Archiv der Kategorie: food for thought

Populismus und Propaganda

Vox populi – vox Rindvieh! So hieß eine Variante des Bildungsbürgertums, wenn es darum ging zu erklären, warum bestimmte, oft auf Emotionen basierende Standpunkte in der Politik Schule machen und auf positive Resonanz in der Bevölkerung stoßen konnten. Doch der kleine Vorsprung, auf den das Bildungsbürgertum des letzten Jahrhunderts in der einen oder anderen Frage noch so stolz verweisen konnte, ist längst dahin. Diese Feststellung korrespondiert zwar nicht mit den täglichen Elogen auf die Wissensgesellschaft und der tatsächlichen Demokratisierung von Information, aber es ist eine Referenz an eine Realität. Denn der Zugang zu Wissen ist keine Garantie für den vernünftigen wie geschickten Umgang mit ihm.
Tägliche Begegnungen reichen aus, um die Größe des Terrains zu erfassen, über das man sich unterhalten muss, wenn es um das Phänomen geht. Sehr schnell tut sich der Wirkungszusammenhang von Propaganda und Populismus auf. Auf eine Kurzformel gebracht, besteht die Fabrikation von Propaganda in der Reduzierung komplexer Zusammenhänge auf einen einfach handelbaren, emotional befrachteten Begriff, der in eine andere Richtung wirkt, als es die rationale Analyse verursachen würde. Dieses wird komplettiert durch die systematische Unterschlagung anderer Informationen, die wichtig wären, um die ursprüngliche Komplexität begreifen zu können. Der bundesrepublikanische Nachrichtenalltag ist voll von Versatzstücken von Propaganda. Griechenland-Rettung oder Flüchtlingsströme sind renommierte Bespiele für derartige Manipulationsstrategien, aber es wimmelt von derartigen Begriffen und es ist ein schöner wie abstoßender Frühsport, sich durch eine Gazette zu arbeiten und die Instrumente der gezielten Beeinflussung zu zählen.

Die Silhouette der Propaganda ist der Populismus, d.h. das Erklärungsmuster von Politik auf einer radikal verkürzten und auch gezielt auf eine bestimmte, ebenfalls emotional gesteuerte Wirkung ausgerichtete Weise. Die Konstrukteure des Populismus konzentrieren sich darauf, vor allem Fehlschlüsse im politischen Denken zu programmieren, um bestimmte Wirkungszusammenhänge zu verschleiern. Das Obszöne an diesem in der Politik verbreiteten Handwerk ist, sich über die Wirkung des Handelns zu entrüsten und zu distanzieren, wenn in einem anderen Kontext auffällt, um welch schäbiges Geschäft es sich handelt. Beredtes Beispiel mögen die Tiraden aller möglichen Regierungsmitglieder auf Griechen, Griechenland und bestimmte Persönlichkeiten des öffentlichen griechischen Lebens sein bei gleichzeitig vorgetäuschtem Entsetzen über Phänomene wie PEGIDA oder Ausschreitungen wie in Tröglitz. Es ist die gleiche Machart und das gleiche Vorgehen.

Die eingangs erwähnte Erhebung des Bildungsbürgertums über die damals noch frei genannten sozial schwachen und ungebildeten Schichten ist, was die Wirkungsweise anbelangt, längst zu einem Anachronismus geworden. Die Entwicklung hat allerdings nicht zu einer Demokratisierung kognitiver, analytischer und sozialer Fähigkeiten geführt, was zu begrüßen wäre, sondern, und das ist das Eigentümliche, zu einer Demokratisierung des Dilettantismus und restringierter Weltbilder. Bei der Betrachtung der Wirkungsweise regelrechter Propaganda-Kampagnen der letzten Monate und Jahre wird deutlich, dass nicht nur die erzeugten Feindbilder von einer großen Masse positiv aufgenommen werden, sondern sich auch ein kollektiver Unwille breitmacht, wenn der Versuch unternommen wird, komplexe Zusammenhänge in ihrer Komplexität zu belassen und sich zu bemühen, trotzdem zu analysieren und zu Schlussfolgerungen zu kommen. Die Aggressivität gegen diejenigen, die sich mit Propaganda nicht zufrieden geben und für Populismus nicht zugänglich sind, hat ein Ausmaß angenommen, das für demokratische Prinzipien und deren Vertreter inakzeptabel geworden ist.

