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Organisation und Entscheidung

Entscheidungen sind so eine Sache. Kaum eine Angelegenheit des Willens und des Intellekts erweckt so viele Emotionen wie die Entscheidung. Ganze Kulturkritiken setzen gar an ihnen an. Und tatsächlich: Wenn etwas das Leben einzelner Menschen und ganzer Gesellschaften bestimmt, dann sind es Entscheidungen. Dafür, dass dieses so ist, was sicherlich auch kaum jemand bezweifeln wird, machen wir uns allerdings wenig Gedanken zu dem Thema. Ganz versteckt, in den Kammern der Wissenschaft oder der Philosophie, werden leise Diskurse über das Wesen der Entscheidung geführt, aber dort, wo diese laufend getroffen werden, da regiert die Situation und der Bauch.

Manche gehen so weit, dass sie das Wesen eines Gemeinwesens anhand der von ihm und in ihm geführten Entscheidungen glauben diagnostizieren zu können. Einer von ihnen war der Soziologe Niklas Luhmann, hierzulande als Mentor und Protagonist der soziologischen Systemtheorie bekannt. Aber selbst er, der wenig Ehrfurcht vor Tabus hatte, hatte entweder innerlich noch nicht mit dem Thema abgeschlossen oder nicht die Courage, eine Erkenntnis noch zu Lebzeiten in den Diskurs zu speisen, die vielleicht eine bittere Diagnose zur Folge gehabt hätte. Nämlich eben die, dass der Zustand von Organisationen ablesbar ist an der Geschwindigkeit, mit der sie in der Lage sind gute, d.h. richtige, vorausschauende und nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Das war die Erkenntnis, die gewissenhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in seinem Nachlass fanden und zu dem letzten Buch dieses außergewöhnlichen Autors formten. Es trug den Titel „Organisation und Entscheidung.“

Nicht umsonst haben wir in der deutschen Sprache bestimmte Begriffe, die in der Lage sind, eine gewisse Komplexität zu erfassen als auch das zu charakterisieren, was gerade passiert. Obwohl wir in einer Phase der virulenten Globalisierung leben, existieren dennoch kulturelle Unterschiede, die vielleicht das ausmachen, was die positive Spannung in der Welt genannt werden kann. Im Deutschen heißt es nämlich, wir hätten hier Entscheidungsträger. Gemeint ist damit, dass diejenigen, die über Macht verfügen, auch die Konsequenzen der Entscheidung tragen müssen. Da liegt die Konsequenz des Aktes schon im eigenen Begriff, was nicht überall so ist. Im Englischen z.B. wird von decision maker gesprochen, d.h. der Akt des Entscheidens als aktive, willentliche Tat beschrieben, deren Konsequenz in der begrifflichen Beschreibung bedeutungslos bleibt. Der deutschen Version wohnt bereits eine moralische Verpflichtung inne, die nicht immer entscheidungsfördernd wirkt.

Da schöne chinesische Sprichwort, das da besagt, keine Zeit zu haben heißt, sich für etwas anderes zu entscheiden, trägt vom Charakter her den nächsten Kern, der hierzulande Entscheidungsprozesse in gewisser Weise entschleunigt. Bei Entscheidungen geht es nämlich nicht nur um die Frage, was durch sie bejaht, sondern auch um die, was durch sie verneint wird. Eine Entscheidung zwischen fünf Alternativen bedeutet eine Absage an vier Optionen. Letzteres verursacht schon bei vielen, die für das Entscheiden engagiert sind, einen gewissen Stress. Nein zu sagen gehört vielleicht gegenwärtig zu den größten Schwierigkeiten, vor der unsere Gesellschaft steht. Absage, Trennung, Abschied und Negation sind schicksalsbeladene, emotional überaus komplexe Gebilde, mit denen unser kultureller Kontext, der sich immer aus holistischen Weltbildern gespeist hat, nur sehr schwer umgehen an. Im Gegensatz zu dem Pragmatismus der anglophonen Welt, die dagegen gefühlsarm und extrem kalt wirkt. Vielleicht deshalb auch das Ressentiment. Hier fällt das Nein-Sagen schwerer als die Bejahung. Ein Diskurs über die Entscheidung, ihre Entstehung, die Belohnungen, wenn keine getroffen wird und die Kräfte, die sie beflügeln, steht noch aus.

