Archiv der Kategorie: food for thought

Psychedelische Drogen und deutscher Formalismus

Ein Massenphänomen treibt viele Menschen, die über ein gewisses Maß an Temperament verfügen, zur Weißglut. Es ist ein Verhalten, das der wachsenden Komplexität unserer Welt und der damit verbundenen Ambiguitäten entspricht. Letztere sind die vielen Unentschiedenheiten und die daraus resultierenden Ungewissheiten. Die Welt, sie ist unübersichtlicher geworden und das einzelne Individuum findet immer schwerer einen Kompass, um in diesem Meer der Tücken zu navigieren. Deshalb machen viele Menschen das, was andere Vertreter der Gattung in den Wahnsinn zu treiben droht. Sie halten sich an die Form, unabhängig davon, ob es Sinn macht oder nicht, unabhängig davon, ob das den Zustand verbessert oder nicht. Ihr Denken fokussiert sich auf die Kernaussage, dass der, welcher sich an die Form hält, keine Fehler macht. Und wer keine Fehler macht, ist auf der sicheren Seite.

Obwohl es einer völlig anderen Zeit entspricht, aber ein Slogan aus der frühen, der Pionierzeit des digitalen Zeitalters, als Programmierer noch ermuntert wurden, einen Trip einzuwerfen, um das Undenkbare in einen Code zu formen, zu diesen Zeiten kursierte in den Labors der USA eine Grußformel, die nun, in Zeiten der Ängstlichkeit und des Formalismus ebenso zuzutreffen scheint: SNAFU – Situation normal, all fucked up! Denn nicht nur die psychedelische Droge, auch der deutsche Formalismus ist in der Lage, die Hirne in den Sekundentod zu treiben und aus einem vermeintlichen Zustand relativer Stabilität ein anarchisches Gesamtkunstwerk zu schaffen.

Und das Phänomen ist nicht eines, welches die armen, kleinen Seelen betrifft, die, die tatsächlich zittern, wenn der gewaltige Tag auf sie zuschreitet und von dem sie nicht wissen, ob er sie zerquetschen wird und sie am Ende nicht mehr sind. Nein, der bodenlose, der außer Rand und Band geratene Formalismus ist in den Chefetagen der ganzen Republik zuhause, er herrscht in den Chefetagen der großen Konzerne, in den großen Organisationen des Landes und in der Politik. Man könnte über diese existenzielle Form einer Überlebensstrategie sogar lachen, wenn nicht gerade sie es wäre, die die Suche nach Lösungen systematisch verhindern würde.

Ein Muster für diese fehlkalkulierte Affigkeit von Menschen, die für vernünftige Entscheidungen engagiert sind, ist das Auftauchen eines Problems. Es wird jedoch nicht an der Lösung des Problems gearbeitet, sondern an dessen Regulierung, d.h. die Zielsetzung beschränkt sich darauf, wer sich wann und in welcher Abfolge mit dem Problem befasst, aber nicht, wie das Problem zu lösen ist. Im Sprachgebrauch heißt das dann, eine Regelung der Handhabung ist die Lösung des Problems.

Diese Sichtweise, die jeder kennt und die das Arbeitsleben wie den gesellschaftlichen Diskurs dominiert, von dem alle erfasst sind und dessen verheerende Wirkung die wenigsten begreifen, diese Sichtweise ist es, die das Leben immer enger macht und kaum noch Luft zum Atmen lässt. Das Dickicht der Regelungen wird immer unüberschaubarer, klare Linien sind nicht mehr zu erkennen, im Betrieb, in Brüssel und am Stammtisch hat der Formalismus die Herrschaft übernommen und die Kreativität, die Voraussetzung für ein gutes Leben ist, hat es immer schwerer. SNAFU, das ist ein gesellschaftliches Gift, das schlimmer wirkt wie Krieg und Terrorismus. Es wirkt schleichend und befällt alle, und wenn wir nicht schleunigst darüber sprechen und es überall thematisieren und den Formalismus ohne sinnhafte Begründbarkeit anprangern, dann ist alle Hoffnung dahin.

