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Über das Prinzip der Gegenseitigkeit

Manchmal, wenn die Tagesnachrichten mehrheitlich über das Scheitern von Bemühungen berichten, zwischen Parteien mit unterschiedlichen Interessen zu einem Kompromiss zu kommen, ist es sinnvoll, sich über das Konstrukt eines Konsenses, der zu einem praktischen Handeln führen soll, Gedanken zu machen. Der Zeitpunkt ist in vielerlei Hinsicht wieder einmal gekommen. Voraussetzung für alles, was weiter führt, ist eine gelungene Kommunikation. In einem Zeitalter, dass sich selbst unter anderem als das der Kommunikation und seiner Techniken definiert, ist es erheblich, die Grundlagen noch einmal zu beleuchten. 

Da ist die Allerweltsweisheit, dass Kommunikation nur dann funktioniert, wenn alle Beteiligten sich daran halten, im Prozess der Kommunikation selbst ein Verhalten an den Tag zu legen, dass ihnen selbst als eine wesentliche Voraussetzung gilt. In Variation des Kategorischen Imperativs heißt das, sich selbst nur so zu verhalten, wie man es selbst von den anderen Interakteuren erwartet. Das bedeutet, die anderen wahr zu nehmen, sie anzuhören und ihnen zu unterstellen, dass sie selbst mit dem Interesse eines Gelingens zu dem Unterfangen angetreten sind. Denn selbst möchte man nicht mit der Anschuldigung konfrontiert werden, etwas anderes im Schilde zu führen und in „Wahrheit“ mit einer zweiten Agenda unterwegs zu sein, die beinhaltet, die anderen Teilnehmer hinters Licht zu führen. Diese Voraussetzung kann jedoch nur dann erfüllt werden, wenn allen unterstellt werden kann, dass sie das Ziel der Kommunikation, nämlich eine Verständigung zu erreichen, als ihr eigenes anerkennen. In der modernen Kommunikationsforschung heißt das, es existiert eine gemeinsame Intentionalität. Ist diese nicht gegeben, dann ist das Scheitern programmiert.

Bei Betrachtung der großen Enttäuschungen, die gegenwärtig allgemein kommuniziert werden, ist genau diese gemeinsame Intentionalität nicht gegeben. Der Versuch der Kommunikation, die in einem praktischen Lösungsmodell für Interessenkonflikte eine Perspektive finden soll, entsteht jedoch nicht aus einem intrinsischen Interesse der Konfliktlösung, sondern aus einem vor der Öffentlichkeit bestehenden Legitimationszwang. Es existiert ein Druck, der den Akteueren signalisiert, dass mit Verwerfungen zu rechnen ist, wenn sie sich nicht mühen, zu einer durch Vernunft geprägten Lösung zu kommen. Das wiederum korrespondiert nicht mit der eigenen Agenda. Sie besteht in den auffälligsten und mächtigsten Fällen in dem Ziel, die andere Seite zu bezwingen.Das Scheitern ist so sicher wie die Nutzlosigkeit der Übung.

Dei beiden großen Konflikte, die in diesen Tagen die Öffentlichkeit bewegen, der Konflikt in der und um die Ukraine wie das Desaster um die griechische Ökonomie, sind von einem Mangel an gemeinsamer Intentionalität geprägt. In der Ukraine geht es um geostrategische Dominanz, in Griechenland um den Schutz einer mächtigen Gruppe der Krisenverursachung selbst. Die Akteure, die durch den Legitimationsdruck von außen mobilisiert sind, bekunden, an einer fairen Kommunikation interessiert zu sein, aber sie weichen nicht ab von ihrer Agenda. Die daraus resultierenden Handlungen enden folglich so, wie sie begonnen haben: Sie manifestieren die gegenseitigen Anschuldigungen, ganz andere Ziele zu haben als die vorgegebenen und sie offenbaren die ständige Verletzung der Regeln eines zielgerichteten Kommunikationsprozesses selbst.

Da schlösse sich die Frage an, welche politische Dimension es hätte, wenn das ganze ideologische Beiwerk von der eigenen Überlegenheit von Werten und Menschenrechten den harten Zielen, die damit verbunden sind, wiche. Wenn offen bekannt würde, dass es um Landgewinn, um Schürfungsrechte, um Märkte, um Bankenschutz und um nackte Dominanz ginge. Es stellte sich die Frage, welche Mehrheiten dann zustande kämen. Ob sie anders aussähen, steht dahin, aber es wäre den Versuch wert und es beendete das unwürdige Spiel einer trügerischen Bereitschaft, sich in den Sphären der Vernunft zu bewegen.

