Archiv der Kategorie: food for thought

Keine Zukunft ohne Strategie

Es existieren Verhältnisse, die können nur im Dilemma enden. Da existiert eine Voraussetzung nicht für eine daraus folgende Notwendigkeit und das führt zu einem fürchterlichen Ergebnis. Das Schlimme daran ist, dass nicht unbedingt lokalisiert werden kann, worauf das schlechte Ergebnis zurückzuführen ist. In der Politik ist so etwas immer wieder zu erleben. Aufgrund mangelnder Voraussetzungen kann vieles, von dem die Mehrheit der Menschen ausgeht, dass es notwendig wäre, nicht erreicht werden, weil etwas fehlt, das niemand sieht. Das hört sich rätselhaft an, wird aber gleich deutlich. Die Erklärungen jedenfalls für das Ausbleiben des Erwünschten sind in der Regel genauso kläglich wie das Unterbleiben der notwendigen Analyse. Die Attribute für die nicht erbrachte Leistung sind bekannt: Entweder werden die Politiker als unterbelichtet dargestellt oder sie sind Marionetten anderer, unsichtbarer Mächte, auf deren Zettel sie stehen. Dass das manchmal zutrifft, macht es nicht zur allgemeinen Wahrheit. Manchmal ist es gar nicht so schwierig, etwas Vernünftiges zur Erklärung beizutragen.

Ein probates Beispiel für das zu beschreibende Dilemma ist folgendes: Man wird aufgefordert, sich auf eine Reise vorzubereiten und schon einmal zu packen. Was beim Lesen sofort auffällt, aber in der komplexen Politik selten Anlass gibt nachzudenken, ist das Fehlen einer Angabe. Es geht um das Reiseziel. Wenn nicht bekannt ist, wohin die Reise geht, dann ist zumindest bei der materiellen Vorbereitung des Unternehmens eines nicht zu klären. Man weiß nicht, was benötigt wird. Badekleidung oder Regenschutz, Pullover, Handschuhe und ein Mantel, oder Windschützendes? Es bleibt offen. Und wenn es offen bleibt, sind zwei Alternativen logische Folge. Entweder es wird das Falsche eingepackt oder es findet eine kaum transportfähige  Überladung des Mitzunehmenden statt. Jedenfalls ist das ganze Unternehmen ein Albtraum. Und  selbstverständlich ist im richtigen Leben kein Mensch so naiv, als dass er diese Frage nicht stellen würde. Ohne Angabe des Reiseziels würde sich niemand an die Vorbereitung machen.

Warum das auf dem komplexen Feld der Politik so ist, kann als ein psychologisches Mysterium erklärt, aber auch als eine sukzessiv eingeschlichene Nachlässigkeit angesehen werden, die ihrerseits immer dem Bestehenden nützt. Das Verschwinden politischer Programme aus dem Arsenal der Parteien hat dazu geführt, dass die Gesellschaft ohne Ziel dahindümpelt. Das Reiseziel der Politik nennt sich Strategie. Von dieser ist zwar häufig die Rede, aber beschrieben wird sie in der Regel nie oder nur unzureichend. Zumeist sind es leere Floskeln, die auf der Meta-Ebene verdursten. Nach verständlichen, deutlichen Worten, die nachvollziehbar beschreiben, um was es geht, sucht man lange.

Vieles von den Zuständen, die heute beklagt werden, resultiert aus dem Fehlen zumindest eines Diskurses um eine Strategie. Die veraltete und kaum noch nach alten Maßstäben reparierbare Infrastruktur, das Bildungswesen, das seinerseits in der Diskussion immer mehr auf ein Depot für Ausstattungsgegenstände reduziert wird, die in den Regionen teilweise desolaten IT-Netze, Ausrichtung und Zustand der Streitkräfte, ein wie ein Supermarkt geführtes Gesundheitswesen, die Subventionierung von Technologien, die ihre goldenen Zeiten weit hinter sich haben, die mangelnden Investitionen in Innovationen etc. etc.. Bei der Betrachtung aller genannten und beliebig  aufzählbaren Aspekte bleibt immer ein Erklärungsmuster für den zu kritisierenden Zustand bestehen: Es scheint so zu sein, dass das Unwissen um das Reiseziel die Vorbereitung darauf zu einem Desaster macht. Fazit: Wenn Politik über keine Strategie verfügt, dann ist die gesellschaftliche Vorbereitung auf die Zukunft nicht gegeben.

Eine Erklärung für das beschriebene Defizit existiert allerdings. Die die Köpfe seit Jahrzehnten beherrschende Lehre des Marktliberalismus geht einher mit dem Versprechen, dass der Markt alles von alleine regle. Wie, das zeigt sich in der gegenwärtigen Krise sehr deutlich. Die Zeiten dieser als psychedelisch zu bezeichnenden Illusion sind vorbei. Mit angetörnten Schwärmern sollte man sich nicht in schwere Gewässer begeben. Jetzt geht es um Ziele und Routen, die genau beschrieben sind. Es geht um Strategie. Um nichts mehr und nichts weniger. 