Mensch, Maschine, Digitalisierung: Keine Technologie an sich

Die große Hürde, die von der Gesellschaft oraler Tradition hin zu einer mit festgeschriebenem mit kollektiven Wissen war der Erwerb dessen, was gerne als Kultur- oder Zivilisationstechniken bezeichnet wird. Lesen, Schreiben und Rechnen. Wer das beherrscht, vor allem Lesen und Schreiben, der kann sich in den materialisierten Archiven der menschlichen Geschichte und Erfahrung bedienen. In den Gesellschaften oraler Tradition, die übrigens viele Vorzüge mit sich bringen, da sie dazu neigen, außergewöhnliche Individuen hervorzubringen, die mit enzyklopädischen Wissen und biblischer Weisheit ausgestattet sind, in diesen Gesellschaften reicht es, wenn nur ein Teil der Glieder diese Qualität mitbringt. Der andere Teil bleibt in der Aufrechterhaltung der Tradition verhaftet und gehört zumeist auch zu den Beherrschten. Insofern sind die erwähnten Zivilisationstechniken auch der wesentliche Schlüssel zur politischen Beteiligung derer, denen andere Insignien der Macht fehlen.

Diese Zivilisationstechniken haben mit der Digitalisierung Herausforderungen zu bestehen, die nicht zu unterschätzen sind. Trends, die mit empirischen Daten unterlegt sind, belegen, dass die Fähigkeiten sowohl im Lesen wie im Schreiben sinken. Digital-affine Individuen verfügen hirnmäßig über gewaltige Vorteile gegenüber ihren analogen Pendants in der Reaktionsschnelle
wie in der simultanen Aufnahme von Informationen, sie lesen jedoch keine langen, komplexen Texte mehr und sie schreiben keine längeren Traktate, sondern Kurzmitteilungen. Eine große Kohorte der Nutzer bewegt sich bereits im digitalen Jargon, der in der Terminologie der Linguistik als restringierter Code bezeichnet würde. Die Quintessenz ist einfach: Alles, was an Zivilisationstechniken auf dem Selbermachen beruht, verkümmert. Die zivilisatorische Technik, ihrerseits Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, wird auf die Maschine delegiert.

Das, was mit der Einführung der digitalen Technologien an Ideologie transportiert wurde, nämlich die neue Dimension der politischen Partizipation, erschließt sich immer mehr als eine Schimäre. Wie kann der maximale und allgegenwärtige Zugang zu Information als Garantie für die Steigerung der Demokratie verkauft werden, wenn die individuellen Voraussetzungen dafür mit der kontinuierlichen Nutzung eben dieser Technologien eliminiert werden? Und wie korrespondieren die mentalen Degenerationen, die mit der Dauernutzung dieses Segens korrelieren, als eine zivilisatorische Steigerung bezeichnet werden?

Es geht nicht um die Dämonisierung von Technologien, das konnten die Maschinenstürmer besser. Es geht um die Frage, wie weit die Technologien genutzt werden, um den Menschen, das Individuum, weiter zu bringen in seiner Selbstbestimmtheit und seinem Urteilsvermögen, oder inwieweit diese Technologien ihn seiner Talente berauben und seiner psychischen Unabhängigkeit entledigen. Beide Fragen müssen zunehmend positiv beantwortet werden und es empfiehlt sich, die Ideologie der Digitalisierung entschlossener als solche zu enthüllen und ihr auch das zu bescheinigen, was sie, wie jedes andere Werkzeug auch, ist: ein Herrschaftsinstrument, das nicht frei von Interessen erhaben über den beschränkten menschlichen Bedürfnissen steht.

Die Digitalisierung ist ein Derivat aus Forschungen des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes. Sie hat zunächst zu militärtechnischen, dann zu bürotechnischen Revolutionen geführt. Ihre Einführung wurde jeweils von staatlicher Seite sehr gesponsert. Sie wurde propagiert als die Möglichkeit der endgültigen Emanzipation. 70 Prozent der Milliarden zählenden, weltweiten Nutzer tummeln sich zwischen Porno und Bet and Win, die Schere zwischen Arm und Reich ist seit dem Durchbruch dieser Technologien weltweit dramatisch auseinandergegangen. Die Kultur- und Zivilisationstechniken sind seither auf dem absteigenden Ast. Daraus lässt sich nur ein Schluss ziehen: Es existiert keine Technologie an sich.

