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Grenzenlos gierig

Das Votum für den Populismus beinhaltet auch rebellische Züge. Und zwar eine Rebellion genau gegen die Plattheit derjenigen, die gerne gegen den Populismus damit argumentieren, dass die Welt für viele zu komplex geworden sei, als dass sie sie noch verstünden und aufgrund dessen den Vereinfachern in die Arme getrieben würden. Das hört sich gut an, ist in den meisten Fällen jedoch nichts anderes als eine Projektion des eigenen Unvermögens. Nehmen wir die, die ohne Ressentiment durchaus als die Etablierten bezeichnet werden können. Sind sie in ihrer Welterklärung besser als die Populisten? Gelingt es ihnen, die Komplexität so zu erklären, dass die große Masse sie verstehen würde? Oder haben sich die Etablierten zu Phrasendreschern entwickelt, deren Schlichtheit kaum noch jemand erträgt?

 
Die großen Herausforderungen unserer Zeit bestehen in der Beschleunigung und der Interdependenz dreier Bereiche, die alle dieser Entwicklung unterliegen: Technik, globaler Markt und Umwelt. Die Geschwindigkeit der Innovation in der Technik ist atemberaubend und setzt neue Maßstäbe, der globale Markt knirscht unter der Asynchronität von der Geschwindigkeit digitaler Kommunikation und physischem Transport und die Umwelt mit ihren Ressourcen schlägt für die Wunden, die ihr im Kampf um Ressourcen geschlagen werden, immer härter zurück.

 
Das ist komplex, ohne Zweifel. Sehen wir uns jedoch die Sprache derer an, die das politische System repräsentieren, so ist es ihnen nicht unbedingt gelungen, diese Welt zu erklären, sondern sie haben sich dafür engagiert, die Welt, so wie sie durch die genannten Triebfedern wurde, immer weiter zuungunsten derer, die in ihrem Habitus und ihren Lebensregeln weit hinterher hinken, nämlich den Menschen, zu verschieben. Das taten sie mit der Proklamation der wirtschaftsliberalistischen Ideale.

 
Die Konsequenzen, die viele Menschen aus dieser Entwicklung spüren, sind, um eine Phrase aus der affirmativen Rhetorik zu bemühen, nachhaltig. Entweder sie unterliegen einem zunehmenden Verdichtungsdruck und einer zunehmenden Fremdbestimmung bei der Arbeit oder sie verlieren ihre Arbeit. Und entweder können sie den neuen Technikgenerationen noch folgen oder sie versagen dabei. Und sie spüren die Veränderung der Natur und des Klimas. Die Erfahrung ist unmittelbar und sie damit erklärt zu bekommen, so einfach sei das alles nicht und die Welt sei mächtig komplex kommt der Aufgabe, zu erklären und Wege der Vernunft und Gestaltung aufzuzeigen, schlicht nicht nach. Im Grunde ist es der eigene Kotau vor der Komplexität. Dass die Komplexität von den Etablierten besser gehandhabt wird als von den Populisten, ist eine Legende. Es handelt sich bei dieser Misere nicht um unterschiedliche politische Lager, sondern das Problem durchzieht die gesamte Gesellschaft.

 
Die gegenwärtige etablierte Gesellschaft ist zwar verschwiegener geworden, was die Propagierung der neoliberalistischen Doktrin anbetrifft, dafür umso emsiger und aggressiver in der Anpreisung dessen, was unter den Aspekt der Digitalisierung fällt. Nun ist sie, die Digitalisierung, nach dem freien Markt, das Zauberwort, unter das die Zukunft subsumiert wird. Wenn in der Praxis das Wort der Digitalisierung fällt, dann ist damit in der Regel ein Rationalisierungsprozess gemeint, der Arbeitskräfte freisetzt. Denn über die Zunahme von Reglementierung und Fremdbestimmung, ja der Degradierung des Individuums vom Subjekt zum Objekt, kann man kaum ins Schwärmen geraten. Insofern ist nach dem ersten Schrei der unbegrenzten Vermarktung nun der zweite, nach unbegrenzter Plünderung der Ressource Arbeitskraft, zu hören. So komplex ist das nicht. Es ist nur grenzenlos gierig.

