Groll im Bauch gegen das unwürdige Schauspiel ankämpfen, wollen nicht die Sintflut, sondern lebenswerte Verhältnisse. Und diese müssen sich widerspiegeln in der Form der Kritik, die geübt wird. Wer sich mit der Barbarei vermählt, wird als Barbar auch sterben.

Immer wieder sind solche Unbedachtheiten zu beobachten. Da wird mit dem gleichen semantischen wie realen Dreck um sich geworfen, mit dem man täglich konfrontiert wird. Und manche laden noch nach, so ganz nach dem Motto: Wollen wir doch mal sehen, wer die üblere Gestalt ist. Wie gesagt, so sehr das alles emotional verständlich ist, denn wir leben in harten Zeiten, so falsch ist es, wenn wir das Maß der Zukunft verlieren und in den Untiefen der Dekadenz versinken. 

Seid wütend, seid zornig, seid unnachgiebig und schnaubend, aber sinkt nicht in die Tiefen derer, die euch malträtieren! Denkt daran, ihr seid das Beispiel für einen anderen, besseren Weg!

Harte Zeiten!

Fundstück: Das kalte Herz der Geschichte

Nicht nur die harten wirtschaftlichen Zahlen, sondern auch die philosophischen Deutungsangebote weisen darauf hin: wir stehen vor einer asiatischen Epoche. Und wenn es einer interpretativen Gewissheit bedarf, dann ist es der in Asien quasi als Axiom verbreitete Satz: Alles kommt zurück. Wir wissen, die Aufklärung, die vieles hat für das kleine Europa so groß werden lassen, die die Köpfe hat kreativ werden lassen, die die Welt hat zu einem Entdeckungsgarten werden lassen, die die Produktivkräfte hat explodieren lassen und die das Individuum und das Recht zum Grundstein der Entfaltung hat werden lassen – diese Aufklärung ist in ihrer ureigensten Heimat auf dem Rückzug. Die Statthalter dieses Terrains sind von ihr nicht mehr beseelt, es hat sich eine totalitäre und inquisitorische Sichtweise eingeschlichen, die es den Giftmischern der Tyrannei hat sehr leicht werden lassen, auf das Totalitäre zu verweisen, um ihre eigenen, gar nicht auf Freiheit und Individualität basierenden Pläne zu verschleiern und zu verheimlichen. 

Natürlich ist die Situation nicht einfach. Sie ist komplex und herausfordernd. Da sind Alliierte, die sich liberal geben, aber seit Jahrzehnten als Killermaschinen die Welt umgraben. Da sind Kriege, in die man sich hat mit hineinziehen lassen, die nichts bewirkt haben als die Zerstörung von Staaten, ohne dass etwas Neues hat entstehen können. Da sind immer mehr Menschen, die nach immer mehr Kriegen aus ihren Kulturen und Milieus gerissen und in die Flucht geschlagen werden. Und sie landen in Ländern, die sie nicht kennen und nicht verstehen. Und es sind die Wellen des eigenen Handelns, die nun mit Macht zurückrollen. Alles kommt zurück. Wer kolonial und imperialistisch unterwegs ist, bekommt irgendwann die Quittung. 

Und nun glauben manche, sie könnten diese Quittung zu einem Testat der Boshaftigkeit derer machen, die alles durch das Handeln der selbsternannten Allianz der Freiheit verloren haben. Ein Betrug. Er leugnet das Gesetz der Kausalität. Noch einmal: alles kommt zurück. Und wer diesen Trugschluss zu seiner politischen Agenda erhebt, der plant bereits den nächsten Akt, zuerst die eigene Bereicherung durch die Zerstörung anderer und dann den Rücklauf der räuberischen Wirkung auf das eigene Terrain. Damit sich niemand Illusionen mache: Mit der Verdammung der Opfer sind die Täter nicht exkulpiert. Und wer die Täter nicht in Haftung nehmen will, der ist um kein Haar besser als die jetzt so favorisierten Täuscher. 

Der Souverän, der von den jetzt Herrschenden nicht mehr ernst genommen wird und dabei ist, sich von Vertretern mit einer ähnlichen Agenda als Alternative überzeugen zu lassen, hat keine Wahl mehr. Nicht, wie es sich heute darstellt. Er muss durch das Tal der Tränen, das aus der Existenz erwachsen ist, sich mit zu großer Toleranz immer wieder hinter das Licht führen zu lassen. Es bleibt nichts, als vielleicht, wenn alles gut läuft, bei schlechter werdenden Verhältnissen den Blick auf jene zu werfen, die vieles richtig gemacht haben und die ihren eigenen Weg gegangen sind. Wer sich von dem schönen Wort der Werte hat einlullen lassen, obwohl von denen schon lange kaum noch etwas übrig geblieben ist als der Mehrwert, muss den Preis zahlen. Inkasso ist bereits unterwegs. Ein so kaltes Herz hat die Geschichte. Alles kommt zurück! 

