Archiv der Kategorie: short stories

Things Ain´t What They Used To Be

Wahrscheinlich haben viele die Erfahrung schon gemacht. Ein bestimmtes Erlebnis prägt sich nicht nur wegen des eigentlichen Geschehens ein, sondern es bekommt noch eine bestimmte, unverwechselbare Note, weil es mit Begleitumständen verbunden ist, die es eigentlich unvergesslich machen. Das hängt, wie so vieles, von den Präferenzen desjenigen ab, dem es widerfährt. Bei Menschen, die eine große Affinität zur Musik haben, wie es auch bei mir ist, werden die Umstände des Erlebens durch ein besonderes Stück Musik unvergesslich. Mir selbst ging das oft so und ich habe mir überlegt, ob es nicht reizvoll sein könnte, bestimmte Musikstücke in den Kontext der eigenen Erfahrung zu stellen.

Ich will den Versuch mit Duke Ellingtons Things Ain ´t What They Used To Be beginnen. Ich kannte das Stück damals noch nicht von ihm, sondern in einer Interpretation, die Musiker anläßlich des griechisch-britischen Blues-Musikers Alexis Korner zu dessen 50. Geburtstag gespielt hatten. Ich war von diesem Stück und seiner Botschaft sofort begeistert und hörte es gerne.

Anlässlich der Einladung zu einer Hochzeit im portugiesischen Faro, auf der ein Brite, dessen Eltern wiederum aus Pakistan stammten und portugiesische Wurzeln hatten, eine Deutsche, nämlich meine Cousine, heiratete, fand sich folglich eine bunt gemischte Gesellschaft ein, die aus vielen Teilen der Welt stammte. Und es dauerte nicht lange und ich fand einen guten Kontakt zu einem schrill wirkenden Typen, der sich als Ire entpuppte und im damals vom Bürgerkrieg geschüttelten Belfast als Kinderpsychologe in einer Klinik arbeitete. Er erzählte mir, wie deprimierend es sei, zu sehen, wie die Kinder in dieser Stadt das meiste Leid an diesem von Gewalt geprägten Irrsinn zu ertragen hatten. Er war so weit, gestand er mir, dass er das selbst nicht mehr lange ertragen könne.

Doch die Tiefe der ersten Gespräche verbargen nicht eine andere Schwingung, die uns verband. Wir sonderten uns, zum Ärger seiner Frau und anderer Familienmitglieder, immer wieder von der Gesellschaft ab und machten die Nacht zum Tag. Und wir stellten sehr bald fest, dass uns der Jazz genauso verband wie der unbändige Lebensdrang. Da die Hochzeit ungefähr eine Woche dauerte, hatten wir genug Zeit, um uns immer wieder davon zu machen, um morgens, wenn die Sonne aufging, noch in irgend einer Spelunke im Hafen zu sitzen und gemeinsam auf dem Tisch zu trommeln. Dennis Morton, so war sein Name, hatte sich als Trompeter geoutet, blies dann die Melodie bestimmter Tunes auch ohne Instrument durch die Zähne und ich schlug dazu auf den Tisch. Zum Abschluss, wenn der Morgen schon längst sein aufdringliches Gesichts zeigte und wir uns ermahnten, dass wir es nicht übertreiben sollten, kam als Abschluss immer Things Ain ´t What They Used To Be. Es wurde unser Erkennungszeichen.

Wir hatten eine großartige Woche, und nachdem die wunderbare Feier zu Ende war, blieben wir in Kontakt. Über viele Jahre. Wir schafften es allerdings nie, uns noch einmal zu sehen. Ich erfuhr, dass Dennis mit seiner Frau irgendwann nach Edinburgh gegangen war und dort in seinem Beruf weiter gearbeitet hatte und dass er dem Jazz treu geblieben war und in einer Band spielte. Edinburgh war für einen Iren zu dieser Zeit auch kein angenehmes Pflaster und nach vielen Jahren fassten er und seine Frau den Mut, auch dort die Koffer zu packen und sie zogen ins irische Cork. Dennis schrieb mir in seinem letzten Brief, er ginge jetzt zurück nach Hause und er sei glücklich.

