Archiv der Kategorie: food for thought

Notwendigkeiten unbequemer Interventionen

Wer kennt sie nicht, die Situation? Irgend etwas entwickelt sich in dem eigenen Lebensumfeld, das nicht so in die Vorstellung passt, wie es laufen sollte. Zunächst sind es Kleinigkeiten, die eine leichte Irritation auslösen. Wir beobachten das Verstörende und denken, dass es sich vielleicht um etwas handelt, das sich vielleicht wieder einrenken wird. Irgend ein Verhalten von Personen, die im eigenen Soziogramm von Bedeutung sind. Erst irritiert es, dann verstört es und wenn es sich nicht mit einer wie auch immer menschlichen Laune erklären lässt, wird es ein Dauerzustand. Es ist festzustellen, dass es sich nicht um einen durch den immer wieder angeführten Zufall erklären lässt. Die Route, die bestimmte Akteure einschlagen, weicht von den von uns als Konsens unterstellten Vorstellungen ab und stabilisiert sich. Das soziale Feld ist gestört. Will man selbst als Subjekt und nicht als Objekt in der Interaktion weiter existieren, ist der Zeitpunkt gekommen zu handeln.

Selbstverständlich, so muss festgestellt werden, bieten sich noch andere Optionen. Eine, die leider allzu oft gewählt wird, ist die der inneren Abwehr, d.h. man ist zwar irritiert und unzufrieden, aber man nimmt es um des viel zitierten lieben Friedens willen hin. In der Regel wird der Konflikt, denn um einen solchen handelt es sich, unbewusst und non-verbal bearbeitet, aber es führt zu nichts. Im Grunde genommen geht es mittlerweile um einen Machtkampf, der als solcher nicht bezeichnet wird. Die Akteurinnen und Akteure, die ihr Verhalten geändert haben, hatten auch keine Gelegenheit, ihre Motive zu erklären. Es entstehen Dissonanzen, die sich nicht mehr anhand eines rationalen Dialogs klären lassen. Um es deutlich auszudrücken: Die Karre steckt so richtig im Dreck.

Die Ursachen für die beschriebene Option, die im Grunde genommen keine ist, liegen häufig in der wachsenden Unfähigkeit der Handelnden, in Konflikte zu gehen. Das hat nicht selten etwas mit dem vermeintlichen Konsens des friedlichen Miteinanders zu tun. Wer aufbegehrt und aus seiner Sicht Missstände anprangert, gilt nicht selten als Unruhestifter, der verantwortlich ist für soziale Verwerfungen. Diese Wirkung liegt an einer Ideologie, die auch als Zeitgeist bezeichnet werden kann, der immer den Konsens sucht, um Konflikte zu vermeiden, die zwar da sind, aber gar nicht gelöst werden sollen.

Ein Aspekt, der in diesem Kontext ausgeblendet wird, ist der mangelnde Respekt, der immer mitschwingt, wenn Missstände zugetüncht werden sollen. Immer wieder ist festzustellen, dass große Verwunderung gezeigt wird, wenn die These formuliert wird, dass man gegenüber jenen, deren Verhaltensänderungen die Irritation auslösen, keinen Respekt zeigt, wenn man sie nicht darauf anspricht. Genau das aber ist der Fall, weil durch das Schweigen bei gleichzeitiger Herausbildung einer eigenen Abwehrhaltung die Personen, um die es geht, keine Chance erhalten, um sich zu erklären. Letzteres allerdings hat jeder verdient.

Letztendlich geht es aber auch um den Respekt vor sich selbst. Wer Veränderungen hinnimmt, die ihm nicht passen, ohne die Gelegenheit zu ergreifen, sich selbst zu erklären, der verzichtet selbst auf das verbriefte Recht, seine eigene Position zu artikulieren. Das Schema, das den Konflikt aufgrund einer vermeintlichen Konsensbildung ausblendet, ist das eigentliche Initial für kontinuierliche soziale Dissonanz. Die Grundidee der Demokratie sieht daher den Streit nicht nur als ein individuelles, sondern auch als ein institutionelles Recht an, das selbstverständlich unter Regeln stattfinden muss, die dem Grundgedanken der Würde des Menschen Rechnung tragen. Letztere wird im aktuellen privaten, im wirtschaftlichen und im politischen Kontext mit Füßen getreten. Möglich ist das nur, weil die Individuen in ihrem eigenen, von ihnen beeinflussbaren Umfeld davon kaum noch Gebrauch machen. Es ist an der Zeit, die unbequeme Intervention wieder zu üben. Jeden Tag.

