Archiv der Kategorie: short stories

Aller Anfang ist schwer

Du kennst das. Wie ein Fliegerangriff rauscht der Klang des Weckers in dein Schlafzimmer. Mitten aus dem Nichts schnellst du hoch, ohne Orientierung, den kalten Schweiß im Nacken, Herzrasen. Dann, so langsam, während du schluckst und schmatzt wie ein Bär, wird dir bewusst, wo du bist und dass dich ein äußerer Zwang zu irgend etwas treibt. Es ist die Pflicht, die dich ruft, deren Sinn du nicht verstehst.

Langsam schleichst du aus deiner Höhle hinaus und tastest dich ins Badezimmer. Und die ersten Signale, die du empfängst, sagen dir, dass das nicht dein Tag wird. Da ertappst du dich dabei, dass du dir Rasiercreme auf die Zahnbürste drückst oder Zahncreme in den Pinsel jagst, du schneidest dich mit zittriger Hand, und rutschst beim Duschen fast aus. Als wäre das alles nicht genug, als sagte dir das Schicksal nicht jetzt schon: lass es sein!, tastest du dich weiter vor in die Küche und verschüttest prompt den Kaffeesatz, bevor du die Maschine neu befüllen kannst.

Aus dem Radio kommen Nachrichten, die den Weltuntergang nahelegen und ein Wetterbericht, der klingt wie Dantes Inferno. Spätestens jetzt solltest du begriffen haben, dass das nicht dein Tag wird. Aber nein, du bist ein pflichtbewusster Mensch und lässt dich vom geraden Pfad ihrer Erfüllung nicht abbringen. Während du die Zeitung holst, begegnet dir der Nachbar, den du schon immer am Zaun hängen sehen wolltest und du schämst dich, weil du nicht ehrlich bist und ihn zur Strecke bringst, sondern ihn auch noch freundlich grüßt. Da fühlst du dich schlecht, sehr schlecht. Dann setzt du dich an den Küchentisch, schlägst die Zeitung auf und ärgerst dich schon wieder. über die Politik, über die Niederlage deines Vereins und über die Wettervorhersage. Schnaufend faltest du das ohnehin schlechte Blatt, dass du schon vor Jahren kündigen wolltest, zusammen und wirfst es in die Kiste mit dem Altpapier.

So langsam, glaubst du, kommst du auf Betriebstemperatur. Du schreitest mittlerweile majestätisch auf den Kühlschrank zu, öffnest die Tür und holst Eier und Speck heraus. Du bist alleine, sagst du dir, Ökopolizei und Gesundheitsgeheimdienst sind auf Dienstreise, heute kannst du leben wie ein König. Du stellst die Pfanne auf den Herd und machst sie mit echter Butter geschmeidig, wirfst den Speck hinein, wartest, bis er Hymnen singt und goldbraun wird, bevor du zischend die Eier in die Hölle wirfst. Zwei Scheiben Toast aus reinem Weißmehl, die dir entgegen strahlen wie eine Parole auf einer Demonstration, empfangen den Pfanneninhalt wie gierige Kinder. Nun steht alles auf dem Tisch. Zur Krönung holst du dir eine Tasse von dem starken Kaffee, schwarz wie die Nacht. Fast rituell ist erst ein Schluck Kaffee fällig, bevor du das Mahl, dass dich mit dem beginnenden Tag versöhnen soll, zu dir nimmst.

Doch anstatt wohl gefälliges Grunzen entfährt dir ein Laut heiseren Protestes, während du die Brühe Richtung Lampe bläst. Dass dein Gehirn wieder arbeitet, merkst du sofort, du weißt, dass das Elixier nach Essig schmeckt, wofür die große Liebe deines Lebens verantwortlich ist, die die Maschine gereinigt und die Verkalkung bekämpft hat. Doch deine Laune schlägt um, oder genauer, sie kehrt zum morgendlichen Ausgangspunkt zurück. Du stürmst aus der Küche, rennst in dein Arbeitszimmer, reißt die Schublade vom Schreibtisch auf, greifst dir den Revolver und entleerst die ganze Trommel beim Zerschießen des Kronleuchters. Das tut verdammt gut. Und auch dieser Tag kann beginnen.

