Archiv der Kategorie: comment

Ermächtigung der Bürgerschaft

Das Wahljahr ist angebrochen. Nach dem Votum an der Saar werden Analysen getätigt, die sich auf das konzentrieren, was vermeintlich daraus zu lesen ist. Eine solche Herangehensweise ist mit Vorsicht zu genießen. Erstens ist das kleine Saarland nicht repräsentativ und zweitens hat jedes Bundesland seine eigenen Prämissen. Es wäre sehr verfrüht, einen Trend daraus ablesen zu wollen. Wie immer, leiten die Gewinner, in diesem Fall die CDU, daraus ab, sie habe alles richtig gemacht. Und wie immer argumentieren die, die nicht das gewünschte Ergebnis erreicht haben, mit der Spezifikation der Verhältnisse. Eines geht dabei, wie meistens, unter: Welche politischen Ziele stehen überhaupt zur Disposition?

Die Politik der Bundesregierung erfolgreich zu nennen, ist eine Frage des Standpunktes. Mit der Maxime des Wirtschaftsliberalismus ausgestattet, könnte man zu diesem Ergebnis kommen. In Bezug auf die Kollateralschäden ist der entgegengesetzte Schluss naheliegend. Ökonomisch gesehen steht die Bundesrepublik gut da. Die Exportquoten und die damit verbundene Auslastung der exportierenden Industrie ist gut, eine daraus abzuleitende innere Entwicklung ist jedoch ausgeblieben. Weder ist der Anteil derer, die die Werte schaffen am Vermögen erfolgt noch ist es gelungen, die Weichen für eine globalisierte Welt zu stellen. Der Anteil derer, die in diesem internationalen Weltmarkt keine Rolle mehr spielen, ist gestiegen und er steigt weiter dramatisch. Daraus Protektionismus und die Rückkehr zu antiquierten Produktionsweisen zu schließen, wie es in den USA geschieht, ist grundlegend falsch. Die Frage, die sich daraus ableiten lässt, ist jedoch eine, die die Abkehr vom Dogmatismus erfordert. Und letzteres ist von der jetzigen Bundesregierung, vor allem von der CDU nicht zu erwarten

Eine Abkehr vom wirtschaftliberalistischen Dogmatismus würde erfordern, sich Gedanken darüber zu machen, wie eine Volkswirtschaft konstituiert sein muss, die einerseits der Innovation und dem Weltmarkt verpflichtet ist und andererseits den Teil der Bevölkerung im Auge hat, der in diesem Spiel keine Rolle mehr spielen wird. Diese Frage wird seit Jahrzehnten verdrängt, weil sie das Eingeständnis voraussetzt, dass dem so ist. Stattdessen wird darüber schwadroniert, dass diese Teile mit genügend Bildung wieder der produktiven Arbeit zugeführt werden könnten. Das entspricht nicht der Realität. Daraus den Schluss zu ziehen, sozialere Alimentierungssysteme ins Leben zu rufen, löst das Problem nicht. Es hat den Schein, als sei niemand dazu bereit, dem Problem auf den Grund zu gehen. Zu sehr leuchtet das Dogma über allem.

Eine Möglichkeit, dieses Problem anzugehen, könnte der Versuch sein, das Wesen öffentlicher Aktivitäten neu zu definieren. Der Staat springt immer dann ein, so das geläufige Deutungsmuster, wenn der Markt etwas nicht mehr zu regeln in der Lage ist. Und gerade diese Erklärung entzieht sich gesellschaftlichem Konsens. Der Staat ist dann gefragt, wenn er die Leistungen der Allgemeinheit zugänglich macht, die sich große Teile der Bevölkerung bei einem reinen Marktverhältnis nicht leisten können. Es sind jedoch die Leistungen, die dazu gehören, um eine Gesellschaft zu konzipieren, die zu einem Konsens fähig ist. Genau das Gegenteil geschieht, immer mehr von den Leistungen, die zu einem gesellschaftlich notwendigen und vernünftigen Leben führen, werden privatisiert.

