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Mentalitätswechsel

Nicht nur Individuen, sondern auch Organisationen besitzen eine Mentalität. Im ersten Fall ist das bei der Bewertung und Analyse nahezu eine Selbstverständlichkeit, im zweiten Fall eher selten im Blick. Die Vorteile, die sich auch der Perspektive der Mentalitätsbetrachtung bei Individuen ergeben, existieren jedoch auch bei Organisationen. Da dieses allerdings sehr selten geschieht, treten diese Vorteile selten zum Vorschein. Es scheint angebracht, sich dieser Aufgabe verstärkt zu widmen. Des Weiteren ist es sinnvoll, sich der Frage zu stellen, ob an einer bestehenden Mentalität tatsächlich erfolgreich gearbeitet werden kann. Das wird sowohl bei Individuen wie bei Organisationen immer wieder behauptet.

In Bezug auf die Bewertung menschlicher Charaktere und Persönlichkeiten kennen wir uns aus. Da ist es keine Seltenheit, dass Menschen als Aggressoren, Defätisten, Melancholiker, Romantiker, Desperados oder Phlegmatiker bezeichnet werden. Und, wenn diese Titulierungen das Resultat genauer Beobachtungen sind, dann wird sich auch kaum jemand einer solchen Bewertung widersetzen. Wie verhält es sich aber, wenn desgleichen mit Organisationen gemacht wird. Gibt es Organisationen, die der Aggression, der Romantik, dem Phlegma, der Melancholie, dem Defätismus frönen? Die Antwort ist Ja, und Symptome für eine auf die Mentalität zurückgehende Betrachtung existieren genug. Man muss nur hinschauen. Bei Sportvereinen ist das noch relativ einfach. Da existieren solche, die aggressiv ausgerichtet und nur auf das Gewinnen aus sind und solche, die tief traditionell ticken und Mythen bedienen, die heute kaum noch eine Rolle spielen. Beide – und das sind nicht die einzigen – Typen sind aktuell zu beobachten und sie dokumentieren die Korrelation von Mentalität und Erfolg.

Auch bei politischen Parteien ist es relativ einfach, genauso wie bei Militärbündnissen. Aber wie sieht es aus mit einer Hochschule? Oder einer Rentenkasse? Oder einer Branchenvereinigung? Oder öffentliche Anlagen und ihr Betrieb? Richtig, auch bei diesen Beispielen läßt sich eine Mentalität beobachten, die entweder bewusst herbeigeführt wurde oder die sich im Laufe von Jahren etabliert hat, weil sich bestimmte Menschen, die in diesen Organisationen agieren, durch ihr bewusstes Handeln um diesen Aspekt gekümmert haben. Oft ist die mentale Ausrichtung auch schlicht das Resultat des wesentlichen Zwecks der Organisation. Dass öffentliche Verwaltungen zum Beispiel in erster Linie die rechtliche Absicherung im Auge haben, liegt an ihrer festgeschriebenen Aufgabe. Dass dieses zum Teil bis zum Exzess getrieben wird, hat mit der Sozialisation innerhalb dieser Organisationen zu tun, in der die dominanteste Gruppe diesen ihren Aspekt zur Ultima Ratio erhob.

An Mentalitäten zu arbeiten scheint zu den größeren Herausforderungen zu gehören. Es muss zunächst bewusst gemacht werden, dass eine solche Mentalität vorherrscht. Dann muss verdeutlicht werden, wie schädlich sie eventuell in Bezug auf die bestehenden Ziele zu wirken imstande ist. Und dann, wenn darüber Konsens besteht, geht es darum, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Organisation mächtige Beispiele zu schaffen, die dokumentieren und veranschaulichen, wie die neue Mentalität aussehen soll. Im öffentlichen Dienst ist das eine Mammutaufgabe. Dort geht es um den Mentalitätswechsel von der rechtlichen Sicherheit, die im übrigen nicht abgeschafft werden soll oder kann, hin zu einer Mentalität des Gelingens. Es muss deutlich werden, dass das Handeln nicht dazu angelegt ist, Denkweisen oder Verhaltensmuster zu verbieten, sondern Strategien zu entwickeln, die zu Erfolgen führen.