Brassed Off

Selbst wenn die inszenierte Sentimentalität, die Konsumhysterie und die Gewissensrituale durchschaut sind, bleiben in der deutschen Psyche bestimmte Ereignisse verhaftet, die eine hohe Emotionalität garantieren. Auch mir geht es so. Ein Weihnachtserlebnis, das mir nie aus dem Sinn gehen wird, stammt aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Noch bevor hier in Deutschland die Bastionen der organisierten Arbeiterbewegung gestürmt wurden und der Neoliberalismus Konturen annahm, zerfetzte eine Premierministerin in Großbritannien, die sich selbst eine eiserne Lady nannte, den hoch industriellen englischen Norden wie einen Plüschtiger. Die Bergarbeitergewerkschaften, trade-unionistisch sui generis, halfen da nicht mehr, nur eine kleine, radikale, trotzkistische Union organisierte die Streiks gegen den Untergang. Hier in Deutschland versuchten wir die Streikenden zu unterstützen und schickten von unseren zusammen gekratzten letzten Kröten zu Weihnachten Lebensmittelpakete in die Streikregionen. Es half nichts. In wenigen Jahren wurden mehr als 100 englische Zechen geschlossen und während sich hier die Kumpels noch die Augen rieben über das, was in Deutschland eben erst begonnen hatte und noch verstärkt vor sich gehen sollte, waren die britischen Miners schon Geschichte. Das war sehr bitter, und den Weihnachtsabend, an dem wir uns in meiner Familie wegen der Streikenden in England zu streiten begannen, werde ich nie vergessen.

Jahre später, genauer gesagt 1992, erschien ein englischer Low Budget-Film mit dem Titel Brassed Off. Er erzählte noch einmal die Geschichte der englischen Bergarbeiter am Beispiel einer Blaskapelle. Das Schicksal dieser Blaskapelle und ihrer Protagonisten wurde zur Metapher von Englands Norden, dem Sterben der Zechen und der Mentalität von Bergleuten schlechthin. Für mich, der ich in einer Bergarbeiterstadt aufgewachsen war, fungierte Brassed-Off fast als Nachweis für das soziale Umfeld meiner Herkunft. Wenn Menschen, die aus anderen Regionen oder Milieus kamen und bestimmte Werte oder Verhaltensweisen meinerseits nicht verstanden, dann riet ich ihnen, sich diesen Film anzusehen.

Die Story des Films ist schnell erzählt: Eine Zeche, von der das ganze Gemeinwesen abhängt, ist kurz vor der Schließung. Gleichzeitig kämpft die Blaskapelle der Bergleute gegen ihren Niedergang. Die allgemeine Depression ihrer Mitglieder und die finanziellen Schwierigkeiten aller deuten auf ein schnelles Ende hin. Wäre da nicht zum einen der Dirigent und Mitgründer der Kapelle, der große Autorität besitzt und eine junge Analystin, die die Rentabilität der Zeche prüfen soll, aber aus dem Ort stammt und Enkelin eines Mitbegründers der Kapelle ist. Sie darf in der Kapelle mitspielen, weil sie im Ort geboren ist und das Flügelhorn ihres Großvaters beherrscht und gleichzeitig ihren Auftrag bei der Zeche verschweigt. Und der Dirigent geht seinen Weg ohne sich von seinen Überzeugungen abbringen zu lassen. Über viele Probleme und entsetzliche Schilderungen über den Niedergang des Gemeinwesens und die Zerstörung des Selbstwertgefühls mausert sich die Krisen geschüttelte Kapelle zum Sinnbild von Selbstrespekt und Kampfgeist. Zum Schluss gewinnt die Kapelle einen nationalen Preis in Londons Royal Albert Hall, den sie aber nicht annimmt, um auf Thatchers Politik der Zerstörung von Kohle- und Stahlindustrie hinzuweisen. Auch die Zeche in dem Ort wird geschlossen.

