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Kollege Hiob

Es sind ja oft die aktuellen Reize, die das Gedächtnis mobilisieren und nach Analogien suchen. So wundert es mich selbst nicht, dass mir angesichts des Grundrauschens unserer Nachrichten ein ehemaliger Mitarbeiter in führender Position einfiel. Um es gleich vorneweg zu sagen: er war ein feiner Kerl, hatte gepflegte Umgangsformen, war immer gegenüber allen korrekt und ihm war nichts zuviel. Ganz im Gegenteil. Was ich erst als das Entertainment-Phänomen ansah, nämlich seine Neigung, auf dem Gang mit allen, wirklich allen, auf die er traf, einen kleinen Plausch zu halten und der in der Regel so ausgeht, dass nicht nur die eigene Arbeit liegen bleibt, sondern auch die derer, die so wundervoll unterhalten werden, traf zumindest auf ihn nicht zu. Wenn die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich bereits auf dem Heimweg oder schon im Freizeitmodus befanden, begab sich dieser Kollege erst zum intensiven Arbeiten in sein Büro. Er war zumeist der Letzte, der das Areal verließ.

Allerdings hatte er eine Angewohnheit, die er intensiv pflegte und die nicht nur mich irritierte. Er suchte nämlich bei allem, bei den großen Projekten, an denen wir arbeiteten wie auch bei den eher zur Routine zählenden Details nach dem sprichwörtlichen Haar in der Suppe. Da hatten wir über lange Zeiträume eine Strategie formuliert, uns Programme ausgedacht, wie wir die Ziele erreichen könnten, Menschen akquiriert, rekrutiert und qualifiziert, alles mit den Kooperationspartnern kommuniziert und die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt und bei der letzten Sitzung, in der wir den Startschuss geben wollten, trat jener Kollege auf und stellte Fragen, die alle verwirrten und sah Probleme, für deren Identifizierung ein ein anderer Zeitpunkt gut, dieser jedoch miserabel war. 

Mich verärgerte diese Eigenschaft kolossal und manchmal dachte ich, wenn es so etwas wie eine perfekt konzipierte Form der Sabotage geben würde, dann wäre es genau das, was der besagte Kollege immer wieder praktizierte. Das alles geschah immer in höflicher, konzilianter Form, aber das Ergebnis war dennoch unappetitlich. Selbst Mitarbeiter, die sich über lange Zeiträume engagiert hatten und viel mehr investiert hatten, als sie hätten müssen, wurden kurz bevor die ganze Mühe in den erlösenden Effekt eines Erfolgserlebnisses münden sollte wurden von den Fragen und Bedenken des Kollegen ausgebremst und in ein tiefes Loch gestoßen.

Die mentale Systematik, die dem nicht durch Boshaftigkeit motivierten Handeln zugrunde lag, war nicht einfach zu entschlüsseln. Er wollte nicht die Probleme, die er sah, lösen, sondern sie, wie er es ausdrückte, lediglich regeln, wie damit umzugehen sei. Er verriet sich dann immer mit der Formulierung, dass, hätten wir erste einmal eine Regelung gefunden, wie wir mit einem Missstand umgingen, dann hätten wir auch eine Lösung. 

Im Grunde, so zumindest meine Interpretation, handelte es sich um einen überaus vorsichtigen Mann, der sich bei allem, was er tat und wofür er zur Verantwortung gezogen werden konnte, maximal absichern wollte. Er hat alle Höhen und Tiefen des Arbeitslebens überlebt und so mancher Hinweis, der zunächst von allen, die zur Aktion schreiten wollten, regelrecht verflucht wurde, gab doch Anlass, die Sache noch einmal zu überdenken.

Eine Episode, die ihm dann eine Bezeichnung einhandelte, von der er nicht mehr loskam, ereignete sich an einem Morgen, als wir uns zu einer kurzen Lagebesprechung zusammenfanden. Er erschien etwas später, weil er auf dem Gang wieder etwas erfahren hatte, was in sein Schema passte. Er erschien freudestrahlend im Raum, rieb sich die Hände und deklamierte in Festtagsstimmung, er habe soeben wieder eine Hiobsbotschaft erhalten. Seit dieser Stunde war er der Kollege Hiob. Den Namen trägt er noch heute.

