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Die Logik der Verhandlung

Wenn es an den Verhandlungstisch geht, dann beginnt eine Kommunikation, die sich nicht grundsätzlich von dem unterscheidet, wie man normalerweise miteinander verkehrt, aber es wirkt alles wesentlich fokussierter und schärfer. Böse Zungen behaupten, das Wesen funktionierender Kommunikation und die Grundlagen von Verträgen seien nahezu identisch und bei beiden gelte das gleiche Prinzip. „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung genommen werden kann.“ Der hier aus dem Gedächtnis zitierte Satz vom Immanuel Kant, der verkürzt als der Kategorische Imperativ in die deutsche Philosophie eingegangen ist, soll dieses Prinzip beschreiben. Das stimmt nicht so ganz, denn mit der in diesem Satz vorausgesetzten Vernunft sind nur die wenigsten Akteure ausgestattet. Was aber als eine Art Gesetz gelten kann, ist der aus dem Kategorischen Imperativ ins Vulgäre übersetzte und als Sprichwort bekannte Appell: „Was du nicht willst, das ich dir tu, das füg auch keinem anderen zu“.

Für die Verhandlung heißt das, dass jeder sein Gegenüber ernst nehmen, in der Interaktion respektieren und in der Art der Mittel fair sein muss. Das, was unter den inflationären Termini „Wertschätzung“ und „Augenhöhe“ firmiert, existiert weitaus länger und beschreibt das Verhältnis der Interakteure während der Verhandlung. Wer da mit einem Überlegenheits- oder Geringschätzungsgestus an den Verhandlungstisch kommt, gefährdet von Beginn an die Verhandlung. Wer Dinge von seinem Gegenüber verlangt, die er selbst empört von sich weisen würde, sabotiert den Erfolg ebenso wie derjenige, der mit Tricks den Verhandlungspartner in den Nachteil drängen will. Die Legitimität steht und fällt mit der eigenen Haltung zum Gegenüber und mit der Wahl der eigenen Maßnahmen und Methoden.

Das Herzstück der Verhandlung ist natürlich die Masse, um die es geht. Zumeist handelt es sich um eine Mischlage, d.h. jede Partei der Verhandlung bringt etwas mit, was die andere interessieren könnte und sie interessiert sich ihrerseits für einen Teil dessen, was der andere Partner zu bieten hat. Wenn dem so ist, dann beginnt die Interaktion über das, was auf dem Tisch liegt. Auch hier hat der Volksmund die griffige Beschreibung von „einem Geben und Nehmen“. Nur dann, wenn sich alle Parteien sich an diesem Prozess aktiv beteiligen, kommt etwas zustande, das als gelungener Handel bezeichnet werden kann.

Das Schöne an der Kommunikation, der Interaktion, der Verhandlung sowie dem Handel ist die unbestechliche Logik, die zu verbuchen ist. Daher verwundert es umso mehr zu sehen, dass es immer wieder Menschen gibt, die glauben, sie könnten in Verhandlungen gehen, ohne etwas anzubieten. Das können sie natürlich, aber das Ergebnis, das sie erzielen, wird katastrophal sein, wenn es sich um gleichberechtigte Partner handelt. Denn welchen Grund sollten diese haben, einem Nicht-Bieter Dinge aus ihrem eigenen Guthaben anzubieten? Natürlich keinen. Erfolg im Sinne von Zugeständnissen, für die niemand etwas einreicht, das sind Abbildungen von Machtverhältnissen. Sie haben weder etwas mit Kommunikation, noch mit Verhandlung oder Dialog zu tun. Wer nichts bietet, sondern nur nimmt, wendet Gewalt an. Und wer Gewalt anwendet, isoliert sich von denen, mit denen er vielleicht noch einmal verhandeln will.

Die Logik der Verhandlung ist genauso bestechend wie die ihrer Verletzung. Die Logik besitzt eine Klarheit wie sonst kaum etwas. Dennoch ist sie vielen nicht deutlich sichtbar. Das ist wiederum verhängnisvoll.

