Archiv der Kategorie: food for thought

Krise II: Solidarität statt Voyeurismus

Es sind ungewöhnliche Einblick in unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich in diesen Tagen bieten. Die Reduktion des allgemeinen Verkehrs auf das Wesentliche, um Leben zu erhalten, nährt plötzlich die Erkenntnis, dass die Arbeit nicht unbedingt die zentrale Sphäre dessen ist, was uns existieren lässt. Es erklärt sich von selbst, dass die Produktion bestimmter Güter notwendig ist, um uns existieren zu lassen. Nun wird jedoch klar, dass die Grundbedürfnisse zählen und die künstlich erzeugten, die normalerweise als lebensnotwendig erscheinenden Gelüste in den Hintergrund treten. Vieles, so könnte die zynische Schlussfolgerung lauten, was wir als lebensnotwendig erachten, ist virtuell. Uns wird immer wieder suggeriert, und an diesem Prozess nehmen wir allzu gerne teil, dass wir das alles brauchen, was uns der immer vom Wachstum abhängige Markt so offeriert. Und jetzt stehen wir da und merken, so ist es nicht. 

Es hat sich schnell herumgesprochen, ohne dass eine amtliche Anordnung erforderlich gewesen wäre, dass es zwei Dinge sind, die unser Wesen bestimmen. Dies ist die Reproduktion und die soziale Interaktion. Ohne Nahrung und Kleidung wird es uns nicht lange geben. Ebenso ist es mit dem sozialen Kontakt. Wird der auf ein Minimum reduziert, dann bäumt sich die Gattung Mensch verzweifelt dagegen auf. Die Krise berührt beides. Und solange die basalen Bedürfnisse befriedigt werden können, ist mit Ruhe zu rechnen. Heikel wird es mit der Notwendigkeit des sozialen Austauschs. Wird der weiter herunter gefahren und sogar untersagt, dann wird das für eine gewisse Zeit, aber nicht lange, halten. Und allen, die jetzt an die Vernunft appellieren, sei gesagt, es hat mit Vernunft nichts zu tun. Menschen müssen kommunizieren und sie wollen kooperieren. Wenn sie das nicht mehr dürfen, dann gehen sie ein. Die Fähigkeit, sich mit sich selbst für eine gewisse Zeit zu arrangieren, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manche begrüßen die nun mögliche Eremitage, andere sind bereits nach wenigen Tagen mit den Nerven am Ende.

Trotz aller Kulturkritik und trotz vieler, ja so gerne publizierter Erscheinungen, die zu einer heftigen Dystopie einladen, der Blick auf das Geschen der letzten Tage im ganz profanen Kontext erlaubt es, der Hoffnung wieder einen größeren Stellenwert zu geben. Direkt vor der eigenen Haustür findet ein Leben statt, das ganz unaufgeregt der eigenen Bestimmung folgt. Da werden aus den täglichen, zumeist unter großem Zeitdruck abgearbeiteten Routinen kleine Feste der sozialen Interaktion. Da ist die Zeit und der Wille vorhanden, nicht nur seiner eigenen Agenda zu folgen, sondern da wird aufgepasst, was die anderen um einen herum so treiben. Nicht im voyeuristischen, sondern im solidarischen Sinn. Plötzlich ist überall der Wille zu verspüren, denen zu helfen, die der Hilfe bedürfen. 

Und es geht auch ohne institutionelle Organisation. Spontan, auf den Wiesen am Fluss, tauchen Akrobaten auf, die ihre Kunststückchen aufführen und dabei aus der Ferne geherzt werden, oder da sind die Musiker, die schon immer da waren und für Geld gespielt haben, die sich für ihre Beiträge zu einem Imbiss einladen lassen. Es ist keine Glorifizierung von Mangelwirtschaft, zu der eingeladen wird, sondern es ist ein Verweis auf Möglichkeiten, die in der sozialen Anlage immer noch bestehen, trotz eines immer wieder medial gepushten Krieges auf die sozialen Sinne, die in der Gattung schlummern. Und die Typen, die ansonsten die öffentliche Aufmerksamkeit geniessen, weil sie den Hals nicht vollkriegen, die wären, in der momentanen Situation des Ausnahmezustands, sehr schnell am Pranger. Dort, wo das Leben noch stattfindet, im Laden, auf der Straße, im Park. Und wir stellen fest, es geht auch ohne sie, und niemand scheint sie zu vermissen. Schleicht euch!