August 2024

Das kalte Herz der Geschichte

Von falscher Räson und gerechtem Zorn

Als gestern zu lesen war, dass Friedrich Merz dem russischen Präsidenten Putin ein Ultimatum gestellt hatte, fiel mir ein wunderbarer Satz Friedrich Engels ein, den er seinerzeit über den damals in der Sozialdemokratie populären Ökonomen Eugen Düring geschrieben hatte: Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn. Besser kann man das ganze Getöse, das von den so genannten außenpolitischen Experten, Amtsträgern und gekauften Ex-Politikern in den Äther gepustet wird nicht mehr beschreiben. Die EU, seit einiger Zeit auf dem Long Way Down unter deutscher Führung, die Legionen von Juristen bemüht hat, um ein Sanktionspaket nach dem anderen zu schnüren, hat die russische Fähigkeit, diesen Krieg zu führen, in keiner Weise beeinträchtigt. Außer massiven Schäden für die Ökonomien einzelner eigener Mitgliedsländer kam bis heute nichts dabei heraus. 

Es kommt, jetzt mit den Merz´schen Amtsträgern aus der historischen Geisterbahn, nichts anderes heraus als Selbstverstümmelung. Aber was soll es? Das, was dieses Konsortium von Selbstüberschätzern dort verspielt, ist nicht ihr eigenes Gut. Man muss sich nur vergegenwärtigen, wie die Regierung Merz zustande kam und welche Taschenspielertricks vonnöten waren, um dahin zu kommen, was jetzt – selbst gewählt – die in allen Aspekten als Koalition der Willigen bezeichnet wird. Was sich anhört wie ein Ferienlager des Führers, bekommt auch immer mehr diesen Charakter.   

Die ganze Muskelspielerei entpuppt sich nämlich in jeglicher Hinsicht als kraftlose Geste.  Die tatsächliche Konfrontation mit Russland hat sich als nicht erfolgreich realisierbar herausgestellt. Mit der Eskalation von zu lieferndem Kriegsmaterial ist es ebensowenig getan wie mit den bis zur Phantasielosigkeit geschnürten Sanktionspaketen. Diejenigen, die das im übrigen von langer Hand inszeniert haben, die USA unter Führung der in diesem Land so sehr geliebten Demokraten, haben es mittlerweile eingesehen und steuern mit einer republikanischen Regierung um. Und Deutschland wie die bissige EU-Kommissionspräsidentin, die mit einem millionenschweren Karls-Preis bei Laune gehalten werden soll, halten fest an einem Kurs, der nur noch auf Kosten der ukrainischen Bevölkerung und der EU-Mitgliedsländer durchgehalten werden kann. 

Und die Waffenlieferungen an Netanyahu, der in einer Koalition mit Elementen, die mit dem Vokabular eines Heydrich gegen palästinensische Zivilisten einen Ausrottungskrieg führen, die mit einer „Staatsräson“ begründet werden, dokumentieren  nur eines: Lehren aus der Geschichte sind von diesem Ensemble nicht zu erwarten. Und dass es mit einem Vokabular jonglieren darf, das jegliche Form historischer Lehren auf den Kopf stellt, ist einer längst monopolisierten Presse und instrumentalisierten Medienanstalten zu verdanken. Sie pusten den Unrat, der Militarismus, Krieg und Vernichtung mit schönen Worten in eine überlegene moralische Kategorie katapultieren soll, ohne Pause in den Äther.

Dass diese Unverfrorenheit, dieser Wahnsinn und diese Kläglichkeit nicht mehr die erhoffte Wirkung haben macht die Runde und es verbreitet sich sichtbar eine Panik aus der Erkenntnis, dass das tatsächlich dreckige Spiel, das nichts mit Wohlstand, nichts mit Frieden und nichts mit Demokratie zu tun hat, auf ganz böse Art und Weise zu einem Ende kommen könnte. Noch gelingt es hier und da, die Konsequenz für das eigene widerliche Handeln als die eigentliche Gefahr an die Wand zu malen. Im Hause des Wankelmutes mag diese Rechnung noch aufgehen. Dort, wo sich der Verstand und die Beobachtungsgabe ins Zeitalter des systematischen Betrugs herüberretten konnte, wuchert bereits der gerechte Zorn.  

Von falscher Räson und gerechtem Zorn