Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 101. Das Exil und die Demütigung der Seele

Nun rufen sie bei mir an! Bodenständige wie Intellektuelle, Handwerker, Psychoanalytiker, Studenten. Und sie fragen mich, welches Land wohl das richtige wäre. Ja, wir sprechen über den um sich greifenden, immer dringender werdenden Wunsch, das Land zu verlassen. Eigenartigerweise unterscheidet sich ihre Analyse von dem öffentlich gezeichneten Bild, das suggeriert, alles sei in Ordnung. Und bis heute, einmal abgesehen davon, dass ich keinen einzigen Menschen kenne, dem ich gravierenden Realitätsverlust oder den Glauben an verworrene Theorien unterstellen würde, sind die Analysen derer, die sich da melden, fundiert. Sie sehen, was alles aus dem Ruder gelaufen ist in den letzten Jahren und sie glauben nicht, dass eine Kurskorrektur noch möglich ist. Warum? Zumeist weil sie in der existierenden politischen Konstellation keine Kraft sehen, die in der Lage wäre, einen selbstbewussten, an den Interessen des Landes ausgerichteten Weg zu gehen und dabei in Kauf zu nehmen, dass es gewaltige Konflikte geben wird.

Hinzu kommt, dass das, was hier pausenlos den russischen Verhältnissen unterstellt wird, nämlich eine exzellent funktionierende Propaganda, im eigenen Bereich genauso wirkt. Kurz, das, was Menschen in ihrem Land hält, nämlich der Glaube, dass es von sich aus in der Lage wäre, Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen und eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln, wird nicht mehr gesehen. Es winkt das Exil als letzte Möglichkeit, der anbahnenden Katastrophe zu entkommen. Lieber unversehrt in der Fremde sterben als hier von Wahnsinnigen pulverisiert zu werden. 

Analysen über den Zustand des Landes existieren zuhauf. Sie reichen von der einer übermächtigen, aber nicht leistungsfähigen Bürokratie über eine politische Klasse, die mehr an ihren Diäten klebt als an einer der Gemeinschaft verpflichteten Ratio. Sie reicht von der außenpolitischen Abhängigkeit von einem Akteur, der exklusiv mittels von Kriegen die imperiale Dominanz erhalten zu können glaubt und der damit begonnen hat, planvoll die kritische Infrastruktur hierzulande zu zerstören. Und es hat etwas damit zu tun, dass man sich schämt für das, was an Rassismus und Feindseligkeit nicht nur an Salonfähigkeit gewonnen hat, sondern zum Ton derer gehört, die vorgeben, im Interesse des Landes zu handeln.

Einer der Anrufer brachte es aus meiner Sicht gut auf den Punkt: Er sagte, wenn ich vom Ende her denke, d.h. wenn ich mir vorstelle, dass diese Figuren, von denen ich mich täglich durch ihre grenzenlose Dummheit, ihren autoritären Charakter und ihr Sektierertum belästigt fühle, wenn die sich durchsetzen, dann ist das hier nicht mehr mein Land. Und wenn sie auch scheitern, dann werden sie nichts hinterlassen, was an dieses Land, das einmal eine gute Reputation nach innen und außen hatte, erinnert. 

Anhand der praktischen Fragen, um die es eigentlich bei den Gesprächen geht, ist klar, dass es sich nicht mehr um eine ferne Option handelt. Nein, viele haben sich bereits für das Exil entschieden. Sie erkundigen sich nach Klima, Sprache, Rechtssicherheit und, auch das spricht Bände, einer möglichst großen Entfernung von Europa und den USA. Wir reden von Uruguay, von Costa Rica oder von Indonesien. Dort werden deutsche Kolonien entstehen, die es in sich haben werden. Und noch einen Tipp an diejenigen, die nichts mehr registrieren als ihre eigenen Sprechzettel: Seht euch an, wer und wieviele auswandern. Das, was heute bereits statistisch erfasst ist, kompensiert keine wie auch immer geartete Immigration. Die deutsche Seele geht auf Wanderschaft. Bei aller kritischen Distanz: Soviel Demütigung hat auch sie nicht verdient!  