Das Rennen mit dem Teufel und die dynamische Stabilität

Die Geschichte ist zu schön, als dass sie nicht erzählt werden sollte. Eine der Legenden um die Erfindung des Schachspiels erzählt, dass es ein armer Bauer war, der es erfand und es seinem Herrscher schenkte. Als dieser, begeistert, ihn fragte, welchen Wunsch er ihm dafür erfüllen könne, antwortete dieser scheinbar sehr bescheiden, er wolle, dass seine Familie nicht mehr hungern müsse. Und als der Herrscher ihn fragte, was er dafür benötige, antwortete er: Legt mir auf das erste Feld des Spiels ein Weizenkorn, auf das zweite die doppelte Menge etc. Es sei dir gewährt, antwortete da der Herrscher und machte den Bauern zu einem unermesslich reichen Mann. Der Herrscher hatte die Exponentialfunktion unterschätzt und war in hohem Maße aus dem Gleichgewicht geworfen, als ihm Tage später seine Rechenmeister eröffneten, sie hätten die Menge noch nicht zusammen, denn sie benötigten 18,45 Trillionen Weizenkörner.

Und so wie es dem Herrscher erging, scheint es auch den modernen Zivilisationen zu gehen bei der Betrachtung der Beschleunigung im Bereich der technischen Innovationen, die ihrerseits flankiert werden von einem ebenso akzelerierenden Welthandel und der ökologischen Reaktion, sprich dem Klimawandel. Es lässt sich nachzeichnen, dass seit dem Mittelalter eine grundlegende Innovation mehrere Hundert Jahre brauchte, um sich global durchzusetzen, zur Zeit der Aufklärung waren es relativ präzise Hundert Jahre, während und mit der Industrialisierung, inklusive bis zum II. Weltkrieg dauerte es eine Generation und nach dem II. Weltkrieg wurde es dramatisch schneller, bis zur Jahrtausendwende waren es dann 15 Jahre und nach dem revolutionären Jahr 2007 (Google, iPhone etc.) kann mit sieben Jahren gerechnet werden, die eine Innovation braucht, um bereits nicht mehr aktuell zu sein. Das heißt, sie ist global in ca. 2 Jahren adaptiert und verbreitet, sie beherrscht die Prozesse bis zum fünften Jahr und erhält dann bereits Konkurrenz von den Prototypen der bevorstehenden neuen Innovationswelle.

Damit nicht korrespondiert eine zweite Entwicklung, die die kulturelle und zivilisatorische Adaption der neuen technologischen Entwicklung genannt werden muss. Auch diese hat sich beschleunigt, aber längst nicht in dem Maße wie die technische. Und darin liegt ein gravierendes Problem. Es geht dabei darum, wie schnell die Menschen und ihre Gesellschaften es lernen, mit den neuen Technologien umzugehen, und zwar im Sinne ihrer technischen Beherrschung wie in ihrer gesellschaftlichen Handhabung. D.h. die Lernformen und die Lehrinstitutionen, über die wir verfügen, halten genauso wenig Schritt mit diesem Tempo wie die Legislative. Allein die Dauer betrachtet, wie lange ein Gesetz braucht, allein von der Initiative bis zur Gültigkeit, wird klar, dass manche Gesetze dann Geltung bekommen, wenn die neue Herausforderung durch eine grundlegend neue technologische Innovation vor der Tür steht. Es ist ein Rennen mit dem Teufel.

Die Schlussfolgerung, die daraus gezogen werden muss, ist die, alles dafür tun zu müssen, um die Lernformen wie die politische Handhabung dessen, was unter technischem Fortschritt im Simultanschritt mit der Verbreitung auf dem Weltmarkt und den Auswirkungen auf die Ökologie im Raum steht und sich entwickelt, ihrerseits zu beschleunigen. Das bedeutet, dass es so etwas wie Stabilität gar nicht mehr geben kann, sondern dass von einer Art dynamischen Stabilität gesprochen werden muss, die Prinzipien im Auge hat, die zuweilen auch in der Lage sind, der Beschleunigung zu trotzen. Aufzuhalten wird sie nicht sein. Und von der Dimension, die das menschliche Verhalten in diesem Spiel ausmacht, ist noch nicht einmal gesprochen.