Das sind auf jedem Feld große Herausforderungen. Zu beobachten bei jedem Fußballverein.

Schlechter Rat und gutes Handeln

Sie wird immer wieder gestellt, die Frage. Was machen in einer Welt, in der alles so unübersichtlich geworden ist, in der alles so komplex erscheint und sich ein Gefühl einstellt, dass der Einzelne, das Individuum, sich gar nicht mehr orientieren kann. Es entsteht ein dumpfes, ja, ein bedrohliches Gefühl der Überforderung. Da ist gut Rat teuer. Und der der billig ist, der wird auch noch von vielen armen Seelen angenommen. Da kommen sie daher, die ungerufenen Ratgeber, die mit der Zauberformel, die daherreden von irgendwelchen bösen Kräften, die hinter diesem Weltgeschehen im Verborgenen sitzen und ihre Pläne machen, die nichts Gutes im Sinn haben und die uns alle ins Verderben stürzen wollen. Die Liste der vermeintlich Schuldigen ist lang. Mal waren es die Juden, mal die Marxisten, mal die Freimaurer, dann die Betbrüder, die Reformisten und die Ökologen, dann natürlich die Wall Street, die Bilderberger. Als Völker boten sich eine Zeitangabe die Franzosen an, dann der Balkan, die Orientalen, und immer wieder die Russen.

Die Rezeptur ist, wie zu sehen, alles andere als neu. Und das Gefühl, dass der einzelne Mensch mit soviel Boshaftigkeit in der Welt nicht fertig werden kann, auch nicht. Für unsere Epoche ist entscheidend, dass mit immer mehr Information, ob sie Sinn ergibt oder nicht, die Welt nicht einfacher wird. Das Individuum der digitalen Moderne wird ersäuft in Meldungen, zumeist schlechten. Überall passiert das Unglück, überall sind dafür Menschen verantwortlich und die Guten, die einen Plan haben, sind nur noch selten zu sehen. Da bietet sich geradezu an, sich einer Erklärung, und sei sie noch so dürftig, hinzugeben, um wenigstens für einen gewissen Zeitraum wieder etwas Ordnung in den glühenden Kopf zu bekommen. Das ist zwar trügerisch, auch das wissen viele, aber es ist egal. Ordnung ist ein hohes Gut, das auch gerne einmal als Illusion im Einkaufswagen liegen kann.

Die Weisen, von denen in den alten Büchern zu lesen ist, die Weisen scheinen keinen Zugang mehr zu haben in dem Getöse der schlechten Informationen. Denn ihre Weltsicht ist auch einfach, aber eben nicht zerstörerisch. Erst kürzlich hatte ich eine Begegnung mit so einem Menschen. Von seinem Lebensalter war er an die siebzig Jahre alt, also noch nicht so alt wie die Weisen aus den Büchern, aber immerhin. Ich wusste, er hat einen ganz normalen bürgerlichen Beruf, in dem er auch noch tätig ist. Er saß in einem Diskussionskreis, in dem es um die Grausamkeit der Welt und um die vielen Übeltäter ging. Da war der Islamismus, die CIA, der Mossad, die Russen und was weiß ich noch alles wieder einmal aufgeboten worden, um das Schamlose, Inhumane dieser Welt zu erklären.

Der Mann hörte sich das alles in Ruhe an, nur ganz zum Schluss, als man ihn um seine Meinung fragte, hub er an und erklärte, dass das Gute, das Wahrhaftige menschlichen Handelns in jedem Kulturkreis und in jeder Zivilisation zu Hause sei. Jeder Mensch wisse, was gut und was böse sei, aus welcher Lehre und aus welchen historischen Kontexten es auch abgeleitet sei. Und er schloss mit den Worten, wenn jeder Mensch diesem Kompass folge, dann wäre die Welt eine bessere.

Damit war die Diskussion beendet und die Runde ging auseinander in tiefem Schweigen.

