Archiv der Kategorie: food for thought

Mensch, Maschine V: Geld

Die tödliche Schere, mit der sich die Digitalisierung zunehmend profiliert, ist die zwischen gestalterischer Möglichkeit einerseits und der repressiven Kontrolle andererseits. Der technische Schickschnack, der mittlerweile zu den Standards von allem gehört, gibt gerade den Konsumenten das Gefühl, ihrerseits alles kontrollieren zu können. Wenn noch im Büro via Smartphone die Sprenkleranlage im heimischen Garten oder die Jalousien am eigenen Haus aktivieret werden kann, bekommen sie für einen kurzen Augenblick das gottähnliche Gefühl, das jene auch fühlen müssen, die tatsächlich an dem Hebel sitzen, Gesellschaft zu kontrollieren. Die wahre Musik spielt nämlich dort.

Das Profiling ist mittlerweile ein alter Hut. Aber es ist täglicher Standard. Smartphone-Gebrauch, die Interaktion in den sozialen Medien, Online-Kaufverhalten, Online-Banking und natürlich bargeldlose Zahlung sind Sachverhalte, die, protokolliert, sehr genau Informationen über das Individuum geben, welches im Fokus steht. In jedem amerikanischen Thriller sehen wir die Möglichkeiten des Profiling, wie sie heute bereits bestehen und von den Geheimdiensten genutzt werden. Auch das ist schöne neue Welt, der Staat und seine Organe als Deus ex machina, übermächtig und natürlich moralisch immer im Recht. Dass die realen politischen Erfahrungen gerade dieser Rechtfertigung widersprechen, steht auf einem anderen Blatt. Es kann aber auch so formuliert werden: Ein Terrorimperium regiert digital die Welt.

Was da noch fehlt, in der orgiastischen Gier nach totaler Herrschaft, ist der Angriff auf den Kern der bürgerlichen Gesellschaft, das Geld. Mit der Etablierung des Geldes als allgemeines Äquivalent, als universal gültiges Tauschmittel und mit seiner allseitigen Verfügbarkeit wurde das aktive, selbstbewusste und vollberechtigte bürgerliche Individuum geschaffen. Es hat die Möglichkeit, in freier, selbstreferenzieller Entscheidung wirtschaftlich aktiv zu werden und nach seinem Glück zu suchen. Einkäufe, Investitionen, Subventionen, alles frei, gleich und geheim, solange das nötige Bargeld verfügbar ist.

Der Geldtransfer via Bank hat bereits einen anderen Charakter. Auch wenn in der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft exquisit Wert auf das Bankgeheimnis gelegt wurde, strukturell ist die Liquidierung des freien bürgerlichen Individuums bereits mit der Existenz von Banken angelegt. Und ja, jeder Frontalangriff auf die Grundrechte, egal in welcher Gesellschaftsordnung, wird von den brandschatzenden Schergen der Vernichtung immer mit dem Missbrauch begründet. Das ist auch jetzt, bei der Entscheidungsschlacht gegen die bürgerliche Gesellschaft, der Fall. Entweder geht es um Steuerhinterziehung oder um Drogenhandel oder illegalen Waffenhandel. In Anbetracht dessen, dass die gleichen Akteure alle diese Geschäfte offen selber betreiben, ist es nichts als Zynismus und Augenwischerei. Es geht um die absolute Kontrolle.

Und der letzte Schritt, der noch fehlt, ist der, über jede wirtschaftliche Aktivität der Bürgerinnen und Bürger die Kontrolle zu erhalten. Mit der Abschaffung des Bargeldes wäre dieser Schritt getan. Daher darf seine Bedeutung nicht unterschätzt werden. Und wer sich in diesem Kontext mit dem Argument locken lässt, dass das lästige Bargeld dann weg sei und man nur mit einem Plastikkärtchen durchs Leben käme, hat komplett den Teil des Verstandes verloren, der notwendig ist, um Gesellschaften zusammenzuhalten.

Die Digitalisierung vermag es, Menschen den ganzen Tag zu steuern und sie vermag es, Menschen, die einen eigenen Willen artikulieren, umfänglich zu kontrollieren. Die digitale Technologie ist eine mächtige, die im militärisch-industriellen Komplex entwickelt wurde und der eine eindeutig zweckrationale Ausrichtung zugrunde liegt. Dieses Instrumentarium in den falschen Händen ist die größte Gefahr für die menschliche Autonomie.

