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Samstagsfieber

Als wir an diesem Samstag am späten Vormittag aus dem Schulgebäude strömten und uns in die hinter der Sporthalle liegenden Fahrradständer ergossen, um noch eine zu rauchen, segelte bereits Päule B., unser Kunstlehrer und Meister der Radierung, mit einer mächtigen Schnapsfahne auf seinem viel zu kleinen Fahrrad an uns vorbei und brüllte unter seiner schief sitzenden Baskenmütze zu uns herüber, wir sollten der Avantgarde den Weg frei machen und unsere Eltern nicht wieder am Wochenende enttäuschen. Benno hielt mir eine Reval hin, kniff mir ein Auge zu und meinte, Päule hätte den ganzen Morgen zusammen mit unserem Deutschlehrer Gruske gut Gas gegeben, in seiner Werkstatt hinter dem Kunstsaal, letzterer sei ziemlich auf seinen VW-Käfer zugewankt und schon auf dem Weg nach Münster zu seiner Alten, die sich bestimmt das Wochenende anders vorgestellt habe.

Wir standen in einem Kreis, rauchten und unterhielten uns über unsere Pläne. Bohne, der Hüne, erzählte, er führe mit einem Kumpel nach Dortmund, dort gäbe es eine Diskothek mit Damenwahl, da würde sich mal richtig ausgetobt. Pollux brüllte laut los und bedauerte Bohne, weil er meinte, dass ihn wohl keine Damen ansprächen, weil er ein bisschen dusselig aussähe und er solle nicht so strunzen. Daraufhin schlug ihm Bohne in den Nacken, woraufhin Pollux nur noch lauter lachte und uns ansteckte. Und schon hatten wir das wichtigste Thema eingekreist, denn die Frage, wer am Wochenende eine Frau treffen würde, bewegte uns immer und überall, und das meiste, was erzählt wurde, kam aus dem Reich der Phantasie. So wie wohl Bohnes Geschichte, obwohl er aufgrund von zwei Ehrenrunden älter war als wir und erst kürzlich zugezogen, sodass wir keine Erfahrungswerte über ihn hatten. Die Mädels unserer Schule allerdings fanden ihn abscheulich, die schöne Sabine sagte über ihn, mit seinem dunklen Wuchs sähe er aus wie ein Affe und die von allen Mopedfahrern verehrte Anita meinte, er sei ein dämlicher Johann. So fiel es uns schwer zu glauben, er tauchte im großen Dortmund in einer Disko auf und die Ruhrgebietsmiezen verlören den Verstand, nur weil Bohne mit der dicken Brille eintrat und sich wichtig machte.

„Mensch Bohne, erzähl doch, wie ihr die Sache dann so schaukelt,“ meinte Theo, der immer gutgläubig und skeptisch zugleich war und von dem wir wussten, dass er auf keinen Fall je den Mut gehabt hatte, eine Frau auch nur anzusprechen.
„Der Jupp, mit dem ich da hin fahre, der hat erstmal nen weißen BMW! Wir machen uns ein bisschen schick und dann rauschen wir mit der Kiste vor den Silvermoon und parken direkt vor dem Laden. Das ist schon mal die halbe Miete. Dann gehen wir da lässig rein, erstmal an die Bar und bestellen zwei Fiffi und stecken uns eine an. Der Rest geht wie von selbst!“

„Ich werd nicht mehr“, schrie Pollux, „erzähl doch keinen Scheiß! Im Silvermoon verkehren doch richtig schwere Jungs aus dem Pott und dann kommen Jupp und Bohne mit so ner weißen Viehzüchterschaukel vorgefahren, steigen mit ihren Tortenärschen und Rollkragenpullovern aus, stecken sich an der Theke ne Lux ins ungewaschene Maul und bestellen Coca mit Fuselschnaps und die ganze Erotik des Ruhrgebiets liegt ihnen zu Füßen! Mensch Bohne, erzähl doch kein Stuss! Wahrscheinlich fahrt ihr nach Beckum in die Eisdiele und drückt stundenlang die Equals in der Musikbox und ladet irgendwelche Bauerntrienchen zu so nem türkisfarbenen Eisbecher ein und fühlt euch wie die Kings!“

Und wieder holte Bohne zu einem Schwinger aus, den Pollux aber aushebelte, indem er sich wegduckte, was zur Folge hatte, dass dem dahinter stehenden Brungsbach die Brille von der Nase flog.

„Sach ma Bohne, hast du noch alle Schweine im Rennen?“ schrie dieser den Missetäter an, „Wat kann ich dafür, dat du hier mit deine Märchen auffliegst?“
Jetzt wurde es Bohne so langsam zuviel. „Komm mir jetzt bloß nicht auch noch blöd Brungsbach, sonst gibt’s erst so richtig was in die Schnauze! Außerdem hab ich keine Lust, mit so Zipfelmützen wie euch meine Zeit hier zu verplempern! Guckt ihr mal schön morgen Abend den goldenen Schuss mit Vico Toriani, während ich im Silvermoon das Ruhrgebiet entjungfere!“ Sprachs, schnappte seine speckige Ledertasche, sprang recht ungraziös über den Fahrradständer und verschwand unter lautem Gejohle.

„So Unrecht hat er ja nicht, meinte der dicke Ballauf. Irgendwie is Wochenende doch immer scheiße. Nix los, Glotze und dreimal am Tach mit den Alten essen.“
„Ja, Dicker“, meldete sich Olli zu Wort, „ dann hau doch mal auf den Tisch und mach ne Ansage!“
„Ja, wat denn, du Klugscheißer?“
Jetzt schaltete sich Brungsbach wieder ein:
„Mensch Dicken, bis du blöd? Sach ma deine Mammi, du hättest eine Braut in der Zechensiedlung und die wollte dich heute Nacht im Reihenhaus vorm Pütt mal testen, bevor se sich mit dich verlobt!“

Wir juchten vor Freude, war der Dicke doch Sohn des Stadtdirektors und seine Mutter als eine Furie bekannt, der nichts gut genug für ihren Prinzensohn war.
„Und wenn deine Alte zickt, sach ruhig, du hättest die Kleine schon zwei, dreima aufe Kirmes geknutscht und könntest jetz nich mehr zurück!“
„Brungsbach, du bist doch völlig bekloppt, dir ist wirklich nicht mehr zu helfen“, so der Dicke, ohne dass ihm irgendeine andere Antwort einfiel.
„Ich jedenfalls,“ so meldete sich nun Alfred, werde heute Fußball spielen, dann höre ich Bundesliga im Radio, Sonntagmorgen spiel ich wieder selber und nachmittags geh ich zum ASV, das Wochenende ist gerettet“.

Nun meldete sich wieder Pollux zu Wort, „Mensch Alfred, treibs nicht zu doll, du siehst ja jetzt schon aus wie ein lebender Rasenmäher, guck dir mal deine Beine an! Und deine Frisur ist eh schon wie ein englischer Rasen!“
„Dann hat der Dicke“, schrie jetzt Brungsbach, „ne englische Hecke aufm Kopp!“

In dem Moment näherten sich drei aus der Mädchenklasse, die Sport gehabt hatten und etwas später dran waren. Ganz plötzlich wurde es still und wir rauchten ganz lässig unsere Revals.

