Archiv der Kategorie: food for thought

Über Mythen

Mythen haben einen Sinn. Und es sind nicht die, die einen Mythos schufen, die sich dessen bewusst sind. Das betrachtende Publikum schafft sich diesen Sinn. Er entspringt dem Bedürfnis, etwas nicht Erklärbares zu erklären, etwas nicht Veränderbares zu verstehen oder nach etwas, das fehlt, voller Sehnsucht zu suchen. In einer bestimmten Weise könnte der Mythos auch als gefühlte Logik beschrieben werden. Die Mythenkritik, die herrscht, konzentriert sich auch weniger auf den Sinn, den Mythen vermitteln, als auf die Wirkung, die sie ausüben. Mythen sind nämlich nicht dazu geeignet, bestehende Verhältnisse anzuklagen und zu verändern. Sie sind dazu geeignet, Gefühle anzusprechen und zu mobilisieren, sie sind dazu geeignet, Verhältnisse hinzunehmen, aber nur sehr selten, die Welt zu verändern.

Mit einer Ausnahme. Und diese Ausnahme besteht in der Instrumentalisierung des Mythos durch die Revolution. Das ist dann der Umstand, den die Theorie der Revolution ansonsten kritisiert. Es geht darum, gefühlten Sinn für die Sache der Veränderung zu mobilisieren. Da herrscht beim Aufstand nicht mehr die kalte Logik, sondern die Wallung des Blutes. Allerdings ist das nun einmal so, keine Gesellschaftstheorie bleibt sich treu, wenn es um die Macht geht.

Bei dem Mythos um Che Guevara ging es so weit, dass die Vertreter des bewaffneten Aufstands das Mitleid entdeckten. Und bei Fidel Castro waren es zumeist nicht die Taten des Verehrten als die unzähligen fehlgeschlagenen Attentate durch die CIA, die er überlebte. Bei Mao Ze Dong war es der berühmte Lange Marsch, also eine militärische Gewaltleistung, bei Ho Chi Min waren es die endlosen Tunnels des Viet Kong, also wiederum militärische Fakten, die zum Mythos wurden, nur bei Lenin war es eine bewusste Inszenierung seiner selbst im Sinne einer neuen Epoche. Seine permanente Illustrierung mit einem Telefon am Ohr warb für eine elektrifizierte Gesellschaft, die technische Modernität genauso wie soziale Errungenschaften für sich reklamierte.

Die Beispiele zeigen, dass eine Korrelation zwischen Mythen und Helden existiert. Dabei ging es, unabhängig von dem historischen Kontext, immer um das Verdienst um und für die Macht oder, wie bei Che Guevara, um die Aufforderung, die Macht zu erlangen. Die Überhöhung des Helden zum Göttlichen ist durchgehend und zweckrational. Da existieren keine Unterschiede zwischen den letztgenannten Revolutionären und einem Alexander dem Großen oder Napoleon.

Bei der Bewertung von Mythen ist es wichtig, zwischen denen, die eindeutig auf Machtgewinn oder Machterhalt ausgerichtet sind und denen, die der Sinnstiftung treu bleiben, zu unterscheiden. Sinn stiftende Mythen können affirmativ wirken, müssen sie aber nicht, sie können auch zu kreativem Denken inspirieren. Und dann existieren noch Mythen, bei denen das menschliche Handeln ausdrücklich inspiriert und befördert werden soll.

Einen solchen Mythos pflegen die Bugis, ihrerseits Schiffsbauer und Seeleute von der indonesischen Insel Sulawesi/Makassar. Sie bekommen die Sehnsucht nach der Ferne gelehrt und müssen erst beim Bau der Schiffe beweisen, Lastenschiffe, die ohne einen Nagel oder eine Naht auskommen, dass sie die Tauglichkeit zur Seefahrt haben. Wahrscheinlich, dass Saint Exupéry sich bei den Bugis bedient hat. Analog zu den Bugis pflegen es die andalusischen Flamenco-Gitarristen zu tun, die erst ein Instrument bauen müssen, bevor sie das Spielen auf demselben gelehrt wird. Da schafft der Mythos tatsächlich großartige Schiffe und unvergessliche Musik, die ganz real im Ohr klingt.