Mensch, Maschine IV: Homo ludens in der Falle

Jede Phantasie, die sich mit der Kontrolle von Menschen beschäftigte, ob in fiktionaler Literatur oder wissenschaftlichen Abhandlungen, entpuppt sich im Nachhinein als eine naive Vorstellung. Von George Orwell bis H.G. Wells muss vor allem den so gescheiten Literaten attestiert werden, dass sie, gemeinsam mit dem Rest der Menschheit, zu ihrer Zeit keine Vorstellung davon haben konnten, was die digitale Technologie noch möglich machen sollte. Sowohl 1984 als auch Brave New World sind, betrachtet man die tatsächliche Entwicklung, aus heutiger Sicht romantische Darstellungen einer nicht gewollten Welt. Die Digitalisierung hat alles überboten, was die Kontrolle des homo sapiens anbetrifft. Und das große Phänomen, das mit der technischen Möglichkeit einher geht, ist die Tatsache, dass die Durchsetzung der totalen Kontrolle über keine extraordinäre Gewaltanwendung vonstatten gegangen ist.

Wie jede neue Technologie, so begann auch die digitale damit, zunächst die emanzipatorischen Möglichkeiten ihrer selbst hervorzuheben. Der freie und unbegrenzte Zugang zu Information, so hieß es, ermögliche Demokratie und Selbstbestimmung. Dass zu einer tatsächlichen Flut von Informationen auch Strukturen im Kopf gehören, wurde dabei geflissentlich übersehen. Wer nicht weiß, was er sucht, wer keine eigenen Filter hat, was den Trash anbetrifft, kurz, wer nicht zu strukturieren weiß, der ertrinkt in dem, was an Informationen zugänglich ist. Wobei als kleine Randbemerkung erwähnt werden sollte, dass längst nicht alles so zugänglich ist, was interessant sein könnte.

Hinzu kommt, dass diese Technologie, ganz im Gegensatz zu allen Vorläuferinnen, tatsächlich in vielen Fällen als eine Arbeitserleichterung daher kam und sich, und dort ist die tödliche Falle zu suchen, in Form von spielerischer Anwendung sich Platz machte. Die Totalkontrolle unserer Tage gelang nicht über den homo sapiens, sondern über den homo ludens, den spielenden Menschen. In dem alles nicht so ernst gemeint war, in dem alles eine kleine Übung ohne sichtbare Konsequenzen war, in dem nicht darüber unterrichtet wurde, dass alles, komplett alles in den ewigen Archiven der Tyrannei landen würde, vertrauten sich viele diesem Spielchen an und verloren damit ihre Unschuld. Dinge, die vordem als essenzielles Privatissimo gegolten haben, wurden in den digitalen Orkus ohne Vorbehalt geschleudert. Man überlege sich, welches Theater hierzulande noch bei einer Volkszählung in den achtziger Jahren stattgefunden hat, um dem Staat bestimmte Informationen über die Person nicht zugänglich zu machen und sich ansieht, was heute freiwillig in den Rachen privater Akteure geworfen wird, könnte man am Verstand der kompletten Gesellschaft zweifeln.

Die wahre, totale, radikale und komplette Kontrolle vermittels der digitalen Technologie erfolgt jedoch über die Arbeits- und Geschäftsprozesse. Alles wird dokumentiert, nicht nur die Zeiten, in denen gearbeitet wird, sondern auch die Inhalte, die bearbeitet werden. Hinzu kommen Einkäufe, Banküberweisungen, die Benutzung von Verkehrsmitteln etc.. Über jeden ist es möglich, Typen- wie Bewegungsprofile zu erstellen, bei deren Publikationen die Individuen über sich selbst sehr viel Neues erfahren würden. Die Vernetzung, wieder so eines der Zauberwörter, macht den Kontrolltotalitarismus komplett. Wie furchtbar wirkt da doch der nahezu religiöse Hinweis, wer nichts zu verbergen habe, müsse sich auch keine Sorgen machen. Angesichts der handfesten Interessen von Leuten, die alles verkaufen – die Oma liegt schon längst auf dem Ramschtisch – und einem Staat, der seine eigentliche Liquidierung zugunsten ersterer im Sinne hat und deshalb jede kritische Äußerung bereit ist zu kriminalisieren, ist das kein Trost. Woran wir uns zu gewöhnen hatten, war die Neuheit, zu begreifen, wie ein Totalitarismus ohne physische Gewalt funktioniert.