Was wird morgen sein?

Ein entscheidender Unterschied zum Einzeller ist die Zukunft. Auch wenn diese Dimension existenziell immer auf dem Trugschluss aufgebaut ist, das Leben währte für immer, so ist sie eine entscheidende Kategorie bei der Beurteilung menschlicher Qualität. Diejenigen, die bei all dem, was sie tun und planen das Räsonnement im Kopf haben, was ihre Taten denn in der Zukunft bewirken, haben zumindest eine strategische Kompetenz aufzuweisen, ob sie ethisch begründet ist, steht dann noch zu bewerten. Menschen, Organisationen und Parteien sind sehr gut unter diesem Aspekt zu durchleuchten. Und wie immer im Universum, die Ergebnisse sind erschreckend, moderat und hoffnungsvoll zugleich.

Nun, am Ende eine Jahres, kommt noch etwas hinzu, dass die Übung erleichtert. Menschen und Organisationen ziehen Bilanz, bevor sie planen. Was war gut, gar erfolgreich, und was hat sich als Fehler erwiesen oder zu Niederlagen geführt. Da ist manchmal ein Jahr wesentlich zu kurz, um dieses gleich beantworten zu können. Denn die Geschichte, auch die kurze menschliche, hat manchmal größere Dimensionen, als es die Betrachtenden vermuten. Erinnert sei an das weise Wort Karl Liebknechts, kurz bevor er erschlagen und in den Landwehrkanal geworfen wurde: Und es gibt Siege, verhängnisvoller als Niederlagen, und Niederlagen, wertvoller als Siege. Allein diese Klugheit dokumentiert, warum dieser Mann in der verhängnisvollen deutschen Politik keinen Platz hatte.

Im Alltag, jetzt, wo es bereits jeden Tag einen Hahnenschrei früher heller wird und, steht man früh genug auf, wenn nur die Raben davon zeugen, dass noch Leben auf der Erde ist, genau jetzt erleben wir unsere Mitmenschen, wie sie auf das neue Jahr blicken und sich vornehmen, was sie verändern wollen. Ist es ein ritueller Vorsatz, dann ist es gut, aber belanglos. Denn Rituale haben ihre Funktion. Ist es ein Plan, der eine Veränderung strukturiert, dann sollten wir das unterstützen, weil es ein hohes zivilisatorisches Gut ist, das wir hier zu verteidigen haben. Die Anzahl derer, die an der Zukunft arbeiten, ist ein zuverlässiger Indikator für die Potenziale, über die eine Gesellschaft noch verfügt. Dazu gehört, wie formuliert, die Planungsrationalität, dazu gehören aber auch Träume. Denn wer von der Zukunft träumt, dessen Hirn liegt noch nicht im Eisfach der Gegenwart.

Der Revers zu diesen Überlegungen ist in der Berliner Politik zu finden. Eine Nomenklatura, die während der größten Finanz- und Wirtschaftskrise mit der Aussage reüssierte, man fahre auf Sicht, dokumentiert nicht unbedingt die zivilisatorische Qualität, von der hier die Rede ist. Und bei Betrachtung der Felder, die sowohl der Größe als auch der wirtschaftlichen Kraft dieses Landes entsprechen, ist die Suche nach einer in die Zukunft weisenden Kontur vergebens. Weder im Hinblick auf die energetische Versorgung dieses Landes, oder der Perspektive für Millionen Menschen, die die Digitaltechnologie ausgespuckt hat, noch bei Brandherden wie der Ukraine, Syrien oder, zu befürchten, auf dem Balkan, finden sich programmatische Aussagen, die auf ein Konsens fähiges Politikmodell hinweisen.

Da kann vermutet werden, dass das Kalkül ist und gar nicht an den mangelnden Fähigkeiten liegt. Das nützt nur nichts, denn dann wäre es Betrug. Unter dem Strich fehlt die politische Plattform in dieser Gesellschaft, auf der die Zukunft beschrieben wird. Das ist ein schwer wiegendes Defizit, das alle, die über Regungen strategischer und ethischer Kompetenz verfügen, nicht so hinnehmen dürfen. Was wird morgen sein? Diese vermeintlich kindliche Frage ist revolutionär bis zum Anschlag.

