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Die eigene Reflexion ist primordial!

Manchmal scheint es, als hätten vermeintliche Plattitüden den tiefsten philosophischen Gehalt. Dass alles seine Zeit hat ist so eine Weisheit, die bereits in den ersten Aufzeichnungen unserer Zivilisation verbucht ist. Dieser Erkenntnis wird sich niemand entgegenstellen, wenn es sich um einen Diskurs auf der Meta-Ebene handelt. Wer zweifelte seine Gültigkeit bei einer historischen Reflexion auch an? Bis, diese Einschränkung sei erlaubt, bis auf momentan so die Mode bestimmende Exemplare der individualistischen Kernleere, die auf den öffentlichen Kanälen herumkrakeelen. De facto jedoch, im richtigen Leben, d.h. im profanen Alltag der menschlichen Existenz sind auch sie, wie alle großen und kleinen Geister vorher, das Opfer des Zwiespalts zwischen der kollektiven Erkenntnis der Gattung Mensch und der Selbstüberschätzung des Individuums. 

Die Bilanz jedoch lässt keine Zweifel aufkommen: Wenn die Reiche der Antike, das große China, das Hordenreich des großen Khans, das mächtige Rom, die Imperien der europäischen Seefahrer bis hin zum British Empire und der Episode des 1000jährigen Reiches und die Sowjetunion, wenn sie alle irgendwann ihren Zenit überschritten hatten und in die Bedeutungslosigkeit stürzten, warum nur sollte das jemals anders sein? Wir selbst sind derzeit die lebenden Zeugen, dass ein die Welt beherrschender Adler unter großem Geschrei vom Himmel fällt.

Es hat noch nie genutzt, sich gegen den großen Lauf der Geschichte und ihrer Gesetze stellen zu wollen. Denn alles, was aufsteigt, fällt auch wieder herunter. Bei einem derartigen Prozess sich dem Narzissmus individueller Existenz hinzugeben, scheint das Törichste zu sein, auf das man kommen kann. Was bleibt, ist die scharfe Beobachtung der Prozesse, die eine Qualität erreicht haben, dass sie unabhängig vom Willen einzelner Akteure vonstatten gehen. Das muss klar sein, sonst sind selbst die Klügsten verloren. Schaut man auf die Dokumente, die uns Hochkulturen hinterlassen haben, dann sind die Erkenntnisse um diese ewigen Prozesse des Lebens, von der Entstehung, dem Erblühen bis hin zum Welken das, was letztendlich von jeder historischen Periode als Substanz im Reagenzglas übrig bleibt.

Ob es schwarze Magie war, eine eis- und Eisen-kalte Form der Herrschaft, das Blaue Blut, die bürgerliche Konstitution oder die in allen historischen Perioden auftauchenden Tyrannen, das, was eine Zivilisation zu hinterlassen in der Lage ist, sind die Vorstellungen von der Bestimmtheit der individuellen Existenz, ihren jeweiligen Platz in der Gemeinschaft, sprich der humanen Kooperation und ihres Verhältnisses zur Natur. Alleine diese semantische Triade öffnet die Ebene zu einer Reflexion in Demut. Wer bin ich? Wer ist mit mir? Wie sind wir mit der Natur und wie ist die Natur mit uns? Das Räsonnement darüber zeigt, wie zeitraubend und heikel diese Beziehungen sind, dass sie nie abschließend geklärt werden können und dass selbst die Phasen dieser Reflexion den Konjunkturen der jeweiligen Zivilisation unterliegen.

Und wieder endet auch diese Überlegung in der Empfehlung, grundsätzlich und in Ruhe darüber nachzudenken, wer wir sind, mit wem wir interagieren, welchen Biologismen wir unterliegen und in welcher gesellschaftspolitischen Phase wir uns befinden. Vielleicht fällt uns bei dieser Übung auch etwas Kluges ein, das weit über das hinausgeht, was uns die Discounter eines vermeintlichen Zeitgeistes an jeder Ecke feilbieten. Die eigene Reflexion ist primordial, d.h. von erster Ordnung. Und schleiche sich niemand davon!

