Das Lied der Unken

Das Lamento ist groß. Da äußert sich der nationale Brandbeschleuniger, der sich durch unheilige Allianzen ins Kanzleramt geschlichen hat, zum Krieg im Osten und verspricht, dass dieser trotz einiger Bemühungen seitens der unzuverlässigen transatlantischen Partner doch noch die große Chance einer Eskalation in sich birgt. Viele derer, die durch die zahlreichen geglückten, formal abgesicherten Attacken auf die bürgerliche Demokratie durch eine sich als Mitte verkleideten Kamarilla in der Defensive sehen, attestieren sich bereits selbst eine Depression. Was, so argumentieren sie, kann man noch machen, um die von Selbstsucht, Landesverrat und sonstigen bösen Eigenschaften Getriggerten zu stoppen? Der Parlamentarismus hat sie nicht aufhalten können, es existiert keine Partei, die den kollektiven Willen gegen Krieg, Entrechtung und Himmelsfahrtkommandos aufhalten könnte, die Gewerkschaften sind bis zur Unkenntlichkeit sediert, das Proletariat ist nahezu verschwunden, das Prekariat kämpft vor jedem Sonnenuntergang ums Überleben, der Mittelstand erliegt den zur Realität werdenden Untergangsphantasien oder sitzt saturiert im Reformhaus und die Industriellen bestellen ihre Umzugsunternehmen. 

Wie es so ist, in Zeiten großer Umbrüche, existieren parallel die unterschiedlichsten Realitäten. Die eine, wie oben beschrieben, trägt das Signum der Untergangs einer Epoche, die in der realen Lebenserfahrung von vielen geteilt wurde. Die andere blitzt lediglich hier und da erst auf und steht für das Neue, was entstehen wird. Da sind Kräfte am Werk, die wesentlich rationaler sind, als die des Untergangs. Sie wissen, was vonnöten ist, um nicht nur den Planeten, sondern auch Gesellschaften zu schaffen, die lebenswert und Vernunft geleitet sind. In ihren spielen Dinge wie Gesundheit, Bildung, Mobilität, Kultur und Zusammenhalt die zentralen Rollen. Da wird keine Basis mehr sein für Karrieren aus dem Sumpf, in denen Figuren auftauchen, die nichts wissen, nichts können und nur laut und brutal sein können. Wer sich mit ihnen in seiner weiteren Lebensplanung aufhält, der bleibt im Sumpf. Und die Stimme, die dort am lautesten zu vernehmen ist, ist jene der Unken. Insofern ist der Pessimismus und die zunehmend verbreitete Depression nur eine Erscheinung, nämlich die des Untergangs. Sich damit aufzuhalten, heißt die Zukunft zu verspielen.

Wenn die Brandbeschleuniger so weiter machen wie bisher, werden sie sich binnen kurzer Zeit selbst erledigt haben. Denn wer ohne eigene Substanz in den Showdown geht, wird den nächsten Sonnenuntergang schon nicht mehr erleben. Diese Figuren können nur solange in ihren Allmachtsphantasien verweilen, wie sie auf keinen Widerstand stoßen. Und der wird kommen, von innen wie von außen. Und nur die Unken zweifeln daran.

Denn wer sich ein wenig Abstand vom miefigen Lokalgeschehen gönnt, erkennt die globalen Trends. Und die sind stärker als die verbrauchte Gegenwart und sie können mit den Knallchargen des Untergangs beim besten Willen nichts anfangen. Niemand von denen, denen wir hier noch eine Bühne bieten, hätte in der parallel aufstrebenden Welt noch eine einigermaßen bedeutungsvolle Funktion. Es kursieren, übrigens auch hier, bereits Bilder, auf denen die hier gefeierten Big Shots verarmt um ein Almosen betteln. Diese Fiktion ist nah an der Realität der Zukunft. Sofern sie ihr eigenes, unverantwortliches Spiel noch überleben. 

Ein guter Rat: auch wenn wir noch im Sumpf leben, sollten wir nicht das Lied der Unken mitsingen, sondern schleunigst danach streben, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Das Lied der Unken

Ostenmauer – 37. Wölfe

Im Russischen existiert das schöne Bild eines Wolfes, der viel Schnee gesehen hat. Es geht um Alter und Erfahrung. Ein Bild, das Würde und Respekt ausstrahlt. Und eine Referenz an die Natur. Nur wenigen Menschen wird diese Metapher zugestanden. Es sind die, die vieles gesehen haben und Schlüsse daraus gezogen haben, die das ausmachen, was landläufig auch Weisheit genannt wird. Das Bild, das in einer technisierten und maschinisierten Welt, in der ein kleines Rudel schon Untergangsphantasien auslöst, vom Wolf gezeichnet wird, entspricht in keiner Weise seinem Wesen. Wölfe sind nicht die marodierenden, angriffslustigen und blutrüstigen Wesen. Sie sind Beobachter aus der Distanz, gehen Gefahren wo möglich aus dem Weg und setzen nur dann zur Jagd an, wenn es um ihr eigenes Überleben geht. Allein dieses Verhalten ist bereits weise. Wie eben vieles, was einer natürlichen Entwicklung und Ordnung unterliegt. Die Brüche, die in der menschlichen Existenz so verheerende Folgen haben und die durch das Changieren von Schein und Sein entstehen, haben aus der Perspektive des Wolfes keine Relevanz. Ein Volk, das den betagten Wolf zu einer Metapher bemüht, weil ihm diese Irritation der menschlichen Zivilisation erspart geblieben ist, kann ebenfalls als weise bezeichnet werden. Und, um persönlich zu werden: ich habe mir zum Ziel gesetzt, ein Wolf zu werden, der sehr viel Schnee gesehen hat.