Von Tempo und Dichte, Hysterie und Ruhe

Gerade las ich einen Kommentar, in dem das Gefühl beschrieben wurde, dass alle möglichen Meinungsbekundungen und Posts, die zu den konjunkturell angesagten Themen im Sekundentakt abgesetzt würden, den Eindruck vermittelten, als seien sie bereits im Voraus geschrieben. Und, ehrlich gesagt, vieles von dem, was momentan über Corona, Syrien oder die Baisse an den Börsen zur Verlautbarung kommt, hat, im Gegensatz zu den Konjunkturthemen selbst, einen gewissen Bestand. Man könnte also bestimmte Analysen, Perspektiven, Kritiken oder Meinungen durchaus proaktiv formulieren, ohne dass man zeitlich in Bedrängnis käme. Ein eigenartiges Phänomen, in einer Zeit gefühlter Beschleunigung soll es eine neue Art des journalistischen Evergreens geben? Die Antwortet lautet: Ja! 

Die Begründung für die sicherlich nicht erwartete These fällt allerdings schlicht aus. Die Dauer der Gültigkeit von Positionierungen gegenüber einer Herausforderung oder einem Problem liegt nicht an der Güte des Textes selbst, sondern an der Beständigkeit der Probleme. Anders ausgedrückt, gefühlt tauchen immer neue Probleme in immer kürzeren Zeitabständen auf, aber befriedigend gelöst wird nichts. Also kann gefolgert werden, dass die Niederschrift von Standpunkten zu Fällen, die im Raum stehen, durchaus in aller Ruhe gefertigt werden können.

Dahinter verbirgt sich jedoch etwas anderes. Die Hysterie, die viele Fragen der Zeit begleitet, rekrutiert sich auch aus einer Fehlwahrnehmung. Das Gefühl, in Zeiten immenser, nicht mehr zu kontrollierender Beschleunigung unterwegs zu sein, entspricht nicht der ganzen Wahrheit. Worum es in vielerlei Hinsicht geht, ist eine Intensivierung der Gleichzeitigkeit. Durch schnelle Nachrichtenübermittlung, durch Eigendynamik des Nachrichtenmarktes, der immer schneller neue Themen meint generieren zu müssen, werden Themen, die bereits existieren, als brandneues Ereignis zu den Tagesschlagzeilen hinzugefügt. Die Dichte der bereits seit langem herrschenden Herausforderungen wird größer, gefühlt wird das als Akzeleration.

Das Fatale an dieser Entwicklung ist die Befindlichkeit. Wer sich in einem immer schnelleren Bewegungsmodus zu befinden wähnt, dem geht gehörig die Ruhe abhanden. Ruhe ist jedoch die Vorbedingung, um sich mit komplizierten und komplexen Herausforderungen auseinandersetzen zu können. Das gefühlte Tempo, mit dem wir uns an die Fragen unserer gesellschaftlichen Existenz machen, befreit zwar nicht von der Bürde, sich mit Widrigkeiten, bösen Absichten und der Schlechtigkeit der Welt auseinandersetzen zu müssen. Was eine bestimmte Ruhe des eigenen Standpunktes jedoch vermittelt, ist kühleren Kopfes zu agieren als bei gefühltem Höllentempo. 

Es sei die Behauptung erlaubt, und insofern schließe ich mich dem anfangs erwähnten Kommentar an, dass viele der Phänomene, an denen wir uns zu Recht reiben, durchaus eine längere Halbwertzeit haben, als gefühlt. Die Hysterie, die vielen Debatten innewohnt, kommt aus der immer gerne erzeugten, aber letzten Endes subjektiven Wahrnehmung, alles ginge immer schneller und nichts werde gelöst, wenn nicht jetzt und sofort. Mir scheint es ein guter Rat zu sein, trotz aller Dringlichkeit bei vielen Fragen, sich selbst zu gegenwärtigen, dass nicht das Tempo größer geworden, sondern die Dichte gestiegen ist. Der große Trumpf, um in diesen Zeiten nicht nur überleben zu können, sondern auch noch die Chance zu haben, zu gestalten, liegt an der Verbreitung von Ruhe. 