Wenn tatsächliche Alternativen zu einer auch in internationalem Maßstab desaströsen Politik der Ausgrenzung gesucht werden, dann kann das nur auf dem Feld einer durch politisch bewusste Entscheidungen einer ermächtigten Öffentlichkeit geschehen. Wir müssen uns fragen, was die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land brauchen, um ein sozial akzeptables, aktives gesellschaftliches Leben führen zu können. Um allerdings herauszufinden, wie das jenseits staatlich-bürokratischer Administration geschehen kann, sind immense Anstrengungen vonnöten.

Ruhrpott, Gerhard Mersmann

In kaum einer Region Europas wurde so im Dreck gewühlt. Der große Bedarf an Energie bei dem gewaltigen und gewalttätigen Projekt des industriellen Kapitalismus hatte im Kohlenpott eine Heimstätte gefunden. Was an Energievorkommen unter der Erde lag, musste geborgen werden. Hunderttausende Migranten wurden aus Zügen ausgeladen und unter die Erde gejagt. Die Kohle, die gefördert wurde, befeuerte sofort die Stahlwerke, die gleich nebenan aus der Erde schossen. Eine wilde Menschenmischung aus Westfalen, Polen, Ostpreußen, Spaniern, Italienern und später vom Balkan und aus der Türkei fuhr ein, wie es heißt, um teils tiefer als tausend Meter unter der Erde, bei kochender Hitze und tödlichem Steinstaub den Grundstein zu legen für die Zivilisation, die auf Wertproduktion und Export basierte. Nicht umsonst entlehnten die Bewohner dieses gewaltigen Molochs einen französischen Terminus, den die napoleonische Armee im Gedächtnis hinterlassen hatte, um das alles zu bezeichnen. Der Pütt, abgeleitet von Putaine, der Hure, was zeigt, dass die Poesie dort, wo alles immer gleich mit Menschenleben bezahlt werden musste, notwendigerweise zum Derben neigt.

So wie die Liebe im Pott eher als ein Geschäft gesehen wird, so ist der höchste Wert in der zwischenmenschlichen Beziehung bis heute der der Verlässlichkeit. Das resultiert aus dem Ur-Erlebnis unter Tage, wo es nicht auf Zuneigung, sondern Verlass ankommt. Das ist es, woran bis heute alles gemessen wird. Du kannst machen, was du willst, du kannst sein, wie du willst, keiner muss dich lieben, aber wenn man sich auf dich verlassen kann, dann ist das in Ordnung so und du gehörst dazu. Bist du ein unsicherer Kantonist hingegen, dann bist du draußen, da hilft dir kein Charme und keine Begabung. Wer das nicht weiß, der wird die Seele des Ruhrpotts nie begreifen.

Denn der Ruhrpott, dieser großartige Moloch, den nur die lieben können, die seinen Dreck gefressen und seinen Schweiß gerochen haben, den gibt es in dieser Form gar nicht mehr. Er ist Geschichte, die nur noch auflebt in der Erinnerung und bei den Fußballspielen, die bis heute die Welt erleuchten wie früher nachts die Kokereien. So reich und mächtig diese Region einst war, so brutal wurde sie in die Knie gezwungen. Der so genannte Strukturwandel hat mehr menschliche Existenzen auf dem Gewissen als die brutalen Klassenkämpfe der zwanziger Jahre und die Verheerungen des großen Krieges. Die früheren Zechen sind heute Museen und manches Stahlwerk ist heute ein High-Tech- oder Kulturtempel. Dafür steht in Dortmund das wohl geilste Fußballstadion der Welt, was am Publikum liegt, dafür hat Schalke eine eigene Kapelle und einen eigenen Friedhof und einen Stan-Libuda-Ring. Und in Essen lag schon Siegfried, der deutsche Mythos schlechthin, in den Armen einer Schönen.

Und dennoch, auch wenn die harten Formen des Seins längst verblichen sind, bleibt das kollektive Gedächtnis und eine Mentalität, die stärker ist als die materielle Konkretisierung des Seins. Die Mentalität des Ruhrpotts existiert noch und sie scheint ein Modell zu sein, dass der Unterwerfung auch zukünftig trotzt. Da ist das Lakonische, das Laisser-faire, da ist die Toleranz und die Zuverlässigkeit und da ist der Humor, der jeder Macht spielerisch die Stirn bietet. Den Ruhrpott, den hast du im Blut, wenn dich dort deine Mutter zur Brust nahm, egal, woher sie auch kam, denn das spielt dort keine Rolle.