„Na Jungs“, meinte die Langbeinige in der Mitte, „alles klar zum Wochenende?“.
„Wenn ihr mit uns mitkommt“, konterte Benno, „dann kann nichts mehr schief gehen:“
„Geht leider nicht,“ kam prompt die Antwort, „wir sind bei Bernhard im Partykeller, der macht heute ein kleines Fest.“
„Denn braucht ihr ja keine Schlaftabletten, bei dem feurigen Elias geht´s bestimmt zur Sache!“ bäumte sich Benno nochmals auf, doch die drei Schönen hatten uns schon längst hinter sich gelassen, lachten jetzt nur noch dämlich und drehten sich ein letztes Mal um, um uns die Zunge raus zu strecken.
„Gott sei Dank hab ich den Fußball“, kommentierte Alfred das gerade Erlebte und irgendwie mochte ihm keiner widersprechen. Außer dass wir alle noch ein bisschen über den blonden Bernhard mit seinem Partykeller lästerten, den Honigmann, der alles hatte, ein Musterschüler war und den wir nur nicht in der Pause verdroschen, weil er ein kränklicher Typ war und immer irgend etwas hatte.

Nachdem wir unsere Kippen in den Vorgarten des immer schreienden Hausmeisters geschnippt hatten, wünschten wir uns ein schönes Wochenende und gingen unserer Wege. Ich lief direkt am Stadion entlang, wo auch ich am Sonntag das Spiel des ASV sehen wollte, bog dann ab in die Allee, auf der ich noch zirka zehn Minuten zu laufen hatte, bevor ich zuhause war. Immer wieder rasten Schüler auf ihren Fahrrädern an mir vorbei, manche grüßten oder klopften mir beim Vorbeifahren auf die Schulter. Karl Schnitzmeier, der Wirt vom Nordstern, stand rauchend vor seiner Kneipe und nickte mir zu, schräg gegenüber kam Frau Wilmes aus dem Metzgerladen und Theo Siggemann verschwand beim benachbarten Frisör.

Zuhause angekommen, warf ich meine Schultasche in den Flur und lief in die Küche, wo meine Tante saß und mir sogleich Kartoffelsalat und Bockwürste auftischte und fragte, ob ich es für heute auch geschafft hatte. Ich bejahte und verschlang alles auf dem vor mir stehenden Teller.
„Außerdem musst du jetzt nicht mehr beim Kundendienst helfen, der Jupp hat schon alles erledigt“ informierte mich meine Tante. „Dein Vater hat mich gebeten, es dir auszurichten, bevor er in die Sauna ist. Du darfst weg, sollst heute Abend aber nicht zu spät zurück sein.“
Ich aß noch schneller und war in wenigen Minuten fertig. Holte meine Jacke, steckte Geld und Zigaretten ein und schon war ich wieder auf der Allee, um Autos anzutrampen, um aus der Stadt zu meinem Ziel in fünfundzwanzig Kilometern Entfernung zu kommen. Ich hatte mich auf Verdacht mit meinem Kumpel vom See verabredet, der dort zur Schule ging und hinterher samstags immer noch in dem Jugendcafé „Pot“ am Fluss anzutreffen war. Dass der Schuppen nur mit einem T geschrieben wurde, sahen alle Pfahlbürger der bornierten Nachbarschaft als Dummheit der Jugendlichen an, ohne zu bemerken, dass sie es waren, die dort auf den Arm genommen wurden.

Die Flucht aus meiner Stadt, und waren es nur wenige Stunden, waren das einzige, was mich die Woche über aufrecht hielt. Ich empfand die Atmosphäre und alles dort, den Trott, die Routine, die Verbohrtheit und die Ignoranz als unerträglich, ohne dass ich hätte groß mit Worten ausdrücken können, was es eigentlich war. Immer umschlich mich eine tiefe Trauer, vor allem, wenn ich mich langweilte, weil ich nichts zu tun hatte. Dann wurde es besonders schlimm, denn ich hatte Zeit zum Nachdenken, was allerdings zu nichts führte, außer dass ich mir unendlich verloren vorkam in einer Welt ohne Sinn.

Umso mehr trieb es mich an, raus zu kommen aus der Stadt, an andere Orte, wo ich bereits andere Freunde hatte, die alle irgendwie ein wenig weiter waren und die den ganzen Stumpfsinn, der auch sie umgab, in Worte fassen konnten.

Ich schlenderte die Allee bis zum Farbengeschäft Stricker, von wo aus die Wahrscheinlichkeit größer war, dass überhaupt jemand die Stadt mit dem Auto verließ und nicht doch irgendwo vorher abbog, um nur die Oma zu besuchen oder Einkaufen zu gehen. Samstagmittags herrschte reger Verkehr und es dauerte nicht lange, bis der erste Wagen anhielt. Und ich hatte Glück, es war der Bruder eines entfernten Bekannten mit seiner Ente, der eine selbst gedrehte Zigarette im Mundwinkel hatte und zurück zur Universität wollte, die ihn durch den Ort führte, in dem der „Pot“ lag. Er ließ mich einsteigen und wir zuckelten dann ganz gemächlich durch die Gegend, der Typ war ganz nett, aber irgendwie auch ein bisschen durch den Wind, alles fand er bärenstark oder affengeil, jovel oder knorke, er hatte lange Haare, trug eine Nickelbrille und seine rechten Zeige- und Mittelfinger waren vom Rauchen dunkelgelb. Der Tabak, den er rauchte, roch nach verbrannter Baumwolle. Unter dem Aschenbecher hing ein völlig abgenudelter Cassettenrecorder, auf den er immer wieder mal einschlug, wenn er stotterte oder streikte und aus dem ein entsetzliches Gedudel drang.

Da ich ein weit bereister Tramper war, wusste ich natürlich, wie man Gespräche mit denen führte, von deren gutem Willen es abhing, wie schnell man sein Reiseziel erreichte und so fragte ich den Typen auch, was das denn für eine wahnsinnige Musik sei. „Livin´Bllues! Das ist das Größte, ich sag dir, der hat ne Transzendenz in seiner Gitarre, das gibts gar nicht.“ Spätestens jetzt hielt ich den Typen für total meschugge, tat aber so, als hätte er mich soeben erleuchtet. Wir zuckelten von Dorf zu Dorf, und in jeder Ortschaft steckte er sich eine neue Zigarette an und hörte nicht auf zu reden.

„Soziologie, ich sag dir, das ist das Fach, mit dem du alles erklären kannst. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind der Schlüssel zur Erklärung der menschlichen Existenz! Nichts, was sich da nicht zeigen würde. Hast du zum Beispiel gewusst, das psychische Verhaltensweisen in bestimmte soziologische Muster münden?“

„Nee!“ antwortete ich, ohne zu wissen, worüber er nun sprach. Für meine Verhältnisse war der Typ doch ärmer dran, als ich dachte.
„Doch, doch! Ich bin da gerade in einem Seminar, wo das genau erklärt wird!“

Ich versuchte, durch eine interessierte Miene und Nachfragen an der richtigen Stelle, ihn in seinem Redeschwall zu halten und hoffte, dass er nicht noch anfing, mir unangenehme Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten konnte.
Als wir schließlich den Ort erreichten, ließ ich ihn an der erstbesten Kreuzung anhalten, obwohl er protestierte und mir anbot, mich bis zum „Pot“ zu bringen. Ich log irgendwas zusammen, ich müsse noch kurz hier in der Gegend was abgeben und war heilfroh, als ich aus dem versifften Aschenbecher mit dem neunmalklugen Fahrer aussteigen konnte.

Mit der Zeit hatte ich eine Typologie derer entwickelt, die mich beim Trampen mitnahmen. Da waren die Neugierigen, die einen ständig ausfragten wie bei einem Verhör, dann die Schweigsamen, die immer sehr konzentriert in den Rückspiegel sahen, die halbwegs Normalen, mit denen man sich unterhalten konnte oder auch nicht, je nach beidseitiger Laune, und dann die Mitteilsamen, die meinten, sie hätten die Weisheit mit Schaumlöffeln gefressen und sie müssten einem die Welt erklären. So einer fuhr jetzt in seiner weinroten Ente weiter und ich spazierte in aller Ruhe in Richtung „Pot“.

