Archiv der Kategorie: food for thought

Anton Tschechow und die Digitalisierung

Der Autor einer gerade veröffentlichten Studie über den Zustand der Deutschen Bahn stellte in einem Interview die These auf, dass es mit Leistungsfähigkeit wie Zustand des Unternehmens nicht so überaus kritisch aussehe, wenn die Parlamentarier, die letztendlich für die Steuerung öffentlicher Unternehmen die Verantwortung trügen, mehr mit der Bahn führen anstatt dass sie auch innerhalb der Republik überallhin flögen. Damit sprach er etwas an, das uns in Zeiten der schwindenden Unmittelbarkeit stärker beschäftigen sollte. 

Dabei ist die Entfremdung der gewählten Mandatsträger von denen, die sie beauftragt haben, immer ein Drama des politischen Systems. Lebt die politische Klasse in einer anderen Welt, dann kann sie sich kaum noch vorstellen, was es bedeutet, morgens in der Bahn zu sitzen und zur Arbeit zu fahren, dabei unter Verspätungen wie Ausfällen zu leiden, Ärger mit dem eigenen Betrieb zu bekommen etc.. Und wenn die Entfremdung überhand nimmt, dann endet es so wie bei der letzten französischen Kaiserin Marie Antoinette, die, erstaunt, dass das Pariser Volk auf den Straßen nach Brot schrie, den Rat gab, wenn es kein Brot gäbe, dann solle es doch Kuchen essen. 

Einmal abgesehen von den historisch dramatischen Beispielen, eine Vorstellung davon, wie viele Menschen mitten in der Gesellschaft leben, scheint in der Politik nicht mehr vorhanden zu sein. Zu sehr muten auch Vorschläge aus dem Parlament eher an wie zynische Einwürfe und nicht wie Lösungsansätze. Der Zynismus tritt immer dann in Erscheinung, wenn das konkrete, unmittelbare Wissen um die Lebensumstände fehlt.

Die Politik ist jedoch nicht das einzige Feld, auf dem diese Entwicklung zu beobachten ist. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Phänomen, das aus der flächendeckenden Maschinisierung aller Lebenswelten erklärt werden muss. Die direkte, unmittelbare Erfahrung wird zunehmend zurückgedrängt im Prozess der menschlichen Erkenntnis. Jedes Lernen in der realen Welt wird zurückgedrängt durch das indirekte, vermittelte Lernen via digitaler Korrespondenz. Ob es sich um Navigationssysteme im Straßenverkehr handelt, um Apps, die das Reisen steuern bis hin zum Kochen geschieht alles interaktiv mit der neuen Maschinenwelt. 

Das Ergebnis ist ein zwar nach wie vor gewährleistetes Funktionieren, jedoch sind die sozialen Dimensionen, die in der direkten Erkundung eine Rolle spielen, verloren gegangen. Ein junger Mensch, der in seiner eigenen Stadt umherzieht und Wege erkundet, auf denen er mit Menschen in Kontakt kommt, die mit ihm sprechen und etwas über die Bevölkerung aussagen, die in den einzelnen Stadtteilen wohnen, Gerüche, Lärm, und exotische Besonderheiten, erhält ein ganzes Paket der Orientierung, welches ihm vorenthalten bleibt, wenn er den Instruktionen des Navigationssystems folgt, die übrigens selten dazu führen, sich in Zukunft autonom zu orientieren.

Bei Reise-Apps handelt es sich um eine radikale Erleichterung im Hinblick auf Suchen und Finden. Was sie jedoch kategorisch ausschließen, sind die Irrwege, die auf fremden Terrain zu besonderen Erkenntnissen führen. Die Frage nach dem Weg, der falsche Weg, das Treffen auf seltsame Typen, mit denen besondere Geschichten erlebt werden, die zu einer besonderen, individuellen Erfahrung werden und in ein Narrativ münden, das das Bild eines Landes oder einer Stadt beginnt zu prägen. Alles, was das konkrete historische Handeln von Menschen ausmacht, ist eliminiert.

Netzgenerierte Koch-Instruktionen sind hilfreich bei der schnellen Produktion von Gerichten. Was sie nicht vermitteln, ist das Narrativ derer, die das Wissen übermitteln. Die Geschichten der Großmütter, die die Zutaten verbanden mit Geschichten über die Produktionsbedingungen und die Finesse der Armen, aus Nichts etwas zu machen, sie sind dahin.

