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An der Themse

Meine schulischen Ergebnisse verbesserten sich und ich näherte mich der Mittleren Reife. Große Aufregung kam auf, als unsere Lehrer und Eltern beschlossen, dass unsere Abschlussfahrt nach London gehen sollte. Das war aus unserer Sicht unglaublich, weil wir mit so etwas nicht gerechnet hatten. London besaß für viele von uns zu jener Zeit eine Ausstrahlung wie keine andere Stadt. Dort war das Zentrum der Rockmusik, dorther kamen die Rolling Stones und The Who, dort wohnten die Beatles, dorther kam die Mode, vor allem natürlich die Miniröcke, die uns zuweilen in verzückte Ekstase und höchste Nöte versetzte. Und nun sollten wir dorthin fahren dürfen. Es war kaum zu glauben. Monate vorher schon verloren wir den Verstand und wurden regelrecht hysterisch. Alles lernte nur noch englische Vokabeln und die wildesten unter uns suchten verzweifelt nach den Wörtern, mit denen sie ihre Gier beschreiben konnten.

Als es soweit war und an die dreißig Jungens im Alter zwischen vierzehn und siebzehn Jahren in Begleitung zweier Lehrer in den Bus stiegen, verabschiedeten uns viele unserer Eltern, als wanderten wir aus nach Übersee. Riesige Fresspakete wurden noch in den Bus nachgereicht, weinende Mütter klopften an die Busfenster und knurrige Väter steckten uns noch Banknoten zu mit Worten wie Macht keinen Unsinn! Ein Vater sagte zu seinem Sohn sogar Hol dir bloß nichts, was sofort zu einem Verzweiflungsaufschrei der nahe stehenden Mütter führte. Als der Bus endlich die Stadt verließ und wir auf der Straße nach Uentrop zur Autobahn war, dachten wir wohl alle, dass vor uns die Welt lag.

Es wurde eine furchtbar lange Fahrt. Wir fuhren bis Oostende in Belgien, gingen dann auf die Fähre. Dort wurde schon ein bisschen heimlich Bier getrunken und die Stimmung wurde immer ausgelassener. Als wir in Dover ankamen und ich in den Zoll kam, begrüßte mich ein stattlicher und sehr freundlicher Beamter in einer blauen Uniform und fragte mich, was ich in Großbritannien wolle. Ich spulte Sätze ab, die ich monatelang in schlaflosen Nächten auswendig gelernt hatte und erzählte ihm, das sei unsere Abschlussfahrt und wir seien auf dem Weg in das unbeschreibliche London, auf das wir uns alle freuten und wir wollten uns soviel ansehen, wie irgend möglich. Er war sehr erfreut und bescheinigte mir, dass ich ein very excellent English spräche, was mir die Brust bis zum Bersten schwellen ließ.

Spät am Abend erreichten wir London und fuhren dennoch über zwei Stunden, bis wir an unserem Quartier ankamen, das in Kensington lag. Da war es still im Bus geworden, weil wir kaum glauben konnten, wie groß diese Stadt war. In unserer Herberge schmissen wir unsere Sachen in die Zimmer und rannten gleich los, um einen Pub zu suchen. Wir fanden auch gleich einen und der erste Abend erfüllte unsere Erwartungen sogleich. Wir sahen schräge Typen und Business People, rauchende Barschlampen und elegante Ladies. Und das alles in einem einzigen Pub, was bei uns unvorstellbar gewesen wäre.

Wir hatten eine Woche Zeit und unsere Lehrer trieben uns durch ein dichtes Programm. Wir sahen die Tower Bridge, den Buckingham Palace, den Trafalgar Square, The Houses of Parliament, Big Ben, den Hyde Park, die Portobello Road, wir besuchten eine Ausstellung im British Museum, in der gerade Tut Anch Amon zu sehen war und wir fuhren nach Greenwich. Abends bekamen wir dann unter strengsten Auflagen frei und manchmal, wenn wir in einen Bluesclub wollten, begleitete uns ein Lehrer. Zweimal gelang es uns und Jopp Ueter, ein ziemlich dicker Knubbel, der immer sehr schnell einen roten Kopf bekam, führte uns in einen Non-Stop-Striptease in Soho.