Die Teleologie der Individuation

Müßig und alt sind die Diskussionen, die sich um die deterministische Variante des wahren Daseins mühen. Der Verweis auf die Rahmenbedingungen der Existenz zu ihrer ausschließlichen Erklärung entschuldigen das Subjekt, für das eigene Dasein verantwortlich zu sein. Sie formen das Subjekt zum Objekt um. Die exklusive Fokussierung auf das Individuum neigt dazu, die Bedingungen, unter denen menschliches Handeln wirkt, zu bagatellisieren. Die Anwendung dieses Deutungsmusters führt in der Regel zu einer zynischen Atmosphäre, die der Suche nach Erklärung nicht gerecht wird.

Bei kritischer Betrachtung der tatsächlichen Individuation menschlicher Existenz in Post-Moderne und Kommunikationszeitalter fällt auf, dass eine Gegenbewegung gegen den aufklärerischen Gedanken, der die Verantwortung des Individuums in einem virulenten Gemeinwesen in den Mittelpunkt stellt, kompromittierende Akzente gesetzt hat. Die Frage nach der individuellen Verantwortung spielt keine relevante Rolle mehr, zumindest nicht in Stadien des Selbstreflexion des Individuums.

Fragestellungen, die sich mit diesem für das Gemeinwesen wie für das Individuum gefährlichen Missstand beschäftigen, können kaum noch anders als unter Deckung erörtert werden. Die Thematisierung in einer omnipräsenten Öffentlichkeit führt zu Ausgrenzung und Verdächtigung nach den erprobten Mechanismen der politischen Marginalisierung essentieller Kritik. Die kritische Überprüfung des eigenen Ichs wird zu einer systemischen Bedrohung der entmündigten Gemeinschaft.

Die beabsichtigte Wirkung einer Individuation in Gemeinschaft kann wie folgt beschrieben werden: Das Individuum will dem Ziel näher kommen, den unabdingbaren Maximen des Lebens in Gemeinschaft im eigenen Wirken zu entsprechen. Es muss danach trachten, Gesten der Demut und der partiären Passivität zu internalisieren. Das Zuhören darf nicht als Qual empfunden werden, der Respekt gegenüber dem Gegenüber muss als Axiom begriffen werden und das Voraussetzen einer gemeinsamen Intentionalität darf nicht dem Zweifel unterliegen.

Indem sich Gemeinschaften etablieren, die unabhängig von den gesellschaftlichen Gravitationskräften existieren, bieten sie dem Individuum die Möglichkeit, die Maxime „Du musst dein Leben ändern“ zu erproben. Sie ermöglichen einen Diskurs mit hoher Fehlertoleranz, eine der Lebenslinien lernender Organisationen, und die damit verbundene Perspektive neuer Horizonte. Das Individuum kann sich erproben im Respekt von heterogenen Auffassungen, in dem es lernt, die redlichen Motive anderer Meinungen zu beobachten, ohne auf die eigene empfundene Mission zu verzichten.

Das erfordert Disziplin im Sinne von Selbstkontrolle, die Domestizierung von Affekten und die Formung der Tugend der Geduld. Der Diskurs als Modell der eigenen Verfeinerung und Verbesserung transferiert die Einsicht, dass eine vitale Verbindung von Mikrokosmos und Makrokosmos existiert, die sich als interdependent entlarvt. Nur wenn das Individuum begreift, dass die Funktions- und Sinnzusammenhänge der komplexen Existenz Analogien zu den eigenen Mustern im individuellen Dasein aufweisen, wird es ihm gelingen, die Arbeit an sich anzugehen.

