Archiv der Kategorie: food for thought

Routine und Veränderung

Manchen erscheint sie sogar wie der Sinn des Lebens. Andere wiederum sehen sie als ein nützliches Utensil, um sich einzuschwingen auf das eigentlich Essenzielle und andere sind von ihr angewidert. Für sie ist sie eine Zumutung des Daseins, die ihre Fähigkeiten beleidigt und den Raum für den großen Geist verengt. Aber, trotz dieser unterschiedlichen Handhabung und Wertschätzung existiert sie bereits so lange wie der Mensch selbst und, da wird er machen können, was er will, er wird sie auch nie wieder los werden. Die Routine, von der hier die Rede ist, hat etwas human Existenzielles. Sie verrät vieles über uns und unsere Zeitgenossen, und ein Blick auf unser Verhältnis zur Routine liefert einen wertvollen Schlüssel zu unserer eigenen Deutung.

Die erwähnten Typologien sind demnach auch die drei Grundmuster, die Erkenntnisse zu liefern in der Lage sind. Diejenigen, die ihr Leben einzig und allein an Routinen ausrichten, laufen in hohem Maße Gefahr, in ihnen den einzigen Sinn des Daseins zu sehen. Die Routinen erhalten durch diese Betrachtung einen Selbstzweck und entwickeln sich für alle Beteiligten zu einer Bürde, ja vielleicht zu einem diktatorischen Gerüst, das den eigentlichen Sinn des Lebens überstrahlt. Beispiele dafür gibt es unzählige. Sowohl im Kleinen, d.h. im täglichen Leben als auch in der so genannten großen Politik sind sie zu finden. Die Zuchtmeister der Routinen bestehen auf ihre Einhaltung und jede Abweisung oder Hinterfragung des Systems wird als Blasphemie diskreditiert.

Das Gegenteil zu diesem Modell ist eine Art Libertinage derer, denen die Routinen zuwider sind. Sie fühlen sich nicht nur nicht auf sie verpflichtet, sondern sie sind sogar der Auffassung, dass sie das Feld derer sind, die vom wahren, hohen Leben nichts verstehen. Sie halten die Routinen für das lästige Werk der anderen Zeitgenossen und nicht selten sprechen sie mit Verachtung über diejenigen, die sie einhalten und ausfüllen. Ihnen fehlt in der Regel die Legitimation aus Sicht der anderen, und die Mittel, sich aller Routinen zu entledigen, sind nicht selten die der Macht.

Die Symbiose scheint in diesem Fall das Ideal. Auch kreative und schöpferische Menschen sind sich dessen bewusst, dass die Routinen zum Leben gehören, sie aber nicht seine Essenz sind. Sie nutzen die Routinen, die nichts anderes sind als die Grundordnung, die Infrastruktur und der Rahmen dessen, was das eigentliche Leben ausmacht. Schöpferische Menschen nutzen die Routinen, um sich der Ordnung, in der sie sich bewegen, bewusst zu werden, sich zu sammeln und aus dieser Übersicht heraus zu handeln. Ein solches Vorgehen ist das, was die Briten Craftsmenship nennen, eine Art Meisterschaft des Daseins.

Nur, wer in der Lage ist, die Routinen zu pflegen, wird ein Bild davon gewinnen, wo ihre Grenzen sind und wo sie sich im Laufe der Zeit abgeschliffen haben und nutzlos geworden sind. An diesem Punkt beginnt die Gestaltung. Nicht nur Gestaltung im Geist der bestehenden Ordnung, sondern auch Gestaltung im Sinne einer neuen, zeitgemäßeren Ordnung. Dann, wenn Ordnung, Infrastruktur und Rahmen dokumentieren, dass sie nicht mehr den Bedürfnissen entsprechen, ist der Zeitpunkt gekommen, sie zu ändern. Das können nur die, die sich mit einem entsprechenden Horizont ihrer bedienen und in ihnen bewegen. Denjenigen, die die Routine als Dogma betreiben und diejenigen, die sich ihrer gänzlich entledigen, werden zu diesem Schluss nicht kommen. Die Veränderung wird von denen kommen, die in der Lage sind, neue Ideen zu entwickeln und die Grenzen der alten Ordnung aus eigener Erfahrung kennen.

