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Donald Trump ist ein Sandmännchen

Eines der wenigen Linderungsmittel, welches man sich gegenwärtig verschaffen kann, ohne sich des toxischen Rausches zu ergeben, ist die Position der eiskalten Begutachtung. Bitte nicht mitfühlen oder leiden, nicht zornig sein und keine Ressentiments pflegen! Diejenigen, die sich diesen Disziplinen hingeben, sind Legion. Und bewirkt haben sie bis heute nichts. Es ist, um einen alten Freund zu zitieren, so, wie es ist. Genau. Und, um einen anderen aus dem Kreis anzuführen, der nicht weniger lebenserfahren ist: Es wird nicht besser, es wird allenfalls anders. Aber, das gestehe ich ein, beides klingt nicht gerade optimistisch. Stimmt, denn optimistisch ist nur weniges. 

Daher bleibe ich bei der Empfehlung, mittels der kalten Beobachtung sich ein Bild zu verschaffen. Und da sticht förmlich ins Auge, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft mit den Teilen, die glauben, sich an einem öffentlichen Diskurs zu beteiligen, dabei sind, sich selbst mit einer Anleihe aus den Kindertagen zu besänftigen. Der Fokus steht, nahezu ohne Einschränkung, auf den derzeitigen amerikanischen Präsidenten gerichtet. Man könnte zu Erklärungen greifen, die das alles mit der Sozialisation durch die bei den amerikanischen Demokraten versammelten Neocons und Bellizisten zu erklären, was nicht ganz falsch ist, aber vieles erklärt. Und ich will hier nicht die zahlreichen Debakel anführen, die diese Allianz hervorbrachte, von Afghanistan bis Syrien und der Ukraine, weil die Bereitschaft zu einer kritischen Reflexion eigener Missgeschicke von historischem Ausmaß nicht vorhanden ist. Von seiner Funktionsweise jedoch ist die exklusive Befassung mit Donald Trump sehr sinnvoll. Er lenkt von allem ab, was das eigene Pflichtenheft ausmacht und es vermittelt dennoch das Gefühl, jetzt mal so richtig Stellung bezogen zu haben und auf jeden Fall auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Präsident Donald Trump ist das Sandmännchen, mit dem die monopolisierte Meinungsindustrie die infantile Mischpoke im Zaum hält.

Und wäre letztere nicht so selbstgefällig, bräsig wie mutlos, dann käme sie vielleicht auf die Idee, die selbst verschuldete Unmündigkeit, die in allen Bereichen nun zu Buche schlägt, einmal zu hinterfragen und sich Gedanken darüber zu machen, was hier, in diesem Land, geschehen muss, um aus dem Status der Dauerkrise und der institutionellen Zerbröselung herauszukommen. 

Die politische Klasse hat keinen Begriff mehr von ihrem ureigenen Auftrag, die Sozialsysteme stammen aus der monarchistischen Klassengesellschaft, das Beamtenrecht ist aus Kaisers Zeiten, der Neoliberalismus hat die Infrastruktur gerissen, das Bildungssystem, einst ein globales Referenzsystem, zeitigt nur noch mediokre Ergebnisse, das Gesundheitssystem schlittert in die systemische Unterversorgung, ein Kanzler mit der politischen DNA der 1960iger Jahre kräht bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit seine soziale wie militaristische Ideologie heraus und in den Bündnissen, in denen man sich befindet, treiben sich Subjekte herum, die dem eigenen Land nichts Gutes wollen. 

Die Liste ist lang. Zu lang. Aber es hilft nichts. Es wird keine politischen Mehrheiten mehr geben, wenn sich nicht ein Konsens darüber herausbildet, dass genau die erwähnten Missstände beseitigt und Aufgaben gelöst werden müssen. Hier, im eigenen Haus. Um es deutlich zu sagen: ein abgefuckter Staat, in dem die Oligarchen die politischen Richtlinien bestimmen und über Propagandamaschinen verfügen, die ihren Lakaien suggerieren, sie machten einen guten Job, ist das allerletzte, mit dem Schlimmeres verhindert werden kann. Es nützt nichts, wenn man um des lieben Friedens Willen törichte Illusionen pflegt. Und denken Sie daran: Donald Trump ist ein Sandmännchen.      