In der Phase, in der das Erlernen zentral ist, muss das Weitergeben noch warten. Es geht darum, die Rauheit der eigenen Oberfläche zu erfühlen, die Sensibiliät für das bei anderen Anstößige zu entwickeln und damit zu beginnen, an den Irritationen des eigenen Ichs zu arbeiten, ohne das Charakteristische, welches zur Aufnahme in den Kreis der exklusiven Gemeinschaft geführt hat, preiszugeben. Das an sich arbeiten, um im Diskurs mit Gleichgesinnten gedeihlich zu bestehen, ist die Voraussetzung für die Entwicklung der Gemeinschaft. Es aktiviert die archaische Frage, wie der Prozess des Menschen als sozialem Wesen zu gestalten ist. Das Wort geht der Tat voraus, beurteilt wird die menschliche Existenz nach ihren Taten. Die Existenz selbst ist etwas zu Leistendes.

Tunesische Annäherung. Eine Reportage

Das Schöne an der Existenz ist die Relativität der Welt. Nichts, so können die unruhigen Geister feststellen, bleibt so, wie es war und nichts kehrt so zurück, wie es verlassen wurde. Selbst das so wahre, aber auch befremdende Sprichwort aus Frankreich, dass man immer wieder zu seiner ersten Liebe zurückkehrt, ist nichts anderes als ein zur Realität erhobener Schein. Der Amerikaner Thomas Wolfe hatte es auf den Nenner gebracht: You can´t go home again hatte er seinen großen, fragmentarischen und gar nicht so gelungenen Roman genannt, damit aber eine Kernbotschaft formuliert, die den Mitgliedern dieser phänomenalen Siedlergesellschaft aus den Herzen sprach.

Das Phänomen, sich dessen sicher sein zu müssen, nicht mehr sicher sein zu können, die Tatsache, Attribute, die morgens gelten, am späten Abend schon nicht mehr verwenden zu können, hat die Menschen in Zustände versetzt, die als starr und heimatlos zugleich beschrieben werden müssen. Die Starre ist ein Festhalten an den vergangenen, fernen Welten, die längst versunken sind, aus denen viele aber eine Stabilität zu schöpfen glauben, die es ebenso wenig noch gibt. Und die Heimatlosigkeit ist das Fanal derer, die den Schein des Beständigen tausendmal durchschaut haben und daraus eine Schlussfolgerung gezogen haben, die unerträglicher nicht sein könnte. Denn die, die an nichts mehr glauben, sind nicht glücklicher als jene, welche sich falsche Gewissheiten wählen.

Hier, im selbst erkorenen Land der Weltmeister aller Art, von der Innovation bis zum Export, vom Fußball bis zur Ordnung, wähnt man sich in der Beständigkeit des Erfolges. Das Suggestive überstrahlt zuweilen das Subterrane, die unübersehbaren Tendenzen des Niedergangs durch Verzehr der Substanz werden ausgeblendet, die Philosophie des Gelingens in eigener Sache ignoriert den Elan anderer Kulturkreise und Lebenszusammenhänge, in der mehr Energie und Kraft dem Neuen gewidmet werden. Wehmut und Dekadenz sind die Attribute, die das Jetzt mehr treffen als alle Placebos, die das Großartige suggerieren.

Die Regionen dieser Welt, die man als rückständig und verschlafen wähnt, haben bereits zivilisatorische Sprünge vollzogen, die in ihrer Dimension alles Europäische weit übertreffen oder sie bereiten sich darauf vor, in Welten vorzustoßen, die bis dato zu den unvorstellbaren zu zählen sind. Es drängen sich Bilder auf, die in den Hochphasen der europäischen Aufklärung immer wieder bemüht wurden. Nur beschreiben sie dieses Mal die Europäer selbst, die durch das Neue überwältigt werden. Da sprach man von müden Riesen, die auf ihren Lagern schlummerten und von agilen Zwergen, die nächtens Berge versetzten. Heute wiese man den Riesen noch Sklerotisches zu, um ihre Schwäche zu verdeutlichen und den Zwergen akkumulierte Adrenalindepots, um ihrer wachsenden Agilität Ausdruck zu verleihen.

Angesichts dieser Betrachtungen ist es dann gar nicht mehr so verwunderlich, wenn man sich entscheidet, die friedlichen Tage des Jahres nicht im London der angelsächsischen Hütchenspieler und russischen Ölbarone verbringen zu wollen, sondern sich im milden Tunis mit den Shisha rauchenden Trägern einer Revolution auszutauschen, die mitten auf dem Weg zwar ratlos geworden sind, aber weder den Willen noch den Mut verloren haben.