Das Problemfeld, das sich hinter der beschriebenen Lage verbirgt, ist mit den gleichen Phänomenen wie bei den PISA-Testaten bei Schülerinnen und Schülern zu beschreiben. Wiewohl in vielen Fällen ein solides Wissen vorhanden ist, kann es nicht mehr eingeordnet oder in die passenden Kontexte transportiert werden. Ein Offenbarungseid für das Bildungssystem wie die politische Bildung.

Kultur und Barbarei

Es ist anscheinend ein nationales Phänomen. Nicht, dass andere Länder nicht auch auf diesem Sektor aktiv wären, aber der Dunst, der in Deutschland durch das Wort Kultur erzeugt wird, ist wohl nirgendwo so dicht wie hier. Immer, wenn etwas Höheres erahnt, eine Besonderheit vermutet oder das Gute lokalisiert wird, kommt der Begriff Kultur daher wie eine Eingebung der Göttlichkeit ihrer selbst. Woran das liegt, weiß keiner so genau, wahrscheinlich liegt es an der ewigen Barbarei, die hier tatsächlich herrschte und immer wieder herrscht. Längst, als andere Völker und Nationen Europas das Stadium der Zivilisation erfolgreich erreicht hatten, gab es im mythischen deutschen Wald noch Blutopfer und allerlei andere Rituale, die bis heute erschrecken.

Ja, da gab es auch irgendwann in der Neuzeit das Land der Dichter und Denker, aber auch das war nicht so glorreich, wie heute gerne kolportiert. Es war ein Treppenwitz vor allem der Engländer und Franzosen, die lange wussten, was ein Staat ist, als sich die Deutschen noch mit einem Flickenteppich aus Fürstentümern herumschlugen, um ihrer Provinzialität zu frönen. Die Dichter und Denker waren jene, die es nicht aushielten in diesem unzivilisierten Landstrich und aus den Kellerlöchern ihren Wunsch nach Freiheit und Zivilisation herausschrien.

Und selbst nach der Nationenbildung setzte sich die Barbarei fort, Kriege und Diktaturen nehmen doch erheblichen Raum ein in den Annalen der Deutschen. Das aus der Menschenfresserei gerettete Wort der Kultur hingegen wird bemüht wie die Knoblauchknolle gegen den Vampir. Wann immer vermutet wird, die dreckige Fratze der Barbarei könne wieder zum Vorschein kommen, wird die Kultur bemüht. Und da die Barbarei überall lauert, ist der Kulturbegriff inflationiert wie nirgendwo sonst auf der Welt.

So ist es kein Wunder, dass gerade im Barbarenland alle, die es mit der Zivilisation ernst meinten, der Kunst und Kultur einen besonderen Platz einräumten. Staatliche Kulturprogramme sind in jeder Staatsform, die sich demokratisch nennt, somit Pflicht. Sie sollen das Serum gegen die Barbarei beschaffen. Abgesehen davon, dass sich viele in dem Metier redlich bemühen mögen, eines lässt der Gedanke staatlicher Kulturförderung im Dunkeln und für Kritik nicht zu: Er nimmt eine Institutionalisierung und Bürokratisierung in Kauf, die dem, was Kultur ausmacht, diametral entgegensteht.

Nicht, dass es bei diesem Urteil um eine antiquierte Definition von Kultur ginge, ganz im Gegenteil. Vieles spricht für den zeitgenössischen Ansatz, dass Kultur jede Ausdrucksform des sozialen Daseins ist. Wenn dem jedoch so ist, dann kann die behördlich organisierte Kultur nur etwas sein, was, ja, das Bild gefällt, Lichtjahre von der tatsächlich gelebten Kultur entfernt ist. Staatlich organisierte Kulturförderung ist die Antipode zur Ausdrucksform des sozialen Daseins, wie es in der Gesellschaft gelebt wird.

Deshalb ist es alles andere als verwunderlich, dass die Funktionäre staatlicher Kulturförderung der Gesellschaft so sonderlich erscheinen. Das wäre auch noch akzeptabel, wenn es nicht mündete in eine durch keinerlei Fähigkeit und Tugend generierte Arroganz, die diesem Heer alimentierter Würdenträger innewohnt. Das bisschen Bildung, mit dem sie hausieren gehen, verwechseln sie mit tiefer sozialer Erfahrung. Und jede soziale Erfahrung, und sei es die der Outcasts und Underdogs, beinhaltet mehr Kreativität und Würde, als sie diese mit überschaubaren Horizonten ausgestattete Kaste erahnen könnte. Nein, die staatlich subventionierte Kultur ist kein Schutz gegen die Barbarei. Böse Zungen behaupten, sie schafft gar eine neue.

