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Der Sturm auf die Bastille

14. Juli 1789: Der letzte französische König weilt in Versailles und nutzt den Tag zu einem Jagdausflug. Abends heimgekehrt, trägt er in sein Tagebuch ein: 3 Hasen und zwei Fasanen. Dass am gleichen Tag im nicht weit entfernten Paris das Volk erneut protestiert und auf die Bastille, das Gefängnis und Symbol der monarchistischen Herrschaft zumarschiert und diese letztendlich erfolgreich stürmt, nimmt der Monarch erst später zur Kenntnis. Letztendlich obsiegt das, was als die Französische Revolution in die Geschichtsbücher eingehen wird. In deren Folge landet auch der Kopf des unglückseligen Königs nach der Guillotinierung in einem Weidenkorb. Hic transit gloria mundi.

Das historische Ereignis war nicht nur der Höhepunkt einer Entwicklung, die unter dem Namen der Aufklärung figurierte und das grelle Licht des kalten Verstandes auf vieles warf, was lange im Dunkeln seine Existenz gefristet hatte. Nein, die Französische Revolution eröffnete auch das Zeitalter, in dem die große Masse des Volkes zumindest über allgemeine, gleiche und freie Wahlen in die Regierungsgeschäfte mit eingebunden werden sollte. Dass nicht alles so frei und paradiesisch war, wie es in den Pamphleten zunächst stand, davon zeugten nicht nur die unzähligen, übervollen Weidenkörbe, nein, es wurde auch deutlich, dass jeder Fortschritt mit Dreck behaftet ist, dass das Neue ebenso schmerzen kann wie das Alte und das die Welt und ihre jeweilige Jugend vielleicht auch immer wieder der einen Illusion anhängt, dass alles zum Besseren gewendet werden kann.

Nur die Eule der Minerva, sie wusste es bereits schon immer, dass nämlich alles nicht besser, sondern lediglich anders wird. Sei es drum, es macht keinen Sinn, über den Lauf der Geschichte zu urteilen. Es macht aber Sinn, ihn zu studieren und mit etwas Glück die Muster menschlichen Handelns zu identifizieren, mit denen durchaus in der Gegenwart zu rechnen ist. Eine der großen Erkenntnisse der Französischen Revolution war die Tatsache, dass im Gewande des Neuen radikale Figuren auftauchten, denen es nicht um den Traum von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ging, sondern um den Erwerb der nackten Macht. Es waren kluge Leute, denn sie verstanden etwas von dem Geschäft. Und hatten sie mittels eines erstrebenswerten Programms die Macht an sich reißen können, dann entpuppten sie sich als ziemlich rückständige Gesellen, die über eine Schreckensherrschaft das Volk schlimmer unterjochten als der tragische König, der einfach nur ein bisschen Jagen und mit seinen schmiedeeisernen Schlössern spielen und ansonsten in Ruhe gelassen werden wollte.

Nicht jeder Monarch ist ein Scheusal und nicht jeder Reformer ein guter Mensch. Das ist eine Erkenntnis, die nicht allen geschmeckt hat, aber auch derartige Erkenntnisse gehören zur Aufklärung. Nicht alles bringt Heilung und manches macht es nur noch schlimmer. Dennoch ist der Sturm auf die Bastille eines jener Ereignisse der jüngeren Geschichte, das einer ganz neuen Epoche die Tür aufgestoßen hat und in der viele von uns eine derartig bewusste Rolle spielen dürfen, wie wir dieses tun. Ohne den Sturm auf das Pariser Gefängnis und alles, was danach ins Rollen kam, wären wir, der damalige Mob, immer noch Mob. Das ist durchaus ein Fortschritt, zumindest aus meiner Sicht. Wenn das dann noch untermalt wird durch ein feuriges Lied wie der Marseillaise, die die Seeleute aus dem Hafen des Südens sangen, als sie nach Paris marschierten, um die neue Zeit zu retten, dann ist mir richtig wohl ums Herz. Ehrlich.