Der Eintritt betrug ein Pfund und dafür bekam man sogar noch ein Bier. Wir setzten uns ganz dicht an die Bühne und sahen Frauen, die auf die Bühne kamen und sich auszogen, als wollten sie ins Schwimmbad oder seien in der Umkleidekabine eines Kaufhauses. Doch das war uns natürlich völlig egal. Ihre zunehmend nackten, schneeweißen Körper erhielten einen rosigen Teint durch das rote Scheinwerferlicht und wir kämpften mit aller Macht gegen die Auswirkungen des Bluttransfers, der vom Kopf in Richtung Lendengegend stattfand. Jopp Ueter war einer der Tänzerinnen anscheinend schon bekannt und sie stellte sich vor ihn, machte einige laszive Bewegungen und zupfte sich dann ein Schamhaar aus, um es ihm auf den Kopf zu legen. Der Saal tobte und zu Jopps Rettung sah man bei den Scheinwerfern nicht seine knallrote Birne, nur sein unendlich dusselige und bräsiges Grinsen, weil er wohl wirklich meinte, er hätte es der Kleinen, die doppelt so alt war wie er, angetan. Aber es war klar, dass Jopp seitdem der König von Soho war und er zehrte an seinem Weltruhm noch viele Jahre im um Lichtjahre entfernten kleinen Ahlen im Westfälischen.

Als wir die Rückreise antraten, hatten wir eine Welt voller Eindrücke im Gepäck und waren andere Menschen geworden. Wir hatten gesehen, wie entspannt und tolerant es zugehen konnte, obwohl in der Metropole die Probleme alles andere als geringer waren als in unserer wohlbehüteten Provinz.

In mir selbst hatte London etwas ausgelöst, was ich erst viele Jahre später begriff und verarbeitet habe. London vermittelte mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, etwas von einem zu Hause-Sein, das bis heute anhält und mir nur wenige Orte in der Welt vermitteln konnte. Nach meiner Schulzeit besuchte ich bis zum heutigen Tage mit Ausnahme meiner Jahre in Asien London fast jährlich, und ich habe den Wandel der Stadt wie meinen eigenen in trauter Zweisamkeit erlebt. Und obwohl wir beide heute ein anderes, sehr verändertes Gesicht haben, sind wir uns nah geblieben, sehr nah. Die Vertrautheit, das Gelassene, die Toleranz und das Weltoffene, all das hat London zu einem Refugium für meine Seele werden lassen und es ist es bis heute geblieben. Und immer, wenn mich mein Weg mal wieder dorthin führt und ich gleich am ersten Abend in einen meiner beliebten Pubs gehe, zum Beispiel den an der Kreuzung in Hammersmith, noch lange bevor ich ein Hotel im Zentrum aufsuche, sitze ich dort, schaue auf die Lichter dieser Großstadt, sehe in die Gesichter dieser Menschen und lese ihre bewegten Geschichten und es ist, ja es ist like coming home.

Die Bestie im Goldfischteich

Natürlich rauchten wir in den Pausen, natürlich knutschten wir mit den Mädels und natürlich tranken wir an den Wochenenden Alkohol. Aber das war es nicht gewesen und hätte Lehrerschaft und Schulleitung nicht entsetzt. Für große Unruhe und Verwirrung hatte etwas anderes gesorgt. Wir hatten einen Lehrer, den die hart gesottenen Jungens aus unserer Klasse einen Faschisten nannten. Sein Name ist unbedeutend. Auch wenn ich damals mit der Bezeichnung nicht viel anfangen konnte, so war auch mir klar, dass dieser Mann die Ausgeburt all dessen war, was ich verabscheute. Er war cholerisch, rechthaberisch, brutal und ungerecht. Vor allem letzteres widerstrebte mir am meisten. Wir kannten ihn als jemanden, vor dem man nicht sicher war. Es konnte immer, egal, was auch passierte, jeden treffen. Und wenn es einen traf, dann mit einer Grausamkeit, die über den physischen Schmerz der harten Schläge hinausging. Mal traf es einen, weil man schlecht vorbereitet war, mal, weil man lachte und ein anderes Mal wieder, weil man nicht lachte. Es war ein Debakel. Mit der Zeit trug dieser Mann dazu bei, dass unsere Klasse näher zusammen rückte. Es war, wie so oft im Leben, dass ein Feind von außen dazu beitrug, die inneren Widersprüche und Animositäten in einem Sozialgefüge zu übertünchen.