Als ich über den mittelalterlichen Marktplatz schlenderte und mich damit meinem Ziel näherte, blickte ich herauf zur Uhr der Laurentiuskirche und sah, dass es bereits halb Drei war und las den Spruch, den mir mein Freund, der aufs Gymnasium ging und dort Latein lernte, übersetzt hatte: Una Tua Erit, Eine wird Deine sein! Weil ich diesen Satz als Bedrohung empfand, beschleunigte ich meinen Schritt, ließ die Kirche hinter mir und war bald in der Gasse am Fluss und betrat den „Pot“.

Wie immer war es ziemlich dunkel, Tageslicht schien nur durch eine grüne Scheibe am Ende des Schlauchs. An den Tischen saßen Junge Leute, spielten Schach oder Mühle und unterhielten sich dabei. Es rauchten fast alle und meistens selbst Gedrehte, was einen Geruch erzeugte, der an brennende Felder erinnerte. Mein Freund saß in einer der Bänke und winkte mir zu. Er hatte eine Langspielplatte auf dem Schoß und zeigte mir sie gleich sehr stolz. Es war Axis: Bold as Love von Jimi Hendrix und ich wurde sogleich nervös, weil ich sie hören wollte.

„Jetzt mal nicht gleich so fickerig, Junge, ich hab schon mit Sklave gesprochen, er hat mir gesagt, er legt sie auf, wenn der Kindergarten weg ist.“
Ich wusste, dass Sklave der Typ genannt wurde, der samstags die Platten auflegte und mit dem Kindergarten meinten sie die meisten Mädels, die noch da waren. Im Gegensatz zu meinen Schulfreunden in meiner Stadt, bei denen sich alles um die Mädels drehte und jede Platte, jedes Moped und jede neue Frisur ausschließlich dazu dienten, die eigenen Chancen zu erhöhen, um mit Sabine, Anita oder Monika mal irgendwo hin gehen zu können, war es beim Publikum im Pot anders. Da galten die Mädels als eher geistig und kulturell minderbemittelt, weil sie so genannte kommerzielle Musik hörten und eigentlich keine Ahnung hatten. Ich selbst hatte schon einmal miterlebt, wie eine sehr hübsche Blondine den Sklaven gefragt hatte, ob er die Beatles auflegen könne und er mit einer Stimme, die nicht hätte verächtlicher sein können geantwortet hatte: „Wenn du tanzen willst, schöne Maid, dann musst du aufs Schützenfest gehen!“ Es kam einer Exekution gleich.

Überhaupt unterschieden sich die Welten sehr, obwohl zwischen diesen beiden Städten nur fünfundzwanzig Kilometer lagen. Meine Freunde in der Schule hörten lieber harten Rock, spielten mit den Muskeln, fuhren Moped, tranken Bier und interessierten sich für Frauen und hier, etwas weiter nördlich, die Freunde meines Freundes, hörten experimentelle Musik, waren eher schlaksig, trugen Brillen, rauchten Selbstgedrehte, tranken Tee und hatten immer so einen arroganten, herablassenden näselnden Unterton. Mir ging es eigentlich nur um meinen Freund, den ich im Sommer regelmäßig am See traf, wo wiederum andere Gesetze herrschten, nämlich die unseren. Wir trafen uns nur manchmal hier im Pot, weil es in der Mitte lag und er hier zur Schule ging. Dennoch beeindruckte mich immer wieder die Musik, die hier aufgelegt wurde. Es war für mich eine neue Welt, die mich ansprach, weil sie schlicht und ergreifend anders war als mein grauer Alltag.
Wir tranken den furchtbaren Tee, rauchten und unterhielten uns über unsere gemeinsamen Bekannten vom See, die wir im Winter kaum sahen und die genauso wie wir irgendwo in Dortmund, Münster oder Bielefeld ungeduldig darauf warteten, dass der Frühling kam und wir uns an den Wochenenden wieder treffen konnten. Irgendwann gingen dann auch die Mädels und Sklave am Plattenspieler rieb sich schon freudig die Hände. Er nahm die Hendrix-Langspielplatte in Empfang und legte sie andächtig auf den Plattenteller, hob vorsichtig den Arm und setzte ihn ab. Als die ersten Klänge zu hören waren, wurde es ganz still im Pot. Und plötzlich roch es auch danach. Niemand unterhielt sich mehr, alles lauschte und wir sahen uns bedeutungsvoll an. Ich hatte noch das Album Are You Experienced im Kopf und tat mich deshalb ein wenig schwer mit dem einen oder anderen Stück, aber mir war sehr schnell klar, dass wieder eine Musik entstanden war, die nicht nur neu, sondern revolutionär war. Von den Texten verstand ich nur Bruchstücke und ich hütete mich, in diesem Kreis danach zu fragen, blickten diese gescheiten Gymnasiasten doch alle sehr intelligent hinter ihren Nickelbrillen hervor. Was mir im Kopf blieb war der Vers castles made of sand fall into the sea, eventually…

Als es immer dunkler im Pot wurde, verabschiedete ich mich von meinem Freund, weil ich zum Abendessen zurück sein musste. Ich schlenderte wieder an dem unheilvollen Kirchturm vorbei, lief über den mittelalterlichen Markt, kam an dem Furcht einflößenden Laurentianum vorbei, in welchem die Pot-Insassen zumeist zur Schule gingen und erreichte die Hauptstraße Richtung Süden, wo ich in der Dämmerung den Daumen heraushielt. Zwar fuhren noch genügend Autos, aber keines hielt an. Es wurde nicht nur dunkel, sondern es begann auch zu winden und später zu regnen. Da ich nicht auf Regen eingestellt war, wurde ich nass und meine Chancen, eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen sanken dramatisch. Mehr als eine Stunde musste ich warten, bis mich ein Lieferwagen mitnahm. Er fuhr zu einer Bauernkneipe cirka fünf Kilometer vor meiner Stadt. Als wir dort ankamen, ging ich mit hinein. Es roch nach Stall, an der Theke standen zwei Typen, die sich die Sportschau ansahen und das Bier zapfte eine dicke Blonde in einem weißen Küchenkittel. Ich bestellte mir ein Pils und eine Mettwurst und fragte, ob ich mal telefonieren könne.

„Klar, komm hinter de Theke, siehste ja, wos steht, koss zwanzich Pfennich.“ Ich drehte die schwarze Wählscheibe und rief zuhause an. Mein Vater nahm nach kurzer Zeit ab. „Ich bin in Friekens, hoffe, mich nimmt gleich einer mit, wollte nur, dass du weißt, wo ich bin!“
„Ist gut, gleich kommt Schalke, machs gut.“ Und er legte auf.
Einer der Sportschaugucker vorm Tresen hatte zugehört und sagte, „Nache Sportschau kann ich dich mitnehmen, fahr bis zur Nordstraße. Wenne wills kanns noch in Ruhe n Pilsken trinken, dann chait dat los!“
„Tofte!“ gab ich zurück und zögerte auch nicht, seinem Rat zu folgen und nickte der Dicken mit ihrem Wasserstoffdutt zu. Zischend kam das Pils aus der Leitung und ich sah mir an, wie Manni Kreuz einen Elfer in die Maschen haute. Das hob kurzfristig meine Stimmung. Bis wir fuhren waren es drei Pils, weil mein Chauffeur meinte, er müsste noch einen Piccolo mit der dicken Küchenschürze trinken.

