Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 111. Hoffnung und Trauer

Eine Art mentaler Bipolarität durchzieht die menschliche Existenz. Ob in historischer Hinsicht oder bei jeder Momentaufnahme. Immer stehen sich zwei Gemütszustände gegenüber, die um die Vorherrschaft kämpfen. Da ist die Zuversicht, die Hoffnung und der Wille, positiv nach vorne zu blicken und auf der anderen Seite steht der Pessimismus, die Trauer, und die Verzweiflung. Bei der historischen Betrachtung fällt auf, dass das sich gegenseitige Abwechseln von hoffnungsvollen und gestaltenden Perioden auf der einen Seite und denen der Resignation und Restauration auf der anderen Seite nahezu gesetzmäßig vonstatten geht. Dem Wachstum folgt Blüte. Diese wiederum stirbt ab und welkt und hinterlässt nichts von der alten Schönheit. Es ist eines der Gesetze menschlichen Daseins.

Daher ist es klug und ratsam, sich beiden Gemütszuständen, die wir als soziale Wesen immer wieder durchleben, zu gewissen Anlässen bewusst zu stellen. Dem Fest des Lebens wie der Trauer um den Tod. Denn das Wissen um dieses Gesetz gibt uns etwas, das von unschätzbarem Wert ist. Wir können unser eigenes Schicksal nicht über die Gesetze des Lebens hinaus steuern, aber wir können innerhalb dieser Gesetze zu einer Form der Selbstbestimmung kommen, die beglückt. Der Engländer William Ernest Henley schrieb in seinem jedes Herz erreichenden Gedicht Invictus:

I ´m the Master of my Fate,

I ´m the Captain of my Soul!

Ich bin der Herr meines Schicksals,

Ich bin der Kapitän meiner Seele.

Im Wissen um die Begrenztheit der eigenen Existenz wie des eigenen Einflusses sind wir in die Lage versetzt, Vieles, und zum Teil Großes zu bewirken, wenn wir die Zeit nicht vergeuden mit dem Rauschhaften des Positiven und der Verzweiflung über das Negative. Beides findet statt, solange der Mensch Mensch ist. Und deshalb ist es nicht nur wichtig, die Perioden der Hoffnung zu feiern, sondern auch die Phasen der Trauer und Verzweiflung sehenden Auges zu durchleben.

Das Gedicht Invictus schrieb Henley, als er seinerseits im Krankenhaus lag und ihm drohte, sein zweites Bein auch noch amputiert zu bekommen. Es wurde weltberühmt und diente in den USA bei zum Tode Verurteilten in manchen Fällen als deren niedergeschriebener letzter Wille. Nicht zu vergessen die Rezitation des Invictus durch Nelson Mandela.

Trotz des Bewusstseins der eigenen Vergänglichkeit und der damit verbundenen existenziellen Trauer wird mit diesen Zeilen in Worte gefasst, dass es eine lebenswichtige Lehre aus dem gesetzmäßigen Auf und Ab der menschlichen Existenz gibt. Es handelt sich dabei um die Einsicht, innerhalb der materiellen Grenzen wie der mentalen Zwänge eine Freiheit finden zu können, die jedes Individuum nur selbst für sich reklamieren kann. Anders kann nicht erklärt werden, das eigene Desaster oder Ende vor Augen, davon sprechen zu können, Herr des eigenen Schicksals zu sein und die Navigation der eigenen Seele nicht aus der Hand geben zu wollen.

Das rituelle Nachsinnen über Verlust und Tod ist ein Schlüssel, um die Unwägbarkeiten des Lebens mit einer gewissen Distanz taxieren zu können. Wer das Prinzip Hoffnung, das die Menschheit treibt, richtig verstehen will, muss die Krisen der Hoffnung, die Phasen von Trauer und Verzweiflung, nicht nur kognitiv kennen, sondern selbst durchlebt haben, um den Reifegrad zu erreichen, der erforderlich ist, um zur Hoffnung zurück zu gelangen. Auch wenn diese wiederum begrenzt sein wird.  

Invictus

Out of the night that covers me,

      Black as the pit from pole to pole,

I thank whatever gods may be

      For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance

      I have not winced nor cried aloud.

Under the bludgeonings of chance

      My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears

      Looms but the Horror of the shade,

And yet the menace of the years

      Finds and shall find me unafraid.

It matters not how strait the gate,

      How charged with punishments the scroll,

I am the master of my fate,

      I am the captain of my soul.