Donald Trump ist ein Sandmännchen

Propheten unter falscher Sonne

Ein alter Spruch aus den Aufbruchzeiten des patriarchalischen Kapitalismus gelangt in diesen Tagen zu einer ungeahnten Aktualität: „Am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat!“ Es bezieht sich nicht auf zuzuteilende Geldbeträge, sondern auf das Vermögen aller, die sich professionell auf dem Feld der Politik bewegen. Wenn man sich anhört, was angesichts der veränderten amerikanischen Politik aus der politischen Entität an Unsinn gestammelt wird, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass hinsichtlich der Befähigung, politisches Handeln zu verstehen und seine eigenen Verhaltensweisen den Gegebenheiten anzupassen, gewaltig gebummelt wurde. Bei der Einschätzung der eigenen Lage liegen heute manche Reichsbürger näher an der Realität als die inflationär zur Schau gestellten selbst ernannten Experten, Beobachter und Mandatsträger. Wenn Hinterbänkler glauben, Drohsalven gegenüber den Repräsentanten tatsächlich globaler Mächte machen zu können, dann ist etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen.

Aber es ist chic. Sich lustig zu machen über Trump, Tiraden gegen Putin oder Xi Jingping loszulassen, aber nicht im eigenen Land gegen eine mehr als dürftige Politik aufzustehen und endlich dem Treiben von Dilettanten ein Ende zu bereiten, kostet nichts, man riskiert nichts, kommt sich im Heer der Kleinmütigen richtig groß vor und steht vermeintlich auf der richtigen Seite. Es ist, nennen wir es beim Namen, eine mehr als blamable Performance. Und es nicht schwer, sich vorzustellen, wie ein Trump oder Putin auf diese Art der Meinungsäußerung reagieren werden. Wer droht, muss handeln können. Wer aber sogar Angst davor hat, die selbst bescheidenen Mittel einzusetzen, hat bereits verloren. Aber, wir sehen es täglich, man vermeint, auf der richtigen Seite zu stehen. Nur nimmt es außer dem eigenen kleinmütigen Bewusstsein niemand mehr wahr. Und gewiss ist, dass, je länger dieses Schauspiel anhält, desto schlechter werden die eigenen Zukunftsperspektiven.

Gehen wir das Spiel noch einmal durch:

Russland hat sich gegen die Ost-Erweiterung der NATO beim Überschreiten der roten Linie hinsichtlich des eigenen Sicherheitsdenkens militärisch gewehrt. Nach dem, was geschehen ist, wird sich an diesem Standpunkt nichts ändern.

In den USA dominiert nach der Wahl Donald Trumps eine andere Strategie, die gegen China gerichtet ist und nun versucht, Russland, das durch den UKraine-Konflikt und die Positionierung von EU und NATO näher an China gerückt ist, wieder zu lösen und partiell als Verbündeten zu gewinnen oder zumindest die Beziehungen mit ökonomischen Benefits zu normalisieren.

China möchte die Position als Weltpolizist nicht wahrnehmen, aber seine ökonomische Machtposition ausbauen. Dafür hat es Unsummen in globale Infrastruktur gesteckt, die genutzt werden soll und muss.

Die sich als Europa titulierende EU hat sich als Kettenhund der NATO global desavouiert und seine ökonomischen Möglichkeiten durch die Konfrontation mit Russland verschlechtert und seine Potenziale durch die Märkte, die mit der Seidenstraße verbunden sind, durch die politische Konfrontation mit China nicht genutzt. Statt eine Strategie zu entwickeln, die auf eigene wirtschaftliche Interessen setzt, wurde mit einer längst durch Doppelmoral zersetzten Vorstellung von modernem Kreuzrittertum alles zerschlagen, was an eigenen Potenzialen hätte für eine gute Entwicklung genutzt werden können. 

Gegen Bushs Bellizismus zuckte ein sozialdemokratischer Kanzler noch auf, und eine christdemokratische Kanzlerin folgte der Kriegsvorbereitung eines Obamas widerwillig, aber sie folgte, und wiederum ein Sozialdemokrat ließ sich auf den dann fälligen Kampfwagen von einem Biden ohne jeglichen Widerstand binden. Was, so muss gefragt werden, wird ein Trump, der eine andere, aber eben auch imperiale Strategie verfolgt, von einem solchen Ensemble denken?

Sehen oder hören Sie sich dagegen an, was aus „unserem“ Lager an Einschätzung täglich in die Welt posaunt wird! Es ist herzzerreißend. Diese Unfähigkeit, die eigene Lage zu erkennen. Und sich mit der Identifikation als Objekt gemein gemacht zu haben. Nur das Subjekt hat in dieser Welt eine Perspektive. 