Reise ohne Kompass

Ödon von Horvath war es, der in einem seiner stets lapidar daher kommenden Sätze eine kulturelle Disposition beschrieb, die nach ihm noch weitaus verbreiteter wurde als er es sich selbst vielleicht in den schlimmsten Visionen ausgemalt hätte.

„Ich gehe, und weiß nicht wohin,
mich wundert,
dass ich so fröhlich bin“

hieß es in den Geschichten aus dem Wienerwald. Kulturkritisch betrachtet handelt es sich bei dem Zitat um eine Umschreibung wachsender Strategielosigkeit bei der Gestaltung des Existenziellen. Horvaths Figuren haben gegenüber den realen Zeitgenossen, denen der Autor Botschaften senden wollte, einen großen Vorteil. Sie wirken durch die dick aufgetragene Naivität selbst wie Spielfiguren, mit denen die Betrachtenden sich nicht identifizieren müssen. Insofern ist es eine charmante Strategie, wenn Horvath einen Scherz anbietet und es den Zuschauern überlässt, ob sie die Pointe auf sich selbst anwenden.

Ob sich die gegenwärtige Gesellschaft als eine strategielose bezeichnen würde, steht dahin, dass sie es ist, darüber besteht kein Zweifel. Und sicherlich stehen schon die chaos-theoretischen Argumente auf der scharfen Rampe, die von der modernen Art der massenintelligenten, zufällig entstehenden Qualität schwadronieren. Selbst bei dem Zugeständnis, dass Chaos selbst ein gewaltiges Konstitutionsprinzip darstellt, so ist die Strategielosigkeit von Individuum und Gesellschaft ein Problem.

Das Vorhandensein einer Strategie beantwortet die Frage von Subjekt und Objekt. Individuen oder Gesellschaften mit einer Strategie haben sich für das Agieren entschieden. Auch wenn sie auf diesem Weg Fehler machen oder ihre Ziele nicht erreichen, so haben sie dennoch als handelnde Subjekte einen zweckgesteuerten Lernprozess eingeleitet, der ihnen Erkenntnisse über die Funktionsweise ihrer Welt übermittelt und ihnen die notwendigen Substanzen zur Verfügung stellt, um als handelndes Subjekt zu überleben.

Ohne Strategie haben sich Individuen wie Gesellschaften auf die Domäne der Reaktion eingestellt. Sie kommen nicht zum proaktiven Handeln, sondern ihr gesamtes Spektrum ist die Reaktion. Somit degenerieren reaktive Ensembles zu Objekten, d.h. mit ihnen wird etwas gemacht, und, wieder ein schönes Wort aus der alten Begriffswelt der Grammatik, sie verschreiben sich dem Passiv, so treffend übersetzt als Leideform. Linguistik und Etymologie liefern, wie so oft, gelungene Querverweise auf gedankliche Zusammenhänge.

Die zeitgenössischen Individuen wie die aktuelle Gesellschaft vermitteln den Eindruck, dass die eingangs zitierten Worte Ödon von Horvaths in starkem Maße das umschreiben, was als ein strategieloses Dasein, als eine Reise ohne Kompass und als eine Mutation vom Subjekt zum Objekt beschrieben werden kann. Dort, wo der Wille zur Gestaltung, der dem historischen Subjekt zugeschrieben werden muss, nicht mehr vorhanden ist, dort etablieren sich in der Regel allerlei Profiteure.

Sie profitieren von einem sowohl im individuellen wie im gesellschaftlichen Leben entstandenen Machtvakuum, in das sie schleichend eindringen, um den Geschäften nachzugehen, die sich für sie als profitabel darstellen, die sich für das Gros der Gesellschaft allerdings desaströs auswirken. Der Wirtschaftsliberalismus ist ein solcher Profiteur, der von der Degradierung zum Objekt, ob selbst gewählt oder durch äußere Gewalt begünstigt, seinen Nutzen zieht.

Dem Wirtschaftsliberalismus wie allen anderen Profiteuren eines Machtvakuums kann nur Paroli geboten werden, wenn Strategien formuliert werden, die den eigenen Willen zu Gestaltung und Verantwortung öffentlich machen.

Die Kommune geht uns alle an!