Der Typ fuhr einen alten Mercedes Diesel, der auch im Innenraum nach Treibstoff roch. Außerdem stank er sehr stark nach Schnaps. Es regnete wieder und dauerte zum Glück auch nicht mehr lange, bis er mich in der Nordstraße, wo ich auch wohnte, herausschmiss. Zuhause angekommen, ging ich gleich in die Küche, machte mir ein paar Brote mit Schinken, holte Gurken aus dem Keramikfass und gesellte mich zu meinem Vater ins Wohnzimmer. Wir unterhielten uns noch etwas über den Spieltag, er fragte mich, was ich gemacht hätte und wie es meinem Freund ginge. Wir sahen noch einen Film zusammen und dann ging ich ins Bett.

Draußen regnete es jetzt in Strömen und Windböen drückten im Hof immer wieder heftig gegen das große Tor. Lange noch lag ich wach, ich dachte an Sandschlösser, die allmählich im Meer versinken träumte vom nächsten Sommer.

New York City V. Schweinebraten in Chelsea

Im Oktober 2008 herrschte Hochwahlkampf in den USA. Zudem war seit wenigen Tagen die Spekulationsblase mit lautem Knall geplatzt. Namen wie Lehman Brothers, Fanny May und Freddie Mac zischten durch die windigen Straßen Manhattans wie gruselige Ankündigungen des Satans. Die Zeitungen, die Newsmagazine, die Fernsehstationen und das Internet waren voll von sensationellen Enthüllungen über die Finanzverbrechen, die an der Wall Street begangen worden waren. Die Menschen auf der Straße bewegte nichts anderes. Puertoricanische Bananenverkäufer schimpften auf Bush, irische Maurer warfen mit ihren Miller Light Dosen nach fetten, schwarzen SUVs, in Little Italy gab es schon am ersten Tag des großen Knalls eine Pizza namens banca rotta und alles spielte verrückt. Banker ohne Krawatten huschten wie beim Ladendiebstahl erwischte Novizen schuldbewusst an den Fressständen der 5th Avenue vorbei, wobei sie von Afroamerikanern mit lautem Klatschen noch weiter gescheucht wurden. New York City war mal wieder Mittelpunkt der Welt, ohne dass es diesmal mit einem Gefühl des inneren Triumphes, sondern dem Empfinden tiefer Scham oder tief sitzender Wut wahrgenommen wurde. Es lag nicht etwas in der Luft, nein, es flimmerte, war siedend heiß und alle warteten darauf, dass es entflammte.

Gleichzeitig befanden sich die USA in dem wohl aufregendsten Wahlkampf seit dem II. Weltkrieg. Nachdem George W. Bush nach zwei Amtsperioden dem Land einen Scherbenhaufen hinterließ, auf dem unter anderem ein furchtbar teuerer und wenig erfolgreicher Krieg im Iran, wirtschaftlich am Boden liegende Schlüsselindustrien, eine große Schere von arm und reich, ein weltweites moralisches Legitimationsproblem einer Supermacht und eine an die Depression grenzende Perspektivlosigkeit zu finden waren, stieg der Stern von Barack H. Obama. Der Politiker aus Chicago war jung, afroamerikanisch, dynamisch und vor allem ideenreich. Er war aus Illinois hervorgeprescht und hatte mit seiner entfesselnden Rhetorik und seinem Charisma nicht nur das demokratische Establishment um Hillary Clinton hinweggefegt, sondern er machte sich nun auch daran, die Republikaner in die Flucht zu schlagen. Barack Obama galt als klug, fair und volksnah. Das wenige, was ihm die politisch ziemlich herab gewirtschaftete Gegenseite vorwerfen konnte, war seine Unerfahrenheit im politischen Weltgeschäft, was allerdings als eine Bedingung für die Eignung zur Führung als der globalen Supermacht galt. Seine Klugheit bestand darin, dass er mit Joe Biden einen Politiker als seinen potenziellen Vizepräsidenten hervorzauberte, der allen formulierten Kritikpunkten, die auf mangelnde Erfahrung zielten, den Boden entzog. Joe Binden war Anfang sechzig, weiß, ein Urgestein in der nationalen parlamentarischen wie in der Weltpolitik, stammte aus dem den Wind des Südens tragenden Delaware und stammt aus der Arbeiterklasse. Ein Grandseigneur der Politik mit Manschetten so steif wie die Atlantikbrise, den diverse Schicksalsschläge nicht aus der Bahn geworfen hatten.

Auf der anderen, der republikanischen Seite kandidierte John McCain, ein Vietnamkriegsheld, ein Veteran und Kriegsgefangener, der nach jugendlichem Abenteurertum den schweren Gang in die vietnamesische Kriegsgefangenschaft angetreten hatte, obwohl ihn Privilegien hätten davor bewahren können. Nach dem Kriege war er über Jahrzehnte in politischen Funktionen und Ämtern für die republikanische Partei, ein so genannter alter Hase, der alle Finten kannte, respektabel auch er, aber nach dem Desaster der Bush-Ära war er wohl nicht das Symbol für den Wandel, das sich die amerikanischen Wähler so wünschten. Was der junge, afroamerikanische Präsidentschaftskandidat mit seinem erfahrenen weißen Vize demonstriert hatte, versuchte nun auf republikanischer Seite der alte, erfahrene weiße Republikaner mit einer jungen, dynamischen Frau aus Alaska. Sie entpuppte sich schnell als ein attraktives Flintenweib, das der Wildnis trotzen konnte, stock konservativ, aber respektlos wehrhaft sein konnte. Sarah Palin war die Kandidatin der Republikaner für das Amt der Vizepräsidentin und das Gesamtarrangement machte den Wahlkampf neben seinen politischen Auseinandersetzungen auch noch durch seine personelle Besetzung besonders interessant. Jeden Tag befanden sich die Kandidaten auf Wahlkampftour und hielten Reden und im Fernsehen waren Duelle sowohl von Obama und McCain als auch Biden und Palin vorgesehen.

Wir befanden uns bereits seit drei Wochen im Land, hatten nach einer Woche New York City ein paar erholsame Tage auf Long Island gehabt und waren dann über Cape Cod nach Boston gefahren, uns dort von dem imperialen Einfluss der Iren überzeugen können und uns den europäisch-intellektuell geprägten Landstrich Neuenglands angesehen. Immer wieder waren wir Zeugen hitziger werdender Wahlkampfauseinandersetzungen geworden, hatten dennoch die insgesamt große Sachlichkeit genossen und es uns gut gehen lassen. Nun waren wir wieder nach New York City zu unseren Freunden zurückgekehrt und wir hatten noch einige Tage. Es handelte sich um Erin und Frank, die ihrerseits in Chelsea im Stadtteil Manhattan wohnten. Chelsea galt im ganzen 20. Jahrhundert als ein Hort der Boheme, was sich bis zum heutigen Tag nicht geändert hat. Zwei Straßen von dem Apartment unserer Freunde befand sich das Chelsea Hotel, in dem nicht nur Schriftsteller wie Arthur Miller, Behan Brendan, Thomas Wolfe, Truman Capote oder Dylon Thomas, sondern auch Musiker wie Jimi Hendrix, Bob Dylan und Janis Joplin gewohnt hatten. Irgendwie wirkte in Chelsea alles unprätentiös und normal, eine emotionale Nüchternheit, wie sie nur wahre Metropolen in der Lage sind, hervorzubringen.

Unsere letzten Tage in New York sollten eine Art Farewell Party beinhalten und Erin hatte vorgeschlagen, zu dem Fernsehduell zwischen Joe Biden und Sarah Palin noch ein befreundetes Paar einzuladen, gut zu kochen, einen guten Wein dazu zu trinken und sich dann anzusehen, wie Joe Biden Sarah Palin filettierte. Denn damit wurde gerechnet, vor allem von unserer Gastgeberin Erin, eine irisch-stämmige Journalistin und Demokratin reinsten Wassers. Frank, ihr Ehemann, war da eher liberal, zumal er ein Deutscher mit Mannheimer Wurzeln ist und tief in seinem Innern immer noch ein deutsches mit einem amerikanischen Uhrwerk konkurriert, obwohl er schon ein Dutzend Jahre in New York City lebt und arbeitet.