Das Exil und die Demütigung der Seele

Ostenmauer – 100. Von Wölfen und Schafen

Man sagt nicht zu Unrecht den Javanern nach, dass sie die Meister des Lesens von Zeichen, Symbolen und Gesten sind. Es versteht sich von selbst, dass sie ihrerseits diese Sprache beherrschen wie kaum jemand sonst. In meiner Zeit dort kam ich zuweilen aus Besprechungen, deren Verlauf wie Ergebnis ich kaum verstanden hatte. Da waren Gesten und Anspielungen, die nur von denen erfasst werden konnten, die das ganze Konvolut der nonverbalen Kommunikation beherrschten. Es erforderte einen jahrelangen Lernprozess, um in die Nähe dessen zu kommen, was man Verständnis nennt. 

Und nicht selten muss ich an diese Zeiten denken, wenn ich unsere hiesigen Formen der Kommunikation betrachte. Da ist wenig von der sublimen Codierung, die vor allem verhindert, dass Menschen brüskiert oder bloß gestellt werden. Sie bewerkstelligt, dass alle, die den Code beherrschen, wissen, worum es geht, dass aber niemand sein Gesicht verliert. Manchmal glaube ich sogar, dass letzteres hier und in unseren Tagen das exklusive Ziel dessen ist, was den hochtrabenden Namen der Kommunikation trägt. Aber letztendlich nichts anderes als eine ungezogene Form der Beleidigung darstellt.

Und vieles von dem, was sich hier ereignet, würde von den bewunderten wie zitierten Javanern anders gelesen und verstanden, als es den hiesigen Kommunikanten bewusst wäre. Gestern noch musste ich daran denken, was wohl im Lande der Gesten und Symbolik an Entschlüsselung parat wäre, wenn man sähe, dass sich das höchste politische Gremium des Landes mit der Frage beschäftigte, wie und wann es erlaubt sei, Wölfe zu schießen, um die vielen Herden der Schafe zu schützen. Und zu beobachten, mit welcher Verbissenheit die Diskussion geführt wird. Als ginge es nicht nur um Leben und Tod von Schafen oder Wölfen, sondern um das Schicksal einer ganzen Nation. Um dann festzustellen, dass sich hinter den vermeintlichen Fronten derer, die die Schafe und derer, die die Wölfe schützen wollen, zwei gesellschaftliche Archetypen verbergen. 

Ganz genau! Die der Wölfe und die der Schafe. Derer, die etwas reißen wollen und derer, die sich bedroht fühlen und geschützt werden müssen. Und hätten sie, die Javaner, nicht recht, wenn sie es so sähen? Ist das nicht das, was sich hinter dieser hitzigen Diskussion in Wahrheit verbirgt? Ist es nicht tatsächlich ein Showdown zweier psychologischer Typen? Und wenn ja, ist es nicht der Schlüssel, um in die Diskussion ein wenig Verstand und Ratio zu bringen? 

Wie schön wäre es und wie gerne würde ich diese Frage mit meinen ehemaligen javanischen Kollegen erörtern! Was kämen dabei für tiefe Erkenntnisse heraus! Es wäre eine großartige Gesellschaftsdiagnose. Ein Befund, der uns hier so schrecklich fehlt. Das Wissen um die Erfordernisse und Ängste! Eine Vorstellung davon, wie groß das Risiko tatsächlich ist, wenn man etwas wagt. Und eine reale Bilanz dessen, was tatsächlich geschieht, wenn man sich meckernd im Pulk in die Ecke drängt und zitternd auf eine Instanz wartet, die einen von allem erlöst. 

Aber was rede ich! So, wie die Debatte verlief, kann der Eindruck entstehen, als seien  wir ein Volk von Schafen, das in allem die tödliche Gefahr lauern sieht. Und ein Land, in dem die Wölfe keine Lobby haben. In übertragenen Sinne, versteht sich. 