Der Absicherer

Ob im Industriebetrieb, im Verein, oder in der Verwaltung, im Verband, im Club, ob in der Initiative oder der politischen Partei. Ein bestimmter Sozialtypus sitzt immer mit am Tisch. Er ist nicht derjenige, der die Organisation durch Visionen oder Ideen nach vorne bringt. Ganz im Gegenteil, sobald etwas außergewöhnliches passiert oder geplant ist, wenn es ans Gestalten geht, dann schlägt seine Stunde. Dann kommen Fragen, die in der Regel geeignet sind, Schwung und Elan aus der Angelegenheit zu nehmen. Dann geht es darum, sich mit Problemen zu befassen, die entstehen können, wenn etwas anders gemacht wird, als es bisher der Fall war.

Im Großen und Ganzen fällt dieser Typus nicht auf. Er ist immer dabei, und wenn man die Frage stellt, was er in dem Gefüge eigentlich macht, dann wissen die meisten keine Antwort. Dennoch genießt er in der Regel eine hohe Reputation, er gilt als verlässlich und loyal und niemand käme auf die Idee, ihm etwas Zersetzendes anzulasten. Wenn wir, so die weit verbreitete Meinung, ihn nicht hätten, dann wäre vieles schwieriger, dann hätten wir in der Vergangenheit große Verluste gehabt. Und vor diesen Verlusten, wie immer sie auch aussehen mögen, vor diesen Verlusten bewahrt er uns. Die Rede ist vom notorischen Absicherer.

Es mutet befremdlich an. Jede Organisation, die etwas bewirken will, muss sich Gedanken darüber machen, was sie an neuen Ideen kreieren kann, um die Wirkung größer, stärker oder andersartiger zu machen. Und jede Vision, jede Idee, die tatsächlich generiert wird, aktiviert automatisch den Absicherer. Er stellt die Fragen, die im Augenblick der schöpferischen Euphorie dazu geeignet sind, die Welt zu einem komplizierten, übermächtigen, nicht zu verändernden Apparat zu machen, der jede Abweichung vom Gewohnten bitter und böse zurückzahlt. Die Absicherer sind im Bunde mit der Komplexität, mit der sich niemand mehr so richtig auskennt und vor der immer wieder Menschen mit guten Ideen letztendlich kapitulieren.

Ein Blick hinter die Kulissen bringt die Erkenntnis, dass da auch Gesetze herrschen, die in der Redewendung ihre Berechtigung finden, da, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Doch hinter den bewusst und systematisch eingesetzten Schwaden der Komplexität verschwindet dieses Motiv menschlichen Handelns allzu oft und dann erscheint der Absicherer mit wissender Miene und klärt die Naivlinge mit den tollen Ideen darüber auf, dass sie nur kleine Geister sind, die das Große nicht begreifen.

Nicht, dass es nicht erforderlich wäre, sich bei jeder neuen Idee, und sei sie auch noch so groß, kritische Fragen zu stellen. Ob es machbar ist, ob es andere Systeme verletzt und damit Kollateralschäden verursacht, ob es gar strafbar ist. Sollten diese kritischen Fragen jedoch in einer Organisation eine derartige Lobby haben, dass sie jede Abweichung vom Status Quo blockieren, dann hat die Organisation ein existenzielles Problem.

Je nach Entwicklungsstand von Organisationen existiert ein Proporz von Innovatoren, von Konsolidierern und von Absicherern. Und eine bewegliche, kreative, entwicklungsfähige Organisation hat von allen drei Typen etwas. Ein guter Proporz ist eine große Majorität von Innovatoren und Konsolidierern und einem geringen Teil von Absicherern. Zu beobachten ist, dass das Ende einer zweckbestimmten Organisation dann naht, wenn die Absicherer die Mehrheit stellen. Dann bewegt sich nichts mehr und das Ende ist in Sicht. Unter diesem Aspekt lohnt es sich, den eigenen Laden, in dem man sich befindet, einmal zu betrachten. Dieser Proporz lügt nie. Und er erlaubt eine sehr zuverlässige Prognose über die Zukunft.