Da wir bei den beiden so herzlich aufgenommen worden waren und ich um Franks ausgeprägtes Heimweh nach deutscher Küche spätestens nach unserem halsbrecherischen Unterfangen wusste, 10 Dosen Pfälzer Leberwurst durch die strengen Zollkontrollen des John F. Kennedy Airports zu schleusen, schlug ich kurzerhand vor, ich könne ja etwas typisch Deutsches kochen. Vor allem Frank fand es sogleich großartig und er wünschte sich sogleich einen Schweinebraten. Meine Frau bot sich an, für Rotkraut und Knödel zu sorgen, während ich den Braten zur Chefsache erklärte.

Am Morgen des abendlichen Fernsehduells zog ich also zusammen mit Erin und meiner Frau zum Einkaufen los, während Frank sich zu seinem Arbeitsplatz in der 3rd Avenue auf den Weg machte. Und auch bei dem noch in der Morgenkühle stattfindenden Einkauf vernahmen wir wieder sehr schnell Anzeichen für die Dünnhäutigkeit der New Yorker in jenen Tagen. Als wir eine alte Dockhalle, die sich zu einem sehr schönen Markt entwickelt hatte betraten, wurden wir Zeugen eines Dialogs zwischen einem afroamerikanischen Wachmann und einem offensichtlich homosexuellen Hundeliebhaber. Der Hundeliebhaber wollte gerade die Markthalle betreten, als ihm der Mann der Security, der hinter einer Art Theke im Eingangsbereich residierte bedeutete:

„Sir, es tut mir leid, aber hier sind keine Hunde erlaubt!“
Worauf der Besucher, einen kleinen weißen, nach dem letzten Schrei der Mode getrimmten Pudel auf dem Arm antwortete,
„Entschuldigung, das kann nicht sein, ich habe bereits einen anderen Hund hier herum laufen sehen!“
Wohin gegen der Wachmann sein Eingangsstatement exakt wiederholte:
„Sir, es tut mir leid, aber hier sind keine Hunde erlaubt!“
„Das kann doch gar nicht sein, Sir“, so der Besucher, „wie ich schon sagte, ich habe bereits einen anderen Hund hier herum laufen sehen!“
Nun straffte sich der Vertreter der Ordnung und wurde etwas eindringlicher und lauter:
„Dieser Hund da, der kommt mir hier nicht rein!“
„Ja aber warum denn nicht, das macht doch keinen Sinn!“
„Doch, dieser weiße Hund kommt nicht in diesen Markt!“
„Ja, was hat denn jetzt die Farbe damit zu tun?“
„Ich sage es jetzt zum letzten Mal, diese weiße Schlampe hat hier nichts zu suchen!“
Letztendlich schüttelte der Pudelbesitzer nur noch den Kopf und verließ den Eingangsbereich.

Hatte ich so richtig Spaß an dieser Szene gehabt, so war Erin es ein wenig peinlich. Wir behielten aber unseren Einkaufszettel im Auge, kauften Salat und vor allem Rotkohl und sahen uns die diversen kulinarischen Angebote fasziniert an. An einem italienischen Stand mit Antipasti beobachtete ich, wie Erin sich angeregt mit dem Verkäufer unterhielt und plötzlich ein paar Dollarscheine von der irischen in die italienische Hand wanderten, sehr diskret, ohne dass etwas ge- oder verkauft worden war. Ich nahm es lediglich zur Kenntnis.

Als wir alles beisammen hatten, kamen wir zum letzten aber wichtigsten Einkauf. In der 8th Avenue befand sich ein Fleischerladen, den wir betraten. Es war ein sehr kleiner Raum mit einer Theke, in der zwei, drei große Stücke Fleisch und einige abgepackte Würste des deutschen Metzgers aus Yorkville, östlich des Central Parks lagen, tituliert als German Bratwurst and German Liverwurst. Mit unserem Eintreten erschien ein sympathisch aussehender Mann mittleren Alters aus dem Hinterraum, der eine große, weiße Plastikschürze vorgebunden hatte und ein blau-weiß gestreiftes Hemd trug. Erin und er kannten sich und begrüßten sich entsprechend herzlich.

Nachdem Erin ihm vorgetragen hatte, dass wir einen großen Schweinebraten suchten, weil ich anlässlich unseres Besuchs den nach deutscher Art zubereiten wolle, hellte sich sogleich sein Gesicht auf. Zunächst fragte er mich, was ich denn genau machen wolle und als ich ihm mein Rezept für einen Senfkrustenbraten beschrieb, schnalzte er lachend mit der Zunge und fragte scherzhaft, ob an der Tafel noch ein Platz frei sei. Danach fragte er, ob der Braten eher mager, oder durchwachsen sein solle. Meine mich begleitenden Frauen flöteten gleich die Magerkeitshymne, aber meinem skeptischen Gesicht sah der Mann gleich an, dass es auf etwas anderes hinauslief. Er bedeutete uns, dass er ins Kühlhaus gehen und uns zwei unterschiedliche Beispiele herausholen wolle.

Als er nach hinten verschwunden war, fragte ich Erin, woher der Mann denn käme, denn sein Akzent war sehr speziell. Dass er ein Italo war, hatte ich richtig erraten, aber seine spezielle sprachliche Provenienz war die Bronx. Der Mann kam heraus und legte uns einen sehr mageren, zu meinem erdachten Zwecke nicht geeigneten Braten und ein schön durchwachsenes Exemplar auf den Tisch. Als mich die Frauen halb fragend ansahen und schon ansetzten, um auf das magere Stück deuteten, zeigte ich unmissverständlich auf die aus ihrer Sicht fettere Variante, was unserem Fleischer gleich die Sonne ins Gesicht trieb. Das ist eine sehr gute Entscheidung, sagte er lachend und begann sogleich die ganz fetten Enden abzuschneiden und den Braten in ein gut aussehendes Paket zu verwandeln, indem er hier und da zurechtschnitt und alles schön mit einem Faden zusammenband. Wir verabschiedeten uns herzlich und wir hatten unsere Sympathie zueinander entdeckt. Als ich einige Tage später allein die 8th Avenue auf der anderen Straßenseite entlang schlenderte, kam der Mann sogar aus dem Laden gestürzt und winkte mir überschwänglich über die überaus breite und befahrene Straße zu, als seien wir alte Freunde, die sich ewig nicht gesehen hatten. So schnell finden ein Italo aus der Bronx und ein Westfale aus Mannheim zueinander!

Nach unseren Einkäufen brachten wir alles in die Wohnung in Chelsea, Erin hatte zu arbeiten und wir ließen sie am Nachmittag allein, um uns die Zeit ein wenig im Village zu vertreiben. Am späten Nachmittag kamen wir zurück und begannen zu kochen.

Irgendwann traf Frank ein, warf seine blaue Finanzuniform ab und eine gute Stimmung kam auf. Die ersten Biere wurden getrunken, es roch immer besser, der Tisch wurde gedeckt und via Internet ein Bebob-Sender kreiert, der uns sehr gute Musik lieferte. Während ich immer wieder in der Küche stand, um den Prozess der Reife des Bratens in dem amerikanisch überdimensionalen Gasbackofen zu beobachten, deckten die anderen den Tisch und alberten ziemlich herum. Irgendwann während dieser ausgelassenen Geschäftigkeit klingelte es und ich hörte aus der Küche heraus eine Frauenstimme.