Mensch, Maschine III: Applikation

Mein Freund Menne, der Bauernsohn, Erfinder zahlreicher Weltpatente und Ingenieur des Jahres, pflegte schon zu Schulzeiten zu sagen, die Vereinfachung ist der strukturelle Feind der Kompetenz. Später, als er längst ein weltweit angesehener seines Faches war, fügte er hinzu, die Entwicklung ginge immer über eine einfache, aber geniale Idee, die dann in ihrem technischen Verlauf über eine komplizierte Lösung bis hin zu einer federleichten führe. Und damit ist das Dilemma auch der digitalen Technologie bestens beschrieben.

Die heutige Anwendung ist bereits so einfach, dass alle sie beherrschen. Die damit transportierte Ambivalenz ist die Schlichtheit der Botschaften, die mit ihr übermittelt werden. Das Zauberwort neben der Standardisierung, welches auch als die immer wiederkehrende, identische Methode übersetzt werden kann, ist die sich hinter dem Kürzel App verbergende Applikation. Neben dem Standard also die Anwendung. Immer das gleiche Muster, und das überall angewendet. Das in diesem Kontext ausgerechnet auf den sozialen, kulturellen und politischen Feldern besonders häufig von Vielfalt die Rede ist, könnte als Kompensationshandlung gewertet werden. Uniformität ist die Realität, garantiert durch die Standardisierung und ihre Applikation auf alle möglichen Lebenswelten.

Von dem tendenziellen Fall der unmittelbaren Erfahrung war bereits die Rede. Die Garantie für die Abnahme der eigenen, mit einem ständigen Lernprozess einher gehende Erfahrung sind die Apps. Sie garantieren den synthetischen Zugang, zu allen möglichen Bereichen, ohne Fehler, ökonomisch, ohne Kontrollverlust. Was dadurch verloren geht, ist das eigentliche Leben.

Das beste Beispiel sind so genannte Reise Apps, über die die Nutzer sich an fremden Orten orientieren. Über das Display erfährt man alles über die Sehenswürdigkeiten, die Wege, Restaurants bis hin zu öffentlichen Toiletten. Es gibt keine vergeblichen Wege mehr, keine Treffen mit kuriosen Gestalten, die man um Auskunft bittet, keine Verirrungen, die Geschichten erzeugen, die man aufgrund ihrer Dramatik bis ans Lebensende erzählt und keine Notsituation, aus der man für das Leben lernen könnte. Reise wird zu einer Gebrauchsanweisung, wie das Leben selbst. Die Anwendung, App, Applikation ist die Enthumanisierung der Lebensbereiche.

Enthumanisierung bedeutet Synthetisierung. Synthetisierung bedeutet kulturelle Maschinendominanz. Die Lobby der Technologie hat ganze Arbeit geleistet. Wer sich zu einer Kritik versteigt, hat sehr schnell das Schisma des rückständigen Querulanten am Revers. Der bekannte Hirnforscher und vordem besonders in Pädagogenkreisen gefeierte Manfred Spitzer ist das beste Beispiel. Durch sein Buch mit dem Titel „Lernen“ räumte er mit der Rückständigkeit des deutschen Schul- und Vorschulalltags auf und wurde dafür gefeiert. Mit seiner Veröffentlichung „Digitale Demenz“ erwarb er sich den Ruf des schrulligen Kauzes, der die Welt nicht mehr versteht. Die Lobby der digitalen Technologie ist, was Marktanteile und Herrschaft anbetrifft, genauso wenig modern und genauso wenig zimperlich wie die von Blutdiamanten.

Die Kreativität, die der Technologie an sich zugeschrieben wird, ist durch den Mythos der omnipotenten und omnipräsenten Anwendungen zu der wohl bedeutendsten Illusion der Epoche geworden. Der Todfeind der Kreativität verbirgt sich hinter den Hauptsolgans der Standardisierung und deren Anwendung. Eine größere Mystifikation hat es selten gegeben.

Standardisierung und Apps, die generierte, industriell produzierte Garantie auf Stupidität und Langeweile, werden nach wie vor vermarktet als kreative Produkte und Schlüssel zu einer aufregenden Welt. Die Ideologiekritik am digital-technologischen Zeitgeist könnte wunderbar auf diesem Feld beginnen. Zu erklären, wie banal das alles ist und zu enthüllen, welche Art von Erkenntnissen und Kompetenzen dadurch verhindert werden.