Über die allmähliche Zerstörung des Verstandes beim Senden

Es existiert ein kleiner Aufsatz von Heinrich von Kleist mit dem Titel „Über die allmähliche Entstehung der Gedanken beim Reden“. Es handelt sich dabei um eines jener Fundstücke, die große Beachtung verdienen, jedoch zumeist im Abseits der großen Abhandlungen in der Versenkung bleiben. Zu entdecken ist ein Exzerpt, in der typischen Weise, in der dieser junge preußische Offizier und Schriftsteller schrieb, das sich mit den Möglichkeiten des Diskurses auseinandersetzt. Er beschreibt die Entstehung der Idee, die, wenn sie formuliert wird, der Gegenfrage standhalten muss. Er benennt die Phasen von Benennung, Beschreibung und Sinnstiftung und schafft so die Folie für das, was man einen kollektiven Erkenntnisprozess nennen kann. Aus meiner Sicht wird da, ganz unbemerkt, erkenntnistheoretisch, die große Brücke zwischen der Antike und der Aufklärung geschlagen. Heinrich von Kleist, der solche Einblicke hatte und sie in der Lage war zu Papier zu bringen, nahm sich jung das Leben. Er war gepeinigt von der Verzweiflung, die bei der Betrachtung der Kluft zwischen Realität und Möglichkeit entstand.

Hier soll nicht die Frage aufgeworfen werden, wie verzweifelt der Klassiker der deutschen Literatur geworden wäre, wenn er sich die Beschaffenheit des gesellschaftlichen Diskurses hätte mit anhören müssen, wie er heute zu erleben ist. Es wäre das Abdriften zum Kalauer. Was jedoch erlaubt sein sollte, ist die Übernahme des Maßstabes des von Kleist geschilderten Erkenntnisprozesses bei der Begutachtung dessen, was wir medial und gesellschaftlich vorfinden. Dabei sei ausdrücklich erwähnt, dass das Mediale nicht als Manko per se, sondern als Beschreibung schlechthin gelten sollte, da medienfreie Kommunikation nur noch in den Randzonen der Gesellschaft stattfindet.

Das große Muster, das Paradigma des gesellschaftlichen Diskurses, findet in der Politik und ihren Debatten und in den TV-Shows statt, die als eine Art Pädagogik der Vermittlung politischen Willens zu verstehen sind. Ihre Bezeichnung mit dem unscharfen, verkauderwelschten Namen Polit-Talkshow bezeichnet bereits die Eintrittskarte in eine Geisterbahnfahrt, bei der alles eine Rolle spielt, nur nicht die allmähliche Entstehung der Gedanken beim Reden.

Was sich abspielt, ist, im Gegensatz zu der Beschreibung in dem Gedankengang Kleists, nicht die Benennung einer Idee, ihre Beschreibung, ihre Präzisierung und die letztendliche Akzeptanz, sondern ein Prozess, der eine ganz andere Bewegungsrichtung hat. Sobald eine Idee formuliert wird, entsteht der Eindruck, dass kein kollektiver Wille existiert, diese im positiven Sinne weiterzutreiben, sondern mit ihrem Auftreten wird versucht, die Idee oder den Sprecher/die Sprecherin zu diskreditieren, den pureren Einfall zu skandalisieren und den Ansatz in der Sekunde seiner Geburt zu erdrosseln. 

Sollte die Idee dennoch eine größere Attraktion entwickeln, dann wird seitens der Gegenparts sehr schnell das Thema gewechselt und eine neue Partie eröffnet, bevor auch nur der Ansatz einer Erkenntnis auf dem anderen Feld möglich wurde. Wir alle haben diese Debatten vor Augen, und wir alle sind Zeugen dessen, was als ein kommunikativer Zerstörungsprozess bezeichnet werden könnte, der eine Befindlichkeit hinterlässt, die in gutem Sinne als Ratlosigkeit und in schärferem Sinne als Verzweiflung am eigenen Verstand bezeichnet werden muss. Aus einem frühen, an der Aufklärung orientierten Prozess der allmählichen Entstehung der Gedanken beim Reden ist so etwas geworden, das bezeichnet werden kann als die allmähliche Zerstörung des Verstandes beim Senden. Alles zurückzuführen auf die Beschaffenheit medialer Kommunikation greift sicherlich zu kurz. Die Bedingung, die gegeben sein muss, ist auch ein gemeinsamer Wille, dass die Kommunikation zu etwas führt. Das interessiert die Zerstörungsagenda nicht. Oder, wie es in der aktuellen Diskussion der Kommunikationsforschung heißt, wenn keine gemeinsame Intentionalität als Grundlage des Diskurses vorliegt, darf sich niemand wundern, wenn am Ende nur noch der gefühlte Irrsinn existiert.