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Die Liquidierung des Tabus

Das Paradigma der Aushandlung hat sich eine Dominanz verschafft, die beginnt, Schaden anzurichten. Nicht, dass Aushandlungsprozesse nicht zu den substanziellsten Diskursformen der menschlichen Existenz gehörten. Aber die Aushandlung an sich ist weder ein zivilisatorischer Akt noch das Endziel des sozialen Daseins. Es sei nur bemerkt, dass selbst Kriege noch Bestandteil von Aushandlung sein können und auch die Inquisition Züge davon trug. Nur der finale Akt mündete in keinen Kontrakt, sondern erst das fatale Ergebnis.

Die ungeheure Ausstrahlung, die die Aushandlung in unseren Tagen ausübt, kann vielleicht mit dem wachsenden Unwillen zu Konflikten erklärt werden, aber auch mit dem gesellschaftlich durchaus präsenten Wissen, dass die einseitige Dominanz zumeist zu größeren Verwerfungen führt, die schlimmer sind als Kompromisskosten. Ersteres ist nicht so schön, weil die Fähigkeit zum Konflikt eine existenzielle ist, letzteres ist eine hohe zivilisatorische Erkenntnis.

Aber, wie alles, was nicht mehr hinterfragt wird und was eine Zeit lang bedingungslos en vogue ist, so hat auch das System der Aushandlung eine Eigendynamik entwickelt, die die durchaus vernunftgesteuerten Motive außer Kraft setzt. Nach dem Motto „alles wird verhandelt“ stehen nicht selten Positionen zur Disposition, die hirnrissiger, pietätloser, unvernünftiger und asozialer nicht sein könnten. Wenn diese Art der diskursiven Anwendung erst einmal passiert ist, müssen schon große Erschütterungen folgen, um zu einer Korrektur zu kommen.

Das wohl aussagekräftigste Beispiel für die Eigendynamik von Aushandlungsprozessen sind die zu festen Sendezeiten und an prominenter Stelle in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten platzierten Talk Shows. In ihnen wird austariert, welche politischen Sichtweisen allgemein vertreten sind und inwieweit sie sich zu Aushandlungsprozessen eignen. Da geht es zuweilen heftig und kakophonisch zu und es stellt sich über weite Strecken die Frage, ob da überhaupt etwas auszuhandeln ist. Zu sehr unterscheiden sich die Positionen, da sitzen sich Linke und Rechte gegenüber, da sind schrille Individuen zugegen, die in keine Schablone passen. Da sind aber auch die bekannten Gesichter aus Politik und Medien, von denen man wegen der Häufigkeit ihrer Auftritte glaubt, sie hätten ihr Domizil direkt im Studio aufgeschlagen.

Was in diesen Diskussionen immer wieder beeindruckt ist die scheinbare Unvoreingenommenheit der Moderatoren, die allerdings gebrochen wird von der Etikettierung der Anwesenden durch die längst geprägten Klischees der gleichen Medien, die sich ihrerseits, man betrachte nur die Besitzverhältnisse, in die wohl situierte Regierungsnähe katapultiert haben. Und die scheinbare vorurteilsfreie Zitierfähigkeit der abstrusesten Positionen führt, wie beim Rondo im Barock, zur Bestätigung dessen, was der Regierungssprecher auch sagen würde.

Beim Aushandlungsprozess existieren also auch Schein und Sein. Das ist nichts Schlimmes, denn diese Dialektik haftet allem an. Wichtig ist nur, dass diese Erkenntnis sich nicht aus dem Bewusstsein schleicht. Vielleicht wäre es hilfreicher, das eine oder andere Tabu würde aufrechterhalten, als es einem kalkulierten Verlauf der Diskussion zu opfern. Auch Tabus haben bekanntlich und kulturgeschichtlich eine wichtige, existenzielle Funktion. Keine Gesellschaft kam bisher ohne sie aus und keine Gesellschaft hat diese Hürde erfolgreich übersprungen. Zu den Tabus, die im Moment unbedingt gewürdigt werden müssten, zählt die Machbarkeit des Krieges und die wie immer, ob rassisch oder kulturell definierte Suprematie über andere. Die Negierung beider Tabus ist leider bei vielen allzu schick. Setzt sich diese Entwicklung fort, ist bald nichts mehr auszuhandeln.

