Archiv der Kategorie: food for thought

Normative Profile und humane Defizite

Seit langer Zeit hat sich im Denken derer, die Arbeitsbeziehungen gestalten, eine Denkweise etabliert, die auf einem rein technischen Sektor durchaus nachvollziehbar ist, im Umgang mit Menschen allerdings die vorhandenen Potenziale ignoriert. Durch diese Denkweise hat sich eine Atmosphäre breit gemacht, die sich vor allem durch negative Strahlung empfiehlt. Es dominiert das Gefühl, dass die in Arbeitsprozessen assoziierten Menschen nichts anderes zu machen haben als gegen eigene Defizite anzukämpfen. Dass das nicht die Grundlage produktiver Prozesse sein kann, die quasi aus einem emotionalen Flow entstehen, ist folgerichtig. Bleibt die Frage zu stellen, was eigentlich schief geht?

Vor allem, aber nicht nur junge Menschen, die sich auf den formalen Arbeitsmarkt begeben, um eine Arbeitsstelle zu finden, beklagen immer wieder und zu recht den Irrsinn der dort zu findenden Anforderungsprofile. Jung, flexibel, natürlich mit großer Erfahrung, Prädikatsabschluss, geübt auf internationalem Parkett, ungebunden, lernwillig und bereit, für geringes Entgelt einzusteigen. Allein diese Charakteristika, die sich nicht auf die Fachkompetenz beziehen, dokumentieren die ganze Weltverlorenheit derer, die ihr Leben in den Personalabteilungen bereits verwirkt haben und die garantiert ihrerseits nichts von dem mitbringen, was dort gefordert wird. 

In den weltfremden Labors der Verwaltung menschlicher Arbeitskraft werden, wenn denn jemand gesucht  wird, so genannte Anforderungsprofile erstellt, in denen neben den oben genannten Referenzen fachlich genau die Fähigkeiten und die Fertigkeiten aufgelistet werden, die vorher in einer Arbeitsplatzbeschreibung gelistet wurden. Dann wird in einem Auswahlprozess, wenn alles gut läuft, der Mensch genommen, der diesem normativen Profil am nächsten kommt. Meistens bleibt dennoch eine Differenz zwischen dem normativen Profil und dem realen Menschen. Dieses Defizit gilt es dann mit Maßnahmen der Personalentwicklung zu beheben. Folglich jagt de facto die gesamte Belegschaft einem Programm nach, das dazu bestimmt ist, die aus dem Denkschema entwickelten Defizite zu beheben. 

Was als logischer Prozess beginnt, endet emotional und spirituell in einem Dilemma. Denn es klingt zunächst einmal vernünftig, den Versuch zu unternehmen, die Schritte, die an einem bestimmten Prozess innerhalb der Organisation zu erwarten sind, zu beschreiben und die daraus resultierenden Anforderungen festzuhalten. Und es ist ebenso vernünftig, bei der Auswahl der Menschen, die dort aktiv werden sollen, darauf zu achten, ob sie in der Lage sein werden, diesen Anforderungen zu entsprechen. Und es ist und bleibt wahrscheinlich, dass die meisten Menschen, mit denen man zu tun hat, nicht exakt diesem Profil entsprechen werden. 

Was jedoch aus dieser teilweise vernünftigen Vorgehensweise resultiert, ist eine komplexe Buchführung über die Defizite von ganzen Belegschaften und die Vernachlässigung ihrer Potenziale. Das Drama besteht darin, dass dieses Missverhältnis überall anzutreffen ist. Und dass sich diejenigen, die diesen Prozess wiederum organisieren in der Fokussierung der humanen Defizite so festgefahren sind, dass es mit ihnen wohl nicht mehr gelingen wird, einen Kurswechsel zu vollziehen, der Einsatz wie Kombination festgestellter menschlicher Fähigkeiten zum Thema hat. Meistens ist es nicht einmal möglich, den Unterschied zwischen formalem Abschluss und tatsächlich zu erwartender praktischer Fähigkeit zu verdeutlichen. Die gesamte klassische Personalentwicklung steckt in einer technokratischen Sackgasse. Sie erscheint wie ein gigantischer Reparaturbetrieb defizitärer menschlicher Befähigung. Die angewendeten Instrumente dienen ausschließlich diesem Leitgedanken. Kompensation der tatsächlich existierenden Defizite zu einem normativen Profil.

