Archiv der Kategorie: food for thought

Wann kommt der deutsche Trump?

Die Empörung ist groß. Immer, wenn der Name Donald Trump fällt, sind sich die Beobachter hierzulande schnell einig, dass diese Figur nicht nur ein Ärgernis darstellt. Nein, oft folgt im gleichen Atemzug die Äußerung, dass es sich bei diesem Gegenentwurf eines Politikers um ein typisches amerikanisches Dekadenzphänomen handelt. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass Trumps Gegenkandidatin Hilary Clinton in diesem Vergleich viel zu gut wegkommt, denn ihre Vita beinhaltet vieles, was vor allem europäische Friedensfreunde in hohem Maße beunruhigen sollte, ist die Aussage mehr als blauäugig. Denn der bisherige Erfolg Donald Trumps kann auch als eine Warnung angesehen werden. Er ist ein Vorbote für einen dramatischen Wechsel im politischen Geschäft weltweit.

Die Globalisierung mit ihren heutigen Konnotationen ist eine Epoche, die exorbitant viel von denjenigen verlangt, die sie noch lesen und verstehen wollen. Die einstige Nationalstaatlichkeit hilft schon lange nicht mehr dabei, das zu verstehen, was jedermann betrifft. Längst reichen nationale Aktionen nicht mehr aus, um dem zu begegnen, was die Globalisierung bewegt. Ein Grund dafür ist die Assistenz vieler nationaler Politiken, dem Agieren der Global Player aus einem nationalen Interesse zu begegnen. Ohne Gegenwehr wurde die Ideologie des sich selbst regulierenden Marktes übernommen und der Untergang ganzer sozialer Klassen begünstigt. Das Gesetz der maximalen Verwertung bei Plünderung nationaler Ressourcen von Mensch bis Materie wurde flankiert von einem Defätismus bei der Beteiligung derer an den entstandenen lokalen Kosten, die als die Gewinner aus diesem Prozess herausgingen, hat zu einer Demontage vieler Gemeinwesen geführt. Letztere wären jedoch der letzte Garant bei der Regulierung der gesellschaftlichen Kosten, die durch die ungezügelte individuelle Bereicherung entstehen.

Monokausale Ansätze zur Erklärung der destruktiven Prozesse nützen nichts mehr, denn sie greifen zu kurz. Das Verständnis der Globalisierung setzt die Fähigkeit voraus, Komplexität zu erfassen, Interdependenzen zu erkennen und die Verhältnisse nach den konvergierenden oder sich entgegenstehenden Interessen zu strukturieren. Mit dieser Aufgabe sind viele überfordert. Flankiert wird diese wachsende Unfähigkeit, die von der Klasse der Politiker über die Gruppe vieler Wissenschaftler bis hin zu den Wählerinnen und Wählern reicht, durch eine atemberaubende Erosion von Bildung und Wissen. Die Globalisierung hat mit der Digitalisierung der Kommunikation ein Höllentempo der Informationsweitergabe geschaffen, das vermeintlich keine Zeit mehr lässt für die ruhig und kühl angelegte Analyse. Dass letztere auch in den Bildungsinstitutionen ad acta gelegt worden ist, macht die desolate Situation perfekt.

Was passiert, wenn die Menschen zwar täglich die ganze Wucht der Veränderungen zu spüren bekommen, aber nicht mehr in der Lage sind, zu erklären, warum das so ist und woher das kommt? Sie suchen nach schnellen Erklärungen, die Sicherheit zurückbringen. Diese Erklärungen sind jedoch zumeist falsch und treffen das Phänomen nicht, aber sie beruhigen die Emotion und führen zu der vermissten Sicherheit. Die Reduktion von Komplexität kann bei der Analyse der Phänomene zwar helfen, aber die Komplexität selbst bleibt davon unberührt. Wem das ob des eigenen Vorteils egal ist, der haut in diese Kerbe.