Das Kollektiv „Deutsche Nation“

Die Frage der Identität ist für jedes Subjekt die zentrale. Wer nicht weiß, wer er ist oder was er will, dem ist, was die bewusste Gestaltung seines eigenen Lebens anbetrifft, kaum noch zu helfen. Oder, um es bis zu letzten Konsequenz zu denken, dessen Leben wird von anderen bestimmt. Identitätslosigkeit ist eine ideale Voraussetzung für Fremdbestimmung. Was beim Individuum so stimmt, kann beim Kollektiv nicht anders sein. Die Frage wäre also, ob Kollektive, die weder wissen, wer sie sind noch eine Vorstellung darüber haben, was sie wollen, ein anderes Schicksal haben als das orientierungslose Subjekt, das dadurch zum Objekt wird. Die These meinerseits ist die der Analogie. Kollektive, die über keine  bewusst erarbeitete Identität verfügen, bieten sich als Objekt für das Instrumentalisieren durch andere an oder werden von erfolgreich agierenden Fraktionen des Kollektivs an der Nase herumgeführt. Und: Auch Nationen sind Kollektive.

Die wechselhafte und geteilte Geschichte Deutschlands hat für einen besonderen Schwierigkeitsgrad bei der Bestimmung der nationalen Identität gesorgt. Was die Beschreibung der eigenen Stärken und Schwächen angeht, so könnte noch, sofern man es zuließe, ein gewisser Konsensus erzielt werden, denn vieles ist evident und nicht von der Hand zu weisen. Was jedoch als die Ausrichtung Deutschlands und sein Wirken in der internationalen Gemeinschaft anbetrifft, so könnte eine größere Kakophonie als die existierende kaum erreicht werden. Zu sehr sind die Folgen von Diktatur und Krieg verankert, zu sehr ist der imperiale Gestus, am deutschen Wesen solle die Welt genesen noch und wieder präsent, und sei es Fragen der Ökologie, und zu sehr ist die Verweigerung, sich überhaupt mit dieser Frage zu beschäftigen, gegenwärtig. Das Kollektiv „Deutsche Nation“ wird dennoch gesteuert, von wechselnden Fraktionen. Und gerade das macht es so erratisch und gefährlich.

Da ist zum einen die deutsche Industrie, die mit ihren Sparten des Automobilbaus, des Maschinenbaus und der Rüstungsbranche markige Akzente setzt. Vor allem der Maschinenbau hat bereits eine strategische Dimension und die Waffenindustrie sorgt vehement für riskante Positionen in der internationalen Politik. Letztere hat maßgeblichen Anteil für die halsbrecherischen Positionen der Bundesregierung im Syrien- wie im Ukrainekonflikt. Oft werden die Interessen, die dazu führen, eskortiert von einer objektiv anderen Fraktion. Es ist die der Menschenrechte, der Ökologie und der alternativen Lebensformen. Interessant dabei ist, dass dennoch bei allen politischen Positionen, die Deutschland näher an heiße militärische Konflikte gebracht haben, eine Koinzidenz von Waffenexporten und der Artikulation moralischer Überlegenheit besteht.

Ein gesellschaftlicher Diskurs, der sich um die Frage nach nationaler Identität dreht, könnte in den Zeiten turbulenter Veränderungen der existenziellen Rahmenbedingungen von Nationen einen entscheidenden, klärenden und qualitativ weiterführenden Beitrag leisten. Dabei könnte nicht nur erörtert werden, ob der Exportturbo auf alle Fälle weitergetrieben wird, oder ob eine strukturelle Neuordnung der Ökonomie nicht ein Ziel sein sollte und, gleichermaßen, welches Verhältnis die ermittelte Identität haben kann in Bezug auf Migration und bewusst gesteuerte Einwanderung. Das wäre erhellend und wahrscheinlich auch in hohem Maße den Frieden sichernd.