Nur Gast auf dieser Erde

Oskar Maria Graf, der seinen Anarchismus immer auf das bayrische Katholisch-Sein zurückführte, zitiert die biblische Weisheit immer wieder in seinen Romanen. Ihr seid nur Gast auf dieser Erde, heißt es dort, und was als einer der Eckpfeiler der abendländischen Ethik zu verstehen ist, nämlich das Postulat zu Demut und Nachhaltigkeit des eigenen Handelns, hat in Grafs Romankontexten immer auch die Aura der Drohung. Warte nur ab Bürscherl, auch deine Tage sind begrenzt, und wenn du in Macht und Reichtum stehst, der Tag wird kommen, an dem dich der Sensenmann zu deiner letzten Reise holen wird, oder, wie es Heinrich Heine so treffend formulierte, wenn Tantalus mit seinem schweren Wagen vorfährt, um dich zu holen.

Gast-Sein birgt also beides, zum einen eine ethische Verpflichtung, zum anderen einen unsicheren Status. Doch es kann auch mehr bedeuten als Demut, Nachhaltigkeit und eine innere Unsicherheit. Die Reise vom Okzident in den Orient bringt da eine Erkenntniserweiterung, die die Horizonte öffnet. Dort ist die Rolle des Gastes weiter gefasst. Der Gast im Orient hat durch den hohen Stellenwert, den das Gastrecht genießt, eine temporär privilegierte Stellung. Wenn er diese Stellung nicht ausnutzt und sich übergebührliche Rechte herausnimmt, dann hat er Möglichkeiten, die selbst über die des Gastgebers hinausgehen. Ist der Gast in der Lage, dem Gastgeber den Respekt zu bezollen, der ihm gebührt und glänzt zudem über Tugenden wie der der Bescheidenheit und der Einsicht in die Relativität seines Status, dann kann er in den Diskurs Aspekte einbringen, die unter normalen Umständen unter den Gravitätskräften des Alltags zermalmt würden. Das alles erfordert eine ungeheure, eine subtile und hoch sensible Sensorik beider Seiten, der Gastgeber wie der Gäste.

Generell ist das Temporäre ein Zustand, dem Rechte zugebilligt werden, die der Standard, das Prinzipielle oder das Lange-Währende nicht genießen. Das wissen wir alle. Wenn wir wissen, dass die Zeit begrenzt ist, in der wir etwas ertragen müssen, dann halten wir es aus. Wüssten wir nicht, wann bestimmte Zustände zu Ende sein werden, dann ertrügen wir es vermutlich nicht und würden rebellischer. Auch an diesem Beispiel zeigt sich der schützende Kordon um das Provisorische. Das ist vielleicht die viel wichtigere Botschaft des Bildes vom Gast auf dieser Erde. Fast drängt sich die Neigung auf zu sagen, dass Demut und Nachhaltigkeit nie verkehrt sind, aber das Recht, auf Dinge hinzuweisen, die Veränderungen nach sich ziehen, scheint angesichts die Fliehkräfte in einem technokratischen Zeitalter noch bedeutender zu sein. Das Temporäre der menschlichen Existenz wäre so auch die nahezu aus dem Wesen heraus zu erklärende Chance, die Veränderung und Gestaltung der Welt in Betracht zu ziehen.

Gestaltung schließt weder Demut noch Nachhaltigkeit aus. Gestaltung ist das Stadium nach der Negation, zuweilen auch der Zerstörung des Alten. Menschen, die ihre Existenz der Gestaltung verschreiben, zeichnen sich in der Regel immer durch den Respekt vor den Leistungen anderer aus. Sie wissen um die Energie, die Substanz und die Passion, die in der Gestaltung stecken. Und sie wissen nicht nur retrospektiv um die Historizität menschlichen Handelns. Auch um die Historizität ihrer selbst. Das ist der Preis für die Gästeliste. Doch die Namen auf ihr sind die schlechtesten nicht.