Doch, so ist das Schicksal, ihm war in der alten Heimat nicht mehr viel Zeit gegeben. Nach etwa einem Jahr erhielt ich die Nachricht, dass er an einem Krebsleiden verstorben war. Die Botschaft traf mich sehr, obwohl unser Treffen in Portugal mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurück lag. Noch einmal einige Jahre später traf ich seine Frau auf der Geburtstagsfeier des damaligen Bräutigams, dessen Schwester sie war. Wir unterhielten uns und sie berichtete mir über ihr Leben mit und ohne Dennis. Und dann sagte sie, ich solle einen Moment warten, sie hätte etwas für mich. Als sie zurückkam überreichte sie mir die alte Kamera von Dennis, mit der er damals die Bilder gemacht hatte, die als Andenken an diese wunderbare Woche bis heute dienen. Sie sagte mir, Dennis hätte das so gewolIt. Ich war sprachlos und ergriffen. Als ich das alte Lederetui öffnete, um das mittlerweile antike Instrument zu begutachten, fiel ein kleiner, vergilbter Zettel in meine Hände, auf dem in krakeliger, verzweifelter Schrift die Botschaft aus dem Jenseits stand: Things Ain ´t What They Used To Be!

Bankrott bei vollen Büchern

Einer von jenen Menschen, von denen man glaubt, dass sie eigentlich schon auf dem berühmten Elefantenfriedhof lägen, tauchte vor kurzem auf und erzählte aus seinem bewegten Leben als Großmogul des Wirtschaftslebens. Seine hohe Zeit war in jenen Tagen, als die Börsenberichte noch mit Phrasen wie „Stahl und Eisen gut behauptet“ begannen und sich eine Zeit dem Ende zuwandte, von der niemand glauben wollte, dass sie je zu Ende gehen könne. Und um diese eine, große Geschichte, den Aufstieg, die Blüte und den Untergang von Kohle, Stahl und Eisen, um diese Geschichte geht es immer, wenn dieser alte Mann auftaucht, denn seine Geschichten klingen wie die aus einer anderen Welt und er kann sie auch brillant erzählen, mit Formulierungen, die heute kaum noch jemand kennt und mit richtig starken Bildern.

Dieses Mal erzählte er von einem jener großen Unternehmen, die tief im Westen existierten und in der ewigen, goldenen Abendsonne zu liegen schienen. Der Greis erzählte, dass die Bücher wie immer voll mit lukrativen Aufträgen gewesen seien, aber dennoch sei plötzlich eine Entwicklung eingetreten, mit der niemand gerechnet hätte. Trotz der Aufträge und trotz des Betriebsvermögens, trotz mangelnder Schulden und mit ausreichendem und gutem  Personal, und obwohl auch kein Krieg vor der Tür stand und mit seiner morbiden Hand um Einlass klopfte: Die weit über die Grenzen hinaus bekannte Firma starb den Sekundentod. Was blieb, das waren traumatisierte Menschen und eine Region, die vor sich hin faulte wie ein angeschwemmter toter Fisch.

Auf die fragenden Blicke seines Publikums hin grinste der einstige Großmogul und bat wortlos um einen Carajillo, einen Espresso mit einem Schüsschen Rum, wie er zu sagen pflegte, um sich dabei ein kleines Zigärrchen anzuzünden. Erst als der Duft von bitterem Kaffee und süßem Rum sich zu mischen begann, erzählte er weiter und berichtete von den Archäologen des Bankrotts, wie er die Wirtschaftswissenschaftler verächtlich zu nennen pflegte. Diese hatten nämlich herausgefunden, dass der Ruin des einst glänzenden Unternehmens quasi stattfinden musste, als sei das Ganze von langer Hand geplant gewesen. Und gerne ging er auf die fragenden Blicke ein.