Topien und Utopien

Gustav Landauer war es, der Anarchist, tot geschlagen wie so viele seinesgleichen, der versucht hatte, mit einem einfachen wie einleuchtenden Modell den Lauf der Welt zu erklären. Er sprach von Utopien, die die Vision einer besseren Zukunft enthielten und von Topien. Mit letzteren meinte er den gesellschaftlichen Zustand, der das Bestehende festschreibt und die Verhältnisse zu konservieren sucht. Aus heutiger Sicht ist das nicht unbedingt ein berauschendes, aber andererseits dennoch ein nachvollziehbares Modell. Die stereotypen Modelle gesellschaftlicher Veränderungen sind auch nicht plausibler und und dennoch spricht auch vieles für ihre einzelnen Aspekte. Das Modell der Klassen und Klassenkämpfe zum Beispiel, von Marx theoretisch und von Lenin praktisch auf die Spitze getrieben, gilt seit den Großprojekten der sozialistischen Staaten im 20. Jahrhundert als gescheitert. Wiewohl, unter den Eindrücken ihres Zusammenbruchs und den Resultaten des freien Spiels der Kräfte in der Welt des Finanzkapitalismus vieles dafür spricht, dass gerade diese Theorie wieder an Attraktivität gewinnen wird.

Landauers Idee von den Utopien und Topien wurde zu seiner Zeit zu allgemein betrachtet. Was sie jedoch nicht machte, war eine Zäsur der Dominanz zu ziehen. Weder das Subjekt noch das gesellschaftlich Ganze wurden von einander getrennt. Insofern ist die Trennung von dem Subjekt und seiner historischen Unzulänglichkeit und dem gesellschaftlichen Objekt in seiner realen Gegebenheit in diesem Theorem nicht vollzogen. Die Chance, die sich dadurch auftut, ist die Trennung von Modell und persönlicher Lebenspraxis aufzuheben. Um es deutlich zu sagen: Es wird nie ein richtiges Programm existieren, wenn die Menschen, die es in die Praxis umsetzen wollen, sich verhalten wie es die überkommenen Verhältnisse erforderten. Die Revolution, die Umgestaltung, beginnt nicht nur im Kopf, sondern sich muss sich fortsetzen in der täglichen Lebenspraxis der Individuen, bevor sie Gestalt annehmen kann in Programmen und großen politischen Bewegungen. 

Auch letzteres ist keine neue Erkenntnis. Aber sie birgt immer noch die Chance, etwas zu überprüfen, das mit einem so antiquierten Begriff wie Aufrichtigkeit beschrieben werden kann. Denn das Dilemma der versuchten Veränderungen ist in der Regel genau in dieser Hinsicht zu suchen. Was bringen Programme, die niemand lebt und was bringen Programme, die ihres Geistes beraubt und durch den eigenen Buchstaben umgebracht werden. Letzteres ist eine Tugend, derer die Bürokraten dieser Welt mächtig sind. Sie ersticken die Idee, indem sie Richtlinien und Regelwerke schaffen, die sich verlieren in Verwaltungsakten, die restriktiv wirken und das freie Atmen verhindern. Heinrich von Kleist war es, dem kaum jemand eine Vorstellung von großer Umgestaltung unterstellte, der eine Art archetypischer Unterscheidung aufstellte: Es gibt Individuen, so Kleist in einer kleinen Note, die begreifen die Formel und es existieren Individuen, die sind der Metapher mächtig. Darin sah er den Grundwiderspruch seiner Zeit. Wer wollte ihm heute, im 21. Jahrhundert, widersprechen?

Mit der Etablierung der Technokratie als Form der Herrschaft unserer Zeit wurde das Denken in Formeln zu der dominanten Art und Weise, mit der Welt umzugehen. Das Beispiel, das eine Metapher setzt, wird von den Technikern des Geistes, wie Sartre sie nannte, in einen Raum verwiesen, in dem nur noch kulturell und kreativ agierende Randgruppen ihr Dasein fristen. Die Avantgarde der Technokratie hat, wiewohl sie eine restringierte Weltsicht verkörpert, die Metapher der Freiheit ramponiert bis zur Unkenntlichkeit. Es herrscht die Topie. Und genau dann dämmert der Morgen für neue Utopien.