Archiv der Kategorie: food for thought

Sicherheit in unreguliertem Raum

Christiano Ronaldo ist ein Fußballspieler, der sehr polarisiert. Gilt der Portugiese den einen als überaus begabter, technisch ausgereifter und erfolgreicher Fußballspieler, so sehen andere in ihm eine Marke, kommerziell durchtränkt, und einen Menschen, der diese Marke mit widerlichem Gestus bedient. Wahrscheinlich ist er beides, Erfolgsmensch mit Gefühl wie Marke ohne Seele. Das gehört zu den Antagonismen und Schizophrenien des Marktes. Was Christiano Ronaldo aber auch ist, und in dieser Funktion spielt er bei dieser Betrachtung eine wichtige, ja sogar tragende Rolle, bei ihm handelt es sich um einen Besessenen im positiven Sinne. Im Training ist er unersättlich, er ist der tiefen Überzeugung, dass die Übung auch dem Meister nicht nur noch gut tut, sondern unabdingbar für ihn ist. 

Neben den unzähligen Freistößen, die er noch tritt, während seine Mannschaftskollegen bereits unter der Dusche stehen, hat er noch eine andere Passion. Er lässt sich nachts, in völliger Dunkelheit, aus Maschinen Ecken und Flanken in den Strafraum schießen, um sie mit dem Kopf anzunehmen und im Tor zu versenken. Jenseits der Sichtbarkeit soll er sich in jahrelanger Übung eine Art Instinkt für Abschlaggeräusche, Flughöhen und Flugbahnen sowie Anflugwinkel entwickelt haben. Wer ihn in einem realen Spiel im Strafraum beobachtet, der sieht, was gemeint ist. Christiano Ronaldo erfühlt das Geschehen. Es ist eine antrainierte Fähigkeit.

Was der angesprochene Fußballer betreibt, ist der Erwerb der Handlungsfähigkeit in einem unbekannten Raum möglicher Geschehnisse. Das macht er konservativ durch Simulationen sich wiederholender Vorgänge und damit korrespondierender Bewegungsabläufe. Dadurch gewinnt er eine Sicherheit, die nicht nur das Scheitern verhindert, sondern sogar die Chance auf den Erfolg erhöht. So extrem wie lapidar das Beispiel klingt, es ist inspirierend für die Ängste eines Teiles unserer Gesellschaft, der unablässig nach Sicherheit ruft in einer Welt, in der die Sicherheiten immer rarer werden.

Im Grunde genommen geht es um Sicherheit in unregulierten Räumen. Es geht darum, eine eigene, spirituelle, emotionale und physische Agenda zu entwickeln, die in der Lage ist, den zwar unberechenbaren, aber voraussichtlichen Ereignissen des Daseins zu entsprechen. Es geht um die Bereitschaft, sich aus der Wohlfühlzone zu bewegen und dabei nicht der Angst zu erliegen, sondern, ganz im Gegenteil, einer eigenen Strategie zu folgen. Und diese Strategie besteht darin, die Vorlagen, die das Schicksal bietet, aufzunehmen und umzusetzen in den eigenen Erfolg. Um die Angst vor dem unregulierten Raum zu überwinden und Sicherheit bei der Ausführung nicht exakt planbarer Bewegungsabläufe zu gewinnen, gibt es nur eine Möglichkeit: Der wiederholte Versuch oder die Übung.

Ja, auch im Existenziellen sind Sphären anzutreffen, in die mittels Übung eingedrungen werden kann. Diejenigen, die die Übung im Unbekannten ablehnen, werden sich paralysieren bei dem Versuch, anhand theoretischer Konzeptionen die Sicherheit zu erhöhen. Es wird nicht gelingen. Sicherheit in der Unsicherheit gewinnt der Mensch nur dann, wenn er die Unsicherheit durch sein eigenes Handeln normalisiert. Die Normalität des Unsicheren ihrerseits bietet die Möglichkeit, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, die sich an der Atmosphäre der Unsicherheit orientieren. Wer sich darauf einlässt, hat nicht nur die Chance auf Entwicklung, sondern auch auf Erfolg. Das hat etwas mit der alten Weisheit zu tun, dass nur die gewinnen, die auch wagen. Es hat aber auch etwas damit zu tun, dass eine gewisse Besessenheit vonnöten ist, um das Legere durchbrechen zu können.