Ja, krächzte der alte Großmogul, da war unter der Oberfläche einiges in Bewegung geraten, und zwar nicht zum Guten. Da war ewig nichts mehr in die Entwicklung investiert worden, man schien an zeitlose Dominanz ohne Erneuerung zu glauben. Folglich hatte man gespart und nicht investiert. Man hatte die Käufer in Abhängigkeit gebracht und ihre Einnahmequellen ihrerseits neutralisiert. Dass das deren Kaufkraft zerstören würde, wurde den vom Erfolg besoffenen Planern im eigenen Hause erst viel zu spät bewusst. Dann hatte man die Loyalität der eigenen Belegschaft nachhaltig – und bei diesem Wort wieherte der Alte luziferisch im Greisendiskant vor Vergnügen – dadurch zerstört, dass man durch Massenimport konkurrierender Arbeitskräfte den Preis auf ein unerträgliches Maß nach unten getrieben hatte. Und zu guter Letzt hatte man völlig verschlafen, dass die Konkurrenz die Kralle auf die eigene Energieversorgung gelegt und die Preise marktatypisch nach oben gejagt hatte.

So einfach kann es kommen, so der alte Großmogul, kein Reich währt ewig und nichts schmeckt bitterer als der Untergang. Dann leckte er das Tässchen aus, in dem der gesüßte Carajillo gewesen war und bat um einen zweiten, der ihm nicht verwehrt wurde. Denn alle wussten, wenn er erzählte, dann konnten sie von ihm lernen. Mehr als in den Büchern stand, denn er hatte das alles erlebt, er hatte die Helden der Geschichten weinen sehen, wenn sie den Himmel stürmten, vor Freude, und er hatte sie weinen sehen, als sie in den Abgrund stürzten, vor Trauer. Er selbst, der das ganze Gold und den ganzen Dreck überlebt hatte, ihm blieb der ganze Film, den  er immer wieder, episodisch, neu erzählte. Mit kräftigen Worten, mit wunderbaren Anekdoten und dabei vermittelte er immer wieder die Gewissheit, dass es auch Metaphern sein konnten auf die Gegenwart. Das war es, was alle in seinen Bann schloss. Das war sein Geheimnis.

Heute Morgen beim Bäcker

Der an der Ecke. Der Große. Dort, wohin sie alle kommen aus dem Viertel. Ganz früh, wenn die Welt erwacht. An der Theke standen wir wieder in Dreierreihen, hinter mir der emeritierte Professor, Politologe, der mit einer Intellektuellenbrille aus den siebziger Jahren jedes Mal die Welt erklärt. Diesmal ist es die Akzeleration der Prozesse. Ihm muss man zugutehalten, dass er seine wie Tiraden vorgetragenen Kurzvorträge stets in der zweiten Sequenz ins Deutsche übersetzt, die Beschleunigung scheint mir das Problem zu sein, der Mensch hört in immer kürzeren Abständen etwas für ihn Neues und er verliert damit Sicherheiten. Was, wie immer, zu einer Reaktion führt, die ein Partikel des Gesagten aufgreift, um die eigene Befindlichkeit zum Besten zu geben.

Diesmal ist es der Mann aus dem Maghreb, von dem niemand weiß, wovon er lebt, der jeden Tag gefühlte Stunden vor der Bäckerei mit seinem kleinen weißen Hundemischling, dem Puppenfänger, sitzt, Kaffee trinkt und raucht und der über alles Bescheid weiß, was im Viertel geschieht. C´est un monde fou, das hältst du nicht mehr aus, das schießt so ein Irrer auf den Champs Elysees herum, kurz vor der Wahl, Mon Dieu, als hätte Le Pen diese Amokbirne bestellt.

