Archiv der Kategorie: food for thought

Brandmauern und Self Fulfilling Prophecies

Kennen Sie das? Ein Individuum fühlt sich angegriffen und reagiert in einer Weise auf die tatsächliche wie vermeintliche Bedrohung, die die Umstehenden als Überreaktion bezeichnen würden. Zum Beispiel nach einem verbalen Affront erntet der Sendende einen Faustschlag mitten im Gesicht. Oder nach einem unhöflichen Schubsen eines Eiligen wird dieser die Rolltreppe gleich herunter gestoßen und schreiend als kriminelle Sau beschimpft. Die Reaktion aus der Beobachtung ist, entgegen der Spekulation dessen, der die erste Attacke erfahren musste, nicht die Solidarisierung mit dem zuerst Geschädigten, sondern mit dem als Opfer betrachteten Angreifer. Und, je wilder die Reaktion, desto mehr Empathie empfängt die Quelle der Auseinandersetzung.

Betrachtet man die Geschichte der AFD, dann hat sie permanent und kontinuierlich von einer wie oben beschriebenen Reaktion der Parteien profitiert, die in ihr eine Konkurrenz sahen und auf die Angriffe nicht so reagiert haben, wie ein Großteil des Publikums es verstanden und gutgeheißen hätte. Denkt man an die Anfänge, als ein Ökonomieprofessor die „Rettungspakete“ der EU kritisierte, nicht, weil sie de facto die Banken, sondern die faulen Griechen hätten retten sollen, dann fragt man sich doch tatsächlich, ob die sachliche Auseinandersetzung nicht ein Leichtes gewesen wäre. Ohne die tatsächlichen Geldflüsse in den Fokus zu nehmen, versteht sich. Aber nur der Ansatz einer Kritik führte zu einer Dämonisierung, die es in sich hatte. 

Dass eine Partei, die von politischen Laien gegründet wird, durchlässig ist für Menschen, die mit einer ganz anderen Agenda unterwegs sind, ist denen, die im politischen Geschäft sind, kein Geheimnis. Dennoch unterstellten sie den damaligen Gründern von vornherein alle möglichen unlauteren Absichten. Die inhaltliche Auseinandersetzung blieb aus und das mit Gründung einsetzende Framing als verfassungsfeindliche Organisation sorgte von Beginn an für einen Sympathie erzeugenden Faktor bei vielen Beobachtern. Dass letztendlich die strikte Beibehaltung einer kalkulierten Überreaktion zu einer Art Self Fulfilling Prophecy, einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen kann, ist immer wieder festzustellen. Dass war bei der AFD so und das war bei der russischen Reaktion auf die systematische NATO-Osterweiterung so. Wer lange genug provoziert, erhält irgendwann die prognostizierte Reaktion und fühlt sich dann bestätigt.

Angesichts des unaufhaltsamen Aufstiegs der AFD, die mittlerweile sowohl die SPD als auch die Grünen überragt, sollte man sich im politischen Lager der Geschädigten die Frage gestellt haben, inwieweit die eingeschlagene Taktik nicht revidiert werden müsste. Stattdessen ist ein weiteres Beharren festzustellen, was, die Prognose sei erlaubt, dazu führen wird, dass sich das Verhältnis weiterhin zu Ungunsten der bereits Geschädigten verschieben wird. 

Es ist immer dasselbe. Es werden falsche Entscheidungen gefällt. Das Fatale ist nach kurzer Zeit bereits ersichtlich. Und dennoch wird weiter so verfahren und die Anstrengungen, die den eigenen Schaden vergrößern, werden noch vervielfacht. Das ist bei den Sanktionen gegen Russland so, und das ist bei dem Vorgehen gegen die AFD so. Letztere ist mittlerweile dorthin, wo sie steht, nahezu ohne eigene Anstrengungen gekommen. Und das Perfide an der ganzen Angelegenheit ist die stillschweigende Übernahme von einzelnen Programmpunkten in die eigene Agenda. Bei einer derartigen Konstellation von einer Brandmauer gegen die extreme Rechte zu sprechen, ist absurd. Brandmauern gegen den Krieg, gegen die Unterstützung militärischer Interventionen, gegen Kaufkraftverlust, gegen die Aufweichung von Tarifverträgen, gegen Steuerflucht etc., alles Steine gegen die Programmatik einer wie sich auch immer bezeichnenden extremen Rechten, wurden gerade von denen, die aus taktischen Gründen nun zu dieser Formulierung greifen, nie errichtet. Nein, man hat sie aktiv eingerissen. Und, warten Sie es ab, wer sich nach der Wahl noch alles drängen wird in eine Koalition mit den jetzt als Faschisten Verdächtigten. Sie werden sich die Augen reiben! 