Über die Polemik gegen staatliche Institutionen

Staatliche Institutionen und Behörden sind ein zuverlässiges Maß für die Befindlichkeit einer Gesellschaft. Je mehr Bürgerinnen und Bürger Zugang zu diesen Institutionen haben und je mehr Dienstleistungen sie an diese erbringen, desto größer, so sollte man glauben, das Vertrauen in den die Regie führenden Staat. Das Gegenteil ist oft der Fall und das Problem, dass sich bei der Beurteilung jedoch zumeist stellt, ist die mangelnde Vergleichsmöglichkeit.

So ist das Verhältnis der Deutschen zu ihren Behörden immer schon kritisch gewesen. Verglichen jedoch mit anderen Staaten, erzeugt das Leistungsniveau einen hohen Attraktivitätsstatus. Viele Immigranten, vor allem aus anderen europäischen Ländern, nennen gerade die Behörden und Institutionen als einen Grund für ihre Entscheidung. Und Immigranten aus den Schwellenländern schwärmen regelrecht über die Gleichbehandlung durch diese Behörden und vor dem Gesetz, etwas, das hierzulande immer mehr kritisiert wird, für Ankömmlinge aus Gesellschaften mit verbreiteter Korruption jedoch ein nahezu paradiesischer Zustand ist.

Eurozentrismus und Bauchnabelfokussierung sind in Zeiten der Globalisierung eher ein Hinweis auf Provinzialität. Andererseits ist es normal, wenn die Leistung staatlicher Behörden verglichen wird mit früheren Phasen. Da ist tatsächlich ein Wandel festzustellen, der so beschrieben werden kann, dass diejenigen, die bei dem rasanten Innovationstempo á jour sind, eine noch bessere Servicequalität erhalten, während die langsameren Zeitgenossen immer mehr abgehängt werden. Das ist eine Tendenz, über die nachgedacht werden muss, weil sie aus unterschiedlichen Bildungschancen und einer immer signifikanter werdenden Schere zwischen Armen und Reichen resultiert. Sie ist auch Folge der Globalisierung und hat Auswirkungen auf die Demokratie.

Es existiert allerdings ein noch weiter gehendes Phänomen in Deutschland, das als generelles Behördenmisstrauen bezeichnet werden muss und das jenseits der tatsächlichen Behördenleistung von bestimmten politischen Kreisen bedient wird. Dieses Misstrauen resultiert nicht aus der berechtigten Kritik an bestimmten Zuständen, die zur Demokratie gehört, sondern sie resultiert aus einem uralten anti-demokratischen Reflex. Es handelt sich dabei um eine kleinbürgerliche, engstirnige und immer mit Arroganz vorgetragene Kritik, die nicht die Verbesserung der Leistung zum Ziel hat, sondern die Erzeugung eines generellen Misstrauens gegenüber dem Staat und seinen Institutionen.

Die Kritik an der Bürokratie bezieht sich nämlich nicht auf die Prozesse und Leistungen, sie bezieht sich nicht auf die gesetzlichen Grundlagen und die ihr zugrunde liegenden Entscheidungsprozesse, sondern sie sucht den Aufwand für diese Leistungen und die Qualität derselben zu skandalisieren. Die Rolle des Staates als Garant für die Teilhabe vieler Bürgerinnen und Bürger an Leistungen, deren Produktion nach Marktgesetzen nur noch ein Privileg weniger wäre, ist mit das höchste Gut, was dieser selbst produziert. An diesem Punkt anzusetzen, zeugt von einer Strategie, diese Rolle zu skandalisieren und das freie Spiel der Kräfte und das Monopol von Eliten im Kopf zu haben. Da schließt sich der Kreis und da entlarven sich die angeblichen Rebellen gegen den Staat.

Was sich manchmal ausnimmt wie ein spontaner anarchistischer Reflex ist häufig das Kalkül der massenhaften Entrechtung. Sehen Sie sich die Protagonisten, die die staatlichen Institutionen kritisieren, genau an. Aus welcher Klasse stammen sie und welche Interessen verfolgen sie wirklich? Staatliches Handeln wirkt immer ambivalent. Die Kritik daran allerdings auch. Nicht selten sind die heftigsten Kritiker die Nutznießer immenser Subventionen.

