Archiv der Kategorie: food for thought

Rauchende Colts

Jetzt sind alle entsetzt, nervös und verängstigt. Bis auf den Neunmalschlauen, der mit der Miene eines Klassenstrebers durch die Reihen eilt und allen beschwichtigend zuflüstert, der Führer wisse genau, was er wolle und am Ende werde alles gut. Wer gemeint ist? Die hiesigen Politiker, die immer von einem Bündnis sprachen, das nie eines war, sondern eine vom Imperium erzeugte Fata Morgana. Und die Spitzenbeamtinnen der EU-Kommission, die das Ende ihrer Bedeutung wittern. Und ein Kanzler, der bei aller zur Schau gestellten Arroganz und Impertinenz alles mitbringt, was den Charakter der Hauptfigur aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ ausmacht. Und natürlich Donald Trump. Ein wahrer imperialer Führer, der sich auf die Entstehungsgeschichte der Vereinigten Staaten zurückbesonnen hat und in der Manier rauchender Colts sich die westliche Hemisphäre untertan zu machen sucht.

Der Plan ist klar. Die Karibik und Südamerika sind der Hinterhof der USA, im Norden gehören Kanada und Grönland dazu. Und auch das wird in kurzer Zeit angestrebt. First we take Greenland, than we take Canada. Soweit das Vorhaben. Ohne die nicht zu unterschätzenden Rollen Chinas, Russlands, des Iran, Brasiliens und Indiens zu beleuchten, wird es interessant sein, wie zäh sich die ersten Bissen bereits erweisen. Auf dem amerikanischen Kontinent sprechen nicht wenige von Venezuela als einem neuen Vietnam. Das wird interessant zu beobachten sein, obwohl nicht vergessen werden darf, dass das alles gesäumt sein wird von Leichen und Ruinen.

Hier, in Good Old Europe, sind wir Zeugen einer gewaltigen Traumatisieriung des politischen Personals, das zu großen Teilen bis jetzt nicht wahrhaben will, dass das sie beherrschende Imperium nichts mehr am Hut hat mit einer wie auch immer gearteten Allianz in Sachen Demokratie. Es geht um Ressourcen, um Wasserstraßen, und strategische Militärbasen. Alles andere hat keine Bedeutung mehr. Der Slogan von einer Wertegemeinschaft klang nie deplatzierter als in diesen Tagen. Und die Spekulation ist nicht von der Hand zu weisen, dass die jetzt Traumatisierten sich werden davon nicht erholen und zu einer vernünftigen, von Interessen geleiteten Politik werden gelangen können. 

Der britische Imperialismus ist bis auf seine aggressiven Gesten seit langem tot. Alles, was jetzt in der anglophonen Welt zählt, ist das amerikanische Imperium. Es wäre und ist die Stunde, in der sich Europa nicht mehr als ein imperiales Bündnis unter amerikanischer Führung begreifen kann. Europa muss nun kontinental denken! 120 Millionen Europäer sprechen Russisch, 100 Millionen Deutsch, 80 Millionen Französisch, 70 Millionen Englisch und Türkisch und 69 Millionen Italienisch. Allein bei der Betrachtung dieser Zahlen wird deutlich, wie die Macht auf diesem Kontinent mit der Dominanz des Englischen verteilt ist und wie eine Politik auszusehen hätte, wenn sich der europäische Kontinent als globales Subjekt begreifen würde. 

Die Herausforderung ist groß. Ein kontinental denkendes Europa, das sich auf gemeinsame Interessen einigen muss und das gemeinsame Interesse über die jeweilige nationale Befindlichkeit stellt, braucht neues Personal und eine neue Organisationsform. Das wäre die Strategie, die etwas mitbrächte von Selbsterhaltung und Selbstachtung. Das ist kein leichtes Unterfangen. Zumal bei rauchenden Colts. Aber Komfortzone hatten wir genug. Und gebracht hat es nichts. Wie heißt es so treffend? Wer nicht kämpft, hat schon verloren!