Hoffnung und Trauer

Ostenmauer – 110. Das miserable und das saturierte Jetzt

Die Augen verschließen vor dem Elend dieser Welt? Vielen scheint das der einzige Ausweg. Es ist einfach zu viel. Gestern fand in Berlin eine Demonstration gegen den Krieg statt. Gezählt wurden momentan 21 Kriege und 216 bewaffnete militärische Auseinandersetzungen. Wen das nicht beunruhigt, dem scheint das Schicksal der Spezies nicht besonders am Herzen zu liegen. Angesichts der tägliche Bedrohung von Millionen Menschen durch Hunger und angesichts der immer sichtbarer werdenden Schäden durch Naturzerstörung, scheint der Militarismus, so wie er weltweit als wachsendes Phänomen zu beobachten ist, wie ein sicheres Konzept der kollektiven Selbsttötung. Wenn das so weitergeht, versinken alle Optionen auf eine Zukunft im endgültigen Abendrot.

Die Menschen in den unterschiedlichen Zonen dieser Welt haben unterschiedliche Perspektiven, aus denen sie das Weltgeschehen betrachten. Die einen sehen in Wachstum und Technologie die großen Chancen, die anderen fühlen selbige als Risiken und Gefahren. Wir sollten uns klar machen, dass der Lauf der Welt von unterschiedlichen Völkern und Kulturen bestimmt wird. Sie selbst werden unter anderem gesteuert von einem Biologismus. Die Jungen streben nach oben, d.h. sie drängen in eine Zukunft, die besser sein soll als das Jetzt, von der sie zwar nicht wissen, wie sie aussieht, die ihnen allerdings auf jeden Fall heller vorkommt als das Jetzt. Und die anderen, alternden Völker und Kulturen, wollen das Jetzt, das sie als Wohlstand und hohe Zivilisation definieren, so erhalten, wie es ist und betrachten eine wie auch immer geartete Zukunft als Risiko. 

Dass ein derartiger Zustand nicht ohne Brüche vonstatten gehen kann, versteht sich von selbst. Und dass diese unterschiedlichen Perspektiven und Denkwelten sich polarisiert gegenüberstehen, ist ebensowenig verwunderlich. Die Schuld an einem miserablen Jetzt wie an der Bedrohung eines saturierten Jetzt schiebt man sich gegenseitig zu. Und schon, in eher archaischer Manier, werden die Säbel gezückt, die Panzer aus den Garagen geholt und die Kriegsschiffe umfahren alle Zonen dieser Welt.

Da fragen sich viele Menschen, unabhängig davon, in welchem Lager sie ihr Dasein fristen oder genießen, was denn nun noch in ihrer Macht steht, um dem sicheren Untergang durch Mord und Krieg zu entgehen. Und ihre Reaktion ist unterschiedlich wie analog. Während sich manche darauf einigen, dass es besser ist, die eigene Position mit Macht zu behaupten, suchen andere zu fliehen. In die Verweigerung der Kenntnisnahme, in einen wie auch immer gearteten Defätismus. Oder in eine wurstige Nonchalance. Das Fatale an allen Reaktionen ist die Tatsache, dass keine Option zu einer Lösung führt. Weder Aggression noch Flucht können darüber hinwegtäuschen, dass sich derzeit Statik und Dynamik unversöhnlich gegenüberstehen.

Und wer, zumindest in den Zentren der alten Welt, in der es so vieles zu verlieren gilt und in der bereits so viel verloren ist, hat noch die Verve, sich zu Überlegungen und Vorschlägen durchzudringen, die einen konstruktiven Charakter hätten? Ja, vereinzelte Stimmen sind zu hören, die für Verzicht wie Dialog plädieren, die vor der Kreuzzugsmentalität warnen. Aber sie klingen wie ein Hilfeschrei aus dem Kellergewölbe. Und während sie in ihren eigenen Gefilden als Parias durch die omnipräsente mediale Hölle schleichen, blasen in den dynamischen Welten alle Hörner zum Angriff. Der kommen wird, wenn sich im Lager des verwaltenden Besitzstandes nichts tut. Es ist tragisch und es ist archaisch.  

