Archiv der Kategorie: food for thought

Wer gestaltet die Zukunft?

Die Vorstellung, wir lebten in einer Welt, in der sich alles zum Guten wendete, ist ebenso eine Illusion wie der Glaube, das Schlechte gewönne die Überhand. Allzu oft treffen wir auf solche apodiktische Aussagen und nicht selten machen wir sie uns sogar zu eigen. Sicher ist, das nichts bleibt, wie es ist. Ob es besser oder schlechter wird, hängt jedoch davon ab, wie wir Menschen in der Zukunft agieren. Eines hat sich bei dem schwierigen Kalkül um das Existenzielle immer als falsch erwiesen. Es ist die Selbstberuhigung des Einzelnen, er könne nichts ändern. Wie sehr fallen in diesem Zusammenhang die klugen Sätze Bertolt Brechts zurück in eine sich immer chaotischer generierende Welt. Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat bereits verloren. Ja, daran ist etwas, das allzu gerne ausgeblendet wird. Oder Jean Paul Sartre, der es so formulierte: Unsere Existenz ist eine zu leistende. 

Die Verantwortung des Individuums hat ihren eigenen Fokus. Der ist nicht so klein, wie die Defätisten dieser Welt so gerne glauben machen möchten. Es geht um einen Mikrokosmos. Jeder, der sich zu seiner Verantwortung für ihn bekannt, hat sich Aktiva der Geschichte gesichert. Auch da können wir bei Brecht bleiben, der zu Recht fragte, ob die Großen der Geschichte nicht wenigstens einen Koch bei ihren Eroberungen dabei gehabt hätten. Ja, die Köche und Maurer, die Sekretärinnen und Unternehmerinnen, die Müllwerker und Schauspielerinnen, sie alle drehen mit am Rad, am großen Rad der Geschichte, wenn sie sich nur dessen bewusst sind. Es geht um das Bewusstsein, ob der Mensch zum Subjekt wird, das handelnd in die Geschehnisse eingreift.

Was temporär immer wieder gelingt, ist das falsche Bild in das kollektive Gedächtnis zu hieven, das da besagt, die Namen derer seien es, die überall im Spiegelkabinett der Öffentlichkeit sichtbar sind, die den Lauf der Dinge bestimmten. Seht sie euch an, seht sie euch genau an. Nicht, dass auch manche dort im Olymp der Medialität weilten, weil sie nichts zu bieten hätten. Aber das Gros, das Gros weilt dort, weil sie etwas vermissen lassen, dass das andere Gros, nämlich das derer, die noch eine Vorstellung von Leistung haben, vor Schamgefühl zum Schweigen bringt. Wem Bedeutung beigemessen wird, ohne dass er oder sie etwas geleistet hätte, ist ein propagandistisches Trugbild für eine Welt, die keinen Bestand hat. Leben ohne Leistung des Individuums eignet sich nicht für die Geschichte. Es eignet sich allenfalls für die Absurdität eines Daseins ohne Identität.

Köche, Maurer, Sekretärinnen, Schauspielerinnen, Unternehmerinnen und Müllwerker haben beste Voraussetzungen, sich ihrer Identität bewusst zu werden und den Hasardeuren der Schnelllebigkeit etwas entgegen zu setzen, weil sie Werte schaffen, von denen alle etwas haben. Und die Art und Weise, wie sie diese Werte schaffen, bestimmt das Gesicht einer Gesellschaft mehr als alles andere. Die Gesellschaft, in der wir leben, scheint oft ohne innere Werte zu sein, weil sie in Zusammenhang gebracht wird mit denjenigen, die auf dem Rücken derer, die sie am Laufen halten, gleichgesetzt wird. Auch das ist ein Trugschluss. Und diejenigen, die diesen Trugschluss aufrecht erhalten wollen, gehören nicht zu denjenigen, mit denen sich Zukunft gestalten lässt. Wer Werte schafft, wer gestaltet, wer etwas leistet, arbeitet an der Zukunft. Wer nur gierig auf die Coupons schielt, die diese Rendite sichern,  gehört schlichtweg nicht dazu.