Rauchende Colts

Das Recht als Auslegware

Während in Venezuela noch längst nicht die Messe gelesen ist, weil es heftigen Widerstand gegen das Ansinnen der US-Administration gibt, das Land von Washington aus zu regieren und amerikanische Ölfirmen wieder zu etablieren, und von schweren Kämpfen in der letzten Nacht beichtet wird, ist eine Lese der hiesigen Kommentare aus der Bundespolitik und einiger EU-Länder sehr erhellend. Nicht hoffnungsvoll, aber aufschlussreich. Während der Okkupator des Kanzleramtes und seine Entourage davon reden, der Beschuss von venezolanischen Schiffen in internationalen Gewässern, der militärische Angriff auf die Hauptstadt Caracas und die Entführung und Verschleppung Maduros sei in ihrer Bewertung komplex, erzählt eines der AFD-Sprachrohre, bei dem Völkerrecht handele es sich lediglich um ein Narrativ. Dagegen sprechen SPD-Vertreter von einem klaren Bruch des Völkerrechts und die dänische Ministerpräsidentin beteuert, dass die angekündigte Okkupation Grönlands, das Dänemark für sich beansprucht, sei das Ende der NATO. Bei einem derartigen Sammelsurium an subjektiver politischer Interpretation kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, als handele es sich bei dem zitierten Recht um Auslegware, die kurz vor Geschäftsaufgabe noch verramscht wird. 

Spiegelt die Reaktion des Kanzlers den verzweifelten Versuch, irgendwie im Windschatten der USA zu bleiben, dokumentiert die Position der SPD das Ausblenden vorheriger Völkerrechtsverletzungen durch das viel beschworene Bündnis und seiner Mitglieder und verniedlicht den nicht minder brutalen Imperialismus der amerikanischen Demokraten. Die AFD, so sehr gepampert vom Trumpismus, versucht zu lavieren und desavouiert sich damit in vollem Licht als ebenso imperialistisch programmiert. Und die dänische Ministerpräsidentin wacht erst dann auf, wenn es um die eigenen Belange geht. Die NATO ist seit der Sprengung der deutschen Ostseepipelines mausetot. Das berechtigte Misstrauen gegeneinander steht in keiner Zeitung, aber alle, die sich auf der Bühne befinden, wissen das. 

Wenn das Recht zur Auslegware wird, hat das politische System, das auf ihm beruht, bereits Insolvenz angemeldet. Das ist die bittere Wahrheit, die die angeführten Aussagen dokumentieren. Wenn kein Konsens über die Rechtsgrundlagen der eigenen Gesellschaften wie die der internationalen Kooperation mehr vorherrscht, regiert einzig und allein das Recht des Stärkeren. Und das Gift, das den Vorstellungen des internationalen Rechts über Jahre hinweg verabreicht wurde, trägt den Namen Doppelmoral. Nicht, dass diese Medikation ausschließlich aus westlichen, d.h. amerikanischen und europäischen Küchen kam, aber von dort aus wurde ein weltweiter Handel mit dem Halluzinogen betrieben. Umso ironischer ist die Begründung der USA, mit den Attacken und dem Überfall auf Venezuela etwas gegen den Drogenhandel tun zu wollen. Besonders die in Kalifornien und vor allem in Florida ansässigen Exil-Latinos, die zu einem Stronghold des Trump-Lagers gehören, haben ihren Reichtum und ihren Einfluss mit schneeweißem Cargo gewonnen.

Zu begrüßen sind die Stimmen, die dazu auffordern, nach neuen Bündnissen zu suchen, deren Grundlage ein Konsens über das Völkerrecht ist. Das birgt eine Perspektive, setzt allerdings voraus, dass man sich der immer größeren Unsinn fabulierenden Schamanen schleunigst entledigt. Das Recht ist unteilbar. Wer das in Zweifel zieht, ist für die Zukunft unbrauchbar.   

Das Recht als Auslegware

Es bleibt das gelle Lachen!

Man kann es auch humoristisch sehen. Wie das kürzlich ein amerikanischer Comedian tat. Er rief in Erinnerung, wie Hitler die ganze Welt in einen Krieg gestürzt hat, welche Verwüstungen die Folge waren und wie brachial und martialisch es zuging. Und dann, im Führerbunker, nur 36 Stunden, nachdem er geheiratet hatte, jagte er sich eine Kugel in den Kopf. Und er schloss: So hart kann die Ehe sein!

