Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 114. Aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment?

Es scheint, als beherrsche ein Begriffspaar alles, womit wir uns in Krisen befassen. Die beiden Termini schließen sich aus, und deshalb dokumentieren sie gleichzeitig, wie gespalten unsere Gesellschaft ist. Es handelt sich um das Ressentiment und das aufgeklärte Welt- und humanistische Menschenbild. Bei den Konflikten, die in unser Leben hineinreichen, sind wir stets damit konfrontiert. Menschen, von denen ich ausging, dass sie ihr ganzes Leben mit einer Grundhaltung durchlebt haben, die auf den Prinzipien der Aufklärung basierte, sprich auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, entpuppten sich plötzlich als hasserfüllte Extremisten, denen keine historisch noch so banale Konstruktion von Feindbildern zu unappetitlich war, um sie nicht zu übernehmen, durchschnitten somit das Band der Sympathie mit einem einzigen Handgriff. Verhetzt, wie sie waren, hörten sie sich kein Argument mehr an, erblindet, wie sie waren, sahen sie nicht mehr die andere Seite, und hysterisch, wie sie waren, verbissen sie sich in immer neue Tiraden, sobald jemand ihre Ansicht nicht mehr teilte. 

Zumindest hier, in dieser Gesellschaft, die so gute Jahre erlebt hatte, weil sie es aushielt, dass man sich stritt und um Mehrheiten rang, war ein mentaler Monolith entstanden, der historisch überall da, wo er zu sehen war, das Ende dieser Gesellschaft signalisierte. Das Ressentiment wurde zur Illusion einer Gemeinsamkeit. Einer Gemeinsamkeit, die nicht dauern kann und die vor allem nichts hervorzubringen in der Lage ist, was Bestand hat. Das Ressentiment ist die Fahne der Zerstörung. Und das ist alles, was bleiben wird.

Auch das humanistische Menschenbild ist geographisch wie historisch relativ. Es ist nicht universal, weil es gewaltige kulturelle Entitäten auf diesem Planeten gibt, die anders gewoben sind und funktionieren. Es geht nicht darum, das zu bewerten, sondern zu begreifen. Wer bei der Begutachtung des Fremden gleich ins Ressentiment abgleitet, hat das Spiel bereits verloren. Das humanistische Weltbild ermöglicht zumindest einen kognitiven Zugang zu allen Erscheinungen menschlicher Existenz, die der unseren nicht gleichen. Und sie garantiert, intern, einen Glauben, dass der Hass niemals das Werkzeug einer wie auch immer gearteten Konstruktivität sein kann. 

Die Erkenntnis scheint so einfach zu sein. Und dennoch hat das Ressentiment zur Zeit die Oberhand. Und, so dramatisch, wie es klingt: aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment, es ist die Frage von Sein oder Nicht-Sein. Wollt ihr den totalen Krieg? In den Köpfen tobt er bereits!

Aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment?

Ostenmauer / 113. Dem Paradies sehr nahe

Ein Tag im späten August in Ostholstein. Es war kühl, wechselhaft. Wenn die Sonne schien, tauchte sie die Landschaft in Altgold. Da ich einige Jahre kaum Gelegenheit hatte, schwimmen zu gehen, entschied ich mich, den Aufenthalt in der Nähe eines Binnensees dazu zu nutzen. Zur Kühle kam ein gleichmäßiger Wind. Als ich das Areal betrat, von dem aus ein Steg auf den See führte, war es menschenleer. Ich hielt mich nicht lange auf und warf mich vom Steg aus ins kalte Wasser und zog meine Bahnen. Sonne, Wolken, kleine Wellen, ein Horizont ohne Anzeichen von Besiedlung. Nur ich und der See. 

Als ich zurück auf den Steg kam, begegnete ich einem alten Herrn, der im Bademantel daher kam und wie ein Seebär wirkte. Wir grüßten uns mit der Mine derer, die um eine Gemeinsamkeit wissen. Ich: „Das hier kommt dem Paradies sehr nahe!“ Er: „Ich weiß!“ Und wir gingen unserer Wege.