Seit Erscheinen des Films, der mich immer an die eigenen Aktionen in der Weihnachtszeit erinnerte, sehe ich ihn mir um Weihnachten herum an. Einfach weil es ihm so großartig gelingt, das Wesen der Bergarbeiter einzufangen und weil er mir immer wieder furchtbar unter die Haut geht. Im Jahr 2000 wurde Brassed Off auf einem Filmfestival in Jakarta gezeigt. Noch einmal: in Jakarta. Die Lebensbedingungen in dieser schnell wachsenden asiatischen Metropole sind kaum mit denen im alten Europa zu vergleichen. Dennoch interessierte mich gerade die Reaktion der Zuschauer auf den Film. Schon während er lief, in einem Kino mit 1.500 Plätzen, das restlos ausverkauft war, war es still. Als die Lichter angingen, erhob sich das überwiegend junge Publikum und applaudierte, nicht dem Film, sondern den englischen Bergleuten, die es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gab. Der Applaus wollte nicht enden, schweigend standen sie da und hörten einfach nicht mehr auf. Sie machten die bereits untergegangenen Kämpfer zu Helden.

Bus Number Tirteen

In zwei Stunden bist du da. Von Frankfurt. Im November. Du steigst aus dem Flugzeug und fühlst sommerliche Milde. Der Charme kleiner Flughäfen ist die Geschwindigkeit, mit der du sie verlassen kannst. Nach nicht einmal zwanzig Minuten sitzt du im Taxi und unterhältst dich mit dem Fahrer auf Englisch. Es ist die Amtssprache. Malti, dieses Konglomerat aus geläufigen Buchstaben und arabischen Idiomen verstehst du nie. Und natürlich, Taxifahrer wissen immer, wo du unterkommst jenseits der großen Hotels. Da, wo die normalen Leute wohnen. Denn Taxifahrer haben, wie überall auf der Welt hier eine Cousine oder dort einen Schwager, die alle gerne mal was vermieten. Und bereits eine Stunde nach der Landung siehst du dir ein nettes Zimmer an, mitten in der antiken Steinwüste, mit Blick auf Valletta und das Meer. Die Kulisse inspiriert, sie beruhigt und sie gibt dir das Gefühl, weit weg zu sein von den Magnetfeldern der Geschäftigkeit. Die Vermieterin gibt dir Tipps zur Infrastruktur. Das Leben kann beginnen.

In der nächsten Gasse ist die empfohlene Gastronomie. Ich starte mit einer Maltese Platter, einer ziemlich gelungenen Fusion aus mediterraner Leichtigkeit und orientalischer Intensität. Getrocknete Tomaten, mit Kardamom verfeinerte Schweinswürste, öliger Oktopussalat, getoastetes helles, mit Olivenöl getränktes Brot, Ftira genannt, das nach Knoblauch duftet, Tomatenmark, Humus, Oliven und Ziegenkäse. Nach dem Genuss übemannt dich die Gravitationskraft und es regt sich der Wunsch, das neue Domizil auf seine entspannende Wirkung zu begutachten.

Malta im November hat den Vorteil, die Maske des Sommertourismus abgelegt zu haben. Wer jetzt kommt, der hat das Recht auf Ursprünglichkeit. Morgens, beim Betreten des Busses, fragt der Fahrer auch sogleich, wie eilig es denn sei, in die Hauptstadt, nach Valletta? Auf meine konsternierte Replik hin die prompte Erklärung. Er könne, so der selbst gut genährte Mann, ganz normal die Linie fahren, dann dauere es ungefähr 45 Minuten bis zu einer Stunde, das hänge vom Verkehr ab. Eine Einschränkung, wie ich sie übrigens immer wieder erfahre. Oder ich bring dich in zwanzig Minuten hin. Auf meine Frage, wie er das denn mache, die frappierende Antwort: „Ich lade zuerst die fetten Mädels ein und lasse die dürren Gestelle zurück. Wenn der Bus voll ist, ist er voll. Dann muss ich nicht mehr halten und fahre durch.“ Ich äußere mich nicht, but he picks up the fat girls first and leaves the skinny crab behind. Und es gelingt ihm. Er will mir wohl zeigen, was er kann.