Ultima Thule

Als sich der griechische Entdecker Pytheas im vierten Jahrhundert vor Christus von Masilia, dem heutigen Marseille, aufmachte, um weit in den Norden vorzudringen, ging er noch davon aus, dass der Welt irgendwo Grenzen gesetzt sind. Auf seinem Weg, der nur noch durch Fragmente anderer dokumentiert ist, passierte er auf jeden Fall die britischen Inseln und gelangte irgendwann zu einer Insel, die kurz vor dem Gebiet lag, wo das große Wasser geronnen war, also vor dem Eismeer. Er nannte die Insel Ultima Thule, was man mit „letztes Land“ übersetzen kann. Wie alles, was nicht bis ins letzte Detail dokumentiert werden kann, gelangte auch jene Insel Ultima Thule bald in den Bereich des Mythischen. Und der Mythos ist es, der zuweilen größere Befruchtung der menschlichen Erkenntnis beitragen kann als das schnöde Faktum. Lange hieß es, es handele sich bei dem entdeckten Objekt des Pytheas um eine kleine Inselgruppe vor Grönland, während heute, vor allem durch die Geodäsie, nahezu bewiesen werden kann, dass es sich um die Insel Smøla in der Bucht des norwegischen Trondheim handelte.

Das, was die kalte Geodäsie nun so gefühllos verkündet, hat als Geheimnis die Geister über mehr als zweitausend Jahre inspiriert. Von den Germanen bis zu den Aufklärern, ja sogar bis zum großen Revolutionär der Moderne, James Joyce, plagte die Frage, was dort, am nordischen, dunklen, vernebelten, kalten und doch von Feuern erhellten Ende der Welt wohl zu entdecken sei. Interessant dabei ist, dass, entgegen der späteren Allegorien vom großen Licht, keine einzige Utopie in die Überlieferung von Ultima Thule hineinscheint. Nein, Ultima Thule, das dem Norden vorbehaltene Ende der Welt, blieb das große Fragezeichen. Und einzigartig ist, dass die Faszination davon ausging, dass das große Fragezeichen nicht aufgelöst wurde. Vielmehr interessierte die Menschen, wie der Zustand des großen Fragezeichens wohl aussehen werde und nicht, wie im Zeitalter der schnellen und vordergründigen Antworten angenommen werden könnte, wie es aufzulösen sei.

Der Mythos des Ultima Thule schuf sich seine eigene Aura, weil er ohne Antworten und Erklärungen und ohne Konkretisierungen auskam. Was allerdings inspirierte, war die Frage nach der Atmosphäre. Darüber gab und gibt es sehr viele Dokumente. Wie das Licht dort spielt, wie die Winde tanzen, wie das Meer wogt, wie die große Choreographie des ewigen Nebels aussieht. Das hat die Völker seitdem interessiert und nicht, ob es dort Menschen gibt oder nicht. Man stelle sich das vor, Ein Mythos vom Ende der Welt, der nicht darüber spekuliert, ob menschliches Handeln überhaupt eine Rolle spielt. Der allenfalls eine Idee davon hat, dass das menschliche Handeln dort ein Ende hat.

Der Mythos von Ultima Thule hat den Rang einer höheren Ordnung. Denn er betrachtet die irdischen Angelegenheiten aus einer Perspektive, die keiner Menschen bedarf. Das ist, aus heutiger Sicht, starker Tobak. Und jenseits der ewig Umnachteten, die sich aus Unverständnis und Ignoranz heute als Gesellschaften mit dem Namen Thule schmücken und ihren archaischen und verächtlichen Phantasien frönen, ist die Idee von einer menschenfreien Utopie vielleicht das Intelligenteste, was heute wieder einmal auf dem gedanklichen Plan stehen könnte. Stellen wir uns das Ende der Welt ohne Menschen vor. Das wäre eine Überlegung wert. Vielleicht hülfe sie den Menschen?