Das Lamento über die missglückte Kommunikation

Dass in einer Ära, die als die der Kommunikation bezeichnet wird, versucht wird mit dem Epochenbegriff selbst vieles zu deuten, ist plausibel wie tradiert. Dass sich jedoch vieles nicht aus dem Begriff der Kommunikation erklärt, ist ebenso logisch wie vertraut. Dennoch wird versucht, die komplexe Welt mit dem Begriff der Kommunikation zu entschlüsseln. Das führt zu Mystifikationen, die erheblich sind. Klassische Interessenkonflikte und universale Problemlagen verschwinden allzu oft hinter den seichten Begründungen unzulänglicher Kommunikation.

Da wird immer wieder davon gesprochen, die Informationen seien nicht zeitig oder vollständig genug übermittelt worden, da wird davon gesprochen, die Zeit, sich über den vorhandenen Dokumenten die nötigen Gedanken machen zu können, hätte nicht ausgereicht und da wird davon geredet, das eigene, vielleicht auch bewusst herbei geführte Unwissen habe zu einer Fehleinschätzung geführt.

Wie vielleicht bereits aus der Art und Weise der Dokumentation deutlich wird, ist das Thema Kommunikation und Information in dieser Argumentation nur vordergründig. Vielmehr geht es um die eigene Rolle. Die obige Argumentation passt zur eigenen Rolle als Objekt, als toter Gegenstand in einem Machtfeld, der nicht selbst agiert. Ein Subjekt, d.h. bewusster Teilnehmer und Gestalter in einem Prozess würde sich die Informationen holen und in einem aktiven Diskurs alles einklagen, was er braucht.

Das Lässige und Schöne an der Rolle des Objektes ist die Befreiung von der Eigenverantwortung. Subjekte klagen diese ein, nehmen sie wahr und gestalten den Prozess mit. Dennoch: Die Tendenz eines numerischen Anwachsens der Objekte, d.h. der „toten“ Teilnehmer am gesellschaftlichen Diskurs, ist im Zeitalter der Kommunikation nicht zu leugnen. Und das muss nachdenklich stimmen. Das Anwachsen der Passivierten äußert sich in einem Anschwellen des Lamentos über missglückte Kommunikation.

Da lohnt sich der Blick auf die tatsächlichen Erkenntnisse der Kommunikationsforschung, die, zumindest nach dem maßgeblichen Autor Michael Tomasello aus der Max-Planck-Forschung, beinahe lapidar anmutet: Grundvoraussetzung für eine gelingende Kommunikation, so Tomasello in seiner Schrift „Ursprünge der menschlichen Kommunikation“, ist eine gemeinsame Intentionalität. Das heißt nichts anderes, als dass Kommunikation nur dann funktionieren kann, wenn alle Beteiligten dieses auch wollen.

Was machen mit Menschen, die nicht wollen und trotzdem jammern? Die Frage klingt brutal, ist aber folgerichtig. Die Degradierung, besser gesagt die Regression des Subjektes zu einem Objekt beinhaltet Phasen der Infantilisierung, wie sie in der Haltung der wehmütigen Verweigerung manifest wird. Ob, bei Verweis auf diese irrationale Position, eine Hoffnung auf Besserung besteht, steht in den Sternen.

Denn der Sündenfall liegt weit vor der Regression in frühere Entwicklungsphasen. Der Sündenfall jedes einzelnen Individuums liegt in der freiwilligen Hinnahme einer defensiven Rolle gegenüber der Maschine oder dem Programm. Während der Industrialisierung in England wurden Kinder an Maschinen gekettet, weil sie sonst weggelaufen wären. Im Prozess der Digitalisierung bestehen die Ketten aus dem Suggerieren immer größerer Freiheit und immer größerer Macht, obwohl es sich um virtuelle Kategorien handelt.

Das Diabolische in diesem Prozess ist das Kontradiktionäre: Obwohl die Gier nach Freiheit und Macht das Movens der Beteiligten zu sein scheint, bekommen sie de facto wachsende Abhängigkeit und Unterdrückung geschenkt. Nur denen, die sich als Subjekte begreifen, gelingt es, ohne Herrschaftsemotionen einen Diskurs zu beginnen, bei dem sich einstellt, was die anderen schon längst verloren haben: Wertschätzung und Augenhöhe. Nicht
umsonst werden diese Termini immer wieder bemüht. Das Heer der Objekte hat ihre reale Wirkung längst vergessen.