Der Weg aus diesem Dilemma kann nur über einen exklusiven Paradigmenwechsel geschehen. Die präzise Erfassung und Kombination tatsächlich vorhandener Potenziale und die Erforschung der Entwicklungsmacht individueller und kollektiver Prozesse der Arbeit. Die mentalen wie rechtlichen Voraussetzungen sind bis heute nicht gegeben.

Statische und mobile Gesellschaften

Um Gesellschaften vergleichen zu können, ist es immer ratsam, so etwas wie sein soziales, wirtschaftliches und kulturelles Profil zu erstellen. Diese Daten sind wiederum nicht zu verstehen, wenn kein historischer Bezug zu dem hergestellt wird, wie sich das Land gegenwärtig präsentiert. Alles, Kultur wie Wirtschaft, Politik wie Vorstellungswelt resultiert aus dem geschichtlichen Lauf, den ein Land genommen hat. Solange man eine solche Übung bei Ländern unternimmt, zu denen man aufgrund der eigenen unmittelbaren Erfahrung keinen Bezug hat, geht das leicht von der Hand und fühlt sich an wie eine seminaristische Übung. Nimmt man sich einem selbst bekannte Länder vor, bemerkt man, wie die eigene subjektive Erfahrung sich immer wieder meldet und beansprucht, sich da einmischen zu können und die eigenen, winzigen Partikel der eigenen Erfahrung zu Hauptkapiteln aufzubauschen. Und, geht es erst um das eigene Land, dann gibt es in dieser Hinsicht kein Halten mehr. Bei der Erklärung dessen, wie wir uns heute gebärden und präsentieren, fällt auf, dass Historikerinnen und Historiker aus der Ferne das besser hinbekommen als die eigenen. 

Über diese Betrachtung kam ich zu einem Phänomen im internationalen Vergleich, das offensichtlich ist, aber fast nie bei der Erklärung von Ländern und ihren Handlungsweisen eine große Rolle spielt. Es wäre allerdings eminent wichtig, diesen Blickwinkel zu erobern, ansonsten stochert man unwissend in erkaltender Asche herum. Es geht und die Frage von Statik und Mobilität. 

Meines Erachtens existieren statische wie mobile Gesellschaften, die sich in ihrer Mentalität gravierend voneinander unterscheiden. Die Tatsache, dass dem so ist, kann bei genauerem Hinsehen nicht geleugnet werden. Die Erklärung, wie es dazu kam, ist nicht eindeutig. Das Agrarische als Ursache für die Statik zu nehmen trifft genauso wenig wie das Händlerische für die Mobilität zu. Häufig ja, aber nicht immer. Entscheidend ist die Tatsache dass.

In der Vorstellungswelt statischer Gesellschaften findet Geschichte überall so statt wie in der eigenen, vice versa. Folglich ist die Kommunikation so kompliziert wie zwischen Deutschland und den USA. Es handelt sich bei beiden Ländern um Prototypen. Das Gen der deutschen Gesellschaft ist, historisch, die Sesshaftigkeit, das der nordamerikanischen die Mobilität. Dass letztere sich aus denen aus dem Reich der Sesshaften rekrutierte, gehört zu den Regiegeheimnissen des geschichtlichen Dramas. 

Die spannende Frage, wie es sich bemerkbar macht, ob es sich um eine statische oder mobile Gesellschaft handelt, lässt sich einerseits statistisch ermitteln, über die Häufigkeit der Umzüge, der aufgenommenen und beendeten Arbeitsverhältnisse, der Blüte und dem Niedergang der Binnenzentren, der Divergenz zwischen Geburts- und Sterbeort etc.. Da kommt einiges zu Tage und man sieht, womit man es zu tun hat.

Der eigentlich Clou besteht in der Mentalität, die ihrerseits für die Gestaltung verantwortlich ist. In der statischen Gesellschaft ist die Diskussion über etwas Neues immer beladen mit dem Ballast, ob das, was man vorhat, auch für die Ewigkeit Bestand hat. Und alles, was nicht zu dieser Kategorie der Diskussion gehört, wird eher vernachlässigt. In der mobilen Gesellschaft dagegen werden Provisorien von großer Qualität angestrebt während die finalen Fragen der eigenen Existenz eher ausgeblendet werden. In der statischen Gesellschaft herrscht das Paradigma der harten Grundsätzlichkeit, in der mobilen der entspannte Pragmatismus.