Von Wölfen und Schafen

Ostenmauer – 99. Entweder du bist frei, oder du bist es nicht!

Eine Frage durchgeistert viele Köpfe mehr denn je. Was braucht es, um den Menschen, das Individuum, den Staatsbürger, sich als frei fühlen zu lassen? Und was ist es, dass er oder sie sich tatsächlich auch frei fühlt? Die Regierungen in den westlichen Ländern verweisen auf ihre Verfassungen. In anderen Ländern wird Freiheit nicht als Verfassungsrecht, sondern als Naturgesetz verstanden. Dritte wiederum halten die Frage für irrelevant, solange eine wie auch immer geartete Führung es fertig brächte, das Gemeinwesen zum Prosperieren zu bringen. Und wiederum andere pfeifen auf den Aspekt der Freiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger, solange sie selbst an der Macht sind. 

Es ist interessant, die Weltkarte nach diesen Kategorien zu durchforsten. Das für den westlichen Beobachter Überraschende wird dabei sein, entdecken zu müssen, dass die verfassungsmäßigen, verbrieften Freiheitsrechte des Individuums ungefähr nur in einem Achtel der auf der Welt repräsentierten Staaten erwähnt werden. Es sollte zu denken geben. Nicht, weil es etwas mit einer wie auch immer gearteten Wahrheit zusammenhinge. Nein, aber weil es die Orientierung der Gattung in Bezug auf seine jeweiligen Staatssysteme dokumentiert. Und in der Minderheit zu sein bedeutet, sich genau überlegen zu müssen, was man wie erreichen will. Kreuzzugsmentalitäten sind, sofern man nicht den Krieg zum Mittel aller Dinge erheben will, das wohl Dümmste, was einem dabei einfallen kann. Und, um diesen Gedankengang abzuschließen, momentan sieht es so aus, als hätte sich der Westen unter Führung der zunehmend mehr in Panik geratenden USA auf ausgerechnet die schlechtest mögliche Option eingeschworen. Wenn das so bliebe, dann werden die gerade mit ihren ersten Laufversuchen betrauten Enkelchen in den USA und Europa bis zur eigenen Ergrauung nichts mehr erfahren als Kriege.

Um ehrlich zu sein, wird es nichts helfen, sich über diese Großwetterlage in langen, fruchtlosen Debatten auseinanderzusetzen. Denn die Karten sind gemischt. Der Krieg ist allgegenwärtig und rückt immer näher. Und in welcher Regierungszentrale, bitte schön, beriete man so etwas wie die Möglichkeit von Frieden und der dazu notwendigen Architektur sowie einem Paradigmenwechsel in der Politik?

Das Einzige, was hilft, ist etwas, das es schon immer gab und das im Grunde, betrachtet man den Lauf der Weltgeschichte, die einzige Kraft ist, die in der Lage ist, dem psychotischen Machtstreben von Profiteuren der Vernichtung den Garaus zu machen. Es ist die innere Freiheit. Der einfache Satz des Rebellen, der da lautet, „entweder bist du frei, oder du bist es nicht“! Unabhängig von den äußeren Bedingungen, die dein Handeln ermöglichen. 

Ja, der Einwand kommt sofort und immer: Kann es nicht sein, dass der Preis zu hoch ist? Und die Antwort ist ebenso klar. Ja, er kann sehr hoch sein, er kann sogar die eigene Existenz kosten. Aber das, das muss das Individuum selbst entscheiden. Die Freiheit ist nicht umsonst! Sie abhängig zu machen von Schriftstücken, von Erklärungen und unverbindlichen Formulierungen, das ist ein scheinheiliges Werk, das nichts bedeutet. Wer allerdings für sich bestimmt, dass er oder sie frei ist, der hat das Zeichen gelesen. Die eigene, innere Freiheit, die sich durch nichts korrumpieren lässt, weder durch Bequemlichkeiten noch durch Drohungen und Angst, sie ist die Voraussetzung, derer es bedarf, um den Geist von Raub und Unterwerfung zu bezwingen. 

Entweder du bist frei, oder du bist es nicht!