Erkenntnisse aus dem Sonnentheater

Nicht erst seit dem auch aus heutiger Sicht als sehr gelungen zu bezeichnenden Film Moliere von Arian Mnouchkine sollte vor allem die Schlusssequenz dazu genutzt werden, das Leben öfters mal von seinem Ende aus zu denken. Die Chefin des Theatre du Soleil hatte das Leben Molieres 1978 filmisch inszeniert. Man sollte ihn sich heute noch einmal anschauen. Und zwar aus zweierlei Gründen. Zum einen ist der Film brillant inszeniert und der chaotische, kreative und widersprüchliche Charakter des Lebenskünstlers, Bühnenautors und Handwerkers Molieres wird in einer extravaganten, aber sich dennoch auf das Wesentliche konzentrierenden Weise dargestellt. Zum anderen, und das als Hinweis an alle, die sich einer dem Kommunikationszeitalter unkritisch ergebenen Fraktion zurechnen, war der intellektuell sehr anspruchsvolle Film Mnouchkines ein großer, massenwirksamer Erfolg. Das, als Randglosse, wäre heute nicht mehr der Fall, da ein Publikum, das den Ansprüchen des besagten Filmes genügte, schlichtweg in dieser Dimension gar nicht mehr existiert.

Das Interessante jedoch ist die Idee Mnouchkines, den Tod des queren Kauzes so zu inszenieren, wie sie es tat. Der immer wieder kranke, teils misanthropische, teils hedonistische Freak, der seinem Ende entgegen leidet, hangelt sich an einer Treppe herunter. Es ist der letzte Moment seines Lebens und indem er die ausladende Treppe Stufe für Stufe hinuntergleitet, passieren Szenen seines Lebens vor seinem geistigen Auge Revue. Bei den auftauchenden Bildern handelt es sich um eine Auswahl, die das Unterbewusstsein getroffen hat. Genau wie die Tatsache, dass so etwas überhaupt geschieht, unabhängig von dem Willen des Hinscheidenden. Dass eine derartige Inszenierung des eigenen Lebens vor dem menschlichen Auge angesichts des Todes ansteht, wird von Medizinern und Wissenschaftlern nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern auch immer wieder bestätigt. Einigkeit besteht ebenfalls  darüber, dass dem Individuum, dem sich diese Bilder aus dem eigenen Leben einstellen, im Prozess der Wahrnehmung emotionale Felder wie Schmerz oder Freude fehlen. Das hieße, drastisch gesprochen, im Angesicht des Todes erhalten wir eine letzte, allerletzte Chance, unser Leben kalt zu bilanzieren.

Was biologisch wie literarisch interessant erscheint, birgt noch etwas Spielerisches, das blendend dazu geeignet wäre, den eigenen Horizont zu erweitern. Wie wäre es, wenn wir im Hier und Jetzt, in vermeintlich großem Abstand zum Tode, ab und zu, vielleicht einmal pro Dekade, den Abgang auf einer imaginären Treppe simulierten. Dabei müssten wir dem Unterbewusstsein einen Streich spielen respektive zur Seite springen, in dem wir konstruierten, welche unserer Erlebnisse das Gewicht hätten, um im tatsächlich finalen Moment unseres Lebens in der Bilanz aufzutauchen.

Das Ergebnis selbst würde einiges deutlich machen. So banal der Vorschlag, so radikal ist er: Er zwingt uns, unser Leben in seiner Endlichkeit zu betrachten. Dabei wird ein wesentliches Tabu gebrochen. Die Verdrängung der Endlichkeit bedeutet letztendlich die Infusion übertriebener Hoffnung in unser Dasein. Der geübte, und wiederholte Gang über die Treppe des Todes würde Bilder in uns erzeugen, die normal sterblichen Wesen entsprächen und Größenordnungen entsprächen, die menschlicher, realistischer und – demütiger wären. Die immer wieder in uns auftauchende Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn verlöre an Boden und bescherte uns insgesamt einen anderen Umgang mit uns und der Welt.

Molieres Treppe, aus dem Theatre du Soleil, ist nicht nur ein cineastisch wie literarisch genialer Effekt, es ist könnte auch ein Beitrag sein zu einer anderen, existenziell wesentlichen Selbstwahrnehmung.   