Unsere Klasse war von der sozialen Herkunft sehr heterogen, wir hatten Bergarbeiter-, Bauern- und Bürgerkinder und sogar einen Spross aus einer Familie, die man damals als asozial bezeichnete. So gab es zwischen uns immer wieder Auseinandersetzungen, die auf sozialen Gegensätzen beruhten, sei es wegen verfügbarer Mittel, wegen der Kleidung, wegen der Sprache oder wegen der Haltung oder wegen der Werte, über die wir schon verfügten.

Besagter Lehrer hatte die Fähigkeit, das alles in den Hintergrund zu drängen, weil er diese Unterschiede zwischen uns zunichte machte. Er polarisierte, indem er sich als eine Gefahr für uns alle generierte. Hinzu kam, dass viele unserer Eltern auch nicht viel von ihm hielten. Das lag wohl daran, dass er tatsächlich einen politischen Hintergrund hatte, der das Wort vom Faschisten in unseren Klassenraum getragen hatte. Dennoch waren vor allem unsere Väter der Auffassung, dass man einen solchen Lehrer eben ertragen müsse.

Aber es kam, wie es um das Jahr 1970 herum irgendwann kommen musste. Der Mann, der übrigens von uns die Bestie genannt wurde, betrat eines sonnigen Frühlingsmorgens wieder einmal schlecht gelaunt unser Klassenzimmer und es dauerte nicht lange, dass wieder einer von uns nach vorne zum Vorsingen musste. Sein Name war Manfred Klose. Er war aus der Zechensiedlung, sein Vater Bergarbeiter, er selbst eher schmächtig, ein ausgezeichneter Leichtathlet, schnell wie der Wind, ein netter Junge, den alle mochten. Die Bestie fragte ihn ab, und ehe er den ersten Fehler gemacht hatte, schlug dieses Monstrum ihm ins Gesicht, dass es richtig krachte.

Und das Tier setzte nach, fragte weiter, und Manfred, immer leiser und weinerlicher werdend, verhaspelte sich immer mehr, machte Fehler um Fehler, erhielt weitere Schläge ins Gesicht und in die Magengrube, bis er weinte, so herzzerreißend, weil so hilflos. Und dann verstieg sich die Bestie noch dazu, loszuschreien, dass dieses ganze Gequatsche von Chancengleichheit und Bildung für alle alles ein ausgemachter Scheiß sei, was man an der Dummheit dieses Püttvolks doch sähe, und er beschloss diesen Satz mit einem Schwinger an Manfreds Kinnlade.

Wie auf ein Startsignal erhoben sich in diesem Moment die hinteren Reihen unserer Klasse, dort, wo die großen und älteren saßen. Ich weiß es noch genau, als sei es ein Film, den ich mir immer wieder in meinem Leben angesehen habe. Die Helden, die als erste aufstanden waren Rainer Kaderka, Jochen Bohnekamp, Alfred Adamski, und Manfred Krain. Dann folgten Ulli Superniok, Theo Untiedt und Klaus Sünnemann. Allmählich erhoben wir uns alle, strebten, ohne ein Wort zum Mittelgang und gingen Unheil verkündend nach vorne, auf die Bestie zu. Es herrschte Totenstille. Und der Instinkt sagte wohl der Bestie, dass Flucht der einzige Weg war, der ihr blieb. War zunächst alles in Zeitlupe und ohne Ton erfolgt, so zuckte der Uhrzeiger plötzlich ganz schnell: Die Bestie sprang zum Kippfenster, schlug es mit dem angewinkelten rechten Arm hoch und sprang kurzerhand in den vor dem Klassenzimmer liegenden Goldfischteich.