Eine zweistündige Verspätung kann die fast ausschließlich tunesischen Passagiere auf dem Flug nach Tunis nicht aus der Ruhe bringen. Bis auf einen Expat, der glaubt, seine Zeit sei die teuerste der Welt, bleibt man gelassen. Alles geht seinen Weg und als das Flugzeug abhebt, ist alles in Ordnung. Nachdem der Flugkapitän sich für die Verspätung entschuldigt und allen einen guten Flug gewünscht hat, steckt er sich erstmal eine Zigarette an, aus seinem Cockpit dringt der Qualm bis zu den Passagieren. Nach nur zwei Stunden landet die Maschine in der winterlichen Abendsonne von Tunis. Noch auf dem Flughafen fällt auf, dass Europa zwar geographisch nicht weit, aber kulturell woanders liegt. Überall werden die Zigaretten entzündet und mit ausgelassener Ruhe werden die Prozeduren vollzogen.

Tunis hat das Erscheinungsbild einer typischen Metropole von Schwellenländern. Minarette und hohe Bürotürme leuchten in der frühen Nacht, Verkehrsstaus, wohin das Auge reicht, an den Verkehrstangenten unzählige Baumärkte. Die Stadt wirkt jung, blutjung. In Horden laufen die jungen Menschen herum und es scheint, als warteten sie auf etwas, dass passieren muss, obwohl sie wissen, dass sie keine Zeit haben. Da drängt sich schon eine Ahnung vom Biologismus der Revolution auf. Wer einer radikal verjüngten und sich stetig verjüngenden Bevölkerung das ausschließlich Statische bietet, spielt mit dem Feuer und ist irgendwann dem Untergang geweiht. Stabilität ist hier kein Wert an sich, Veränderung das, worauf alle hoffen. Umkehrschlüsse für Europa liegen auf der Hand, sind hier aber nicht das Thema.

Später, im Restaurant, tauchen Kellner in prachtvoll verschlissenen Kapitäns- und Admiralsjacken auf und ihre Ränge spiegeln die Ordnung in der gastronomischen Hierarchie wieder. Zu Tintenfischsalat und sautierter Leber spielt im Hintergrund ein Jazz Trio. Der Saxophonist hat einen guten Ton, das Repertoire klingt eigenwillig, orientalisch, obwohl die Musiker mit ihrer Spielweise verraten, dass sie auf eine lange Tradition des modernen Jazz zurückgreifen. Zum Schluss, als längst der zuckersüße Pfefferminztee auf dem Tisch steht, spielen sie Now Is The Time von Charlie Parker. Der Saxophonist, darauf angesprochen, lächelt dankbar, und erzählt, dass das seit einem Jahr sein Stück sei, wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit? Fragt er, und verströmt eine Aura von Glück.

Mannoubia Bouazizi, deren Sohn Mohammed sich vor gut einem Jahr verbrannte und damit die Revolution in Tunesien auslöste, steht mit einem Zitat in einer Zeitung, die auf dem Hotelzimmer liegt. „Mohammed musste viel leiden. Er arbeitete hart. Als er sich selbst anzündete, war das nicht wegen seiner Waage, die sie konfiszierten. Es war wegen seiner Würde.“ Die Polizei hatte dem jungen Akademiker, der in seinem Beruf keine Arbeit fand und als Straßenhändler Obst und Gemüse verkaufte, die Waage konfisziert und vor den Passanten ins Gesicht geschlagen.