Mut und Stille!

So, wie es scheint, ist die Stille eine sehr subversive Kraft. In diesen Tagen zeigt es sich dadurch, dass die auf permanenten Krawall gebürsteten Kanäle verzweifelt nach Superlativen suchen. Da die Schreihälse aus dem eigenen Lager für einige Tage verstummt sind, wird auf dem übrigen Planeten nach Tragödien oder Kuriosa gesucht, mit denen die Empörungs- und Lustkanäle, die mit ihren eklatistischen Schlünden gieren, gestopft werden können. Dennoch – die Ausbeute ist mehr als dürftig: was ist schon ein Flugzeugabsturz im fernen Osten? Davon gibt es immer wieder Beispiele. Oder die Aussage eines Elon Musk, für einen schlappen Dollarbetrag einen Tunnel von den USA bis nach Europa bauen zu können? Kennt denn niemand den Roman von Bernhard Kellermann? Erschienen 1913 , mit dem Titel „Der Tunnel“, in dem der Ingenieur Mac Allan mit dem stahlähnlichen Werkstoff Allanit im Auftrag des Atlantik-Tunnel-Syndikats einen submarinen Tunnel von Amerika nach Europa baut? Darin steht doch sehr genau, wie so etwas gemacht wird. Neu ist das also nicht. Mit Ausnahme der Petitesse, dass das eine als utopischer Roman und das andere als ein technologisch realisierbares Geschäftsmodell zu beschreiben wäre.

Womit wir bei dem eigentlichen Problem unserer Tage angekommen sind. Die Trennlinien zwischen Utopie und Geschäftsplan scheinen sich zu verwischen. Vieles von dem, was die von der Technokratie Berauschten sich so vorstellen können, wäre tatsächlich machbar, wenn es nicht die große Kluft von technischer Faktizität und humaner Fehlbarkeit gäbe, die ihrerseits nichts schlechtes, sondern zunehmend als ein Segen angesehen werden muss. Jeder „Unfall“ in der Anwendung der Technik spricht für einen Restbestand an gattungsspezifischer Kompetenz. Denn vieles von dem, was sich der satanische Geist im Bereich technischer Plausibilität denken lässt, stößt auf eine biologische Opposition im Kopf bereits verunstalteter Menschen. Das betrifft alle Werkzeuge, die mit dem Ziel angewandt werden, sich selbst zum Subjekt aufzuschwingen, obwohl sie als Objekte erschaffen wurden. Nichts zeigt dies deutlicher, als die Generation von Waffen, mit denen der vereinigte Staatsterrorismus jegliche Art menschlicher Zivilisation aufs Korn nimmt.

Viele Menschen winken bereits ab, wenn auf diesen Missstand hingewiesen wird, weil sie alle Hoffnung haben fahren lassen. Das ist nicht mehr aufzuhalten, so argumentieren sie, und es gibt keine Macht, die diesem Trend ebenbürtig wäre, so schließen sie. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Lösung liegt in der Weigerung, sich der technokratischen Logik zu unterwerfen und in der Bereitschaft, sich selbst in jeder nur möglichen Hinsicht zu befähigen. Als Subjekt mit Hirn und Herz. Soviel Substanz ist noch vorhanden. Wer hingegen glaubt, durch den Einsatz all der „intelligenten“ Werkzeuge die gattungsbezogenen Gefahren bekämpfen zu können, ist bereits ihr Opfer. Denn es existiert keine Logik, die dem Urteil sich selbst befreiender Menschen überlegen wäre. Und es existiert kein Werkzeug, dass mehr Freude zu erzeugen in der Lage wäre, als das Gelingen durch menschliche Energie, am besten noch durch das Werk der Kooperation. 

Zwei Voraussetzungen sind dabei vonnöten. Mut und Stille. Und Verständigung. Das ist, entgegen aller feurigen Verunglimpfung, kein Hexenwerk. Auch wenn das Syndikat der Zerstörung es mit Mitteln der Hexenverfolgung und Hexenverbrennung zu verhindern sucht. Ich denke, also bin ich. Wir machen, also sind wir. So einfach kann die Wahrheit sein. 