Ruhrpott. Von Hartwig Maly

Eine Woche lang habe es auf mich einwirken lassen. Wie Sauerkraut in den grauen Steinbottichen meiner Mutter, im kühlen Keller, fing die Erinnerung an zu gären. Geburtsort Bodelschwingh nahe Castrop-Rauxel. Eine kleine, behütete Welt nahe Schloss Bodelschwingh im Renaissancestil mit englischem Landschaftspark, im Besitz derer von Knyphausen, alter friesischer Uradel. Große weich geschwungene, wie in die Landschaft gepinselte Felder und Wälder, typisch westfälisch, Fuchsschwanzjagd, Gulaschkanone im Herbst. Zeche Westhausen, Kokerei, Bergarbeitersiedlung, weiße Wäsche, die draußen auf der Leine schon nach kurzer Zeit grau wurde. Grau-schwarze Fassaden, Schrebergärten, der erste Tomatensalat Ende der Fünfziger. Im Innenhof gepölt. Angefeuert von Kraschewskis, Wojschinkis und Szaszaks und dem einen oder anderen aus Ostpreußen vertriebenen Hugenotten.

Großvater Bergmann, aus dem heute polnischen Wartheland, südlich von Danzig, Vater Bergmann. Mein Lebensweg schien vorbestimmt. Ein Blick auf die Lebenslinie meines Vaters und auf meine, um zu verstehen wie Willi Brand meinen Blick und den vieler Arbeiterkinder auch auf den Ruhrpott zu verändern half. Mein Vater, Jahrgang 1914. Mit 14 Bergmann geworden. Das ´Ius primae noctis´ auch im Bergbau noch nicht lange Vergangenheit. Kohle wurde noch mit Spitzhacken abgebaut. Pferde transportierten die Kohle unter Tage zu den Körben, um zu Tage gebracht zu werden. Knochenarbeit. Kriegsbeginn 1939, Ostfront. Dazwischen Kriegsverletzung, Lazarett, verliebt in eine Pflegerin. Alter Stadtadel seit dem 13. Jahrhundert aus der südbadischen Stadt Waldshut, derer von Hildenbrandt. BDM. Stalingrad. Überlebt. Kriegsgefangenschaft in Tiflis. Zu Fuß über 1.000 Kilometer. Im Winter. Überlebt. Tuberkulose, Leberzirrhose und vieles mehr beim Ausbau der georgischen Hauptstadt. Überlebt. 11 Jahre Krieg und Kriegsgefangenschaft. Unglaublich aber überlebt. Dann wieder Kohle abbauen mit Presslufthammer. Sein Blick auf den Ruhrpott. Meist unterirdisch. Dazwischen der eigene Schrebergarten und Sonntag vormittags Bier und Korn bis zum Mittagessen mit der Familie. Rente mit 52. Steinstaublunge und Tod mit 67.
Ich 1952. Mein Ruhrgebiet bestand aus einer kleinen Bergarbeitersiedlung, einem nahen Bach, Wäldern in denen wir spielten, Heuschober, in denen wir aus vielen Metern Höhe ins Stroh sprangen. Natürlich nicht erlaubt. Realschule wenige Kilometer entfernt. Zugangstest. Arbeiterkinder waren nicht unbedingt erwünscht. Mein Deutschlehrer ließ mich das immer wieder spüren. Auch heute noch ohne erkennbaren Schaden in meinem Selbstbewusstsein. Welche Parallaxenverschiebung, als ich ihn zum 25jährigen Jubiläum unserer Abschlussklasse wiedersah. Aus dem gefürchteten Lehrer von einst wurde ein nicht unsympathischer intellektuell eher unauffälliger älterer Herr. Phantastische Deutsch- und Geschichtslehrer in der Realschule und auf dem darauf folgenden Gymnasium folgten. Mein Ruhrgebiet wurde schon etwas größer. Um die Innenstadt Dortmunds wegen meines Gymnasiums, um das Stadion Rote Erde wegen meines Leichtathletikvereins. Aus unerklärlichen Gründen die Mao Bibel ständig in der Schultasche. Erste Blicke über den Ruhrpott hinaus. Besichtigung der Ruhr-Uni in Bochum mit Freunden aus der Oberprima in 1972. Alle wollten Germanistik