Einmal abgesehen von den historischen Unschärfen. Wenn man bereit ist, Schlüsse zu ziehen, die formal durchaus zulässig sind, aber mit der tatsächlichen Kausalität nichts zu tun haben, dann wird es schnell komisch und selbst die schlimmsten Ereignisse wirken lächerlich. Dass das Lachen eine der probatesten Methoden ist, um sich des täglichen Elends zu entledigen, ist eine Binse. Und dass das Lachen zu den Geschossen gehört, die in der Lage sind, ganze Herrschaftsgebäude in ihrer Existenz zu bedrohen, ist ebenfalls belegbar.

Eine sehr gute Referenz für diese These ist der Dialog in der Bibliothek der Abtei in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. Dort trifft der erzählende Mönch auf den blinden Dogmatiker Jorge von Burgos, der bei dem Versuch, das Buch über die Poetik des Aristoteles zu verbergen, weil dort das Lachen als eine subversive Tugend gepriesen wird, eine Öllampe umwirft, die einen die ganze Abtei vernichtenden Brand verursacht. In dem Dialog wird die Furcht des Dogmas vor der zersetzenden Kraft des Lachens deutlich. Und die Metapher ist nicht zu gewagt, dass die Vertreter des herrschenden Dogmas den Untergang in Kauf nehmen, bevor sie die Befreiung durch das Lachen akzeptieren.

Angesichts einer Zeit, in der die bellizistischen Dogmatiker sich in die höchsten Ämter eines deteriorierenden Staates geschlichen haben und dabei sind, eine totalitäre Herrschaft auch nach innen zu errichteten, sind viele Mittel erlaubt, um Frieden wie Freiheit eine Chance einzuräumen. Mit dieser Gesellschaft ist beides unmöglich geworden. Weit verbreitet ist die sachliche Kritik, gegen die diese Kohorte imprägniert ist. Eine zweite Variante ist die tatsächlich existierende Realität. Aber auch sie ist nicht in der Lage, sie von ihrem destruktiven Feldzug abzuhalten. 

Also empfiehlt es sich, das aristotelische Prinzip des subversiven Lachens wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Damit sind nicht die mit allen möglichen Preisen von den Priestern des Dogmatismus dekorierten Hofnarren gemeint, deren Aufgabe darin besteht, schreiend alle zu verleumden, die sich noch trauen, die dekadenten Volten der Macht anzuklagen. 

Vorlagen gibt es genug, wenn der Lügenbaron in der Wolfsschanze vor dem Spiegel das Aufheulen vor einfältigem Publikum übt oder in Brüssel die Megären des Krieges sich überlegen, wie sie den alten weißen Männern, die noch an die Resträson appellieren, die finale Medikation manipulieren. Es existieren genügend Expertinnen und Experten, die bei dem Unterfangen, die anti-demokratische, totalitäre, faschistoide Clique von Kriegstreibern vor das Lach-Tribunal zu treiben, behilflich sein können. 

Diejenigen, die nur die Währung des Totalitarismus kennen, können auf die Münze der Ironie nichts herausgeben! Wenn uns eines bleibt, dann ist es das gelle Lachen. 

Halten wir es mit Heinrich Heine:

Ich lache ob den abgeschmackten Laffen,
Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern;
Ich lache ob den Füchsen, die so nüchtern
Und hämisch mich beschnüffeln und begaffen.

Ich lache ob den hochgelahrten Affen,

Die sich aufblähn zu stolzen Geistesrichtern;
Ich lache ob den feigen Bösewichtern,
Die mich umdrohn mit giftgetränkten Waffen.
Denn wenn des Glückes hübsche sieben Sachen

Uns von des Schicksals Händen sind zerbrochen,

Und so zu unsern Füßen hingeschmissen;
Und wenn das Herz im Leibe ist zerrissen,
Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen, –
Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen.

Es bleibt das gelle Lachen