Strukturelle Karambolage

Eine der großen Visionen unserer Tage definiert sich über Interkulturalität. Damit steht ein Begriff in der Landschaft, der durch seine bloße Existenz große Illusionen herstellt, die mit ihm selbst gar nicht zu realisieren sind. Das Bild von Interkulturalität ist nämlich keine reale Komposition, sondern die Existenz des Nebeneinanders, des sich vielleicht auch gegenseitigen Durchdringens, aber nicht die Möglichkeit der Simultanität. Eine Gesellschaft, die sich multikulturell nennt, bietet die Lebens- und Existenzmöglichkeit für verschiedene, unterschiedliche Kulturen, ohne andere um dieser Möglichkeit willen zu diskriminieren. Allein dieses ist schon sehr selten, denn die gleichzeitige Existenz verschiedener Kulturen auf gleichem Raum ist in der Regel verbunden mit Momenten der Diskriminierung.

Multikulturalität an sich ist jedoch nicht der Zustand kultureller Konkordanz, also einer einträchtigen gemeinsamen Existenz, sondern schlicht und einfach eine Kompetenz. Multikulturalität als Kompetenz bedeutet, die wesentlichen Merkmale der anwesenden Kulturen bestimmen zu können und in der Lage zu sein, zwischen diesen zu vermitteln. Die gleichzeitige Existenz verschiedener Kulturen erfordert diese Kompetenz, um die diskriminatorischen Elemente, die jeder Kultur innewohnen, im Prozess des Zusammenlebens zu minimieren. Multikulturalität ist die Moderation zwischen unterschiedlichen humanen Systemen, ohne zu werten.

Das, was landläufig als Multikulturaliät bezeichnet wird, ist das genaue Gegenteil dessen, was es eigentlich bedeutet. Mit Multikulturalität wird der Zustand eines friedlichen, synergetischen Nebeneinanders beschrieben, das durch die gleichzeitige Existenz verschiedener Kulturen auf gleichem Raum entsteht. Dass es zum Wesen einer Kultur gehört, anderes auszugrenzen, um eine eigene Entität zu gewinnen, wird dabei ebenso ausgeblendet wie die Gewissheit um die Notwendigkeit professioneller Moderation.

In der jüngeren Historie wird der Begriff von Multikulturalität zumeist in Form von hiesigen Kulturprojekten oder sinnesbetäubender Stadtteilfeste gesehen. Multilkultiuralität als Ursache von kriegerischen Konflikten werden in dieses Bild nicht mit aufgenommen. Die verheerendsten kriegerischen Auseinandersetzungen unserer Tage sind jedoch immer mit dem Stigma existierender, schlecht moderierter Multikulturalität verbunden. Daher ist es hilfreich, sich nicht die so schönen Stadtteilfeste anzuschauen, sondern die Konflikte in Syrien, im Jemen, in der Türkei, im Sudan, in Myanmar. Diese Konflikte sind weit genug weg, um nicht in den Bann der Trübung zu fallen, die hier existiert, vor allem durch das Mantra eines Idealzustandes, der unterstellt wird, obwohl er nirgends existiert.

Die Negativzeichnung ist im kognitiven Prozess ein wichtiger Schritt. Sie vermittelt Kenntnisse darüber, welche Muster zu welchen Reaktionen führen. Und in diesen Negativzeichnungen ist zu lesen, dass die Dominanz einer Kultur nicht die Ursache missglückter Interkulturalität ist, sondern die aggressive Ablehnung jeglicher anderen Kultur, der Wille, auf Kosten anderer zu expandieren und der Unwille, sich aufgrund sozialer Anforderungen selbst einzuschränken.

Es ist geraten, sich von der Illusion zu befreien, es existierte auch nur eine Kultur, die nicht durch die Negation des anderen entstanden wäre. Und es ist geraten, sich die Bedingungen anzusehen, die erforderlich sind, um zu einer Konkordanz unterschiedlichen Kulturen zu kommen. Es handelt sich dabei nämlich nicht um einen Katalog der freien Entfaltung, sondern um eine Liste von Einschränkungen der eigenen Kultur, die die gleichzeitige Existenz vieler anderer Kulturen beinhaltet.

Und es wäre sinnvoll, sich von der Dramaturgie deutscher Kulturbesoffenheit etwas zu entfernen und vielleicht öfters von unterschiedlichen Zivilisationen zu sprechen. Das minimiert das Risiko einer strukturellen Karambolage.