und Geschichte studieren. Auch ich. Ohne, aus der heutigen Erinnerung, nachvollziehbaren Grund fand ich mich im Studium der Chemie in Dortmund wieder. Geschafft trotz unterirdischer Abiturnote. Ich vermute, weil ich schon seit meiner Kindheit gerne, meist erfolglos, Raketen gebaut habe und ich mir mit 12 Jahren im holländischen Ferienlager des CVJM mit Faszination im Mentor- Repetitorium ´Organische Chemie´ die Struktur von Methan angesehen hatte. Während der Diplom- und Doktorarbeit in Chemie parallel Physikstudium. Eher ein Wissenschaftskloster. 12 Stunden am Tag Labor und Vorlesung. Verheiratet eher mit den Naturwissenschaften. Die Ehe nach sieben Jahren geschieden. 10 Jahre Liebe zur Naturwissenschaft. Mit 32 Jahren bereit für den Arbeitsmarkt als theoretischer Chemiker, der sich fast fünf Jahre damit beschäftigt hatte wie Ramanstrahlung mit organischen Molekülen flüsterte, um ihnen strukturelle Geheimnisse zu entlocken. Fünf Jahre Quantenmechanik. Papier, Bleistifte, Lochkarten, mal längere, meist kürzere, oft fehlerhafte Listings im Rechenzentrum. IBM Jobcontrol. Mein Bild des Ruhrpotts noch nicht größer geworden. Heute ist es mir fast peinlich. Ich war damals auch noch Herta BSC Anhänger. Nach dem Studium sechs Monate Jobsuche zwischen Köln und Dortmund. Mein Bild des Ruhrpotts wurde größer. Hohe Arbeitslosenquoten. Kein Bedarf an Theoretikern. Angebote aus einer Stadt im Süden, deren Name mir wohl, aber deren Standort überhaupt nicht bekannt war. Mannheim. In der Nähe Münchens? Ich begann in einem familiengeführten Pharmaunternehmen stattlicher Größe – 10.000 Mitarbeiter, 5 Milliarden Umsatz als bis dahin ´Missing Link´ zwischen der zentralen Informatik und der Pharmaforschung. Ich beherrschte beider Sprachen und sollte beide Bereiche einander näher bringen. Mein Blick auf den Pott weitete sich mit zunehmendem Abstand. Wie auf einer Weltkarte verschmolzen Städte wie Dortmund, Hamm, Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Duisburg zum Ruhrpott. Je mehr ich international unterwegs war, desto eher entdeckte ich meine Heimat Ruhrpott. Diese Ansammlung vieler kleiner Dörfer, die großzügig wie zufällig gestreut angeordnet schienen, um meist alte Stadtkerne. Eine Heimat von der Größe Istanbuls, die nach dem Niedergang von Kohle und Stahl in den 60er und 70er Jahren sich träge anschickte wie ein Phoenix aus der Asche hoher Arbeitslosenzahlen aufzusteigen, um eine neue Identität zu finden. Industrieruinen entlang der Ruhr verzaubert durch Kulturprojekte. Industriekultur. Von Christos „The Wall“ 1999, 13.000 aufeinander gestapelten Ölfässern in sieben Farben über Kulturhauptstadt Europas in 2010 zu Christos „Big Air Package“ im Oberhausener Gasometer im März 2014. Eine fast untypische, spielerische Liaison zwischen Kohle, Stahl, Kultur entlang den ab der Stahl- und Kohlekrise wenigen Konstanten im Pott, hoher Arbeitslosigkeit, notorisch überfüllter B1, der zentralen Verkehrsachse, der inzwischen idyllischen Ruhr und einer unglaublichen Dichte hochklassiger Fussballclubs mit hoher emotionaler Volatilität. Natürlich bin ich nach einer Phase fußballerischen jugendlichen Irreseins bei meiner echten Fußballliebe BVB 09 gelandet und es fällt mir inzwischen leicht zu sagen. Jawoll, auch in Schalke können die Fußball spielen. Das ist mein Ruhrpott.