Dem Paradies sehr nahe

Ostenmauer – 112. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“

Von Bertolt Brecht stammt das kluge Wort, Fortschritt bedeute nicht, fortgeschritten zu sein, sondern fortzuschreiten. Wem es an dieser Stelle bereits zu kompliziert ist, möge gleich aussteigen. Das ist kein arroganter Hinweis, sondern ernst gemeint. Tatsächlich ist die Frage der Erneuerung und Veränderung eine sehr komplizierte. Das, was zunächst schlicht aussieht, wird schwierig angesichts fast als archetypisch anzusehender Verhaltensmuster des Menschen. Denn selbst die, die einer gewissen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben, aufgeschlossen gegenüber stehen, wünschen sich schon bald nach der Anstrengung etwas Ruhe. Sei es, um das Veränderte zu erleben und zu bewerten, bevor sie sich erneut Gedanken über die Notwendigkeit weiterer Veränderungen machen, sei es, weil sie die neuen Verhältnisse so nach ihrem Vorteil geraten sehen, dass sie befürchten, nach weiteren Veränderungen in eine schlechtere Position zu kommen. 

Ja, alles steht auf dem Prüfstand, wenn die Veränderung namens Fortschritt in die bestehenden Verhältnisse rauscht und das Leben der Menschen durcheinander wirbelt. Wichtig ist, dass die Menschen, die davon betroffen sind, mit sich im Reinen sind. Sie sollten wissen, dass es sich um einen Prozess handelt, in dem sie Subjekt und nicht Objekt sind. Ist das gegeben, dann kann sich etwas Vernünftiges entwickeln. Aber, und diese Überlegung drängt sich mit aller Macht auf, wie können Menschen, die seit langer Zeit als Objekte ge- und behandelt wurden, plötzlich zu Subjekten werden? Um es gleich zu sagen: Gar nicht. Es sei denn, sie wähnen sich in einer solchen Lage, dass sie bereit wären, der Maxime der Bremer Stadtmusikanten zu folgen: Was Besseres als den Tod findest du überall!

Die Perspektive, die die vielleicht ungewollten Veränderungen des Fortschritts zeichnet, muss so verheerend sein, dass sich ein Großteil der Menschen nicht mehr getraut, darüber nachzudenken. Dann werden jene Selbsterhaltungskräfte mobilisiert, die aus Objekten Subjekte machen. Diese Subjekte sind jedoch nicht die mit dem Plan für eine vernünftige Veränderung. Nein, bei ihnen handelt es sich um Angst gesteuerte, in ihrer Existenz bedrohte Menschen, die vermeintlichen Konzepten der schnellen Lösung folgen. Das, was normalerweise dann auch verheerend wirkt, ist nicht notgedrungen alles nur emotional, irreal und destruktiv. Im Kern befindet sich auch bei dieser Gruppe eine durchaus als sehr real empfundene Vorstellung von dem, was ist, und dem, was nicht sein darf.

Die jahrzehntelange Entmündigung großer Teile der Gesellschaft durch eine zunächst als Fürsorgeideologie zu bezeichnende Bevormundung hat dazu geführt, dass nahezu die einzige verändernde Kraft aus den Reihen der großen Masse in einem Kampfdenken gegen das besteht, was vielleicht am besten als die rasende tägliche Veränderung bezeichnet werden kann. Diese Kräfte spüren, dass da etwas in die falsche Richtung gegangen ist und geht und nichts mit dem zu tun hat, was als die große Chance der Veränderung von einigen Kreisen propagiert wird. 

In diesem Kontext von Fortschritt zu sprechen, fällt schwer. Richtig wäre es, von Veränderungsprozessen auszugehen, die die Gesellschaft überrollen. Mit gemeinsamem Fortschreiten hat das wenig zu tun. Da werden Verhältnisse geschaffen, die angeblich keine Zeit lassen, darüber zu reflektieren und sich Zeit zu nehmen. Das ist das Wesen der Technokratie. Sie schafft Verhältnisse, die nur wenigen Nutzen bringen, aber die als unausweichlich charakterisiert werden. Ein falsches Spiel. Und ein böses Ende.

Etwas Besseres als den Tod findest du überall