Donald Trump ist so einer und die amerikanische Gesellschaft auch. Auch sie hat gerade in den letzten zwanzig Jahren traumatische Erlebnisse hinter sich und sucht nach Sicherheiten. Das liegt in der Natur der Sache und es wird dazu kommen, dass analoge Erscheinungen auch in der deutschen Gesellschaft greifen werden. Der Reflex gegen eine Politik, die die harten sozialen Schläge gegen wachsende Minderheiten mit sich bringt und die Unfähigkeit, die multiple Kausalität zu lesen, wird auch hier Figuren dazu animieren, den Trump zu machen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Systemrelevanz und Eigeninteresse

Der Begriff „System“ ist im Deutschen in hohem Maße kontaminiert. War es doch seit der klassischen deutschen Philosophie ein unbedingtes Muss, gleich ein ganzes, in sich abgestimmtes System begründen zu müssen, um sich der Anerkennung sicher zu sein. Spätestens seit den Tagen Kants und Schellings, Fichtes und Hegels ist es Pflicht, ein ganzes Haus der Erkenntnis zu bauen, auch wenn es nur um einen im Tageslauf winzigen Aspekt gehen mag. Das Momentum des großen Systems schwebt über allem und es gibt wahrscheinlich kaum ein Volk, das sich dem so verpflichtet fühlt wie die deutsche Kohorte, die bis in die entlegensten Winkel ihrer Bürokratie die Kohäsion des großen Systems spüren will. Nichts könnte dem angelsächsischen Pragmatismus ferner stehen als die Systemophilie der teutonischen Denker.

Eine kurze Episode gab es, da war dann alles anders. Da wurde die Demokratie als Staatsform mit dem Begriff System gleichgesetzt und die Kritik an diesem politischen Gebilde nannte sich fortan Systemkritik. Vieles an der Kritik, mal von rechts und mal von links geäußert, hatte sicherlich Substanz, nur ein Gegenmodell, das die Fehler aufhob, war nirgends zu sehen als in den Köpfen derer, die nicht wussten, was sie wollten, aber die sich sicher waren, was sie nicht wollten. Die nihilistische Prämisse der Systemkritik führte bekanntlich in die Katastrophe.

So ist es kein Wunder, dass seitdem der nahezu erotische Drang zum Gesamtsystem nur im Unterbewusstsein vieler Zeitgenossen existiert, während der offene, transparente Diskurs das Konstrukt neuer Systeme eher meidet. Und so kam es, dass mit der soziologischen Systemtheorie, die erst Jahrzehnte nach der Katastrophe den Versuch machte, das System als Ding in seiner Gesetzmäßigkeit zu analysieren, eine andere Disziplin erschien, die sich systemische Beratung nannte und therapeutischen Ursprung hatte.

Warum das alles? Weil es illustriert, dass das manische Streben nach Ganzheitlichkeit eine lange Tradition in diesem Land hat, dass das para-religiöse Verhältnis zum „System“ seine rationale Durchdringung verhindert, dass das metaphysische Verhältnis zum System in die Katastrophe führt, dass selbst destruktive Gebilde mit dem Signum der Systemrelevanz überleben und dass eine Regenerierung der Geschädigten nur in einem therapeutischen Rahmen geschehen kann. Das ist genug, um einen anderen Umgang mit „Systemen“ zu begründen.

Der berühmte Satz des chinesischen Reformers Deng Hsiao Ping, ihm sei egal, ob eine Katze schwarz oder weiß sei, Hauptsache, sie fange Mäuse, ist ein nahezu königliches Angebot des Pragmatismus, durch einfache Betrachtungsweisen das Seichte und Metaphysische der Systemrhetorik zu entzaubern. Analog dazu helfen die Fragetechniken, derer sich immer wieder Bertolt Brecht bediente, wenn er dem System der Herrschaft den Garaus machen wollte. Wer hat welches Interesse? Wem nützt es, wenn etwas ist, wie es ist? Wem geht es schlecht? Wer will nicht, dass sich die Verhältnisse ändern?

Das alles sind banale Fragen, aber ihre Banalität dokumentiert die noch größere Banalität des Systems, des schlechten Systems natürlich, denn es gibt auch gute. Das schlechte System kann nur aufrechterhalten werden mit ungeheurem Aufwand. Mit Aufwand der Steuerung, mit Aufwand von Kommunikation, mit Gewalt. Dem gegenüber steht die einfache, aber viel bestechendere Plattform der eigenen Interessen, die nicht belastet sind von Systemrationalität. Auf diese Interessen zu hören, hat etwas berauschend Befreiendes.