Da unsere Schule aus zwei rechtwinklig zueinander stehenden Gebäuden bestand, die alle auf die Teich- und Grünanlage wiesen, sprangen sehr schnell von überall die Fenster auf und wie in einem Land Südamerikas, das gegen das Joch einer Militärdiktatur aufbegehrt, kam nun aus allen Richtungen ein gellendes Pfeifen, ein Trommeln und Scheppern und johlender Applaus.

Diese Ereignis hatte ungeheure Folgen: Lehrerkonferenzen, Elternbesprechungen, Abmahnungen an die ganze Klasse, wobei ich selbst zu den schlimmeren Fällen gezählt wurde, weil ich als aus mir unerfindlichen Gründen als Rädelsführer gehandelt wurde und man mir wie einigen anderen, nach positiven Interventionen für uns bis hoch zum Stadtdirektor, doch nur mit dem Schulverweis drohte, wenn sich so etwas wiederholte. Wir waren alle noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen, aber wir waren stark geworden. Unsere Klasse war von diesem Zeitpunkt an eine Macht. Die schulische Laufbahn der Bestie war nach diesem Ereignis übrigens beendet.

Auch nach dreieinhalb Jahrzehnten hat dieser Film nichts von seiner Qualität eingebüßt. Wenn ich ihn mir anschaue, erlebe ich jedes Detail noch so intensiv wie beim ersten Mal und mein Puls schlägt wie eine Buschtrommel. Und wenn ich danach in die Hall of Fame gehe, dann stehen sie noch da wie damals, die Jungs, die damals aufgestanden sind, so jung, so mutig und so entschlossen, und ich höre ganz genau, wenn ich ganz nah vor ihren Figuren stehe, wie sie mir mit ihren Stimmbruchstimmen zuflüstern: Die Bestie ham wa ausgestoppt. Musste sein, oder? Und dann lachen sie ganze leise, und heiser.

Der Club von Tarifa

Die geographischen Schnittpunkte auf dieser Welt fristen oft unbemerkt ihr Dasein. Selten sind sie Regierungssitz oder Zentrum einer dominanten Kultur. Vielmehr liegen sie am Saum der einen und an der Schwelle zu einer anderen Zivilisation. Nicht selten gilt ihnen über ganze Epochen nicht einmal das Augenmerk. Ihre Randlage bewahrt sie vor der schnelllebigen Vermarktung und ihre Entdeckung bleibt meist jenen vorbehalten, die ein Gespür für Bewegungen und Substanzen haben, die unter der Fassade verborgen liegen. Aber auch jene geraten oft durch einen eher abwegigen Zufall dorthin und brauchen einige Zeit, um das zu entdecken, was den verborgenen Reichtum ausmacht.

Der Ort Tarifa liegt im Süden Andalusiens, direkt am Atlantik, etwas westlich und nahe der Meerenge von Gibraltar. Obwohl er über einen Hafen verfügt, der historisch einige Wichtigkeit besaß, um ins gegenüberliegende marokkanische Tanger zu gelangen, wurde er nie zu einem Knotenpunkt der Moderne. Hatte Tarifa während der maurischen Herrschaft über den Süden Spaniens noch eine gewisse Bedeutung, so schwand diese nach der Reconquista, nach der die Spanier den Schwerpunkt auf Algeciras im Mittelmeer legten. Tarifa versank zu einem kleinen Fischerort, von dem aus noch ab und an eine Schiff nach Tanger ging, ansonsten litt es unter dem Fluch der Winde. Abwechselnd suchen der starke Westwind des Atlantiks und der aus dem Süden kommende Mistral Nordafrikas diese Stadt heim. An kaum einem Ort Europas blasen die Winde so stark und Neuankömmlinge, die dort etwas verweilen wollen, klagen über Unruhe und Schlaflosigkeit, weil sie sich an die Heftigkeit der Stürme, die auch wegen der Sogwirkung der Straße von Gibraltar nie nachlassen, erst gewöhnen müssen.