Und Sayda Al-Manahe, deren Sohn Hilme während einer Protestaktion in Tunis am 13. Januar 2011 von der Polizei erschossen und am Tage von Ben Alis Flucht aus Tunesien zu Grabe getragen wurde, formuliert ihre Sicht der Dinge so: „Mein Sohn ist nun ein Symbol, ein Symbol für Tunis. Er gab sein Leben, damit wir die Freiheit bekamen.“

Der neu gewählte tunesische Präsident, von Beruf Arzt und politisch eher der Linken zuzurechnen, ist mit der Botschaft an die Öffentlichkeit gegangen, dass die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger willkommen sind und das Land nicht verlassen sollen. 1967, bei Ausbruch des Sechs-Tage-Krieges zwischen Israel und Ägypten, lebten 100.000 Jüdinnen und Juden in Tunesien, heute, nach weiteren vierzig Jahren des israelisch-palästinensischen Konfliktes, sind es noch 5.000. Diese leben zumeist als Geschäftsleute auf der Touristeninsel Djerba. Das Signal des ehemaligen Widerstandskämpfers und heutigen Präsidenten ist deutlich. Das neue Tunesien soll ein tolerantes sein.

Die Positionierung des Landes als attraktivem Wirtschaftsstandort wird eine große Herausforderung sein. Die vorhandenen Arbeitskräfte gelten gemeinhin als gut ausgebildet und sehr zuverlässig. Zukunftspläne hinsichtlich des Exports von Sonnenenergie liegen bereits in den internationalen Anwaltskanzleien und europäische Investoren scheinen nicht abgeneigt zu sein. Allerdings können diese Pläne nur funktionieren, wenn die europäischen Energiekartelle an ihren Mega-Infrastrukturen festhalten. Sollten sich verbrauchsabhängige und verbrauchsgeschneiderte Verbundsysteme in den Industrienationen durchsetzen, würde aus den großen Plänen nichts.

Dienstleistungen, in denen die gut ausgebildeten Jungen – 3 der insgesamt 10 Millionen Tunesier sind unter 18 Jahre alt – eine Perspektive fänden, sind nicht in Sicht. Bei ihnen wird der Patriotismus entscheidend sein. Mit ihren Voraussetzungen, die auf einer basalen akademischen Ausbildung und nahezu flächendeckender Mehrsprachigkeit beruhen, hätten sie auf den europäischen Arbeitsmärkten große Chancen. Die qualifizierte Workforce ist allerdings nicht die, die auf geheuerten Totenschiffen immer wieder auf der nur fünfzig Kilometer vor der tunesischen Küste liegenden sizilianischen Insel Lampedusa strandet. Dort handelt es sich zumeist um die weniger Gebildeten, dafür aber Risiko Bereiteren. Die Qualifizierten benötigen im eigenen Land dagegen Bescheidenheit und Geduld, keine juvenilen Attribute.

Monsieur Mahdi, einer der letzten großen Virtuosen der arabischen Rasur, seinerseits bekennender Muslim, erkundigt sich, wo Weihnachten gefeiert werden soll. Er empfiehlt Da Franco, ein italienisches Restaurant. Dort äße man hervorragend und die Weihnachtsmenüs seien legendär. Der sei ein bißchen verrückt, dieser Italiano, der stopfe Truthähne mit Gänseleber und fülle die Bäuche der Meeresfische so prall mit Kräutern, dass sie zu platzen drohten und seine Weine hätten das Aroma der heiligen Dreifaltigkeit. Da drängt sich, quasi als Randnotiz, die Frage auf, warum es immer die katholischen Italiener sind, die an jedem auch noch so entlegenen Flecken auf dieser Welt – wozu Tunesien selbstverständlich nicht zählt – die europäische Sinnlichkeit bedienen. Und die andere Frage, die ganz in den Kontext passt, gehört zu dem Motiv des bekennenden Muslim Mahdi. Ist es die pure Menschlichkeit, oder vielleicht doch die zumeist schlummernde, und manchmal geheime Solidarität der Monotheisten untereinander?

Unter diesem Aspekt ist die Frage der Konkordanz verschiedener, religionsbasierter Kulturen noch nicht beleuchtet worden. Im Nahen Osten war lange Zeit der Libanon ein gerne vorgezeigtes Beispiel für die Möglichkeit einträchtiger Koexistenz von Muslimen, Christen und Juden, den drei monotheistischen Religionen. Sie scheiterte allerdings in erster Linie an dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern und der Instrumentalisierung verschiedener religiöser Gruppen durch benachbarte Staaten wie Syrien und Iran. Und das konkordante Gebilde im Libanon selbst, das bestimmte Strukturen der Staatsverwaltung und der Regierung einzelnen Religionsgruppen reservierte, war von der Idee her zu statisch und zu wenig vom Geist der Toleranz geprägt. Bei 95 Prozent Muslimen stellt sich die Frage einer Konkordanzdemokratie für Tunesien allerdings nicht.