Avantgarde und Mainstream

Thelonious Monk, einer der prägenden Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts, brachte es auf den Punkt. Nach seinem Prinzip gefragt, wie er spiele und was er komponiere, antwortete er: Spiele deine Musik und nicht das, was die Leute hören wollen. Vielleicht brauchen sie zehn, fünfzehn Jahre, bis sie es mögen. Das war schlicht und einfach das Bekenntnis eines Avantgardisten zu einem alten Prinzip des künstlerischen Schaffens, dem die eigene Idee und Kreativität innewohnt. Monk richtete sich nicht gegen etwas, sondern er sprach sich für eine Selbstverständlichkeit aus, die große Künstlerinnen und Künstler immer wieder ausgezeichnet hat. Um sie zu leben, nahmen sie Armut und Exil in Kauf, um sie zu vollenden, verzichteten sie teilweise sogar auf ihr soziales Leben. Das Streben nach Einzigartigkeit schuf das Große, mit dem wir sie bis heute in Verbindung bringen. Als Resümee könnte der Satz stehen, dass gute, ausdrucksvolle, forminteressante und inspirierende Kunst immer Avantgarde und nie Mainstream ist.

Die Avantgarde, historisch eine Entwicklung in der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war die Antwort auf ein bürgerliches Zeitalter, das es sich bequem gemacht hatte und darauf hinstrebte, sich in Kriegen zu zerfleischen. Der Kunstbetrieb war es, gegen den sich die Avantgarde richtete, der so tat, als sei alles in Ordnung und der Standards entwickelt hatte, die Kunst als Konsumartikel auf den Warenmarkt warf. Die Avantgarde war sehr politisch und wollte mittels des Schocks das bürgerliche Publikum zum Nachdenken bringen. Die wohl spektakulärste Strömung der Avantgarde war Dada. Und gerade Dada ist das beste Dokument dafür, wie der Kunstmarkt funktioniert. Selbst die revolutionärsten Appelle gegen den Mainstream schockieren zunächst, aber ihr rebellischer Gehalt wird dadurch entleert, als auch für sie das Prinzip der Vermarktung gilt. Da unterscheidet sich Dada nicht vom Punk.

Die Kritik an den Funktionsmechanismen des Warenmarktes in Bezug auf die Kunst ist nicht neu. Neu ist allerdings die Dimension der Anstrengungen, die auf den Prozess der Waren-Werdung der Kunstwerke ausgerichtet sind. Immer mehr Institutionen fokussieren sich darauf, jungen Menschen, die sich künstlerisch betätigen wollen, die Techniken, Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, derer es bedarf, um Erfolg zu haben, d.h. Waren zu produzieren, die auf dem Markt absetzbar sind. Das ist skurril, weil es einer Vorstellung entspricht, als könne man den Prozess des künstlerischen Schaffens erlernen, ohne eine Idee zu besitzen. So sieht dann vieles, was aus diesen Institutionen kommt, auch aus: Es ist technisch gut, es ist von der Vermarktungsstrategie pfiffig gemacht, aber es ist oft inhaltsleer und fade, geschweige denn inspirierend und weiterführend. Die leitende Idee der Produktion ist der Absatz und der Absatz wird dem etablierten Geschmack auf dem Markt zugesprochen.

Um bei der Musik zu bleiben: Viele Produkte aus der marktkonditionierten Retorte haben keine Seele. Soul, an dem sich nach den anfänglichen Erfolgen einer Amy Winehouse eine ganze Generation junger Frauen in Lehranstalten abarbeitete, ist ein Genre, das von den sozialen Erfahrungen eines Milieus lebt. Entweder sie werden mitgebracht oder nicht. Wer aus dem Mittelstand oder der Upper Class kommt, wird die Melancholie, die aus der Ausgrenzung und Verweigerung resultieren, immer nur artifiziell, aber nie authentisch zum Ausdruck bringen können, es sei denn, die eigene Biographie wiese diese Erfahrungen aus. Der Mainstream versucht es, aber er besitzt keine Spiritualität, die aus dem Streben resultiert, etwas Einzigartiges schaffen zu wollen, auch um den Preis, dass es sich nicht gleich vermarkten lässt. Der göttliche Mönch hat es gewusst.

