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„Was, mein Freund, ist aus deiner Welt geworden?“

Mit dieser Frage werde ich pausenlos von meinen früheren Arbeitskollegen aus der asiatischen Ferne konfrontiert. Sie verfolgen seit unseren gemeinsamen Jahren die Politik in Deutschland genau, immer wieder hatten wir uns verglichen, immer wieder hatten wir über Freiheit, Rechte, Gesetze und das staatliche Gewaltmonopol diskutiert. Und im Nachhinein muss ich immer wieder feststellen, dass meine damaligen Mitstreiterinnen und Mitstreiter damals schon freier und streitbarer waren, als ich Deutschland nach meiner Rückkehr erlebte. Auch sie stecken bis heute in so manchem politischen Sumpf, auch sie leiden unter der Macht der wirtschaftlich allzu Starken, aber sie tragen aufgrund des Kampfes um ihre Befreiung vom Kolonialismus einen Stolz und eine Selbstachtung in sich, die ich hier, in meinem eigenen Land, das zerrüttet ist von Partikularismus und einer kollektiven konsumistischen Kapitulation gekennzeichnet, nicht mehr angetroffen habe.

Der erste Anlass für die besorgten Anfragen war der Krieg in der Ukraine. Auch sie verfolgen das internationale Geschehen, auch wenn es in der Ferne liegt. Und für sie war es nie eine Frage, dass der Konflikt, der sich bis zu einem Krieg entwickelt hat, eine lange Vorgeschichte hat und ohne die Aktivitäten der USA in Osteuropa heute vieles anders aussehen würde. Sie sehen darin einen wohl vorbereiteten Krieg der USA gegen den alten Rivalen Russland, bei dem die Ukraine als Geisel dient und die mit jedem Tag mehr von der Landkarte gelöscht wird. Nicht, dass sie parteiisch wären, nicht, dass es sich um ein kommunistisches Land handelte – nein, ihr Land wurde vor dem Schicksal des Kommunismus bewahrt, indem nach einem Putsch der Generäle zwei Millionen Menschen abgeschlachtet wurden, mit tatkräftiger Unterstützung der amerikanischen Dienste. Sie sind trotzdem erstaunlich zurückhaltend, aber sie wissen, wovon sie sprechen.

Richtig besorgt sind sie jetzt. Denn sie wissen, gegenüber den USA sind wir zumindest bis heute machtlos. Aber, zumindest was Haltung und Wort anbetrifft, da haben sie uns bis heute geschätzt. Und nun, wo ein Mensch, der sich der Veröffentlichung der Wahrheit verpflichtet fühlte, Julian Assange, endgültig an dokumentierte Kriegsverbrecher ausgeliefert werden soll, da schweigen eure Politiker und eure Presse? Klär uns auf! Kann das sein?

Was tun, wenn du plötzlich einen alten Bekannten triffst, den du lange nicht gesehen hast und der dich direkt anspricht auf deine krassen, für jedermann sichtbaren Veränderungen? Zumindest mich hat das Leben gelehrt, dass Aufrichtigkeit das einzige ist, was dich vor dem Selbstbetrug bewahrt und deine Freundschaften erhalten kann. 

Und, so schwer es ist, die ersten Worte zu finden, war davon zu berichten, dass unser politisches System Menschen zulässt, die, sobald sie Mandate und Ämter ergattert haben, so korrumpiert sind, dass sie sich an nichts mehr von dem erinnern, was sie dorthin geführt hat. Und ja, es ist auch wahr, dass die so genannte freie Presse schon lange nicht mehr frei ist. Ganz im Gegenteil, sie hat die Seuche, sie biegt, sie verfälscht, sie lügt und betrügt, um die bestehenden, zu nichts Gutem mehr führenden Machtverhältnisse zu erhalten. Was für die einen die Korruption der Macht, ist für die anderen die Trunkenheit der Doppelmoral. 

Meine Freunde, kulturell für ihre Feinfühligkeit berühmt, spüren meine Verzweiflung wie meine Wut. Alles Regungen, die sie nicht mögen. Höflich verweisen sie mich auf die alten Zeiten, als ich in ihr Land kam und sie gerade einen Diktator zum Teufel jagten. Was sagtest du, so fragen sie mich mit einem Schmunzeln, wenn wir uns damals über die vielen Missstände beklagten, mit denen wir zu kämpfen hatten? Jagt die die Korrupten und die falschen Propheten zum Teufel und tut, was getan werden muss. 

Lag ich so falsch?

Durch die Erde ein Riss

Aus den Membranen tönt es

Alle Uhren auf Null

So viel Zauber war nie

Leere Straßen, tote Gossen

Krähen haben das Kommando übernommen.

Börsenkurse stürzen lautlos von den Dächern

Die neue Währung ist der Piks

Schnee geschmolzen, bevor er fiel

Der alten Welt wird es zu viel

Improvisation ist die neue Ordnung.

Tief im Dunkeln blüht die Fantasie

Nackte schleichen durch die Szene

Als Tatsachen verkleidet

Fakten wirken schillernd und verdorben

Hirne suchen Licht und verirren sich im Schacht.

Leere Flächen überall

Zeugen von Ruin und schaffen Räume für das neue Spiel

Spitze Schreie aus Apartments

Ist es Wollust oder Angst?

Unbewegte Passanten blicken in das Grau.

Klagen hallen von den Mauern

Das Wort Hoffnung ist Tabu

Märkte schließen, Dealer sprießen

Verbote werden zu einem Signum der Vernunft

Dystopien schießen ausgelassen in die Luft.

Kalter Müll liegt auf den Straßen

Nach einem Fest, das keines war

Leere Mägen, volle Taschen

Die Idee für Neues wird zum Sakrileg

Der Müßiggang bleibt Privileg.

Zusammenfassung eines Interviews auf der Straße

Vom Entsetzen geplagt

Von der Angst übermannt

Im Innern vereinsamt

Durch das ewig Gleiche erschlagen

Dumpf, am Boden sitzend

Nach Fluchten sich sehnend

Die Sphären durchwühlend

Nach Wegen, die es nicht gibt

Von Abstraktionen verführt

Von Verschwendung geblendet

Erbrochen die Selbstherrlichkeit

Geblendet durch Feindbilder

Versucht durch den Rausch

Geschockt durch die Nüchternheit

Von der Dämmerung zur Nacht

Erwachen im Morgengrauen

Sehnsüchte bei Sonnenaufgang

Niedergedrückt durch die Routinen

Der Angst folgt der Hass

Dem Hass die Zerstörung

Und die Ruhe ist vor dem Sturm

Beim Blick zurück

Blinkt die Ordnung

Nach vorne 

Das große Nichts.