Monsieur Hassim erzählt von seinem Sohn, der eine Mittelohrentzündung hatte. Ja, sagt er mit erschütterter Miene, das war eine schlimme Zeit. Monsieur Hassim nahm Urlaub, um seinem Sohn nahe zu sein. Aber nun, so berichtet er erleichtert, Alhamdullilah, haben wir das Schlimmste hinter uns gebracht. Herr Hassim erzählt, während er an seinem zuckersüßen, mit Pinienkernen veredelten Pfefferminztee schlürft, wie stolz die Tunesier sind, ihre Revolution gemacht zu haben. Wir waren die ersten, strahlt er, und wir waren friedlich. Uns ist es gelungen, aus der jahrzehntelangen Dunkelheit zu treten.

Viele, so lässt Monsieur Hassim weiter seine Gedanken über den belebten Platz schweifen, sind jetzt ohne Orientierung. Ewige Zeiten war es stockfinster, und jetzt plötzlich herrscht grelles Licht, daran müssen sich die Augen noch gewöhnen, viele sind noch blind und sie wissen nicht, wie es weiter gehen soll. Wir brauchen noch mindestens zehn Jahre, bis wir hier ein neues, funktionierendes Regierungssystem gefunden und gefestigt haben, das den Namen Demokratie verdient. Und wir werden dabei unseren eigenen Weg gehen. Das braucht Zeit, aber was ist das schon, im Vergleich zu dem, was hinter uns liegt. Da, und nun wird Monsieur Hassim impulsiv, wundere ich mich schon, wie schnell man in der internationalen Presse unsere Chance als vertan darstellt, nur weil in einigen wenigen Monaten nicht alles geregelt ist. Europa hat zweihundert Jahre gebraucht, und uns gibt man nicht einmal ein Jahr?

Von der neuen Regierung, die erst im Oktober gewählt wurde, ist Monsieur Hassim angetan. Die erste Handlung war, drei Paläste des früheren Herrschers Ben Ali zu verkaufen. Das war schon einmal gut. Wir brauchen Geld für wichtigere Dinge als den Luxus. Und wir brauchen Zeit für eine gute Verfassung, da sind die geplanten zwei Jahre schon sehr ehrgeizig.

Während Monsieur Hassim seine Gedanken schweifen lässt, ruft der Muezzin laut und melodisch zum Mittagsgebet. Im Café lädt ein Mann seine junge Freundin zu einem Stück Kuchen ein, eine Mutter buchstabiert laut mit ihrem kleinen Sohn die Speisekarte und ein junger Mann liest, immer wieder von lautem Lachen unterbrochen, einen französischen Roman.

Natürlich, fährt Monsieur Hassim fort, bleiben da noch eine Menge Probleme. Die Jungen brauchen Geduld, wir haben viele gut ausgebildete Menschen, die dürfen nicht die Nerven verlieren und womöglich das Land verlassen. Wir werden sie hier benötigen, um unseren Traum zu erfüllen. Im Moment ist es ruhig im Land, trotz der Enttäuschung in den Städten über das Wahlergebnis, es drückt das aus, was im Volk vor sich geht. Und es gibt einen Konsens: Wir sind alle aufgewacht, und eine neue Diktatur wird es nicht geben.

Die Grenze zu Libyen ist das, was Monsieur Hassim zur Zeit am meisten beunruhigt. Libyen, so Hassim, ist ein ganz anderer Fall. Da geraten die verschiedenen Stämme an einander und Gaddafi hat das Land mit Waffen und mit Drogen in Schach gehalten. Zwischenzeitlich mussten wir ja aus Selbstschutz die Grenze schließen. Da kommen täglich Leute, die zum alten Regime gehören, und wollen ihre Kasse mit dem Verkauf von Waffen und Drogen aufbessern. Wir müssen wachsam bleiben, sagt Monsieur Hassim, lehrt seinen Tee, verbeugt sich würdevoll und verschwindet in der Menschenmenge.