Normative Profile und humane Defizite

Seit langer Zeit hat sich im Denken derer, die Arbeitsbeziehungen gestalten, eine Denkweise etabliert, die auf einem rein technischen Sektor durchaus nachvollziehbar ist, im Umgang mit Menschen allerdings die vorhandenen Potenziale ignoriert. Durch diese Denkweise hat sich eine Atmosphäre breit gemacht, die sich vor allem durch negative Strahlung empfiehlt. Es dominiert das Gefühl, dass die in Arbeitsprozessen assoziierten Menschen nichts anderes zu machen haben als gegen eigene Defizite anzukämpfen. Dass das nicht die Grundlage produktiver Prozesse sein kann, die quasi aus einem emotionalen Flow entstehen, ist folgerichtig. Bleibt die Frage zu stellen, was eigentlich schief geht?

Vor allem, aber nicht nur junge Menschen, die sich auf den formalen Arbeitsmarkt begeben, um eine Arbeitsstelle zu finden, beklagen immer wieder und zu recht den Irrsinn der dort zu findenden Anforderungsprofile. Jung, flexibel, natürlich mit großer Erfahrung, Prädikatsabschluss, geübt auf internationalem Parkett, ungebunden, lernwillig und bereit, für geringes Entgelt einzusteigen. Allein diese Charakteristika, die sich nicht auf die Fachkompetenz beziehen, dokumentieren die ganze Weltverlorenheit derer, die ihr Leben in den Personalabteilungen bereits verwirkt haben und die garantiert ihrerseits nichts von dem mitbringen, was dort gefordert wird. 

In den weltfremden Labors der Verwaltung menschlicher Arbeitskraft werden, wenn denn jemand gesucht  wird, so genannte Anforderungsprofile erstellt, in denen neben den oben genannten Referenzen fachlich genau die Fähigkeiten und die Fertigkeiten aufgelistet werden, die vorher in einer Arbeitsplatzbeschreibung gelistet wurden. Dann wird in einem Auswahlprozess, wenn alles gut läuft, der Mensch genommen, der diesem normativen Profil am nächsten kommt. Meistens bleibt dennoch eine Differenz zwischen dem normativen Profil und dem realen Menschen. Dieses Defizit gilt es dann mit Maßnahmen der Personalentwicklung zu beheben. Folglich jagt de facto die gesamte Belegschaft einem Programm nach, das dazu bestimmt ist, die aus dem Denkschema entwickelten Defizite zu beheben. 

Was als logischer Prozess beginnt, endet emotional und spirituell in einem Dilemma. Denn es klingt zunächst einmal vernünftig, den Versuch zu unternehmen, die Schritte, die an einem bestimmten Prozess innerhalb der Organisation zu erwarten sind, zu beschreiben und die daraus resultierenden Anforderungen festzuhalten. Und es ist ebenso vernünftig, bei der Auswahl der Menschen, die dort aktiv werden sollen, darauf zu achten, ob sie in der Lage sein werden, diesen Anforderungen zu entsprechen. Und es ist und bleibt wahrscheinlich, dass die meisten Menschen, mit denen man zu tun hat, nicht exakt diesem Profil entsprechen werden. 

Was jedoch aus dieser teilweise vernünftigen Vorgehensweise resultiert, ist eine komplexe Buchführung über die Defizite von ganzen Belegschaften und die Vernachlässigung ihrer Potenziale. Das Drama besteht darin, dass dieses Missverhältnis überall anzutreffen ist. Und dass sich diejenigen, die diesen Prozess wiederum organisieren in der Fokussierung der humanen Defizite so festgefahren sind, dass es mit ihnen wohl nicht mehr gelingen wird, einen Kurswechsel zu vollziehen, der Einsatz wie Kombination festgestellter menschlicher Fähigkeiten zum Thema hat. Meistens ist es nicht einmal möglich, den Unterschied zwischen formalem Abschluss und tatsächlich zu erwartender praktischer Fähigkeit zu verdeutlichen. Die gesamte klassische Personalentwicklung steckt in einer technokratischen Sackgasse. Sie erscheint wie ein gigantischer Reparaturbetrieb defizitärer menschlicher Befähigung. Die angewendeten Instrumente dienen ausschließlich diesem Leitgedanken. Kompensation der tatsächlich existierenden Defizite zu einem normativen Profil.

Der Weg aus diesem Dilemma kann nur über einen exklusiven Paradigmenwechsel geschehen. Die präzise Erfassung und Kombination tatsächlich vorhandener Potenziale und die Erforschung der Entwicklungsmacht individueller und kollektiver Prozesse der Arbeit. Die mentalen wie rechtlichen Voraussetzungen sind bis heute nicht gegeben.