Gehen Sie in Deutschland, der statischen Gesellschaft, auf Reisen und Sie werden erleben, in welchen Zustand die Orte sind, wo sich Reisende aufhalten. Und machen Sie es dann ganz bewusst in den USA. Da treffen sich erste und dritte Welt, da ist die statische Gesellschaft die dritte, nicht aus materiellen, sondern aus ideellen Gründen. In der mobilen Gesellschaft ist das Reisen ein Dauerzustand, der gut gestaltet sein will und Annehmlichkeit verbreitet. In der statischen Gesellschaft ist Reisen ein notwendiges Übel, dass man schnell hinter sich bringen will. Und in der statischen Gesellschaft, da besingt man, ganz romantisch, die alte Heimat. Während es in der mobilen ganz geschäftsmäßig heißt: You can ´t go home again.

Die Perfidie des Selbstbetrugs

Es ist zu vermuten, dass das Phänomen allgemein bekannt ist. Man führt sein Leben, geht seiner Wege und denkt, so sei das im Allgemeinen. Der Schluss, dass die eigene Weise das sei, was als normal zu gelten habe, ist relativ logisch und nachvollziehbar. Nur trifft er, dass wissen wir auch alle, nur sehr selten zu. Zu spezifisch sind die jeweils eigenen Lebensumstände und zu divers sind die Individuen, die auf sie treffen. Es deutet sich bereits an, dass die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft nicht unbedingt als unkompliziert zu bezeichnen sind. Hätten wir alle diese Erkenntnis vor Augen, wenn wir miteinander verkehrten, dann wäre vieles leichter. Aber dem ist nicht so.

Ganz im Gegenteil. Denn wie oft widerfährt es uns, dass wir den eigenen Weg, der uns zum Ziel geführt hat, anderen nicht nur empfehlen, sondern ihnen regelrecht aufzwingen wollen. Das ist oft gut gemeint, aber verheerend. Denn denjenigen, denen man die eigene Erfahrung nimmt und in eine Lösung zwingt, verlieren ihre Autonomie. Was, so wird man sich fragen, resultiert denn daraus? Sollten alle immer wieder den sich wiederholenden Irrungen unterliegen und die gleichen Fehler machen? Das wäre doch fatal! 

Und es kommt oft noch schlimmer! Diejenigen, die es wagen, nicht auf unseren Rat zu hören, stehen nicht nur unter strenger Observanz. Nein, sie werden in der Regel für alles gerügt, was sie tun und ihnen unterläuft. Den Chor der Beleidigten Ratgeber kennen wir. „Hättet Ihr, wäret Ihr, müsstet Ihr nicht?!…“ Wir meinen, es besser zu wissen und mobilisieren unsere Gefühle gegen diejenigen, die das nicht einmal offen anzweifeln, aber es doch vorziehen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Was wir da an den Tag legen, wenn wir so handeln, ist so etwas wie der große Egoismus der eigenen Eitelkeit. Denn eigentlich ist es eine Bereicherung, wenn die Einsicht winkt, dass es außer meiner noch eine weitere Lösung gibt. Oder? 

Aber wir sind derweilen unbelehrbar und auf eine nahezu satanische Weise fehlgeleitet. wir mutieren nämlich zu regelrechten Inquisitoren, wenn sich jemand, der oder die angeht, Erfolg zu haben, aus eigenen Stücken das Husarenstück fertig bringt, genauso wie wir, mit den gleichen Mitteln, vorzugehen. Dann sind wir nicht nur gekränkt, sondern wir avancieren zu Bestien, die das nicht verzeihen. Und sollten dann noch Fehler auftauchen, die den unseren entsprechen, dann werden die Ungelehrigen zur Enthauptung freigegeben. Gnade ausgeschlossen.

Ja, manchmal treffen alte Weisen den Kern der Sache am besten. Wir sind alle keine Engel, heißt es in einer solchen. Für sich betrachtet eine mehr als triviale Aussage. Im Kontext der Beziehung von Individuum und Gemeinwesen jedoch eine fundamentale Erkenntnis, die allen Agierenden ständig bewusst sein sollte. Damit Kommunikation gelingt, bedarf es nicht nur einer gemeinsamen Intentionalität, einem gemeinsamen Willen, dass diese gelingt. Es bedarf auch der Einsicht in die Möglichkeit der Fehlbarkeit des eigenen Handelns. Sind diese beiden Voraussetzungen nicht erfüllt, dann wird es schwierig. Und manchmal sogar desaströs.

Anscheinend bewegen wir uns derzeit in Gefilden, in denen diese beiden Erkenntnisse keine Rolle spielen. Andere Kräfte als die menschliche Einsicht sind an der Macht. Es herrscht die Perfidie des Selbstbetrugs. In dieser Hinsicht ist es tiefe Nacht. Hoffen wir auf das Morgengrauen.