Wollte man es literarisch fassen, wie unsere Nomenklatura aktuell agiert, so müsste es heißen:

„Ich bin vor dem Abgrund der Prophet, der unter der falschen Sonne steht!“    

Propheten unter falscher Sonne

Profis im fundamentalen Irrtum

Ein Phänomen lässt sich bereits jetzt feststellen: Die Experten, die mit ihren Einschätzungen in der Vergangenheit bereits mehrere Male gründlich falsch lagen, sitzen in allen möglichen Medienanstalten wieder vor den Mikrophonen und werden um Rat gefragt. Sie haben sich bereits bei allem gründlich geirrt, bei den Notwendigkeiten während Corona, bei der Erklärung des Krieges in der Ukraine, bei den Prognosen hinsichtlich des militärischen Verlaufs, bei der Deutung von Sabotageakten gegen kritische Infrastruktur, bei der Einschätzung, auf welche Rüstungsgüter man setzen soll, bei der Kalkulation der Wirkung von Sanktionspaketen, bei der Beurteilung der amerikanischen Verhältnisse und bei der Spekulation wie man dem derzeitigen Präsidenten dort am besten begegnet. 

Alles falsch. Und wenn man selbst weiterhin auf der Suche nach Deutung und Wahrheit  und dieser Prozess sehr volatil und unsicher ist, bleibt eines gewiss. Die Experten, die sich permanent präsentieren irren sich immer. Dass niemand an ihrer Eignung zweifelt, ja zweifeln darf, weil das das ganze Konstrukt einer fiktiven Wahrheit zum Einsturz brächte, deshalb müssen sie uns erhalten bleiben. Mehr noch. Sie werden mit Preisen zugehängt, dass sie kaum noch aufrecht gehen können. Das jüngste Beispiel illustriert das System perfekt. Da bekommt eine Mitarbeiterin eines von der amerikanischen Kriegsfraktion und der hiesigen Bundesregierung finanzierten Instituts, das alle Einschätzungen und Notwendigkeiten der NATO-Osterweiterung am Fließband produziert und die sich ihrerseits an der Feindbildkonstruktion massiv beteiligt hat, vom Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold überreicht. Da ist alles gesagt. Über die Verdorbenheit, über den Irrsinn und über die Unbelehrbarkeit. Und wäre da ein Regisseur am Werk, dem schlüge ein seriöser Dramaturg doch heftig auf die Finger, wenn die zu ehrende Person auch noch als Namen einen militärischen Rang trägt.

Die alte Welt mit ihren Gewissheiten ist zumindest in der westlichen Hemisphäre nicht mehr existent, und dennoch sitzen Experten, die die Prognosen ihres Untergangs als böse Verschwörungstheorien in den Wind schlugen, wieder in den Sesseln ihrer korrupten Wichtigkeit. Ihre Expertise lässt sich durchaus auf das ungeheure Ausmaß ihrer Impertinenz zurückführen. Oder welcher Mensch, der noch halbwegs bei Verstand ist und durch seine Erziehung ein Maß an Redlichkeit mitbringt, käme auf die Idee, sich als außenpolitischer Experte titulieren zu lassen, der nie ein Amt in diesem Bereich hatte, der nie in anderen Ländern gelebt hätte und der internationale Organisationen nur vom Namen kennt? Genau. Niemand. Aber von dieser Sorte wimmelt es in einer weltfremden, aber gerade darin professionalisierten Medienwelt. Und dieses Phänomen ist seit Corona bestens bekannt. Auch da spielte sich so manche Schlunze als Epidemiologe auf. Und bei den „Kennern“ Russlands ist es ähnlich. Sie kennen weder die jüngere Geschichte des Landes noch dessen kulturelle Vielfalt und die aus beidem abzuleitenden Interessen.

Gut. Nun kann man klagen. Aber wir wissen alle, dass das nichts bringt. Und die Überlegungen hinsichtlich der vermeintlichen neuen Weltlage aus diesen Quellen bringen nur eine Sicherheit: sie werden in die Irre führen. Denn in einem sind diese Art von Experten tatsächlich Profis: im fundamentalen Irrtum. 

Das eigene Denken mit der in der ureigenen gesellschaftlichen Praxis erworbenen Erfahrung wird mehr Gewissheiten zeitigen, als die zur Volksbelustigung produzierte Scheinwelt hemmungsloser Komparsen.   

Profis im fundamentalen Irrtum