Nur Wanderjahre führen zur Meisterschaft

Irgendwann galt es als antiquiert. Es passte nicht mehr in eine Zeit, in der alles nicht schnell genug gehen konnte. Das Heranreifen eines Menschen sollte im Schnellverfahren geschehen, weil die Verhältnisse andere geworden waren. Im Wahn der sinkenden Halbwertzeiten technischer Innovationen reifte die fixe Idee, mit den Verfahren, mit denen der Fortschritt beschleunigt wurde, auch die Menschen zu traktieren. Und diese ließen sich von dem Gedanken verführen, mit höherem Tempo ans Ziel zu kommen. Wobei das Ziel immer verschwommener wurde. Ganz nach Goethe begannen alle den Genuss der Höhe zu verherrlichen, ohne sich der Anstrengung des Aufstieges unterziehen zu wollen. Das Ergebnis sind zumeist Funktionsträger, die das eigentliche Leben gar nicht mehr begreifen. Weltfremd administrieren sie große Apparate, ohne die Sprache derer, die sie administrieren, zu verstehen und ohne deren Probleme zu erkennen. Dieses System ist zu einer Garantie des Versagens herangereift und viele, die zwar begreifen, dass da etwas nicht mehr funktioniert, sehen sich ratlos an.

Manchmal hat man das Glück, irgendwo im Straßenbild noch Handwerker zu sehen, die mit einem Bündel auf dem Rücken auf Wanderschaft sind. Sie haben ihren Beruf gelernt, und die Überlieferung des Gewerbes fordert von ihnen, auf Wanderschaft zu gehen und ihre Dienste anzubieten. Diese Wanderschaft ist der Reifeprozess zur Meisterschaft. Mit keinen Mitteln außer ihrem Können müssen sie sich an fremden Orten unter ungewohnten Bedingungen durchschlagen. Sie lernen andere Regionen, andere Kulturen und andere Menschen kennen. Von letzteren werden sie aufgrund ihrer Leistung anerkannt und sie erhalten dafür einen Lohn. So ist neben dem Prozess, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten in unterschiedlichen Kontexten anwenden zu lernen noch eine weitere unschätzbare Lehre mit im Rucksack. Nämlich die, dass die eigene Leistung zählt. Beides sind wichtige Voraussetzungen, um im späteren Leben bestehen zu können und Kenntnisse weiter geben zu können, die niemand erhält, der sich nur den mittelbaren Lernmedien hingibt.

Nicht umsonst sind die Zünfte derer, die manchmal auf der Straße noch aufscheinen wie eine letzte Illusion, vom Aussterben bedroht. Der Grund hierfür sind andere, unzählige Male revolutionierte Produktionsweisen oder die schlichte Verlagerung dieser Arbeiten in andere Regionen dieser Welt, wo sie noch in vollem Umfang gewürdigt werden, aber wesentlich billiger sind. Was jedoch fälschlicherweise untergegangen ist, das ist die Vorstellung davon, wie die Persönlichkeit eines Menschen reifen kann. In übertragenem Sinne ist es nach wie vor erforderlich, unmittelbar zu erleben, wie es sich anfühlt, nicht über Apparate und Strukturen zu verfügen, wie es wirkt, in der Fremde zu sein und sich einbringen zu müssen in eine Welt, die nicht die eigene ist. Und wie förderlich es ist, aufgrund eigener Leistung und Erfahrung eine Akzeptanz zu erhalten, die durch kein Gesäusel der Wertschätzung und Fremdmotivation herbeigeführt werden kann. Der wirksamste Treibstoff für die menschliche Motivation ist der eigene Erfolg und die Gewissheit, auch unter widrigen Bedingungen bestehen zu können, ist der Zaubertrank, der das Selbstwertgefühl beflügelt.

Nur Wanderjahre führen zur Meisterschaft. Nehmen wir es als Metapher für die Wege, die Menschen gehen müssen, um irgendwann Verantwortung für Aufgaben übernehmen zu können, von denen das Schicksal von Menschen und Organisationen abhängt. Führung aus der Retorte ist verhängnisvoll. Nur wer den beschwerlichen Weg erlebt hat, begreift das Wesen des Daseins. Nichts, gar nichts kann diesen Weg ersetzen.