Komplexe Phänomene und Volkes Stimme

Es besitzt durchaus Charme, bestimmte Bilder aus dem Alltag zu bemühen, um wirklich große und komplexe Phänomene verständlich zu machen. Manchmal ist das zielführend, manchmal aber auch nicht. Es kann auch auf die gefährliche Bahn dessen führen, was im Allgemeinen als Populismus verstanden wird. Die berühmte schwäbische Hausfrau ist so ein Bild. Ihre Eigenschaften werden gerne von Politikern selbst bemüht, um die eigene Politik zu erklären. Unter dem Strich steht dann zumeist die Aussage, dass man nicht mehr Geld ausgeben kann, als man besitzt. So trivial richtig der Satz ist, so irreführend kann er auch sein.

Denn eine Politik, die keine Hypotheken auf die Zukunft aufnimmt, kann fatal sein. Und eine schwäbische Hausfrau nähme vielleicht auch ein Darlehn auf, um die Ausbildung der Tochter gewährleisten zu können. Was, um etwas giftig zu sein, die schwäbische Hausfrau kann und die Politik im Allgemeinen nicht, sie kann auf Ausgaben verzichten und anders priorisieren. Damit tut sich die Politik sehr schwer, weil keine Interessengruppe verzichten will, auch wenn die Ausgabe oder Subvention unsinnig ist. Es ist festzustellen, dass notwendige politische Investitionen mit einem einseitigen Bild der Sparsamkeit nur dürftig kritisiert werden können.

Ein anderes Bild, das aus dem komplexen Feld von Politik und Ökonomie stammt, ist das der strategischen Überdehnung. Es handelt sich dabei um ein Phänomen, mit dem irgendwann alle Imperien konfrontiert waren. Sie mussten eine gewaltige Infrastruktur unterhalten, um ihre globalen Machtansprüche gegen alle möglichen Konkurrenzen und Widrigkeiten durchzusetzen, die Kosten wurden allerdings irgendwann so groß, dass das ganze Imperium in die Knie ging. Das war so im großen Rom, das erfuhren die neuen Zaren im Moskauer Kreml und vieles spricht dafür, dass die imperialen Strategen am Potomac zu Washington derweilen mit dem gleichen Dilemma zu kämpfen haben.

Im Alltag, dem ganz profanen, wären wir wiederum nicht verlegen, um Bilder für das Phänomen der strategischen Überdehnung zu finden. Ein sehr schönes beschreibt die Redewendung, die davon spricht, dass die Augen größer als der Magen seien. Das ist plastisch und schildert den Drang, sich mehr auf den Teller zu legen, als man verspeisen kann. Es ist eine Metapher für unstillbare Gier. Der Schuster, der bei seinen Leisten bleiben soll, akzentuiert da eher auch die mentale Überforderung, die bei einer Usurpation von allzu Fremden sich einstellen kann. Und die schöne Berliner Formulierung, ob man es nicht auch kleiner habe, umreißt das Geckenhafte und Skurrile, das sich hinter dem großen Anspruch zumeist auch immer verbirgt.

So sehr davor zu warnen ist, berühmte Volkes Stimme unreflektiert dazu zu verwenden, um große Politik zu erklären, so sehr sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, die Weisheit, die sich dahinter verbirgt, zu unterschätzen. Die drei wahllos aus dem Stegreif bemühten Redewendungen taten nichts anderes, um drei Aspekte der strategischen Überdehnung ziemlich präzise zu umreißen: Es existiert dabei ein physisches Problem des Verkraftens, eine kulturelle des Verstehens und eine exzentrische, ins Pathologische führende Selbstüberschätzung. Als Einstieg in die weitere Analyse ist das nicht schlecht. Und wer sich darin übt, der steht schon an der Schwelle zur Textanalyse. Das Grundrauschen der großen, komplexen Phänomene erzeugt ein ziemlich präzises Bild auch in der Alltagssprache.