Irgendwann entdeckten Surfer das Fleckchen, weil, so man es kann, dort paradiesische Voraussetzungen für diese Sportart herrschen. Eine kleine, verschworene Gemeinschaft von Aficionados trifft sich hier zwischen Mai und Oktober und sie beweisen ihr Können auf den mächtigen Wellen. Den Charakter der Stadt hat dies kaum verändert, liegen doch die meist schlichten Herbergen der Surfer außerhalb der Stadt entlang der westlichen Küste. Ab und zu durchziehen kleine Gruppen von Touristen den Ort hin zum Hafen, um einen Tagestrip nach Tanger zu machen, aber sonst ist Tarifa ein Hafenstädtchen im Süden Andalusiens, das nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit.

Irgendwann tauchten in Tarifa zwei Männer auf, die sich nicht in die Surferkolonien begaben, sondern ganz bewusst direkt in der Stadt ein kleines Hotel aufsuchten und dort einige Zeit blieben. Man sah sie einige Wochen immer wieder im Ort umherlaufen, sie saßen in den Tapabars, unterhielten sich mit den Einheimischen, verweilten abends auf der Plaza, von der man über das Meer auf das gegenüberliegende Atlasgebirge schauen konnte, rauchten dabei ihre Zigarren und, so wie es schien, schmiedeten Pläne.

Sie mieteten sich einen Jeep und fuhren herum, mal nach Osten, mal nach Westen, immer am Meer entlang. Dann sah man sie an den Stränden in den Bars, wo sie sich mit den Surfern unterhielten. Abends hatten sie immer wieder das Meer und den Atlas im Blick und betrachteten den regen Schiffsverkehr zwischen Mittelmeer und Atlantik, die mächtigen Containerschiffe, die Passagierschiffe, die Fischerboote, die Zerstörer und die Flugzeugträger. Dann fuhren sie nach Tanger, wo sie einige Tage blieben, um wieder nach Tarifa zurückzukehren. Beobachter aus der Stadt stellten fest, dass die beiden Männer immer wieder um eine alte, verlassene Villa am westlichen Stadtrand schlichen, gestikulierten, sich gegenseitig dieses oder jenes Detail zeigten, um sich dann wieder umzudrehen und auf das Meer mit seinem Panorama zu schauen.

In der Stadt begannen sie zu fragen, wem die alte Villa gehöre. Die Antworten, die sie in den Bars, beim Bäcker, dem Metzger oder den Fischern bekamen, war immer die gleiche. Man wusste es nicht, irgend eine Familie aus dem fernen Madrid hatte dort einmal gewohnt und vor vielen Jahren wären irgendwann einmal die Schlagläden nicht mehr geöffnet worden und das gute Stück wäre vom salzigen Wind im Laufe der Jahre wie ein altes Schiff verrottet. Dann saßen die beiden, von denen die Leute erzählten, es seien ganz angenehme Zeitgenossen, die einen merkwürdigen Akzent aus dem Norden hätten, wieder auf der Plaza und blickten versunken auf das Meer und den Atlas, und sie wirkten, als seien sie in Trance. Eines Tages dann waren sie wieder verschwunden und niemand wusste, wohin sie der Wind getrieben hatte.

Wie es so ist in einer kleinen Stadt, Neuankömmlinge werden registriert, genau beobachtet, man redet mal mit ihnen, versucht sich so seinen Reim auf sie zu machen, irgendwann gehören sie dazu, aber wenn sie verschwinden, dann wundert man sich vielleicht ein bisschen, zuckt die Achseln und kehrt zurück zum Tagesgeschäft, backt sein Brot, fängt seine Fische oder betreibt sein kleines Restaurant, schließt abends die Läden wegen des Windes, hört die Nachrichten im fernen Madrid und lebt sein Leben.