Von Siegfrieden und Wohlstandsdogmatismus

Eine Anfrage auf WhatsApp bei einem mir bekannten Obstbauern und Gastronomen in Südtirol reichte aus, um eine Sprachnachricht zu bekommen, die es in sich hatte. Bezugnehmend auf hiesige Meldungen hatte ich gefragt, ob in seiner Gegend auch das Wasser rationiert sei. Neben einem eindeutigen Nein kam dann aber eine Analyse über die Ursache der momentanen Wasserknappheit in Norditalien. Es sei, so der kluge Mann, das Ergebnis verschiedener Faktoren. Einer davon seien sicherlich die momentanen Hitze- und Dürrephänomene, der gewichtigste Faktor sei allerdings die über Jahrzehnte unterlassene Investition in die Speicher- und Versorgungsinfrastruktur. Hinzu käme allerdings auch ein exorbitant gestiegener Verbrauch. Aber, und da merkte man dann doch den Zorn, es sei einfach zu leicht, alles auf den Klimawandel zu schieben, dann bleiben die eigenen Fehler im Dunkeln.

Und so weitete sich eine harmlose schriftliche Anfrage dann zu einem Austausch von Sprachnachrichten aus. Wir machten sehr schnell aus, wie sich die Muster ähnelten, der Klimawandel sei exklusiv für den Wassermangel verantwortlich, Corona habe massenhaft Insolvenzen zur Folge, Putin und sein Russland hätten die Energieengpässe genauso zu verantworten wie die Inflation. Die Politik, und zwar die eigene, die mit den beschriebenen Phänomenen einherging und die tatsächlich die Wirkungen gezeitigt hat, die allenthalben zu spüren sind, bleibt bei diesem Erklärungsmuster im Verborgenen. Dass dieses trübe Manöver von der etablierten Hofpresse mitgespielt wird, wunderte uns beide nicht mehr. 

Im weiteren Verlauf berichtete er von weiteren Attacken seitens der EU auf die landwirtschaftlichen Existenzen in seiner Region, was mit den Sprengsätzen korrespondiert, die hierzulande durch die Energiepolitik an die Industriebetriebe gesetzt wurden. Irgendwann warf mein Diskussionspartner die Frage auf, ob denn niemand die Geschichtsbücher läse. Dort könne man doch unzählige Beispiele dafür finden, wie schnell es den Bach herunter gehen könne, wenn Anstrengung und Leistung aus dem Weltbild verschwänden und nur noch verwaltet und der Stillstand organisiert würde. Wenn das so weitergehe, dann könne man davon ausgehen, dass das Phänomen des Hungers, lange in Europa als überwunden geglaubt, wieder zu einer verbreiteten Erscheinung würden.

Was wir nicht auszusprechen brauchten, war das Wissen um die Kategorisierung unseres Diskurses. Sicherlich waren wir schnell in der populistischen Schublade. Allerdings durch ein Personal, dessen eigene Wahrnehmung getrübt ist durch eine momentan täglich wiederholte Phantasie eines Siegfriedens gegen Russland und getränkt mit einem Wohlstandsdogmatismus, dem jede Art der freien Initiative, die nicht dem eigenen Weltbild entspricht, suspekt ist.

Was beruhigt, ist nicht nur die Tatsache, dass sich die Erkenntnis zunehmend durchsetzt, dass die hiesige Politik auf einem selbstmörderischen Paradigma beruht. Dass diese auch in anderen europäischen Regionen längst angekommen ist, wird in der Regel glimpflich verschwiegen. Ursache dafür ist die mangelnde Selbstreflexion und in Politik und Medien sowie der pandemisch verbreitete kolonialistische Messianismus.

Insofern ist der überall propagierte Siegfrieden wie der Dogmatismus hinsichtlich von  Produktion und Konsum eine logische Folge der allgemeinen Verwahrlosung. Das ist betrüblich, aber der erste Schritt, um Krisen zu überwinden, besteht darin, ihr ins ungeschminkte Gesicht zu schauen. Der zweite Schritt besteht darin, das Muster der Begründung von Missständen, das so bequem ist und so wunderbar vernebelt, zu entlarven. Nein, nicht der Klimawandel, nicht das Corona-Virus und nicht der Russe sind schuld, sondern die eigene Politik. Wer behauptet, diese Politik hätte damit nichts zu tun, erweist sich als schlechter Lügner und offenbart die eigene Wirkungslosigkeit.