Die Leserinnen und Leser mögen sich durch ihren Alltag deklinieren und dabei der These folgen, inwieweit die Maschinensteuerung die unmittelbare, vor allem soziale Erfahrung eliminiert hat. Es geht nicht darum, die Vergänglichkeit der guten, alten Zeiten zu beklagen. Es geht darum, die konkreten Lebenswelten nicht aus den Augen zu verlieren, weil es sonst zu einer sozialen Kälte kommt, die die Grundlagen des Zusammenlebens zerstören. Wer angesichts der beschriebenen Entwicklung nur Hurra schreit, hat den Konnex zur existierenden, realen Welt bereits verloren. 

Bestimmte Verhältnisse ändern sich nur begrenzt. Ein Zitat von Anton Tschechow, dem russischen Erzähler und Dramaturgen, möge helfen:

„Die Leute fahren nicht zum Mond! Die Leute gehen zur Arbeit, essen Suppe und streiten sich mit ihrer Frau.“

Entscheidung als Indiz

Oft wird thematisiert, dass Entscheidungen nicht oder zu spät getroffen werden. Es handele sich dabei, so die These, um ein Indiz für den schlechten Zustand der Organisation. Und tatsächlich fand man in den nachgelassenen Werken des Soziologen und Systemtheoretikers Niklas Luhmann zahlreiche Hinweise auf eine derartige Betrachtungsweise. In der postum veröffentlichten Schrift „Organisation und Entscheidung“ kann man das nachlesen und wer gewillt ist, kann zu der Auffassung gelangen, dass die Dauer wie die Güte getroffener Entscheidungen etwas aussagt über den Zustand der Organisation, in der das Phänomen beobachtet wurde. 

Nähme man den Maßstab und übertrüge ihn auf die Politik, dann käme zumindest das Gefühl auf, es handele sich hier um den beschriebenen Kontext. Das stimmt nicht in toto, denn manche Sachen gehen gewöhnlich sehr schnell über die Bühne, oft ohne großartig angelegten Diskurs. Dann handelt es sich zum Beispiel um Stellschrauben hinsichtlich der wirtschaftspolitischen Ausrichtung wie zum Beispiel die Niedrigzinspolitik. Eigenartigerweise wurde die nicht im öffentlichen Diskurs betrachtet, ihre Folge war im Hinblick auf Investitionen und Export genauso gewaltig wie in Bezug auf die Verbrennung der kleinen Rücklagen unzählig abhängig Beschäftigter und Rentner. 

Andere Zusammenhänge, wie der der Verwendung bestimmter, ökologisch schädlicher Stoffe in der Massenproduktion, werden breit diskutiert, führen aber seitens der Politik zu keiner klaren Haltung. In solchen Fällen bleibt es bei Appellen an die Konsumentinnen und Konsumenten, ohne dass ein Gesetz entstünde, das die Produktion regeln würde. Übrigens eine besonders in Deutschland beliebte und immer wieder probate falsche Fährte. Da wird eifrig diskutiert, was jeder Einzelne tun kann und die Massenproduktion geht weiter, als wäre nichts geschehen.

Die zu treffende Schlussfolgerung legt nahe, genau hinzuschauen, bevor es zu der Diagnose kommt, Entscheidungen würden nicht oder zu langsam getroffen. Manches geht schnell, anderes soll nicht zum Ende kommen. Dass dennoch ein Gefühl vorherrscht, vieles würde nicht finalisiert, ist dennoch nicht von Ungefähr. Die Entscheidungen, die für die breite Mehrheit der Bevölkerung von essenzieller Bedeutung und Brisanz sind, kommen nicht zustande. Womit die Indizien für die These steigen, dass wir es mit politischen Entscheidern zu tun haben, die ihrerseits zwar das Mandat aus Wahlen haben, jedoch tatsächlich im Auftrag derer handeln, deren Mandate im Verborgenen liegen. Die Fährte führt dabei zu den Nutznießern der Beschlüsse, die schnell getroffen werden und die den Interessen derer dienen, die da im Verborgenen operieren. Der große Besitz lässt grüßen.

Das beschriebene Phänomen der Entscheidung und ihres Zustandekommens ist zwar nicht einfach zu beantworten, aber es führt zu erhellenden Rückschlüssen. Das kann in der hier beschriebenen Weise geschehen, indem zwischen schnell getroffenen und ewig herausgehörten Entscheidungen unterschieden und ihre jeweilige Interessenzugehörigkeit beschrieben wird. Es kann aber auch in einer unverfänglicheren Analyse in anderen Kontexten geschehen. Oft landet die Analyse dann bei einzelnen Psychogrammen, die etwas aussagen über die Befindlichkeit und die Sozialisation der handelnden Personen. Warum tun sich manche Menschen mit dieser oder jener Entscheidung schwer, und bei anderen wiederum ganz leicht?  Was hat sich getan im Leben der handelnden Personen, dass sie im einen Fall von großen Ängsten beeinflusst sind und im anderen mit der unerträglichen Leichtigkeit des Seins zu einem Ergebnis kommen? 

Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen lohnt sich in vieler Hinsicht: Die Art und Weise, wie, wann und zu welchen Anlässen Entscheidungen getroffen werden, sagt viel aus über Verhältnisse wie Menschen.

Maschinenreligion und soziale Insuffizienz

Vielleicht können sie es nicht, vielleicht wollen sie es auch nicht begreifen. Die Maschine ist nicht die Blaupause für menschliches Handeln. Dass trotzdem der allgemeine Trugschluss herrscht, Menschen könnten so „bedient“ werden wie Maschinen, ist ein Dokument zivilisatorischen Niedergangs. Ja, hinter der im Digitalismus entzündeten Glitzerwelt lauert ein barbarisches Gemüt, das tatsächlich dem Wunsch nachgeht, die Welt wäre dann lebenswert, wenn menschliches Handeln mit der Präzision programmierter Maschinen vor sich ginge. Zu anderen Zeiten hätte man die Frage nach zu viel Science Fiction gestellt. Heute ist der Grund dafür gravierender als ein durch die Jugend bestimmter Abusus. Es geht um die Sterilisation der Vorstellung von sozialem Sein.

Wer hätte gedacht, dass die Technokratie das Denken einmal so verhunzen könnte wie Kriege die Moral und die daraus resultierende Alltagsethik in der Lage waren, die agierenden Menschen zu verrohen. Und doch ist es wahr. Ohne ein Zucken auf den Lippen wird von menschlichem Versagen gesprochen, wenn Flugobjekte in Städte schlagen oder Eisenbahnen von den Brücken fallen. Der Trip, der für diese benommene Sichtweise verantwortlich zeichnet, ist entstanden im Labor der instrumentellen Vernunft und die Lehrmeister und Formelfinder von diesem Wahnsinn sind die Vertreter der formalen Logik.

Kein Leid ist zu groß kein Preis zu hoch und kein Superlativ zu bombastisch, um die Verehrung auszudrücken, die in der Wallfahrt zur technologischen Entwicklung steckt. Was das im Gegenteil heißt, wagen wir nur in seltenen Fällen auszusprechen: eine Geringschätzung menschlicher Leistung, eine Bagatellisierung sozialer Brisanz und eine Ausgrenzung zum Kollateralschaden. Goethes Zauberlehrling ist eine lustige Weise im Vergleich zu der monströsen Erscheinung, mit der die menschliche Zivilisation es heute zu tun hat.

Und das, was an menschlicher, sozialer Leistung nicht mehr stattfindet, die Kommunikation, die Erziehung, das Zeigen von Haltung und das Entwickeln von Kooperation, werden gesucht in technischen Programmen, die die Maschine zur Steuerungseinheit machen. Die Welt der Technokraten hat versagt und mit ihrer Betrachtungsweise sind sie dabei, die ganze Gattung zu gefährden.

Das menschliche Versagen, um das es hier gehen muss, ist nicht die technische Insuffizienz. Das menschliche Versagen, das uns alle angeht, speist sich aus dem tiefen Glauben an die Allmacht der Maschine. Es handelt sich um  eine diabolische Variante der Religion. Genau das, was in dem von Rationalismus und Wissenschaft dominierten Zeitalter längst überwunden sein sollte, hat mit absolutistischer Dominanz die Herrschaft übernommen und ist dabei, die menschliche Zivilisation nachhaltig zu stören.

Der Mensch, so die Erkenntnis, ist keine triviale Maschine. Und sein Tun, so die Folgerung, ist nicht Ausfluss einer algorithmischen Präposition, sondern das Ergebnis seiner eignen Potenziale und seiner Sozialisation. Nur von einer höheren Ordnung der gegenwärtig schwachsinnigen Verhältnisse ist es möglich, den herrschenden Irrsinn noch zu begreifen.

Der Abgleich zu den hier formulierten Thesen lässt sich finden in der Überprüfung der tatsächlich vorhandenen Verhaltensmuster der Technokraten selbst. Sie sind es, die unter sozialer Insuffizienz leiden, sie sind es, die sich mit dem Entscheiden schwer tun und sie sind es, die sich aus ihren eigenen Defiziten heraus das Dasein einer programmierten Maschine wünschen. Doch welcher Mensch, der noch in der Lage ist, sein Leben selbst zu gestalten, sollte sich auf einen solchen Irrsinn einlassen?