Worauf der Handwerker im Blaumann, dem die Bedienung gerade ein Laugehörnchen mit Butter beschmiert, die Worte heraustrommelt, über die jeder Dialekt verfügt, wenn es um den Fluch des Daseins und die Unlust mit dem eigenen Moment geht. Die Le Pens, die haben wir hier auch, und die Mohammeds, die sich den Sprengstoff in den Tornister stecken auch. Irgendwann gehst du in den Park und willst die Schwäne füttern und dann ballert dich so ein Irrer weg und du liegst im ungemachten Federbett.

Der Senior vom Fache der Politologie ergreift wieder das Wort und stellt klar, dass die Überforderung des Individuums mit schlechten Nachrichten nicht mit einer Verschärfung staatlicher Ordnung abzuwehren sei. Da pflichtet ihm der Mann aus dem Maghreb bei und raunt etwas vom Sonnenaufgang für die Faschisten, was der Professor geflissentlich überhört. Neben mir steht eine junge Frau, die vom Joggen kommt und Kopfhörer aufhat, die  die Konversation von ihr fernhalten und sie stattdessen mit coolen Rhythmen versorgt, durch die sie ziemlich unvermittelt ihre Bestellung mitteilt, ich hätte gerne zwei Seelen!

Ja, sagt da die Rentnerin, die bis jetzt geschwiegen hatte, du hättest sie gerne, Schätzchen, aber wenn du das Leben erst richtig kennst, dann wünschst du dir, du hättest sie nicht. Das Bonmot belustigt alle, denn es geht natürlich um kleine, mit Salz und Kümmel bestreute Weißbrote, die unter dem poetischen Namen der Seele verkauft werden und immer wieder dazu inspirieren, damit zu spielen.

Jedenfalls, so der Gelehrte, geht es nicht um Ordnung, sondern um die Fähigkeit des Einzelnen, mit der Information über Unordnung – wo auch immer – umgehen zu können. Vielleicht sollten wir uns selbst beschränken und nicht alles wissen wollen. Das machte uns dann auch nicht so verrückt. Tote bei einem Erdrutsch in China, Opfer der Tsetsefliege in Afrika, Mafiakämpfe in Mexiko oder Massenproteste in Venezuela. Es hängt zwar alles mit allem zusammen, aber brauchen wir die Information tatsächlich aus dem Kanal für alle? Könnten wir nicht sagen, in den Nachrichten kommen nicht mehr  die Katastrophen von überall aus der Welt, sondern nur noch das, was uns direkt betrifft.

Das ist ganz schön schwer, ruft da der Blaumann. Die wählen doch jetzt nur das aus, was sie wollen. Das wird in Zukunft auch nicht anders sein. Nimmt dann aber sein Laugehörnchen und einen  warmen Fleischkäse und drückt sich aus dem Laden. Auch die stoisch wirkende Joggerin verlässt mit einem unempathischen Lächeln und ihren zwei Seelen das Lokal. Zumindest diese Formation löst sich nun auf. Der Professor wirsch harsch durch die resolute Geschäftsführerin nach seinen Wünschen gefragt, denn sie orientiert sich an Verkaufszahlen und reibungslosem Ablauf und nicht an morgendlicher Reflexion des Weltgeschehens. Und schon schleicht der kluge Mann mit zwei Mittagssemmeln die dreistufige Treppe herunter und muss sich dabei an einer korpulenten Frau vorbeidrücken, die bereits einen Piccolo unter dem Arm hält und schon beim Hereinkommen nach einem Brötchen mit Fleischsalat verlangt.

Meine Bestellung trage ich auch schon mit mir heraus. Ich biege rechts ab, habe ein Walnussbrot und zwei Winzerbrötchen in der Tasche und einen Blitzdiskurs über die vermeintliche Notwenigkeit einer Selbstzensur zum Schutze der Demokratie hinter mir. Ein Podcast beim Bäcker. Solange die unmittelbare Wahrnehmung noch funktioniert.