Die kollektive kognitive Dissonanz

Das Phänomen ist bekannt wie benannt. Ein Individuum kennt die Ursachen für einen beklagenswerten Zustand, macht aber nichts, ihn zu beenden, weil das Wissen um konfligierende Mächte den Aufwand als zu groß erscheinen lässt. Der amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger nannte diese Erscheinung treffend kognitive Dissonanz. Wenn man sich die Verhaltensweisen von Menschen in einem Geflecht sozialer Beziehungen vor Augen führt, wird deutlich, dass kognitive Dissonanz quasi zum sozialen Alltag von Individuen gehört. Dass das Phänomen allerdings nicht zur Lösung von Konflikten führt, weil es Kausalitäten tabuisiert, ist eine Binsenweisheit. Die Sozialpsychologie rät, die Misere der kognitiven Dissonanz durch den Versuch offener Kommunikation aller beteiligten Parteien aufzulösen. 

Dramatisch wird kognitive Dissonanz, wenn sie kollektiv zu wirken beginnt und eine politische, d.h. die gesamte Gesellschaft betreffende Dimensionen annimmt. Wenn ganze Gesellschaften bestimmte Ursachen für Missstände kollektiv ausblenden und nichts dagegen unternehmen, weil sie Unannehmlichkeiten vermeiden möchten, geraten sie in der Regel in weitaus prekärere Situationen, als sie es vielleicht wahrhaben wollen. Nichtstun ist die denkbar schlechteste Option.

In Anbetracht der jüngeren deutschen Geschichte ist es unvermeidlich, die Nachkriegskonstellationen nicht wahrgenommen zu haben und die Ereignisse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der deutschen Vereinigung auszublenden. Insofern ist es folgerichtig, ein markantes Sicherheitsbedürfnis Russlands, das den höchsten Preis in der Bezwingung des Hitler-Faschismus bezahlt hat, zu konstatieren. Was die Entwicklungen in der Ukraine anbetrifft, so herrschte in der bundesrepublikanischen Berichterstattung sogar eine Art Common Sense in Bezug auf die Beschaffenheit der ukrainischen Gesellschaft, den Terror gegen die russische Bevölkerung, die Korruption und die mafiösen Strukturen. Wer sich die diversen politischen Magazine vor allem in den Jahren von 2008 bis 2014 ansieht, wird es feststellen können. Mit der angebotenen Option eines EU-Beitritts, der an eine NATO-Mitgliedschaft gekoppelt sein sollte, war klar, wer wen zu bedrohen gedachte.

Das Wissen um diese Geschichte ist vorhanden, es kollidiert allerdings mit der Vernichtung der Lufthoheit eines zuweilen investigativen Journalismus und einem nahezu totalitären Schub während der Corona-Krise. Dadurch wurde eine Atmosphäre erschaffen, die das Phänomen der kognitiven Dissonanz sogar zu einem bequemen Refugium machte, wenn man sich nicht dem Risiko der öffentlichen Hinrichtung ausliefern wollte. 

Und so befinden wir uns in einer Art der kollektiven kognitiven Dissonanz, die die Gesellschaft in einen Zustand versetzt hat, der mit dem Kaninchen vor der Schlange gut verglichen werden kann. Für Sozialpsychologen ist der gegenwärtige gesellschaftliche Zustand ein wahrer Fundus. Ein Phänomen jagt das andere. Der so genannte Benjamin-Franklin-Effekt, der wachsende Sympathie mit einem vermeintlichen Opfer vergrößert, sobald man ihm hilft, bis zu dem massenhaft vertretenen Pinocchio-Syndrom, das die zunehmende Unfähigkeit beschreibt, überhaupt noch die Wahrheit zu sagen bzw. es zu einem Zwang hat werden lassen, permanent sich und andere zu belügen, ist vieles vorhanden. 