Das Tabu der Unsterblichkeit

Es ist keine Religiosität erforderlich, um der biblischen Metapher, dass wir alle nur Gast auf dieser Erde sind, etwas abgewinnen zu können. Sie ist so treffend, dass sie sogar als realistische Beschreibung unseres Daseins genommen werden kann. Was sie unangenehm macht, ist die eindeutige Aussage, dass unser Verweilen auf diesem Planeten temporär ist. Damit wird ein Tabu gebrochen, das sich mit der Phantasie von der Beherrschbarkeit der Welt seit dem Durchbruch von Naturwissenschaft und Technik zu einer vermeintlichen Wahrheit gemausert hat. Alles, was dem Zweifel an der irdischen Existenz über lange Perioden der Menschheitsgeschichte Stoff lieferte, nämlich genau die Gewissheiten über die eigene Fehlbarkeit und Endlichkeit, wurde nach und nach aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt.

Mit Industrialisierung und Technokratie wurde der Zweifel ersetzt durch den Mythos von Juvenilität und Dynamik. Der Mythos herrscht und tilgt jeden Zweifel. Dass er zu einer kollektiven Hybris geführt hat, die die einzelnen Individuen in den Irrsinn getrieben hat, sich selbst die ewige Jugend zu bescheinigen, ist dabei eher eine karikaturhafte Begleiterscheinung. Wie sehen sie aus, die Prototypen der ewigen Jugend? Wie Figuren aus dem Schattenreich, die jegliches Schamgefühl verloren haben. Und wie ist es um die Würde derer bestellt, die den existenziellen Kampf ihrem Ende nahen sehen? Sie werden entsorgt wie die einzige Peinlichkeit, die in der sterilen Welt des Wahns noch zum Vorschein kommt.

Dieses einzige Tabu, dass die Machbarkeit des Daseins in die Hände technischer Abläufe zu legen bereit ist, ist nicht nur eine durchschaubare Phantasmagorie, sondern ein Instrument der Herrschaft selbst geworden. Indem das kollektive Bewusstsein den Glauben protegiert, die individuelle Endlichkeit sei überwunden, holt sie den Glauben an das Paradies auf die Erde selbst. Da herrscht nicht einmal mehr ein Doppelcharakter des guten Glaubens. Der Verweis auf das bessere Jenseits in den Weltreligionen hatte den Charakter einer Unterwerfung, weil er davon ablenkte, das Hier und Jetzt ändern zu können. Aber ihm wohnte auch immer etwas Protestatives inne: Indem dem Jenseits bessere Zustände zugeschrieben wurden, wurde das Diesseits grundlegend kritisiert. 

Der Wahn, mit der generellen Machbarkeit das Diesseits im Griff zu haben, impliziert die Kritik am Subjekt. Der Mensch ist im Gedanken an Machbarkeit und Perfektion zu einem Objekt verkommen, das durch seine Fehlbarkeit die absolute Machbarkeit verhindert. Der Begriff des menschlichen Versagens ist das inquisitorische Dogma unserer Tage. Wäre da nicht die lästige Fehlbarkeit des Menschen, dann wäre das Paradies, dem wir doch schon so nahe sind, längst Realität. Wer wollte da noch widersprechen? Nicht diejenigen, die den Genuss der technisierten Welt bereits derartig in ihre Lebensroutinen aufgenommen haben, als dass sie sich noch vorstellen könnten, ihr eigenes Leben ohne sie zu gestalten.

Das Tabu der Unsterblichkeit einerseits und die Idee von der absoluten Machbarkeit andererseits sind die Kernfragmente einer aggressiven, an Terrorismus grenzenden Weltanschauung, die der Würde des Menschen den Kampf angesagt hat. Sie zu entlarven ist eine sehr anstrengende Aufgabe, die immer mit groben Sanktionen verbunden ist. Das Exil ist das Pendant zu diesem Mechanismus. Ausgrenzung aus der Gemeinschaft ist die Folge. Wer sich dem Fortschritt, was immer er auch sein mag, mit dem Ruf nach Räson widersetzt, muss sich den Vorwurf der mangelnden Eignung für die glorreiche Zeit aussetzen. Das war allerdings schon immer so. Und dennoch fanden sich Geister, die dem Wahn des Bestehenden nicht mehr folgen wollten. Und sie haben die Welt verändert.