Selbige tauchte plötzlich hinter mir auf. Als ich mich umdrehte, stand ein ultrablondes Wesen mit türkisfarbenen Augen und strahlend weißen Zähnen vor mir, lachte mich an und stellte sich mir vor mit, High, I´m Ann! Und noch bevor ich etwas aus meinem Senfkrustenteint antworten konnte, deutete sie, immer noch strahlend, auf den Boden und schob nach And that´s Rocky! Dort unten stand ein weißer, verkleideter Pudel, der um den Rumpf eine rot karierte Jacke trug und mich mit leuchtenden Augen ansah. Etwas überrascht brummte ich zurück, ich sei der Besuch aus Germany und freue mich, so zauberhafte Wesen zu treffen, als Ann gleich ablenkte und den Geruch des Bratens pries. Wir gingen zusammen, auch mit Rocky, auf den Freund hatte ich gleich ein skeptisches Auge geworfen, ins Wohnzimmer und Ann erzählte auf Nachfrage, Kirk suche noch einen Parkplatz und käme gleich.

Wir nahmen am Tisch Platz und ich erfuhr, dass Ann und Erin zusammen Journalismus studiert und ein gemeinsames Volontariat bei einem Provinzblatt in Massachusetts absolviert hatten und Ann mittlerweile in Los Angeles lebte. Dann klingelte es erneut und kurze Zeit später erschien laut polternd Anns Lebensgefährte Kirk, etwas klein und bullig, in einem weit aufgeknöpften Hawaiihemd, langhaarig und bärtig und mit zwei Flaschen Wein winkend. High, I´m Kirk from California, I´ve got some nice wine from there especially for you to get the taste of the sun. Auch Kirk setzte sich zu uns, stellte beide Flaschen neben sich und öffnete sogleich die erste und bediente sich. Nachdem er sich nach unserer Herkunft und Tätigkeit erkundigt hatte, stellte er sich als Director der Muppets Show vor, der bis Ende des Jahres in New York weile, um eine Weihnachtsgeschichte für diese Show zu arrangieren.

Irgendwann zog ich mich in die Küche zurück und als der mit vielen Vorschusslorbeeren angekündigte Senfkrustenbraten auf einer großen Platte den Tisch erreichte, hatte Kirk bereits die erste Flasche Rotwein geleert und griff gleich nach der Platte, die er bei sich postierte und von dort aus an alle anderen verteilte. Frank bekam auch reichlich zugeteilt, die Damen aßen mäßig, aber vollen Lobes und Kirk und Frank feierten die Mutter aller Schlachten. Sie langten hin, dass es einem warm ums Herz wurde und spülten kräftig mit Wein nach. Die Stimmung stieg und stieg und als die Teller und Töpfe leer waren und auf die Uhr schauten, wurde es auch schon Zeit, den Fernseher anzuschalten, um das Duell von Sarah Palin und Joe Biden anzusehen.

Nachdem die beiden mit viel Pomp eingeführt waren, legte die Gouverneurin von Alaska, die so genannte Trumpfkarte von John McCain, sogleich los und attackierte den Kandidaten Obama als einen Mann ohne Erfahrung und Format. Alles wirkte sehr einstudiert, sie sah ihren Kontrahenten Biden gar nicht an, sondern lachte immerzu in die Kamera, als hielt sie eine Fernsehansprache. Die Argumente wirkten sehr aufgesetzt und klangen nicht nach einem Konzept für eine Regierung, die das ruinöse Erbe der Bush-Ära auflösen wollte, was für eine republikanische Herangehensweise zugegebenermaßen auch nicht einfach war. Wer jetzt allerdings damit gerechnet hatte, dass Joe Biden dieser wie eine kokaingepuschte Laienschauspielerin vorkommende Akteurin mit gesalzener Polemik kontern würde, der lag falsch. Biden trat auf wie ein Grandseigneur. Zunächst wies er darauf hin, dass es ihm sehr eigenartig vorkomme, dass ein Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten überhaupt stattfände. Denn, so Biden, der Vizepräsident habe laut Verfassung nur eine nach geordnete Rolle und nur in einem Fall, Gott bewahre, stehe er im Rampenlicht, nämlich beim plötzlichen Tod des gewählten Präsidenten. Ansonsten stehe er einigen unbedeutenden Ausschüssen vor, was ein Understatement par excellence war, aber Sarah Palin mit einem Schlag die Bedeutung nahm. Dann sezierte er die Schwachpunkte aus McCains Programm auf, ohne diesen nicht vorher überschwänglich für seine großen Verdienste um das Vaterland gelobt zu haben. Das war einfach großartige Diplomatie und Sarah Palin, die auf ein verbales Gemetzel programmiert worden war, zunehmend unsicherer machte. Immer, wenn sie dann in ihrer schnoddrigen Art ansetzte, schrie Kirk, der neben mir auf dem Sofa lag und vom Wein und Senfkrustenbraten sichtlich sediert war, laut auf, als erwache er aus einem Traum und rief immer nur den Satz: Honey, I made you a fine cookie!, womit er alles gesagt zu haben glaubte, was man Sarah Palin als Charakterisierung zukommen lassen müsste. Vielleicht arbeitete er auch schon an einer Version für die Muppets Show, wer weiß, und dabei verknotete er dem ihm zu Füßen liegenden Rocky immer die Ohren, was dieser ungläubig über sich ergehen ließ. Ann saß Kirk zu Füßen und nickte ebenfalls immer wieder ein, Frank folgte der Sendung ebenfalls nur noch sporadisch, nur Erin, selbst engagierte und eingefleischte Demokratin, war sehr aufmerksam. Als die vermeintliche Schlacht geschlagen und das offensichtliche Desaster der Sarah Palin ausgeblieben war, weil Joe Biden es als Gentlemen nicht zugelassen hatte, schien sie sogar ein bisschen enttäuscht und ich versuchte sie zu trösten, indem ich ihr meine Sichtweise darlegte und Joe Biden als eine Koryphäe ersten Ranges und mit Stil charakterisierte, was sie zu besänftigen schien.

Irgendwann weckten wir dann den Besuch und unter lautem Hallo verabschiedeten wir die leuchtende Ann, den immer verwirrter dreinschauenden Rocky und den polternden Kirk, den wir dann noch aus dem Treppenhaus immer wieder schreien hörten Darling, I made you a fine cookie! Alles in allem war es ein gelungener Abend und obwohl die Konzentration auf das Politische sehr unter dem Schweinebraten gelitten zu haben schien, wirkte er sich nicht negativ auf die Kampagne aus. Joe Biden blieb hellwach und hatte zivilisiert gepunktet. Das beruhigte mich. Sehr!

Y2K in Jakarta

Was war das für ein Hype im Vorfeld. In allen internationalen Projekten dominierte nur noch eine Frage. Was passiert um Null Uhr zur Jahrtausendwende? Unternehmens- und vor allem Softwareberatungen prophezeiten den totalen Kommunikationszusammenbruch, das informative Desaster an sich, den Absturz aller computergestützten Systeme, die Unterbrechung der Energieversorgung, den Ausfall der Verkehrssysteme, die plötzliche Erkaltung der Fischzuchtbecken, den Streik der Klimaanlagen, den Supergau von Nuklearanlagen, das Versagen der militärischen Überwachungsszenarien, den Crash der Börsen und die Agonie der internationalen Finanzinteraktionen und eigentlich das Ende der Zeit.