Die zu konstatierende kollektive kognitive Dissonanz ist dazu geeignet, jedwede Lösung gesellschaftlicher Probleme zu verhindern, geschweige denn eine Strategie zu beschreiben, die einen vernünftigen politischen Weg weisen könnte. Der verbreitete Selbstbetrug wird vor allem gespeist durch Ängste, in Konflikte zu geraten, wie zum Beispiel mit einem Bündnis, das zunehmend einem aggressiven Kriegskonsortium gleicht, in dem gegeneinander intrigiert wird und Sabotage-Akte verübt werden und der dieses Bündnis dominierenden Macht, die exklusiv ihre Interessen vertritt und das Bündnis dazu hemmungslos instrumentalisiert. 

Der bereits angerichtete Schaden sollte dazu führen, den kollektiven Selbstbetrug zu beenden. Sollte! 

Die Schule der Koexistenz

Die wahre Schule einer Koexistenz von unterschiedlichen Menschen, Gruppen oder Staaten ist hart. Sehr hart. Es ist das ungeschützte Aufeinandertreffen von Subjekten, die wenig mitbringen, womit sie sich kollektiv identifizieren könnten. Das Wenige jedoch ist essenziell für eine gemeinsame Zukunft. Der Unterschied ist es nicht. Er wird bleiben. Und er wird vielleicht irgendwann erkannt als ein willkommenes Element von dem, was die Gemeinsamkeit ausmacht. Dass nämlich ein Ensemble mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten, Betrachtungsweisen, Temperamenten und Tempi mehr bewirken kann als eine weitgehend uniforme Formation. 

Bis dahin ist es ein langer Weg. Das Aufeinandertreffen des jeweils Fremden bedeutet zunächst Bruch, Irritation, Erregung und Reibung. Es endet womöglich im Desaster, solange es nicht gelingt, das Gemeinsame in den Blick zu bekommen. Vulgär gesprochen ist das Gemeinsame eine Strategie, unter der sich die Diversität als Entwicklungspotenzial subsumieren lässt. In der Organisationsentwicklung läuft so etwas unter dem Terminus der Teamentwicklung. In kleinen Organisationen sind die Ziele häufig eindeutig. Ein oft gelingendes Beispiel ist der Mannschaftssport. Da ist ein erfolgreiches Kollektiv das Ziel und Quelle des Erfolgs. 

Ein häufig auftretendes Hindernis bei einer Strategie, zu der ein erfolgreiches Ziel gehört, ist die Dominanz von Partikeln, die die Synergie als Störung empfinden und die Konkordanz als Demontage ihrer vermeintlichen Machtposition verstehen. Ein anderes ist die Überbetonung der Bedeutung einzelner Teile, die als das jeweilige Juwel des Ensembles verstanden werden sollen. 

Der Erfolg besteht in einer Strategie, ohne die nichts geht und einem Gemeinsinn, der die Basis des Gelingens ausmacht. Die Philosophie ist, dass unterschiedliche Fähigkeiten in einer gewissen Harmonie zu einem Ziel führen können. Um die Strategie zu entwickeln und zu formulieren, dazu bedarf es eines Blickes und Interesses über einen längeren Zeitraum, vielleicht sogar der eigenen Existenz hinaus, der nicht bricht, wenn es vereinzelte Rückschläge gibt. Und es sind Menschen und Organisationen erforderlich, die den Bildungs- und Formungsprozess gestalten und moderieren. 

Ist beides nicht vorhanden, befindet sich das soziale Gefüge in einem Kleinkrieg für jedermann. Da treffen die verschiedenen Charaktere und Potenziale als konkurrierende Systeme aufeinander, und sie begreifen die Möglichkeit ihres eigenen Fortbestands ausschließlich in der Vernichtung der vermeintlichen Konkurrenz. 

Daher ist es von existenzieller Bedeutung, eine Strategie zu entwickeln und an einer Professionalität zu arbeiten, die mächtig genug ist, die einzelnen Entwicklungsschritte zu begleiten. Scharfer Verstand, ein unbändiger Wille und ein überaus langer Atem sind dazu genauso erforderlich wie die Fähigkeit, schmerzhafte Schläge einzustecken und dennoch nicht ins Ressentiment zu fallen. 

Das ist nicht einmal leicht gesagt, und noch schwerer zu machen. Aber es ist der Weg, der gegangen werden muss. Und wer in der operativen wie methodologisch profanen Ebene weiter wursteln will, der möge dies tun. Erlösung wird er nicht finden. Und Abhilfe schafft das nicht. Nur Scherben. Und es sind nicht die des Glücks.