Die Kreise, die einen solchen Prozess gerne torpedieren und die ihn ermüdend oft mit Schlagbegriffen zu diskreditieren suchen, finden sich zumeist in den beschriebenen Lagern. Sie machen nicht die Identität dieser Nation aus. Aber sie profitieren von der Unklarheit.

Strategie, Professionalität und menschliche Triebhaftigkeit

Es ist nicht nur ein Thema aus dem Feld der Politik. Es kann in jedem Handlungsfeld ausprobiert und durchgeführt werden. Und es ist so alt wie die Menschheit selbst. Es geht um das Prinzip, das schon in der Bibel in Worte gefasst wurde: An ihren Taten sollt ihr sie messen. Das, was da so archaisch kognitiv formuliert wurde, entspringt der alten Erfahrung, dass es einen Unterschied gibt zwischen Wort und Tat. Und, letztendlich, es Taten sind, die zählen. Selbstverständlich können wir uns mit dieser grundsätzlichen Betrachtungsweise identifizieren, denn sie entspricht dem gattungsspezifischen Empfinden von Relevanz. Aber die Erkenntnis darauf reduzieren hieße allerdings, wichtige Blickmöglichkeiten einfach zu ignorieren.

Menschliches Handeln besitzt mehrere Dimensionen. Da ist zum einen die der Strategie oder des Programms. Was will er als ferneres Ziel mit dem, was er jetzt, in diesem Augenblick, macht, erreichen? Des Weiteren ist es das Handeln selbst, das nicht nur aus der strategischen Intention heraus abgeleitet werden kann, sondern etwas zu tun hat mit den vorhandenen Fähigkeiten, den erlernten Fertigkeiten und so etwas wie der aktuellen Tagesform. Und dann ist da noch das Libidinöse, das gespeist wird von subjektivem Bedarf und Verlangen. Allein diese drei Kategorien verdienen eine genaue Aufmerksamkeit, um herauszufinden, wie sich menschliches Handeln gestaltet du von welchen Motiven es gleitet wird.

Gehen wir zurück auf das Feld der Politik, weil dort, im Jahr 2017, das interessanteste Spiel gespielt werden wird, das überhaupt gespielt werden kann. Programm und Strategie sind dort etwas, das immer mehr in den Hintergrund geraten ist, was nicht nur schade ist, sondern auch als ein Symptom der Ver-Alltäglichung der menschlichen Existenz gedeutet werden muss. Wenn jedoch Parteiprogramme vorliegen, dann sollten sie genau studiert werden, weil sie umfassend über die Absichten der entsprechenden Partei Auskunft geben.

Das Handeln der dazu gehörenden Personen ist die Betrachtungsperspektive, die medial am besten bedient wird und die unbedingt genutzt werden muss. Dort empfiehlt es sich, die Art der Betrachtung zu professionalisieren und sich genau anzusehen, inwieweit das konkrete Handeln der programmatischen Intention untergeordnet wird, was aus Affekten entsteht und wo die Triebe dominieren. Das bewusste Kalkül, die Inszenierung der Tat als Bestandteil der Strategie, sind das dort wohl interessanteste Beobachtungsfeld.

Die bediente Libido wiederum kann als das am wenigsten Erforschte im Studium des politischen Handelns gelten, macht es aber umso interessanter. Wer durch Triebmotive politische Organisationen aufmischt, kann als Naturtalent gelten und liefert gleichzeitig einen Beleg für die mangelnde professionelle Stabilität der Organisation. Interessant ist das Phänomen deshalb, weil es relativ häufig auftritt und eine Menge aussagt über die nach wie vor existierende Triebsteuerung politischen Handelns im 21. Jahrhundert.

Das immer noch überzeugende Wort von der praktischen Relevanz von Politik, das nach wie vor Geltung hat und insgesamt bei der Bewertung von Politik eine große Rolle spielen sollte, wird allerdings bereichert, wenn andere Erkenntnisquellen erschlossen werden. Strategie, Professionalität und menschliche Triebhaftigkeit sind Dimensionen, die bei der aktuellen Analyse der Politik in dem geschichtsträchtigen Wahljahr eine Rolle spielen müssen. Je genauer beobachtet, desto besser. Und je besser, desto aufschlussreicher.