Heinrich von Kleist und die systemische Beratung

Das Schöne an der Menschheit ist ihre Vielfalt. Ausgehend von einer nahezu unendlichen Diversität ist es dennoch erforderlich, sich an bestimmten Typologien zu orientieren, wenn es darum geht, Organisationen am Laufen zu halten, Teams und ihre Dynamiken zu begreifen und unterschiedliche Interessen von Konsumenten, Produzenten oder Wählerinnen und Wählern zu identifizieren. Die Versuche der Typologisierung gehen ebenfalls ins Unendliche und reichen von sehr formalen Kriterien bis hin zu Charakterisierungen. Wer kennt sie nicht, die Choleriker oder die Romantiker, die Melancholiker und die Rampensäue. Immer wieder, ganz im Sog des jeweiligen Zeitgeistes, tauchen neue Muster auf, die sich besonders gut vermarkten lassen. Fest steht jedoch, dass, wenn sie intelligent definiert sind, sie in der Lage sind, Aufschlüsse zu vermitteln über soziale Gebilde, in denen die Menschen unterwegs sind.

Es ist müßig, sich mit Kategorisierungen zu beschäftigen, die eher Klischees bedienen und eine Welterkenntnis beinhalten, die ihrer Komplexität längst nicht mehr gerecht wird. Also ist es ratsam, nach möglichst einfachen, weitest gehend anwendbaren und der Entschlüsselung des sozialen Wirkens maximal zuträglichen Begriffen zu suchen. Das ist schwer und leicht zugleich, denn historisch haben sich bereits kluge Geister an derartigen Vorhaben versucht, und eigenartigerweise wurden die nahezu genialsten Vorschläge von der Gesellschaft nicht aufgegriffen. Andererseits sind heutige Untersuchungen aus Soziologie und Sozialpsychologie ebenfalls sehr hilfreich, weil sie Wirkungszusammenhänge identifizieren, die nahezu Universalcharakter im Zeitalter der Moderne haben.

Eine grandiose Entschlüsselung liefert zum Beispiel der ehemalige preußische Offizier und Großmeister der deutschen Sprache Heinrich von Kleist. In nachgelassenen Notizen findet sich eine Dichotomie der menschlichen Weltwahrnehmung: Diejenigen, die die Welt in Form von Formeln verstehen und diejenigen, die sie aus Metaphern lesen. Da ist mit einem Federstrich das Grundproblem der Moderne identifiziert, die Linie zwischen Philosophie und Technokratie, zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Idealismus und Pragmatismus beschrieben. Und der Vorschlag Kleists, dem wir die vorwärtsstrebende Syntax verdanken, ist überall bis heute verifizierbar. Nehmt sie unter die Lupe, die Artgenossen in der Familie, im Verein, am Arbeitsplatz oder in der Politik, und es wird erstaunen, dass wir es tatsächlich mit einer Kategorisierung zu tun haben, die überall anwendbar ist. Die spannende Frage ist dabei, wo welche Kategorie das jeweilige Sozialsystem dominiert und welche Rückschlüsse auf die daraus resultierende Funktionsweise gezogen werden können.

Und vom Nachlass aus einem der großen Metaphoriker unserer Literatur in die Soziogramme aus der systemischen Beratung ist es ebenfalls ein spannender, weil gewinnbringender Schritt. Dort kursiert eine binäre Typologie, die differenziert zwischen Funktion und Person. Menschen, die sich über die eigene Person definieren, sehen alles durch diese Linse, sie definieren ihre Rolle über Status, Macht und Ansehen, sie zielen mit ihren Handlungen darauf hin, die daraus resultierenden Gewinne wiederum ihrer Person anheften zu können.

Die andere Spezies wiederum definiert sich exklusiv über die Funktion. Sie sehen sich als ein Glied einer sozialen Organisation, in der sie für eine bestimmte Aufgabe stehen. Alles, was sie unternehmen, gilt der Verbesserung der Funktion, der sie ihre persönlichen Vorlieben und Neigungen unterordnen. Auch die Dichotomie von Funktion und Person, ähnlich wie der von Formelversteher und Metaphoriker, ist überaus hilfreich, um das Wirken sozialer Organisatoren zu verstehen. Kleists Definition bezieht sich mehr auf die individuelle Perzeption der Welt, die aus der Systemik auf die Rolle der Individuen in einem sozialen Gebilde. Sie schließen sich nicht aus, sondern sie ergeben eine wertvolle Synergie in der Lesbarkeit der Welt.