Vom tendenziellen Fall des Preises für den Verrat

Schon in der alten Schrift wird der Preis für den Verrat als niedrig beschrieben. Für ein Linsengericht heißt es dort, was nicht darüber hinweg täuschen sollte, dass der Wert einer Zuwendung immer auch von der wie auch immer gearteten Niedrigkeit des Empfängers kalkuliert werden muss. Wer nichts hat, kann für ein Stückchen Brot durchaus zu einem großen Verrat angestiftet werden, was ihm viele, die in ähnlich prekärer Situation leben, durchaus nachempfinden könnten, diejenigen auf der Sonnenseite des Lebens allerdings nur mit Verachtung betrachten werden.

Ja, der Verrat steht ethisch wie moralisch nicht hoch im Kurs. Und dennoch findet er immer wieder statt. Kein Umstand, der ihn nicht zu einer Option macht und keine Beteiligten, die nach einem Zubrot lechzen. Die Währung, mit der Verrat bezahlt wird, unterliegt allerdings konjunkturellen Wechseln. Was allzu oft das Ergebnis materieller Armut ist, nämlich besagte Linsengerichte, Brote oder sonstige Speisen, entspringt einem knurrenden Magen. 

Neben der Not existiert auch immer die Gier. Da sind dann jene, die getrieben werden von dem Ziel des sozialen Aufstiegs. Für Geld, dem allgemeinen Äquivalent für nahezu die gesamte Warenwelt, lässt sich neben dem tatsächlich Materiellen lässt noch gesellschaftliches Ansehen erwerben. Vor allem in Gesellschaften, die ihrerseits von dem Unversalwert des Geldes getrieben werden. Sehr verbreitet und beliebt ist dieses in den so genannten post-heroischen Gesellschaften. Da werden zwar,  wie im Zombieland, gewisse Werte im Diskurs beworben, aber zählen, zählen tun sie nichts. Was zählt, ist das blinkende Metall. Vielleicht sollte man für diese sich sozial und kulturell im Niedergang befindlichen Gesellschaften auch das Attribut des Metallurgischen einführen.

Und, als weitere Option für die Währung, in der der Verrat gezahlt wird, ist das des Ausbleibens großer Gefahr. Wer eine bestimmte Position im gesellschaftlichen Gefüge einnimmt und sich auf den Deal mit den feindlichen Interessen einlässt, bekommt einen kleinen Garantieschein für die eigene Sicherheit. Und zwar in mehrere Richtungen sein. Man ist fest verankert im Ensemble eines beträchtlichen Kollektivs von Delinquenten, die alle auf der Empfängerliste stehen und man braucht die brachialen Methoden des Nutznießers des geplanten Verrats nicht zu fürchten. Denn die einen schrecken nicht davor zurück, die Verräter am Verrat auf dem eigenen Terrain zu vernichten und der andere, der Auftraggeber, ist dafür bekannt, dass der neben einem lächerlichen Zubrot auch in der Währung des Todes bereit ist den Akt der Verweigerung zu begleichen.

Betrachtet man den Vorgang systemisch, so ist festzustellen, dass Zustände, die den Verrat am Fortgang der Dinge nahezu voraussetzen, dahin tendieren, den Preis für den Verrat tendenziell zu senken. Wir reden also vom tendenziellen Fall des Wertes für den Verrat. Und zwar für den Verrat am kollektiven Konsens. De facto hat er bereits vor langer Zeit stattgefunden, indem nur noch die Interessen einer verschwindend geringen Minorität als politisches Programm verfolgt wurde. De jure findet er statt seit dem Eintritt in den bewaffneten Kampf um Ressourcen und Macht. In diesem Stadium scheinen wir uns zu befinden. Der Preis für den Verrat ist zu einer Ramschgröße verkommen. Der Schaden hingegen nähert sich den astronomischen Summen privater Vermögen. Das Lesen dieser Bilanz erfordert eine gewisse Portion innerer Stärke.