Emotionaler Digitalismus

Der frühe Münchner und später New Yorker Schriftsteller Oskar Maria Graf, der in Berg am Starnberger See aufgewachsen war und das bäuerliche Leben von der Pike auf kennengelernt hatte, wandte gerne die Methode an, die großen Namen und komplexen Theorien so zu transformieren, dass sie in die bäuerlich-bayrische Lebenswelt passten. So wurde aus dem großen Goethe das Goethe Wolferl und dem dunklen Heidegger der Heidegger Martl und die jeweiligen Werke in den bayrischen Dialekt und die bayrische Lebenswelt übersetzt. Das entzauberte mächtig und oft blieb schon dort nicht mehr viel übrig von der alles erhabenen Theorie.

Dennoch, auch das 20. Jahrhundert konnte von sich noch behaupten, reich an Konzeptionen zu sein, die versuchten, die Welt zu erklären und zu gestalten. Das war so in der politischen Theorie wie in der Kunst. Überall, wo sich Menschen einfanden, um fortzuschreiten aus dem Jetzt, da gab es Systeme, die das Ist erklärten und das Neue konturierten. In der Politik waren das z.B. Marxismus, Liberalismus, Darwinismus, Kritischer Rationalismus und in der Kunst z.B. Avantgarde, Neue Sachlichkeit, Realismus. Die Diskussionen waren heftig und es wurde gerungen. Aber, und das ist das Prädikt für das Folgende, man ging davon aus, dass die Menschen Subjekte waren, die ihr Schicksal bewusst gestalten konnten.

Und heute, in der Welt des emotionalen Digitalismus, scheint das alles wie ausradiert. Da heißt es einerseits, die Welt ist so komplex geworden, dass man sie nicht einfach erklären kann. Andererseits bekommt man aber auch für das Fordern nach Konzepten die Antwort, es sei alles viel zu komplex, als dass man es konzeptionell erfassen könnte. Und der eingangs zitierte Oskar Maria Graf würde vor Freude und Spott überschäumen, wenn er die dürftigen Erklärungen erführe, mit denen der so genannte „Überbau“, d.h. die große Denkfabrik der Gesellschaft, heute operiert. Da ist das, was gerade passiert, das Konzept selbst, und in der Kunst sind es plötzlich die Gebäude, die das einzelne Werk in seinem Gesamtarrangement erklären. Ja, so würde er dann wohl schreiben, „wenn dir nichts mehr einfällt, dann bläst du halt die Backen auf und tust ganz wichtig, vielleicht finden sich dann doch ein paar Flachköpfe, die darauf hereineinfallen.“ (Bayrischer Dialekt vom Autor nicht oder nur schlecht imitierbar)

Also das Ist ist das Werk selbst, die Substanz des Daseins, um es nun in einer anderen Sprache zu dokumentieren, die Substanz des Daseins ist die Komplexität des Zufalls. Und um diese Aussage in eine zeitgenössisch durchaus geläufige Sprache zu übersetzen: weder der Philosophie, noch der Gesellschaftstheorie und erst recht nicht der Kunsttheorie fallen Konzepte ein, die der Analyse fähig wären oder zu einer Vision inspirierten. Vielleicht kursieren deshalb so viele Negativszenarien, in denen sich die Technik verselbständigt hat und den Menschen und sein ganzes soziales und kulturelles Gesumms einfach schreddert.

Und irgendwie ergibt sich aus dieser Betrachtung dann doch ein Sinn oder eine Deutung, die gar nicht so abwegig erscheint. Die Apotheose des Werkzeugs zur Herrschaft ist wahrscheinlich die Erklärung dafür, dass der Mensch bereits wieder auf das Objekt reduziert ist. Und wozu brauchen Objekte eine Theorie? Sie werden von höheren, ihnen überlegenen Mächten verwaltet.

Allein diese Erkenntnis sollte genügen, um sich etwas fundamentaler mit dem Dilemma zu befassen, das durch das Fehlen von Konzeptionen sichtbar wird.