Die Arbeiterklasse, das Export-Bier und neue Allianzen

Es existiert eine alte Korrelation, die bei der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht genug beachtet wurde. Es ist die Wechselwirkung der Verkaufszahlen von Export-Bier und der Zustimmung zur Politik der SPD. Das hört sich absurd an, spiegelt aber ein Verhältnis wider, das tatsächlich existiert. Export-Bier, die preiswerteste und die Urform des Bieres, ist das Getränk der klassischen Arbeiterklasse. Mit dem dramatischen Absinken der Verkaufszahlen des Export-Bieres hätte klar werden müssen, dass sich die Gesellschaft dramatisch verändert. Der Trend ist die Verbildlichung des Verschwindens der klassischen Arbeiterklasse. Und ohne klassische Arbeiterklasse keine erfolgreiche SPD. Das wiederum klingt plausibel und es ist auch anhand anderer Entwicklungen durchaus nachvollziehbar zu veranschaulichen.

Alle Versuche der Partei, ihr so genanntes klassisches Klientel zu bedienen, müssen verpuffen, wenn dieses Klientel in dieser Form nicht mehr existiert. Und selbst diese Versuche hatten oft den Charakter von betriebsrätlicher Arbeit. Nicht, dass dagegen etwas einzuwenden wäre, denn gewerkschaftliches Handeln hat immer dafür gesorgt, dass sich die Arbeiterklasse mit dem hat beschäftigen können, worum es eigentlich ging. Nämlich um die Vision von einer Gesellschaft, die anders aussieht, als die bestehende. So ist es folgerichtig den Schluss zu ziehen, dass es keinen Sinn ergibt, eine Politik für die Arbeiterklasse zu machen, wenn die in der Form nur noch rudimentär existiert. Und es erscheint noch weniger sinnvoll, nach politischen Mehrheiten zu streben, wenn man die Mittel für das einstige Klientel zum Programm, zur gesellschaftlichen Vision erklärt.

Nun kann die SPD die Hände in den Schoß legen und um den Verlust der eigenen Klientel trauern. Und die Teile der Gesellschaft, die immer von diesem starken Motor profitiert haben, können das ebenfalls tun. Helfen wird es nichts. Was die Gesellschaft braucht, ist eine neue Vision, um die Dinge, die Sache der Öffentlichkeit, in eine neue Richtung zu treiben. Und was bietet sich, vor allem aufgrund der erfolgreichen Geschichte und Bilanz, mehr an, als die Quelle für neue Inspiration und die daraus resultierende Programmatik dort zu suchen, wo alles anfing? Es muss der Ort sein, wo die Wertschöpfung stattfindet, es muss die Arbeit sein.

Die Arbeit in Zeiten des digitalisierten globalen Weltmarktes hat neue Akteure hervorgebracht, die sehr unterschiedlichen Charakter haben und die sich durch sehr unterschiedliche Tätigkeiten auszeichnen, die aber an der gleichen Prozessen beteiligt sind und eines gemein haben: Sie sind nicht die Nutznießer dessen, was sie herstellen. Insofern existieren durchaus Analogien zwischen den völlig entrechteten, mit den klassischen Mitteln der Ausbeutung konfrontierten Arbeitern an den Rändern der merkantilen Zentren, die ohne jeden Schutz die Rohstoffe bergen und die basalen Industriearbeiten entrichten und denjenigen, die in den hochentwickelten Zentren die Produkte designen, die auf Veräußerung und Revenue warten. Hier existiert noch die Arbeitsteilung zwischen denen, die die Grundlagenarbeit machen und denen, denen die kreative Kür vorbehalten ist. Auch sie werden nicht entsprechend ihrer Wertschöpfung entlohnt und überleben in starkem Maße durch Selbstausbeutung.

Von einer neuen Arbeiterklasse zu sprechen, wäre nicht zutreffend, denn die einen befinden sich auf einem relativ erträglichen Wohlstandsniveau, während die anderen durchaus ihr Dasein so fristen müssen, wie Friedrich Engels sie in der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschrieben hat. Aber es existieren neue, mögliche Allianzen. Ihr Band ist die Wertschöpfung. Und das sollte Anlass genug sein, hinsichtlich neuer politischer Ausrichtungen genauer hinzuschauen.