Kein Tag, an dem nicht die Zeitungen voll von apokalyptischen Reitern waren, die mit forciertem Ritt auf die Zivilisation von zwei Jahrtausenden zustürmten, um diese dem Erdboden gleichzumachen. Hier ein düsteres Szenario und dort eine böse Prophezeiung. Die Geschäfte ließen nicht auf sich lange warten. Kein großes Unternehmen, keine internationale Organisation, kein Ministerium und keine politische Vereinigung, die sich nicht Experten ins Haus holten, um das drohende Ende, welches unter dem Zeichen des Y2K auf ein digitales Akronym unheilvoll tituliert worden war, zu bekämpfen.

In Jakarta war das nicht anders. Vor allem im Golden Triangle, wie das Finanzviertel in Anspielung auf das Drogenmekka auf dem südostasiatischen Festland genannt wurde, rannte die Brokerseele Amok. Dort war das wahrhafte Y2K-Fieber ausgebrochen und die Emergency Taskforces arbeiteten seit Monaten rund um die noch laufende Uhr. Auch die Jakarta Post, das englischsprachige und qualitativ hoch stehende Tor Indonesiens zur internationalen Pressewelt, widmete täglich die wichtigsten Seiten diesem bevorstehenden Ereignis. In allen internationalen Projekten, derer es viele im Indonesien der Nach-Soeharto-Ära gab, wurde ebenfalls das laufende Geschäft fast komplett eingestellt und man widmete sich exklusiv der Frage, wie die Expertise den Institutionen des Landes zur Vermeidung des Desasters zur Verfügung gestellt werden könne.

In den genuinen Institutionen des Landes sah es allerdings etwas anders aus. Indonesier, und vor allem die alles dominierenden Javaner, ticken anders. Zum einen teilten sie die Ängste, dass etwas gehörig schief gehen könne. Allerdings sahen sie sich nicht in der Lage, dagegen etwas zu tun. Sie haben eine sehr schicksalsdeterminierte Weltsicht und die psychische Stabilität, ein bevorstehendes Unheil mit Haltung und innerer Sammlung zu erwarten. Zum anderen sahen sie doch die eine oder andere Möglichkeit, die internationalen Experten in ihre Arbeitshäuser einzuladen und das eine oder andere gewinnbringende Projekt gegen dieses Y2K ins Leben zu rufen. In solchen Fällen sprang immer etwas ab, also, warum nicht?

Wie die Menschen Jakartas insgesamt mit dieser Situation umgingen, entsprang sehr der seelischen Verfasstheit dieser Stadt. Es wurde immer mit einem Lächeln darüber geredet und man versuchte, Geschäfte damit zu machen. Es gab Y2K-Dinner, Kino- und Diskothekenereignisse, man lud zu Y2K-Fahrten ans Ende der Zeit, es gab T-Shirts, Journale, und Rabattaktionen in allen namhaften Kaufhäusern, Taxifahrer fragten nach einem Y2k-Bonus und man erzählte, dass selbst die Nachtschwärmer in den Bars von den Damen Y2K-Tarife genannt bekamen. Das Geschäft lief, und deshalb empfanden die meisten Bewohner der Stadt das bevorstehende Ereignis als eine insgesamt gute Sache.

In der indonesischen Regierungsinstitution, in der ich damals arbeitete, war man sehr gelassen geblieben und bis auf ein kleines Team, das sich wohl bei gesüßtem Tee und viel fettigem Gebäck in den Computerraum zurückzog, um sich die Sache in aller Ruhe anzusehen, hatte der Rest frei. Meine Kolleginnen und Kollegen planten, ganz traditionell im Kreise ihrer Familien die Jahreswende, und sei es auch eine Jahrtausendwende, zu Hause im Kreise der Familie zu verbringen. Die meisten internationalen Experten nutzten diese Zeit, um entweder in ihre Heimatländer zu fliegen oder Trips nach Australien oder Neuseeland zu unternehmen, um von Asien in eine westliche Zivilisation zu fliehen. Nur wenige blieben, manche, weil sie die unglückliche Karte gezogen hatten, in einem internationalen Projekt das Ereignis an flimmernden Bildschirmen verfolgen zu müssen, andere wiederum, weil sie sich in dem Land wohl fühlten und ihre Refugien gefunden hatten und nach Pelabuhan Ratu oder Pangandaran am indischen Ozean fuhren, um dort unter Palmen in den Nachthimmel der südlichen Halbkugel zu schauen und zu sehen, wie die Welt sich weiter drehte.

Meine Frau und ich hatten vor, in Jakarta zu bleiben, es uns gut gehen zu lassen und zu beobachten, was auf uns zukam. Meine Präferenz für den Sylvesterabend war das JAMZ, ein kleiner, exklusiver Jazzclub im Herzen der Stadt, in dem wir verschont sein würden von der ganzen Hysterie, etwas Gutes essen konnten und die Gewissheit hatten, bei exzellenter Musik eine unvergessliche Nacht zu erleben. Eine Freundin, Ann Madeleine, hatte Besuch von einem Freund aus Deutschland und bat uns, mitkommen zu dürfen, wogegen wir nichts hatten. Also bestellte ich einen Tisch für vier Personen.

Gegen 20.00 Uhr am Sylvesterabend fuhr uns Marsoudi, unser Fahrer, zu viert zum JAMZ. Das JAMZ war ein Jazzclub, den ich zu schätzen gelernt hatte. Von seiner Konzeption her hätte er auch in Los Angeles oder Boston beheimatet sein können. Es handelte sich um ein sehr exklusives Etablissement in Jakartas modernem, durch Hochhäuser geprägten Zentrum und gehörte einem Produzenten und Inhaber eines Fernsehsenders, der sich einen Platz geschaffen hatte, an dem er seinem Steckenpferd, dem Jazz, frönen konnte. Er selbst spielte sehr gut Klavier, hielt sich selbst jedoch, was die Bühne anbetraf, bis auf sehr seltene Gelegenheiten zurück. Stattdessen gab er den renommierten Musikern wie den Nachwuchskräften dieses Genres einen Platz, an dem es an nichts fehlte.

Ich selbst pflegte, wenn es meine Geschäftsreisen auf dem Archipel zuließen, montags dorthin zu gehen, weil immer dann der Musiker Kiboud Maulana, den die Indonesier selbst Raja Blues, den König des Blues nannten, mit seiner All Star Band auftrat, die aus den besten Musikern des Landes bestand und eine Stammformation von sieben Virtuosen hatte. Sie spielten dann immer von Neun bis Eins, zum Teil ihr eigenes Repertoire, zum anderen Teil Stücke, die das Publikum hören wollte und auf kleine Zettel schrieb, die auf die Bühne herauf gereicht wurden. Und immer wieder tauchten an jenen Montagabenden Musikerinnen und Musiker auf, die sich ins Publikum setzten und dann auf die Bühne gerufen wurden, um mitzuspielen. Das waren Highlights, wenn der Trompeter Riu Riu aus Bali, benannt nach einem Singvogel, die Sängerin Berta aus Kalimantan, oder die holländische Band Focus mit auf der Bühne standen und zusammen mit der All Star Band die Zeit stehen ließen. Für mich war das Heimat pur in diesem asiatischen Moloch, der jährlich um eine halbe Millionen Menschen wuchs, in dem ich für die zwölf Kilometer von meinem Haus zur Arbeit täglich zwei bis drei Stunden brauchte, in einer politisch unruhigen Zeit der Straßenschlachten und Plünderungen, der Krisen und immer wieder aufleuchtenden Hoffnungsschimmer. Das JAMZ bot eine feste Größe, hier wurde Musik gemacht, hier, in diesem kleinen Raum, der maximal sechzig bis siebzig Menschen Raum bot, traf man Leute aus allen Teilen des Landes und der ganzen Welt, Politiker, Finanzmogule, Straßenmädchen, internationale Experten, chinesische Händler, indische Köche, türkische Consultants, Leute aus dem Showgeschäft und Militärs. Hier saß man in seinem Ledersessel, nur wenige Meter von der Bühne entfernt, bekam zu einem fairen Preis ein gutes Essen oder einen exotischen Drink, und konnte ganz entspannt der Musik lauschen oder Gespräche führen. Mit der Zeit kannte man alle und hier und da spannen sich Fäden, die nützlich waren, denn in Indonesien ist der persönliche Kontakt alles und öffnet Wege, die formale Zugänge niemals auftun. Oft fuhr ich montags allein in JAMZ und wenn ich nachts zurück durch das niemals schlafende Jakarta zog, war ich wie neu geboren.