Natürlich dominieren die Briten das Bild der Inselgäste. Und überall, wo sie auftauchen, schillern die einstige imperiale Arroganz und das Elend von vierhundert Jahren Kapitalismus. Eine kuriose Mischung aus Seifenoper und Grandezza, elaborierter Sprache und Kutscherflüchen, derber Impertinenz und entwaffnender Liebenswürdigkeit. Die Malteser, nett, hilfsbereit und längst nicht so firm im Englischen, wie es die Residenz der vielen Sprachschulen vermuten lässt. Die Frauen wirken bereits wie im Orient als die Dominanten aus dem Hintergrund, die Männer spielen gern mit ihren Muskeln und Bäuchen. Der Stahlkamm der EU-Integration scheint seine Arbeit gemacht zu haben. Die nostalgischen Busse mit dem schönen englischen Design sind spurlos verschwunden. Nach der Erneuerung und dem Ausbau des Straßennetzes wurden sie ersetzt durch nagelneue Mercedes-Busse. Wie vieles andere bezahlt mit Krediten, deren Tilgung noch aussteht. Hoffentlich greift das Muster nicht, das andere mediterrane Länder bereits ereilt hat. Doch wahrscheinlich ist die Hoffnung unberechtigt.

Mein Viertel entpuppt sich als wunderbares Quartier, durchsetzt von denkwürdigen Erscheinungen. Da sind die allabendlichen maltesischen Body Builder mit tätowierten Tigern und Löwen, die in das Fitness-Studio des Hotels strömen, aus dem dann Schreie dringen, als liefe ein Hardcore Porno. Dann sind da die Besucher eines Kongresses, der etwas Esoterisches vermuten lässt, in dessen Pausen die Frauen sich die Handflächen von irgendwelchen Scharlatanen auf Brust- oder Schambein legen lassen, in Tränen ausbrechen und etwas von intensiver Energie faseln. Scheiternde Liebespaare, denen auffällt, wie ungleich ihre Lebenspläne sind. Und Randolph aus Southampton, der die Wolken am Himmel immer mit dem Wetter während der Suez-Krise vergleicht. Beruhigend hingegen die Polizisten, die sich an der Hafenmauer treffen, um zu rauchen, etwas Wein zu trinken und sich anscheinend gegenseitig ausgestellte Strafzettel verkaufen. Ältere Herrschaften, die feierlich gekleidet mittags in das Restaurant schreiten, um das Menu des Tages mit einem Achtel Roten zu verspeisen. Zwei hanseatische Tanzbären, die sich als Paar geoutet haben, das Coupons schneidet und das Dasein genießt. Etwas versnobt, aber distinguiert natürlich. Ein Schwede, der die Eifersucht seiner älteren Frau stündlich zu beschwichtigen sucht und dabei den Humor nicht verliert und dem Kellner aufträgt, sich seine Adresse zu merken, damit er ihm nach der zweiten Flasche Wein sagen könne, wohin er zu laufen habe. Dänische Pietisten, die hier untertauchen wollten, sich aber mit der katholischen Lebensweise der Malteser nicht nur nicht anfreunden können, sondern wohl auch an ihr scheitern werden. Und dann ist da noch Rita, die Straßenhändlerin, die immer rät, den Bus Number Tirteen zu nehmen und bis zur Endhaltestelle zu fahren, dann sähe man die ganze Schönheit Maltas. Natürlich sind die Tickets bei Rita erhältlich, zu einem speziellen Preis, versteht sich.

Malta im November, das ist weit weit weg. Mal regnet es, mal scheint die Sonne. Und obwohl es dicht, sehr dicht besiedelt ist und brodelt, merkst du erst, wie ruhig es war, wenn du wieder in Frankfurt gelandet bist.