Das Erzählenswerte bei diesen beiden Männern war jedoch der Umstand, dass sie, als es kaum noch jemanden in Tarifa gab, der sich ihrer erinnerte, nach vielen Jahren wieder auftauchten. Sie waren grau, aber nicht alt geworden und saßen eines Abends wieder auf der Plaza, rauchten immer noch ihre kubanische Zigarren und blickten wieder aufs Meer. Und wie in den vielen, vielen Jahren vorher, schienen sie wieder wie hypnotisiert zu sein. Und dann berichteten Leute, die sie an der alten, jetzt noch verfalleneren Villa gesehen hatten, wie sie mit Handwerkern und Bauarbeitern geredet und allerlei Anweisungen gegeben hätten. In der Bar an der Plaza erzählte der Hotelier, bei dem sie sich für einen längeren Zeitraum einquartiert hatten, sie hätten die Villa gekauft und wollten dort einziehen, aber auch einen Club aufmachen. Die Gäste rätselten herum, was für ein Club das wohl sein könne, doch hoffentlich kein Bordell! Doch der Hotelier beruhigte die Anwesenden sofort, indem er

sein Wissen kundgab, es werde ein Musikclub. Das beruhigte zwar, barg jedoch nicht weniger Rätsel. Währenddessen gingen die Arbeiten weiter. Ungeheure Mengen an Gerümpel, altem Mobiliar und Bauschutt türmten sich vor dem Haus am Strand und LKWs holten das alles ab und brachten Neues. Die beiden Männer waren jetzt jeden Tag an der neuen Stelle ihres Wirkens, abends gingen sie im Ort essen und gaben auf Fragen auch bereitwillig Auskunft. Sie bestätigten, dass sie einen Musikclub planten und wollten, dass viele Musiker aus der Gegend, aber auch das eine oder andere Ensemble aus der Ferne auftreten sollte. Auf die Frage, welche Art der Musik denn dort gespielt werden solle, antworteten sie stets, es solle etwas Neues sein, das die Seele träfe und neue Motive hervorbringe. Für die meisten klang das doch sehr kryptisch, aber das Misstrauen hielt sich in Grenzen, zumal die beiden Herren großen Wert darauf legten, dass die ansässigen Handwerker aus Tarifa Aufträge bekamen. Diese wiederum berichteten, dass der Keller mit seinem soliden Gemäuer das Zentrum des Clubs werden würde, mit kleinen Tischen und einer niederschwelligen Bühne, im Parterre hingegen eine große Bar geplant sei und viele Nischen, wo man in kleinen Gruppen in großen, bequemen Sessels sitzen, der Musik lauschen oder sich unterhalten und von überall aus den Blick auf das Meer und den gegenüberliegenden Atlas genießen könne. Gleiches könne man auf der großen Veranda erleben, die ja bekanntlich direkt zum Strand hingehe und auf der schöne Palmen bereits Platz genommen hätten. Im Geschoß über der Bar planten die beiden Herren mit ihren Frauen zu wohnen, die irgendwann nachkämen. Die Musiker wolle man in örtlichen Hotels unterbringen, um die lokale Wirtschaftskraft zu stärken, wie auch mit den Restaurants schon Verträge abgeschlossen worden seien, die sie verpflichteten, den Club mit den besten hier erhältlichen Speisen zu beliefern. Nur beim Wein und den Spirituosen behielten die beiden Besitzer es sich vor, auch überregional einzukaufen. Im Großen und Ganzen gab man sich in Tarifa dann doch mit der Entwicklung zufrieden und nicht wenige sehnten sogar den Tag herbei, wann endlich der Club seinen Betrieb aufnähme.