Und, bevor ich es vergesse, einen schönen Gruß über die Alpen! Wir verstehen uns!    

„Das Land, von dem ich spreche, mein Sohn…“

Vor kurzem kam mir eine Episode in den Sinn, die sehr lange zurückliegt und die meine Erinnerung wahrscheinlich erreichte, weil ich zur Zeit über die eine oder andere Analogie stolpern musste. Es war in der katholischen westfälischen Provinz, in der ich aufwuchs. Trotz einer nicht mit den heutigen Verhältnissen vergleichbaren Abgeschiedenheit erreichten uns dennoch Nachrichten über das Weltgeschehen und wir, d.h. die Jungen, die unter den Verhältnissen litten, sogen begierig alles auf, was in anderen Winkeln dieses Planeten geschah. Und da war von einer großen Hungersnot die Rede, die gerade Teile des indischen Subkontinents quälte. 

Wir beschlossen, etwas unseren Möglichkeiten Entsprechendes zu tun und begannen Geld zu sammeln, um es dann an eine der Hilfsorganisationen zu überweisen, die dazu aufriefen, den hungernden Menschen zu helfen. Und, vielleicht naiv, wie wir waren, wir stellten uns an einem Sonntag vor die Kirche und riefen zum Spenden auf. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Manche der Kirchgänger zeigten sich emphatisch und zückten ihr Portemonnaie, andere raunzten uns an und empfahlen, uns um unsere eigenen Dinge zu kümmern und lieber in der Schule fleißig zu sein und wieder andere huschten an uns vorbei, als sei ihnen die Aufforderung, sich zu verhalten, peinlich.

Eine Begegnung jedoch ist mir seitdem nicht aus dem Gedächtnis gewichen. Nach dem Gottesdienst erschien der diensthabende Pfarrer und sprach mich mit einem Lächeln auf den Lippen an. Er fragte, warum wir diese Aktion machten, erkundigte sich sehr genau nach den Motiven und den Modalitäten der Weitergabe des Geldes und lobte uns für die aus seiner Sicht  christliche Haltung. Doch dann verfinsterte sich seine Miene und er begann zu fragen, warum wir uns um die Angelegenheiten in einem so fernen Ort kümmerten und nicht das Elend sähen, das direkt vor unserer Haustüre stattfände?

Etwas irritiert sah ich ihn an und fragte, was er meine, ob bei uns in der Nähe auch Menschen hungerten oder anderes Elend zu ertragen hätten? Prompt schilderte er mir Verhältnisse, von denen ich kaum glaubte, dass sie „vor unserer Haustüre“ in dieser Form existierten. Er sprach von dem Verbot, dass Menschen ihre angestammte Sprache benutzten, er sprach von polizeilichem Terror, er sprach davon, dass Menschen ihrem Glauben nicht nachgehen durften und dass viele unter unmenschlichen Bedingungen in Gefängnissen säßen, weil sie sich diesen Regeln nicht unterwerfen wollten.

Als ich ihn fragte, was man denn dagegen machen könne, denn mir ging schnell auf, dass es mit einer Geldsammlung wohl nicht getan sei. Nein, antwortete er mir, man müsse dagegen ankämpfen, und das täten die Menschen dort auch. Und dass sie Geld bräuchten, um die Waffen, die sie dafür haben müssten, bezahlen zu können. Ich wurde immer verwirrter, weil ich erstens von Verhältnissen, von denen er redete, „in der Nähe“ noch nichts gehört hatte und zweitens verstörte mich die Frage, warum mir ein Priester empfahl, Geld für Waffen zu sammeln.

Nach einigem Zögern traute ich mich dann doch, den guten Mann zu fragen, wovon er eigentlich rede? Wo war denn das Gebiet, von dem er erzählte, und wer waren die Brüder und Schwestern, von denen er berichtete und die mit der Waffe in der Hand gegen die Verhältnisse kämpften? 

Dann nahm er mich in den Arm und sagte, ich rede von Irland, mein Sohn. Und die Brüder und Schwestern, von denen er sprach, damit meinte er die IRA.