Moncef Marzouki, der gegenwärtige Präsident Tunesiens, residiert in dem Palast seines Vorgängers Ben Ali im Nobelvorort Karthago. Dort, wo sich die Weltgeschichte in sichtbaren Schichten übereinander gelagert hat, werden auch die Weichen des nach-revolutionären Tunesiens gestellt werden. Präsident Marzouki wäre gut beraten, wenn er seinen Palast von Zeit zu Zeit verließe und einen kleinen Spaziergang vom Hügel nach unten zu unternehmen. Dann würde ihm bewusst, wie schön und gleichzeitig vergänglich die Welt doch ist. An kaum einem anderen Ort als in Karthago wird einem dieses so deutlich gemacht. Die einzigartige Lage am Golf von Tunis, seinerseits gezeichnet von den Ausläufern des Atlas, nach Westen durch eine Lagune und nach Osten durch einen mit dem Meer verbundenen Salzsee begrenzt, verdeutlicht das strategische Denken der Phönizier, die hier siedelten und die Numiden vertrieben, um ihre maritime Herrschaft über das Mittelmeer zu festigen.

Ceterum censeo Carthaginem esse delendam, jenes, gleich einem Mantra vorgetragene Bekenntnis Catos, überzeugte die römischen Senatoren letztendlich doch und sorgte dafür, das Karthago im Jahr 146 vor Christus dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auf seinen Ruinen entstand die von der Zivilisation des Imperiums zeugende Architektur Roms, um ihrerseits wieder von den Byzantinern zerstört zu werden, deren Wiederaufbau seinerseits von den Arabern zunichte gemacht wurde und deren Zeugnisse durch den französischen Kolonialismus überbaut wurden, der seinerseits seine Ablösung durch das post-koloniale Tunesien erfahren musste. Das alles nahm jeweils mehrere Jahrhunderte in Anspruch und ist auf dichtem Raum, manchmal auf wenigen Metern, in seiner ganzen kulturhistorischen Bedeutung zu dechiffrieren.

Der Spaziergang durch Karthago täte aber nicht nur Präsident Marzouki gut, dem aufgrund seiner Vita zuzutrauen ist, dass er das alles sehr gut weiß, und dem dann nur ein wenig Lebensfreude und Erholung von seinem schweren Amt gegönnt sein soll, sondern vielleicht käme auch denen, die aus den so genannten Metropolen dieser Welt über Tunesien berichten, der ein oder andere Gedanke über die Historizität von Ereignissen, über die Dimension epochaler Zeitläufe und die tatsächliche Halbwertzeit der Sensation. Denn eine Stätte wie Karthago beflügelt die Erkenntnis über die Nichtigkeit des einzelnen Individuums im weltgeschichtlichen Ablauf und die Vergänglichkeit selbst der größten Imperien. Ein Spaziergang durch das heutige Karthago ist eine Referenz an die Notwendigkeit des historischen Bewusstseins.

Die aus den Wahlen hervorgegangene Regierung hat den Auftrag, innerhalb eines Jahres eine Verfassung zu erarbeiten, auf deren Grundlage die ersten freien, gleichen und geheimen Wahlen durchgeführt werden sollen. Und es ist zu vermuten, dass die verschiedenen größeren sozialen und politischen Gruppen des Landes sich nach einer Regierungsperiode werden ablösen wollen, um das Regierungshandwerk zu üben. Das wird mal islamisch-gemäßigt und ländlich und mal links und proletarisch-städtisch sein, und dann, nach zehn bis fünfzehn Jahren, wird eine Prognose erlaubt sein, wohin sich das Land bewegt. Und das alles wird unter der Regie der Tunesier stattfinden, die gut beraten sind, sich auf keine schnellen Lösungen zu kaprizieren, sich auf kein Instrumentarium aus der Aservatenkammer der westlichen Regierungslehre zu stürzen, sondern sich der Notwendigkeit zu verpflichten, die Erfahrungen selbst machen zu müssen. Im Moment spricht vieles dafür, dass sie so weise sind, diesen Weg gehen zu wollen.