Als wir dort, in der kleinen Jalan Garnisun, einem Abzweig von der Residenzstraße Jalan Sudirman, ankamen, war bereits großer Betrieb, vor allem von Besuchern einer Diskothek, die im selben Komplex war. Als ich Marsoudi sagte, er könne auch nach Hause zurück zu seiner Familie, zog er es vor, dort zu bleiben und zu warten und mit all den anderen Fahrern das Treiben zu beobachten. Wir betraten das JAMZ, bekamen unseren Platz zugewiesen und stellten fest, dass das Publikum diesmal etwas weniger international und mehr traditionell javanisch war. Viele Damen trugen seidene Saris mit traditionellen Mustern und die Herren Sarongs. Man saß dort bei einem Fruchtsaft und wirkte sehr beherrscht.

Wir bestellten etwas zu essen, versanken in unseren schweren Ledersesseln und ließen es uns gut gehen. Als erstes spielte eine Rockband aus Yogyakarta, deren Interpretationen sehr lyrisch waren und uns weniger faszinierten. Danach, so gegen zehn, stand die Sängerin Berta auf der Bühne, eine schwergewichtige Balinesin, die einige Jazzstandards mit ihrer wuchtig zarten Stimme darbot und uns mehr in Stimmung versetzte.

Mit Fortschreiten des Abends blieb alles sehr verhalten, das Javanische dominierte und die traditionell gekleideten Gäste benahmen sich wie bei einer Zeremonie. Als dann gegen Elf die Kiboud Maulana All Star Band auf der Bühne erschien, änderte sich das schlagartig. Kiboud Maulana hatte einige traditionelle javanische Lieder verjazzt und vor allem das Stück Es Lilin versetzte das Publikum in Entzücken und alle sangen mit. Für eine Dreiviertelstunde bekamen wir eine Lektion darüber, dass der Jazz zur Weltmusik avanciert war. Maulana riss die traditionelle Fünftonmusik der javanischen Schule in ein Schema von Analogien der Blues Scales, ohne dass es gewalttätig wirkte, die Themen behielten ihre Identität, erhielten aber eine völlig neue Dynamik und die Variationen streiften die unterschiedlichsten Lebensgefühle. Zwinkernd standen er und sein Bruder Ireng auf der Bühne, als würden sie uns zu verstehen geben, dass wir doch alle dieses Geheimnis zu entschlüsseln vermöchten.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht wurde eine Pause angekündigt und Kiboud teilte uns mit, dass wir jetzt alle zusammen die bösen Geister zu vertreiben hätten, um es uns danach im neuen Jahr und Jahrtausend gut gehen zu lassen. In der einsetzenden Pause wurden noch einmal Bestellungen aufgegeben und als es kurz vor Zwölf war, kramten alle hektisch in ihren Taschen und eigenartige Utensilien hervor.

Als das Zeichen gegeben wurde, sprangen plötzlich alle auf und bliesen in bunte Pappinstrumente, die von ihrem Klang her nicht anders als Tröten bezeichnet werden konnten. Ältere javanische Damen im Sari sprangen durch den Raum und bliesen was das Zeug hielt. An der Br stand ein Viersternegeneral in vollem Ornat und rotzte regelrecht wie ein wild gewordener Straßenbengel in ein rosa glitzerndes Hörnchen, das von seinem Klang an ein unreines Ferkel erinnerte. Und ein Mann mit einem Turban aus dem Sultanspalast zwitscherte durch ein giftgrünes Ding wie ein Rohrspatz. Und so plötzlich, wie das alles entstanden war, verstummte nach circa fünf Minuten wie auf ein Signal hin das kakophonische Konzert und die noble Gesellschaft saß wieder gesittet an ihren Tischen, als wäre nichts gewesen.

Wir amüsierten uns noch eine Weile über das Schauspiel, das wir soeben genossen hatten, zeigte es uns doch wie aus dem Lehrbuch, mit welchem Plan die Javaner ihre Rituale durchzogen. Um ca. halb Eins dann tauchte die All Star Band wieder auf, d.h. zunächst erschien der arabisch stämmige Schlagzeuger und der Bassmann, ein junger Mann, von dem ich wusste, dass er aus dem Stamme der Dayak kam, die sich auch als Kopfjäger in Kalimantan einen furchtbaren Namen gemacht hatten. Kahl geschoren, mit einem Stirnband und einer Feder als Kopfschmuck, erschien er drohend wippend allein vor seinem Schlagzeuger und begann in einem Funkrhythmus den Miles Davis Tune So What? Der Groove kam aus dem Innersten des geschundenen Menschen und war ein derartig gezielter und witziger Schlag ins Gesicht der Y2K-Hysterie-Profiteure, dass es uns allen die Sprache verschlug. Yayad, wie der Gift spuckende Bassist hieß, und Achmed am Schlagzeug dachten nicht daran, die Bühne für den Fortgang des Stückes frei zu geben. Drohend und unheilvoll wippte Yayad mit seinem Bass von einer Richtung in die andere, stets eine Partie der Schultern vorziehend, als hole er zum finalen Schlag aus.

Und immer wieder kam der Lauf von unten nach oben, um in einem temporär erlösenden Seufzer die ganze Vergeblichkeit von Spannung und Entspannung zu karikieren. Der drohende Blick und die Bewegungsabläufe dieses funkenden Dayaks hatten etwas animalisch Mortales und immer wieder, bevor der Seufzer mit dem Doppellauf ertönte, geschah es, dass sich erschrockene Zuhörer im Publikum weg duckten. Es war einer der wenigen, großen, bewegenden Momente, in denen offenbar wird, welche existenzielle, kosmische Kraft die Musik entwickeln kann, wenn Menschen ihre Urerfahrung und archetypische Existenzform vermögen in Schwingungen zu versetzen. Das war nicht Y2K, nein, das war das Universalthema überhaupt, was da über die Bühne groovte, und dieses unter dem Titel So What? zu inszenieren, war gigantische Ironie.

Als nach einer Viertelstunde die Band einsetzte, war alles ausgedrückt, was es zu diesem Ereignis zu sagen gab, sämtliche feinen Sarongs und Saris waren trotz der starken Klimaanlage durchgeschwitzt und eine kontemplative Erschöpfung machte sich breit. Wir verließen das JAMZ gegen drei Uhr morgens, kämpften uns durch unzählige Autokorsi nach Hause, von wo Marsoudi sich dann noch aufmachte, um nach Ancol zu fahren, wo der größte Gong Asiens an der javanischen See geschlagen wurde, um die bösen Geister zu vertreiben und sich Millionen versammelt hatten. Wir hingegen fielen in einen traumlosen Schlaf.

Morgens um Acht war Marsoudi immer noch nicht zurück und ich ging in den Garten, über dem bereits unbarmherzig die Tropensonne den neuen Tag zelebrierte und fütterte die Papageien. Dabei pfiff ich ihnen immer wieder den Basslauf des wütenden Dayak vor. Und sie ignorierten ihn. Und ich dachte mir: So What?