Nachdem die Villa, die vom Stil her an die alten Kolonialzeiten erinnerte, renoviert und weiß getüncht worden war, wirkte sie wie ein Juwel in ihrer sandigen Umgebung, eingesäumt von hergebrachten Palmen und vorne, zur Straße geschützt von kräftigen Zedern und Zypressen. Ganz im Stile der Fassade leuchtete eines Abends zum ersten Mal der Name. Der neue Club stellte sich in großer, roter Leuchtschrift als „A Los Vientos“, „Zu den Winden“ vor, und darunter stand in ganz modernen Lettern noch „Crossroads“. Abends erklärten die beiden Männer auf der Plaza, was sie damit meinten, nämlich das Zusammentreffen vieler Einflüsse an diesem wunderbaren Ort und alle waren damit zufrieden.

Kurze Zeit später trafen die Sachen der beiden aus dem Norden ein und, obwohl der Club noch gar nicht geöffnet hatte, konnte man sie manchmal nachmittags auf der Terrasse sitzen und zu zweit mit ihren Saxophonen spielen hören. Für die, die es mitbekamen, hörte sich das nicht nach dem Norden, sondern nach was Amerikanischem an, aber schlecht war es nicht.

Dann begannen die beiden, Leute aus der Stadt für den neuen Club einzustellen, junge Frauen für die Bar, zwei Tapakünstler für die Snacks, Musiktechniker, zwei ältere Herren für die Kasse, drei junge Männer als Security, zwei Hausmeister und eine ältere Dame für die Bücher. Mit jeder neuen Einstellung kamen neue Informationen in den Ort und irgendwann stieg die Spannung dann doch sehr. So empfanden es viele als eine Erlösung, als überall Plakate angeklebt wurden, die verkündeten, am 1. Mai eröffne der Club Los Vientos und alle Bürgerinnen und Bürger Tarifas seien eingeladen. Zwar stellten sich viele die Frage, wie denn, wenn nur ein Bruchteil käme, die Platz finden sollten in dem kleinen Keller, aber hin gingen sehr viele dann doch.

Schon am späten Nachmittag zog eine regelrechte Prozession von der Plaza heraus aus der Stadt, die Küstenstraße entlang zum Club. Dort war das ganze Areal geschmückt, es wurden Getränke gereicht, leichte Weine und kühle, fruchtige Cocktails. Es gab sogleich überall Tapas, mit allem was das Herz begehrte und die Region zu bieten hatte. Chipriones en su tinta, boquerones en vinagre, Fleischlößchen in Tomate, Ziegenkäse mit Trauben, feurige Chorizos, ölig-scharfe Garnelen und vieles mehr, was sofort die Stimmung beflügelte. Als die Villa von der Menschenmenge verschlungen und von weitem nur noch als eine Monstranz in einem Menschenzug wahrgenommen werden konnte, stiegen die beiden Männer auf die Eingangstreppe und richteten sich an die Menge, indem sie sich immer wieder abwechselten:

„Liebe Freunde und Bewohner von Tarifa, vor vielen Jahren sind wir schon einmal hier gewesen und waren begeistert von dieser Stadt, seinen Menschen und dieser einzigartigen Lage. Wenn man so will, trifft hier das alte, königliche Spanien auf Afrika und der Kulturkreis des ganzen Mittelmeeres auf die Neue Welt jenseits des Atlantiks, die uns jeden Tag gehörig anbläst. Wir haben uns damals, vor vielen Jahren geschworen, dass wir an diesen Ort einmal wieder zurückkommen werden, um hier einen Musikclub aufzumachen, um das Aufeinandertreffen der verschiedenen Welten hier hörbar zu machen. Dann sind wir zurück in den Norden, haben dieses und jenes gemacht, kamen in der Welt herum und immer, wenn wir uns wieder trafen, haben wir beraten, ob wir zwischenzeitlich einen besseren Ort für unseren Traum gefunden hatten. Hatten wir aber nie, und so sind wir unserer Vereinbarung treu geblieben und hierher, nach Tarifa zurückgekommen. Wir wollen hier nicht unser Ding machen, das heißt einen Club, in der wir die Musik nach Tarifa bringen, die wir gut finden, sondern wir wollen die vier Welten, die sich hier treffen, zum Klingen bringen. Und wir wollen, dass ihr diesen Klängen lauscht und euch daran beteiligt. Mögen uns die Winde hold sein und unserem Plan das nötige Glück bescheren!“