Statische und mobile Gesellschaften

Um Gesellschaften vergleichen zu können, ist es immer ratsam, so etwas wie sein soziales, wirtschaftliches und kulturelles Profil zu erstellen. Diese Daten sind wiederum nicht zu verstehen, wenn kein historischer Bezug zu dem hergestellt wird, wie sich das Land gegenwärtig präsentiert. Alles, Kultur wie Wirtschaft, Politik wie Vorstellungswelt resultiert aus dem geschichtlichen Lauf, den ein Land genommen hat. Solange man eine solche Übung bei Ländern unternimmt, zu denen man aufgrund der eigenen unmittelbaren Erfahrung keinen Bezug hat, geht das leicht von der Hand und fühlt sich an wie eine seminaristische Übung. Nimmt man sich einem selbst bekannte Länder vor, bemerkt man, wie die eigene subjektive Erfahrung sich immer wieder meldet und beansprucht, sich da einmischen zu können und die eigenen, winzigen Partikel der eigenen Erfahrung zu Hauptkapiteln aufzubauschen. Und, geht es erst um das eigene Land, dann gibt es in dieser Hinsicht kein Halten mehr. Bei der Erklärung dessen, wie wir uns heute gebärden und präsentieren, fällt auf, dass Historikerinnen und Historiker aus der Ferne das besser hinbekommen als die eigenen. 

Über diese Betrachtung kam ich zu einem Phänomen im internationalen Vergleich, das offensichtlich ist, aber fast nie bei der Erklärung von Ländern und ihren Handlungsweisen eine große Rolle spielt. Es wäre allerdings eminent wichtig, diesen Blickwinkel zu erobern, ansonsten stochert man unwissend in erkaltender Asche herum. Es geht und die Frage von Statik und Mobilität. 

Meines Erachtens existieren statische wie mobile Gesellschaften, die sich in ihrer Mentalität gravierend voneinander unterscheiden. Die Tatsache, dass dem so ist, kann bei genauerem Hinsehen nicht geleugnet werden. Die Erklärung, wie es dazu kam, ist nicht eindeutig. Das Agrarische als Ursache für die Statik zu nehmen trifft genauso wenig wie das Händlerische für die Mobilität zu. Häufig ja, aber nicht immer. Entscheidend ist die Tatsache dass.

In der Vorstellungswelt statischer Gesellschaften findet Geschichte überall so statt wie in der eigenen, vice versa. Folglich ist die Kommunikation so kompliziert wie zwischen Deutschland und den USA. Es handelt sich bei beiden Ländern um Prototypen. Das Gen der deutschen Gesellschaft ist, historisch, die Sesshaftigkeit, das der nordamerikanischen die Mobilität. Dass letztere sich aus denen aus dem Reich der Sesshaften rekrutierte, gehört zu den Regiegeheimnissen des geschichtlichen Dramas. 

Die spannende Frage, wie es sich bemerkbar macht, ob es sich um eine statische oder mobile Gesellschaft handelt, lässt sich einerseits statistisch ermitteln, über die Häufigkeit der Umzüge, der aufgenommenen und beendeten Arbeitsverhältnisse, der Blüte und dem Niedergang der Binnenzentren, der Divergenz zwischen Geburts- und Sterbeort etc.. Da kommt einiges zu Tage und man sieht, womit man es zu tun hat.

Der eigentlich Clou besteht in der Mentalität, die ihrerseits für die Gestaltung verantwortlich ist. In der statischen Gesellschaft ist die Diskussion über etwas Neues immer beladen mit dem Ballast, ob das, was man vorhat, auch für die Ewigkeit Bestand hat. Und alles, was nicht zu dieser Kategorie der Diskussion gehört, wird eher vernachlässigt. In der mobilen Gesellschaft dagegen werden Provisorien von großer Qualität angestrebt während die finalen Fragen der eigenen Existenz eher ausgeblendet werden. In der statischen Gesellschaft herrscht das Paradigma der harten Grundsätzlichkeit, in der mobilen der entspannte Pragmatismus.

Gehen Sie in Deutschland, der statischen Gesellschaft, auf Reisen und Sie werden erleben, in welchen Zustand die Orte sind, wo sich Reisende aufhalten. Und machen Sie es dann ganz bewusst in den USA. Da treffen sich erste und dritte Welt, da ist die statische Gesellschaft die dritte, nicht aus materiellen, sondern aus ideellen Gründen. In der mobilen Gesellschaft ist das Reisen ein Dauerzustand, der gut gestaltet sein will und Annehmlichkeit verbreitet. In der statischen Gesellschaft ist Reisen ein notwendiges Übel, dass man schnell hinter sich bringen will. Und in der statischen Gesellschaft, da besingt man, ganz romantisch, die alte Heimat. Während es in der mobilen ganz geschäftsmäßig heißt: You can ´t go home again.