Die wesentlichen Existenzformen von Herrschaft konzentrieren sich auf physische oder spirituelle Macht. Physische Herrschaft ist in der Regel sehr einfach auszumachen, man sieht Gewehre oder Panzer, Stacheldraht oder Gefängnisse. Ihren Charakter zu entlarven bedarf es nicht viel, zu deutlich sind ihre sinnlich wahrnehmbaren Wirkungen. Bei der immateriellen oder auch spirituellen Macht ist es weitaus schwieriger. Ihre Mechanismen wirken im Verborgenen, weniger Sichtbaren. Umso leichter fällt es den Mächtigen oder dem Prinzip, das es auch sein kann, die eigene Existenz als eine repressive zu leugnen und die Anklagenden als Überreizte oder Verrückte zu stigmatisieren.

Meine javanischen Freunde pflegten mir, wenn ich ihnen zeitlich ehrgeizige Pläne zur Durchführung von Organisationsabläufen vorlegte, die Antwort zu geben, dass wir, d.h. die westlichen Kulturen, die Uhr, sie, d.h. die östlichen Kulturen, dagegen die Zeit hätten. Sie trafen, wie so oft, den Kern der Sache. Mit dem einzigen Zusatz, dass nicht nur Asien, sondern auch Afrika als kompletter Kontinent nicht nach dem westlichen, cartesianischen Prinzip der Messung, sondern nach dem Willen der Akteure funktioniert, analysierten sie einen der Grundwidersprüche dieser Welt und entlarvten zugleich ein Prinzip westlicher Herrschaft.

„Die absolute, wirkliche und mathematische Zeit fließt in sich und in ihrer Natur gleichförmig, ohne Beziehung zu irgend etwas außerhalb ihrer Liegenden…“ Dieser Satz Newtons begründete das westliche, nahezu göttliche Prinzip der objektiven Zeit, die ihrerseits die Menschen zu ihren Dienern machte. Wir alle kennen ihre Macht, der wir täglich unterworfen werden und gegen die wir nie gewinnen können. Das Maß der Zeit ist die Peitsche, mit der die Herrschaft der Wertschöpfung ausgeübt wird.

Asien und Afrika sind dagegen die Kontinente, die ein gänzlich anderes Verhältnis zur Zeit haben. Sie ist auch aus dortiger Sicht ein Maß. Es hat aber keine Bedeutung, solange es nicht in Beziehung steht zum freien Willen der Akteure. Wenn sie nicht wollen, ist das Verrinnen der Zeit ohne Bedeutung, weil es ein Nichts ist, dessen Messung nicht lohnt. Nur das aus dem Willen entstandene Geschehen besitzt den Wert der zu dokumentierenden Zeit, alles andere ist unerheblich. Man achte nur darauf, wie westliche Reporter z.B. über die Veranstaltung der Loya Jirga, dem traditionellen Treffen der Stammesführer in Afghanistan berichten, um einen Eindruck davon zu gewinnen, wie wenig von dem begriffen wird, was dort stattfindet. Da wird darüber lamentiert, dass es keine Agenda gibt und die Zeit nur so verstreicht. Den Prozess der Kommunikation und Verständigung selbst verstehen sie nicht.

Bei der Beurteilung von Ereignissen in den Regionen der Welt, in denen ein anderes Verhältnis zu Zeit besteht, sollten wir uns hüten, mit unseren Kategorien zu denken, und, schlimmer noch, zu urteilen. Es grenzt an eine Arroganz, die auf der anderen Seite nur Kopfschütteln auslöst, wenn wir unsere versklavende Hektik zum Maß deren machen wollen, die sich als Herrscher über die Zeit fühlen. Und es ist noch anmaßender, sich sicher zu sein, selbst im Besitz einer Wahrheit zu sein, die das Zeug zur Welterklärung mit sich bringt. Da sind dann die von einem zum Göttlichen erhobenen Prinzip Versklavten Herrscher der Welt. Das versteht außer in ihrer eigenen kein Mensch.