Wie auf ein Zeichen schoss Pedro, der Polizeimeister von Tarifa mit seiner Dienstpistole dreimal in den Himmel und der Club Los Vientos war eröffnet. Man hatte sich noch nicht richtig zugeprostet, als schon von der aufgebauten Holzbühne auf der Terrasse die Absätze zu einem langsam ansetzenden und immer schneller

werdenden Flamencorhythmus hörbar wurden. Begleitet wurden die Tänzerinnen von Paco auf der Gitarre und schon begannen die vielen Besucher im Takt zu klatschen. Und so wurde die Stimmung sehr schnell so gut, dass es kein Halten mehr gab. Schnell lag über der Menschenmasse ein Geruch von Wein und Gebratenem, immer wieder wurden alle mit Getränken gutem Essen versorgt. Und die hereinbrechende Nacht wurde zu einem Ereignis, von dem heute noch alle erzählen, die dabei waren und, so wurde berichtet, von der die beiden Clubbesitzer meinten, sei es nur diese eine Nacht gewesen, ihre ganzen Mühen wären allein dadurch reichlich belohnt worden.

Als bereits alle in einer wilden Trance waren und der Flamenco das Unterbewusstsein fest im Griff hatte, tauchte ein pechschwarzer Bluesgitarrist aus Louisiana auf und spielte einfach mit, wobei Paco und er sich musikalisch ständig darum stritten, wohin die Reise ging. Mal klang es bluesig, mal nach Flamenco und irgendwann war das ein andalusischer Blues, den noch niemand vorher so gehört hatte. Abgelöst wurden die beiden durch ein Jazztrio mit Trompete, Bass und Schlagzeug, und sie begannen mit Coltranes Olé und verjazzten danach die Folklore des Mittelmeeres. Es folgte eine Sängerin aus Cadiz, die den ganzen Weltschmerz auf den Atlantik schrie und sich dabei nur von Kongas tragen ließ. Der Abend wurde zu einem Rausch, an dem der Alkohol den geringsten Anteil hatte. Gegen Mitternacht stand ein leibhaftiger Kabilenprinz aus dem Hohen Atlas auf der Bühne, der, begleitet von einer elektrischen Rockgitarre, auf seiner Holzflöte der Berberfolklore gewaltig auf die Sprünge half. Die Gäste waren nicht mehr zu halten und es flaute nicht mehr ab, nicht nach Mitternacht, nicht in den frühen Morgenstunden. Erst als am späten Vormittag des 2. Mai die Sonne zu stechen begann, zogen singende und lachende Menschentrauben nacheinander zurück in den Ort, verschwanden in ihren Häusern, klappten die Läden zu und schliefen bis zum nächsten Morgen.

Das liegt nun auch schon einige Jahre zurück. Das Experiment der beiden Männer kann als gelungen gelten, denn Los Vientos ist ein Begriff in vielen Himmelrichtungen geworden. Immer wieder entstehen einzigartige Begegnungen dort unten auf der kleinen Kellerbühne und alle, die das Glück haben, dann anwesend zu sein, haben etwas, wovon sie bis an das Ende ihrer Tage zehren können, denn sie hören die Harmonie des Gegensätzlichen oder Unterschiedlichen, und das geschieht leider sehr selten.

Die beiden Männer sitzen regelmäßig nachmittags in ihren Schaukelstühlen auf der Veranda und spielen ein bisschen mit ihren Saxophonen, mal den Blues und mal was Maurisches, wie sie es nennen. Zuweilen nicken sie auch mal ein und sie wippen im Wind, weht der Mistral, dann legt sich ein feiner Sandfilm über ihre Instrumente und an die eisgefüllten Gläser, die neben ihnen auf dem Holztisch stehen, und manchmal weiß der Beobachter nicht, ob sie schlafen und träumen, oder ob sie schon in einer anderen Welt sind. Es ist auch egal, denn gesehen haben sie das Jenseits schon, sonst hätten sie das alles nicht vollbracht.