 

 

Brandgefährliches Cargo

„Das Wort geht der Tat voraus“, so Heine in seiner den Franzosen die Verhältnisse in Deutschland erklärenden Schrift „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“. Nicht, dass dieser Gedanke zu seiner Zeit neu war, aber Heine schuf mit dieser Schrift und den in ihr transportierten Thesen eine neue Bemessungsgrundlage für  Religion, Philosophie und Politik. Wenn die gedankliche Klärung, in Worte gefasst, das Programm ist, das sich in der Lebenspraxis materialisieren wird, dann ist es ratsam, sich unterschiedliche historische Phasen anhand dieser These noch einmal genauer anzuschauen.

Machen wir einen brutalen Schnitt und sehen uns die Botschaften an, die heute aus dem politischen Milieu heraus in die Öffentlichkeit geschleudert werden. Textanalysen bringen zutage, dass der größte Teil dieser Botschaften eingenommen wird von belanglosen Allgemeinplätzen. Diese wiederum korrespondieren mit Abstraktionen, die nie falsch sind, die aber euch keinen Eindruck davon vermitteln, wie sich die konkrete Botschaft in der Realität darstellt. Das Ergebnis sind Texte, die zwar an das Volk adressiert sind, die aber mit der Konkretion, in der das Volk sein Dasein zu gestalten hat, nicht korrespondieren. Den Worten, die der Tat vorausgehen sollen, können keine Taten folgen, weil sie keine Instruktionen für die Realität enthalten.

Praktisch folgenloses Reden seinerseits wiederum ist gesellschaftlich gesehen brandgefährliches Cargo. Denn es kann gedreht und gewendet werden, wie die Absender es auch wollen, die Absender der Worte wurden gewählt und in ihre Positionen gebracht, damit sie Gedanken so formulieren, dass sie in der Lage sind, das gesellschaftliche Dasein zu verbessern. Wenn sie das nicht tun, und, noch schlimmer, wenn sie das kontinuierlich nicht tun, dann strebt die Gesellschaft auf einen Punkt zu, in dem die Mandatsträger keine Rolle mehr spielen. Lenin hatte für einen derartigen Zustand eine sehr einfache, aber treffende Formulierung gefunden: „Wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.“ Er nutzte diese Formulierung für die Beschreibung einer revolutionären Situation.

Der beschriebene Sachverhalt, dass die Worte, die den Taten vorausgehen, fehlen, ist angesichts des sich selbst definierenden Kommunikationszeitalters ein Desaster. Die Herrschenden, denen die Führung der gesellschaftlichen Geschäfte anvertraut wurde, sind nicht mehr in der Lage, mit ihren Auftraggebern zu kommunizieren. Dass sich letztere irgendwann mit Bitterkeit abwenden, ist mehr als logisch. Dass „die da oben“ diese Botschaft nicht verstehen, lässt neben dem Verlust an Sprache auch den Verlust sozialer Intelligenz vermuten. Es ist alles andere als schön, aber es ist so, wie es ist.

Der Aufstand gegen das Unerträgliche beginnt immer mit den richtigen Fragen. Bertolt Brecht, der Magier des subversiven Instinkts, wusste das sehr genau. Die „Fragen eines lesenden Arbeiters“ sind die Blaupause an sich für zersetzendes Nachfragen. Entsprechend dieser Konzeption ist es geraten, die Texte, mit denen wir unablässig traktiert werden, bei denen zu hinterfragen, von denen sie produziert werden. Denen wird das Vorkommen wie eine Inquisition gegenüber der politischen Korrektheit. Genau genommen ist es das auch. Denn die Formulierungen der politischen Korrektheit sind der Schutzwall, hinter dem sich die unbegründete neue Herrschaft geschickt verbirgt. Wir leben in Zeiten, in denen das Nachfragen tabuisiert wird. Die Klasse ohne Worte kann nur weiter ihre Macht erhalten, wenn es ihr gelingt, die Gegängelten mit ihrer absolutistischen Logik zu schikanieren. Dagegen helfen das Nachfragen, das Bloßstellen und das Enthüllen, auch wenn es zunehmend anstrengt!