Das miserable und das saturierte Jetzt

Ostenmauer – 109. Die Anmaßung

Nicht jeden Tag scheint die Sonne. Und nicht an jedem Tag ist der Himmel voller Wolken. Die menschliche Existenz ist durchsetzt von unterschiedlichen Stimmungen. Sie werden verursacht durch äußere Anlässe oder durch innere Regungen. Das Spannende in einem sozialen Gefüge ist, inwiefern die einzelnen Individuen sich mit ihren Regungen, Neigungen und Wünschen arrangieren können. Denn es ist klar, dass weder die Gefühlswelt, noch Bedürfnisse oder Zielsetzungen analog verlaufen oder identisch sind. Immer, zu jeder Zeit, gibt es Menschen, die vorwärtsgehen, guten Mutes sind und wissen, was sie wollen. Und gleichzeitig existieren Zeitgenossen, die zweifeln, zaudern oder den Moment festschreiben möchten. Das, so weiß jedes Kind, das in der Lage ist, den Kopf zu benutzen, führt zu Friktionen. Mit dem schönen Wort, das sich schon ein wenig anhört wie eine feine Säge, sind Brüche zwischen den handelnden Menschen gemeint. In geringem Ausmaß sind es Irritationen, in größerem massive Konflikte. Der Mensch ist nie allein. Auch wenn manche der Auffassung sind, es wäre so. You ´ll never walk alone – das ist nicht nur ein Schlachtruf der Solidarität oder das Signé einer verschworenen Gemeinschaft, sondern auch eine Plattitüde für den Sachverhalt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist.

Heute morgen mußte ich an einen Menschen denken, der in gewisser Weise wie ein Prototyp einer ganzen Epoche immer dabei war und immer dann auftauchte, wenn sich eine Gruppe von Menschen für einen Aufbruch entschieden hatten. Wenn dann die Tür aufging und er erschien, wechselten die anderen, die exzellenter Laune waren und sich einiges vorgenommen hatten, vielsagend die Blicke. Und sobald der Besagte herausgefunden hatte, um was es ging, entrollte er wie ein Auktionator der Unmöglichkeiten alles, was dem Plan entgegenstehen könnte. Und, glauben Sie mir, es waren niemals nur kleine Bedenken, sondern immer eine ganze Kanonade.

Da ging es dann um rechtliche Hürden, um Haftungsfragen, um Kollateralschäden, um mögliche Verwerfungen, um lauernde Kosten, um Ungerechtigkeiten, um Missbrauchsgefahren, um unterbliebene Autorisierungen und um überall lauernde unlautere Motive. Ich bin mir sicher, Sie kennen nicht nur solche Situationen, sondern auch derartige Menschen. Menschen, die es zu einer regelrechten Virtuosität gebracht haben, wenn es darum geht, anderen Menschen einen hoffnungsvollen Blick selbst in die nahe Zukunft zu verbauen.

Und weil wir alle solche Zeitgenossen kennen, sie keine Randerscheinung sind, sondern sie es zum Prototyp gebracht haben, können sie als eine Signatur der Zeit bezeichnet werden. In Bezug auf die psychologische Wirkung, die das jeweilige Auftreten des Besagten auslöste, nannten ihn alle schlicht „die Anmaßung“. Jeder, der bei der Entwicklung einer Strategie der Gestaltung beteiligt war und sich mit Haut und Haaren einem positiven Ziel verschrieben hatte, empfand es nämlich so, wie es ausgedrückt wurde. Was, so fragten sich alle, bildet sich dieser Mensch ein, immer dann zu erscheinen, wenn die Sonne aufging, um ohne Ankündigung das Licht ohne jegliche Empathie wieder auszuschalten? 

Und das, was alle am meisten ärgerte, war die Tatsache, dass die inkarnierte Anmaßung nahezu jede Ära, ob sie geprägt war von einzelnen Figuren oder von bestimmten Handlungskonzepten, unbeschadet überstand. Der Preis war eine gewisse Einsamkeit. Aber er schien sich in ihr sogar wohlig zu baden. Und da die Fleisch gewordene Anmaßung nicht nur eine Einzelerscheinung ist und, wenn wir ehrlich sind, in unserem nationalen Bett sogar faustisch-mephistophelisch gezeugt wurde, gehört sie wohl immer dazu. Trotz unablässig aufflackernder heißer Quellen der Hoffnung. 

Ein guter Freund brachte es immer wieder wunderbar auf den Punkt: „So ist unser Leben, mal Feuer, mal Asche. Und darüber zu klagen ist töricht und unangemessen“. 

Die Anmaßung