Der Geist, der seit einem Vierteljahrhundert über dem Prozess der wachsenden Globalisierung schwebt, ist dabei, das Vertrauen in die Potenziale und Möglichkeiten globaler Interaktion nachhaltig zu schädigen. Vieles spricht sogar dafür, dass bereits irreversible Schäden angerichtet wurden. Der Feldzug des Wirtschaftsliberalismus hat nicht nur bereits viele Regionen dieses Planeten zerstört, weil er immer nur die Ausbeutung von Ressourcen und Menschen zum Zwecke individuellen Gewinns betrieben hat, sondern auch die regionalen sozialen Konstrukte, die in langen, mühsamen Perioden entstanden, in kurzen Zeiträumen zerstört und nichts hinterlassen hat als verbrannte Erde. Die Möglichkeiten nationalstaatlicher Gegenwehr sind stetig geringer geworden und vieles spräche für ein Kontinuum dieser beschämenden Geschichte, ragte da nicht noch eine Option hervor, die eigenartiger Weise von den meisten Beobachtern nicht registriert wird.

Es handelt sich um die Kommune. Die urbane Gesellschaft war immer die Keimzelle staatlicher Organisation. Florieren Städte, dann ist es naheliegend, dass auch übergeordnete politische Systeme eine Chance bekommen, sich vernünftig zu ordnen und Spielräume für eine am Gemeinwohl orientierte Gestaltung zu bekommen. Und obwohl die Politik der liberalistischen Globalisierung schon längst mit ihren Auswirkungen in den Städten angekommen ist, richtet sich das Augenmerk immer noch mehrheitlich auf das Geschehen im nationalen wie internationalen Rahmen. Dabei snd viele Metropolen längst dabei, die metaphorischen Barrikaden gegen den Verwüstungssturm zu errichten.

Nirgendwo betrifft Politik die Menschen so direkt wie in der Kommune und nirgendwo haben die Menschen größere Möglichkeiten, sich mit ihren eigenen Vorstellungen in die Gestaltung des Gemeinwesens einzubringen. Bei der Betrachtung der politischen Führung von Kommunen kann sehr gut beobachtet werden, ob sie die strategische Dimension ihrer eigenen Position begriffen haben. Leider ist festzustellen, dass dieses von vielen nicht so gesehen wird. Sehen sich Kommunen und ihre Führungen als Opfer größer geordneter Prozesse, dann ist auch ihr Schicksal in der Regel vorausbestimmt und erlaubt keine positive Prognose. Begreifen sie jedoch ihren Handlungsspielraum, dann zeigt sich sehr schnell, dass sie etwas bewirken können. Und es gibt sie!

Auch in der Bundesrepublik existieren Kommunen, die es fertig gebracht haben, ihre Stärken und Schwächen zu analysieren und daraus eine Strategie abzuleiten, die eine politische, wirtschaftliche und soziale Perspektive bietet. Sie sind daran gegangen, gemäß dieser Strategien zu gestalten und Ziele zu formulieren, die es ermöglichen, ihren Fortschritt zu messen und zu bewerten. Die Folge ist eine wachsende Bereitschaft der Bevölkerung, sich in den Streit um den richtigen Weg zu begeben. Und auch dabei zeigt sich, dass die Frage, ob die Stadtgesellschaft den Transfer vom duldsamen Opfer und/oder Kämpfer für eindimensionale Partikularinteressen schafft und sich an den Prinzipien der Gemeinsamkeit orientiert oder absinkt in da Paradigma der Globalisierung. Letzteres führt zum unaufhaltsamen Abstieg als Gemeinwesen, ersteres bietet die Chance, der gesamten Gesellschaft aus dem Erfahrungsfokus der Kommune neue Impulse zu geben.

Diese Chance zu bagatellisieren manifestiert einen Hochmut, der aus Unwissenheit oder Zynismus entsteht, weil der Ernst der Lage keine Basis für Arroganz liefert. Daher ist es eine demokratische Grundtugend, diese Option zu pflegen. Menschen, die für sich beanspruchen, die Entwicklungstendenzen des Weltgeschehens nicht nur zu verfolgen, sondern auch mit beeinflussen zu wollen, dürfen sich nicht bei der Gestaltung der Kommune enthalten. Sie müssen bewerten, inwieweit ihre Kommune strategisch aufgestellt ist, sie müssen sich mit ihrem Wissen und können einbringen und sie müssen natürlich wählen. Das ist das Minimum. Die Kommune ist mehr denn je die entscheidende Größe bei der politischen Gestaltung des Gemeinwesens.