Epistemologie und Digitalisierung

Die Erkenntnistheorien, die der Aufklärung entsprungen sind, hatten einen Konsens. Es war das Fortschreiten der Bewusstwerdung der Welt nach einem relativ einfachen Schema, das in drei Stufen unterteilt wurde: die erste Ebene der Erkenntnis war die unmittelbare Erfahrung. Unter ihr wurde alles subsumiert, was der Mensch, das erkennende Wesen, direkt mit seinen Sinnen wahrnehmen und verarbeiten konnte. Die zweite Stufe war der qualitative Sprung von der unmittelbaren Erfahrung zu rationalen Erkenntnis. Sie beschrieb den Übergang vom Fühlen zum Kognitiven. Das war die Erkenntnis nach den verbrannten Händen auf der Herdplatte, irgendwann konstruierte das Hirn Zustände und Zusammenhänge, die darauf schließen ließen, dass weiterer Schmerz wahrscheinlich sei und die unmittelbare Erfahrung nicht ein weiteres Mal erforderlich sei. Und schließlich, die dritte Ebene war der Sprung von der rationalen Erkenntnis hin zur Bewusstwerdung und aktiven Gestaltung. Somit war die Tirade von Fühlen -Erkennen – und Tun beschrieben, die immer wieder verifiziert werden konnte und deren Erkenntnis weit in andere Disziplinen hineinreichte, vor allem In die Pädagogik und Didaktik. Denn, so die logische Schlussfolgerung, wenn der Mensch so erkennt und lernt wie beschrieben, dann muss Neues auch so gelehrt werden. Die unmittelbare Erfahrung gilt immer noch als die Mutter aller Erkenntnis.

Der durch die Aufklärung beflügelte Prozess der Zivilisation zeichnet sich vor allem durch eine Reduktion des Unmittelbaren in den Lebensbereichen der Menschen aus. Direkte Erfahrungen, die  Landmenschen mit Natur und Umwelt beschert sind, sind bereits Städtern versagt und enden damit, dass heutzutage Stadtkinder in den Zoo müssen, um ihre erste Kuh zu sehen. Das Anschauungsmaterial für die Rückdrängung des Unmittelbaren ist erdrückend: Kinder spielen kaum noch auf der Straße, freies Streunen durch die Städte ist versagt, ein immens steigender Behütungsdrang der Eltern endet in elektronischen Überwachungssystemen. Die Welt von heute, die es zu entdecken gilt, ist in unseren Breitengraden nahezu frei von Gerüchen, Unwägbarkeiten und Gefahren.

Der Verdrängung der unmittelbaren Erfahrung steht eine anwachsende, heute schon alles dominierende mittelbare Erfahrung gegenüber. Im Zeitalter der Digitalisierung und der flächendeckenden Versorgung mit Zugängen zu den Multi-Mega-Wissensarsenalen der Gegenwart kann sich der Mensch mit Informationen versorgen, ohne vorher Lernprozesse durchgemacht zu haben, die ihn bereits epistemologisch geprägt haben. Und darin liegt eine Katastrophe, deren Ausmaß noch nicht taxiert werden kann. Um es drastisch auszudrücken: wer nichts erfühlt hat auf seinem Weg der Erkenntnis, der wird auch kein Gefühl für das haben, was ihm dar- und angeboten wird. Das, was als rationale Erkenntnis im Gehirn gespeichert wird, hat keine emotionale Grundstruktur.

So sehr die Revolutionierung der artifiziellen Intelligenz auch in Bezug auf ihr Vermögen zu bewundern ist, so sehr hat sie den Menschen von seinem eigenen Produkt entfernt. Die Quelle der Erkenntnis ist die unmittelbare Erfahrung. Wer sie nicht oder nur rudimentär genießt, beginnt sich von seiner eigenen Psyche zugunsten der Ratio zu entfernen. Nichts gegen mehr Ratio in einer Welt, die erstaunlich von Irrationalismen geprägt wird. Aber die mit der Ent-Emotionalisierung verbundene Marginalisierung der Psyche entzieht diese aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Es entsteht eine Unterwelt, in der sich niemand mehr außer den Demagogen auskennt. Die Metapher, die vom Menschen übrig bleibt, ist die der trivialen Maschine. Das ist kein Fortschritt. Das ist Mittelalter. Wenn es eine Dialektik der Aufklärung gibt, d.h. wenn der Gedanke zur Befreiung auch immer die Option in sich trägt, das Dasein zu mystifizieren, dann ist die Digitalisierung unserer Welt der beste Beweis.