Wölfe
Je suis le loup

Der Mafia-Boss und die System-Konvergenz

Der aus dem aktiven Dienst ausgeschiedene Journalist Claus Kleber hat mit seiner bei jeder Gelegenheit gewürdigten Amerika-Expertise mal wieder eine Reportage gefertigt, die, das versteht sich nahezu von selbst, zur Prime Time im ZDF ausgestrahlt wurde. Der Titel beinhaltete, wie wir das bei dem weit verbreiteten Qualitätsjournalismus nicht anders kennen, bereits die Wertung: Trump und das Silicon Valley – Staatsstreich der Tech-Milliardäre. Ich muss gestehen, dass mir in solchen Situationen gleich immer Kontrast-Programme einfallen wie „Die Machtergreifung der EU durch die Rüstungskonzerne“ – aber lassen wir das!

Einmal abgesehen von der sehr einseitigen Nutzung von Quellen, auch das gehört zum armseligen Standard unserer Tage, lief alles auf die im Titel angelegte Wertung hinaus. Die verwendeten Bilder, vor allem die von dem deutschstämmigen Tech-Milliardär Peter Thiel, den Kleber als den Spiritus Rector des Staatsstreichs ausgemacht hat, suggerierten allesamt die Vorstellung von einem Mafia-Boss aus der klassischen Kriminalliteratur. Immerzu saß Thiel im Halbdunkeln, trug dunkle Anzüge mit einem blutroten Einstecktuch und wurde mit Schauder erzeugender Musik unterlegt. Unabhängig von der politischen Bewertung der Vorgänge in den USA, stammten die als  Journalismus deklarierten Mittel aus dem Arsenal der Propaganda: einseitige Quellen, anrüchige Bilder und unheilvolle Musik. Insofern eine Top-Leistung eines mit den amerikanischen „Demokraten“ sympathisierenden Meinungstechnikers.

Was die politische Einschätzung der Aktivitäten der Tech-Milliardäre anbetrifft, könnte auch eine weitaus irdischere Motivation zur Erklärung dienen. Sie sehen sich strategisch im Nachteil mit dem großen Herausforderer China, der zum Teil bereits die Führung übernommen hat und der aufgrund der dirigistischen Eingriffsmöglichkeiten des Staates in der Lage ist, schneller und besser die Voraussetzungen für Fortschritt, Forschungsfreiheit und logistische Umsetzung schaffen kann. 

Planfeststellungsverfahren, Einspruchsrechte, Missbrauchsbegrenzungen etc. gehören zum Signum der als sich immer noch als demokratisch bezeichnenden politischen Systeme des Westens. Diese Probleme haben die Staaten, die als autoritär beschrieben werden, nicht. Dass die Mogule dieser Industrie im Westen, sprich in dessen Imperialstaat, den USA, dagegen etwas unternehmen wollen, ist aus deren Logik nur folgerichtig. 

Bei dem gegenwärtigen Wettlauf um Ressourcenverfügbarkeit, Logistik und technologische Dominanz stellt die Rolle und die Leistungsfähigkeit des Staates einen entscheidenden Faktor dar. Dass die westlichen Demokratien seit einiger Zeit an zweierlei leiden, an sinkender Legitimation und an mangelnder Effizienz, ist kein subversives Argument, sondern eine Binsenweisheit. Unter diesem Aspekt sind die Aktivitäten der Tech-Milliardäre verständlich. Wieder, wie zu vielen anderen Gelegenheiten, geht es zunächst um das Verstehen, bevor die Bewertung ansteht. 

Eine derartige Darstellung hülfe, die Diskussion zu versachlichen und sich von den Gangster-Bildern zu verabschieden. Dass man so etwas von einem Claus Kleber nicht erwarten kann, ist eine Petitesse, die nicht aufregen sollte. Dass eine nicht unerhebliche Öffentlichkeit im Westen in solchen Bildern verharrt und nicht begreift, dass wir uns seit einiger Zeit in einer Periode der System-Konvergenz befinden – im Osten der wachsende Wunsch nach Mitsprache und im Westen mehr Wunsch nach möglichem Dirigismus und Durchgriff – könnte die Türen zu neuen Erkenntnisse öffnen. 

Aber, noch ist das Freund-Feind-Denken der einzige Weg, um sich mit komplexen neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Die Bestandsverwalter dieses medial-politischen Elends sind alle noch im Amt. Auch in der Einfalt wohnt das Glück! Bis schlagartig das Licht ausgeht.  

Der Mafia-Boss und die System-Konvergenz