Notiz und Deutung

Das Unbewusste spielt uns viele Streiche. Seit den Deutungen und Experimenten Sigmund Freuds wissen wir, wie sehr die unterschiedlichen mentalen Instanzen des Seins miteinander korrespondieren, wie sie in Konflikte geraten oder kollaborieren. Für das einfältige Ego, das inmitten dieses Ensembles steht, ist das nicht immer so einfach zu erkennen. Und selbst einem aufmerksamen Beobachter würde manches entgehen, machte er sich nicht Notizen. Die Zunft der Psychoanalytiker ist daher seit Beginn mit dem Utensil der Aufzeichnung ausgestattet, um Passagen des Bewusstwerdens zu dokumentieren oder sich Notizen zu Ideen der Deutung zu machen. Da unser Dasein immer in Korrespondenz zwischen bewusstem Sein und unbewusstem Befinden steht, ist es ratsam, diese Methode der professionellen Psychoanalyse zumindest in den Situationen zu übernehmen, die von vorneherein als bedeutsam prognostiziert werden.

Bei solchen Gelegenheiten führe ich eines jener kleinen, unter Literaten geschätzten Notizbücher mit mir, in die ich Zitate, Fakten und Ideen unter Datum und Anlass niederschreibe. Und es lohnt sich jedes Mal. Die Rendite dieser Aktivität kommt nämlich dann, wenn ich die Notiz später einmal nachlese. Dann ist die Emotion der konkreten Situation längst erloschen und es stehen dort Dinge, die entweder völlig trivial oder fundamental wichtig sind. So, als handele es sich um etwas grundlegend Fremdartiges, erscheinen Begebenheiten, an denen ich selber teilgenommen habe. Der Gewinn ist die Fähigkeit, mit kaltem Auge auf das zu schauen, was im Augenblick seiner ursprünglichen Faktizität stinkt oder duftet, vor Feuer sprüht oder nass und kalt wirkt. Das Unmittelbare bleibt erhalten, aber als Zustand des zu Analysierenden.

Die Idee, die sich hinter der Psychoanalyse verbirgt, ist die, dass Menschen Produkte komplexer Wirkungsfaktoren sind. Zu ihnen gehört neben der eigenen Genetik die kulturelle Disposition der Generation, die tradierten Werte der Gesellschaft, die sozialspezifischen Haltungen der Klasse sowie individuelle Grundschemata wie Angst oder Aggressivität. Diese Idee, die anfangs von den Vertretern der theistischen Welterklärung vehement abgelehnt wurden, kommt mit der Diversifizierung der Wissenschaften in eine Spirale, die es zunehmend komplizierter macht, das menschliche Wesen in seiner Beschaffenheit wie Handlung zu deuten.

Die Digitalisierung hilft, diese Komplexität aufgrund der Volumina an Deutungsmustern, die existieren, in ihrer Quantität zu handeln. Sie hilft aber nicht, das Handwerk der Deutung zu erlernen. Wer Menschen nicht sprechen lässt und selbst nicht mit der Tugend des Zuhörens ausgestattet ist, wer sich nicht aufschreibt, was er hört, wer nicht immer wieder, mit zeitlichen Abständen, das Notierte nachliest und sich darüber Gedanken macht, der findet keinen Zugang in die Deutung menschlicher Handlungsmuster wie handlungsauslösender Impulse. Und der entdeckt auch nicht die Dilemmata des menschlichen Konstruktes an sich: die Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen Begehren und Gesetz, zwischen Angst und Aggression und zwischen Glück und Leid.

Nicht, dass die Ansätze auf diesem unergründlichen Weg nicht immer wieder auch in die Irre gingen oder zu nichts führten. Das gehört zur menschlichen Existenz wie die Physis, die immer wieder an den biologischen Grenzen scheitert, von Generation zu Generation. Aber die Notiz wie die Reflektion sind so etwas wie das zivilisatorische Besteck, das dabei hilft, die temporär bewilligte Einsicht in das Existenzielle sinnvoll zu nutzen. Das können Maschinen nicht, die sind kalt und langweilig. Aber ein gutes Handwerk kann dem labilen menschlichen Erkenntnisapparat wertvolle Dienste leisten.