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Kann Europa Subjekt?

Nun, die Angelegenheiten eskalieren seit einiger Zeit. Gerade jährt sich Russlands Angriff auf die Ukraine zum vierten Mal, die unzähligen Versuche fremder Mächte, Regierungen zu stürzen, die es seit der Jahrtausendwende gab, seien nicht erwähnt. Markant war die Zerschlagung Jugoslawiens. Der syrische Krieg ist lange nicht zu Ende. Libyen als funktionierendes Staatswesen wurde liquidiert. Alles, was im so genannten Nahen Osten geschieht, bis hin zur Tragödie Palästinas, sind die Erblasten des British Empire. Wobei auch Hongkong nicht vergessen werden sollte. Afghanistan wurde verwüstet ohne irgend eine Hinterlassenschaft, die das Manöver gerechtfertigt hätte. Gerade ist Venezuela unter die Knute genommen worden, in Grönland weiß man noch nicht so recht, ob der amerikanische Anspruch auf die dänische Kolonie nun erloschen ist oder nicht. Kuba ächzt seit 60 Jahren unter einem Embargo, das jüngst verschärft wurde und den Sturz der Regierung vorbereiten soll. Und ein großes maritimes Aufgebot lauert darauf, gegen den Iran loszuschlagen.

Ja, die Welt ist in großer Aufregung. Und ja, die alte, von Kolonialismus und Imperialismus geprägte Ordnung ist gefährlich ins Wanken geraten. Und ja, es ist noch lange nicht abzusehen, wohin das alles führen wird. Von der Faktenlage haben die erwähnten Kriege alle mit dem gefährdeten Anspruch der Dominanz zu tun. Selbst der in der Ukraine. Da ging es um das Recht auf Expansion. Unabhängig davon, was ein gedemütigter großer Nachbar davon dachte. Alle erwähnten Episoden haben eine Geschichte, die in diese Richtung geht. 

Und wenn es um die Absurdität der westlichen, so genannten Werte basierten Argumentation geht, dann ist Kuba das wohl markanteste Beispiel. Das Imperium erträgt vor seiner Küste kein anderes Gesellschaftsmodell als das eigene. Bei Russland ist es völkerrechtswidriger Imperialismus, bei den USA ein Kampf für die Freiheit.

Aber es geht gar nicht um das Imperium, das sich einer neuen Weltordnung gegenüber sieht und den Gang der Geschichte aufhalten will. Es geht um ein hin und her gerissenes Europa, das sich vom letzten großen Krieg mental nicht erholt hat und sich an die eine oder andere Supermacht glaubte auf Gedeih und Verderb anlehnen zu müssen. Das Europa, von dem hier und heute so viel die Rede ist und nur ein Bruchteil vom kontinentalen Europa ausmacht, ist immer noch Objekt. Ob es bei der Etablierung einer neuen Ordnung den Weg hin zu einem souveränen Subjekt werden kann, ist, nach den aktuellen Gegebenheiten, eher fraglich.

Und ein Anteil, so hergeholt es zunächst auch klingen mag, wird getragen von der mangelnden demokratischen Substanz, die seine Bewohner an den Tag legen. Sie haben sich ohne große Gegenwehr in eine Scheinwelt entführen lassen, in der die demokratische Kulisse aufrecht erhalten wurde. Aber hinter den schönen Institutionen, Parlamenten und Kommissionen verbergen sich andere Entscheidungsträger, die den Kurs bestimmen. Und dieser hat nichts zu tun mit dem Anliegen der Bürgerinnen und Bürger. Zum Teil wurde diese Obszönität noch ordiniert von anderem Personal der nun um ihre Dominanz ringenden Supermacht. Dass die Komparsen der Scheindemokratie nun auch noch dieser Fraktion nachtrauern, zeigt, wessen Produkt und wessen Geistes Kind sie sind.

Ja, es ist nicht einfach, Subjekt zu sein. Es verlangt sowohl eine Lebensidee als auch die Wahrheit über sich selbst. Kann Europa Subjekt? Die Existenz als Objekt ist das Billett in die Bedeutungslosigkeit.   

Kann Europa Subjekt?

Fastenzeit und das analoge Dasein

Die Vorstellung hat Geschichte, dass neue Übertragungstechniken in der Lage wären, etwas in Sachen Bildung und Weiterentwicklung zu bewirken. Das war mit dem Radio so. Da wurde davon geschwärmt, dass bis in den letzten Winkel der Welt Wissen transportiert werden konnte und somit die Organisation von Bildung auf einem ganz anderen Niveau stattfinden könnte. Als dann das Radiogerät zum Haushaltsstandard avancierte, war davon nicht mehr die Rede. Es diente, je nachdem, wer die Hoheit über die Sendeanstalten hatte, der ideologischen Indoktrination, der Berieselung und letztendlich der Verdummung. Egal, wer die Oberhand hatte, Feigenblätter, gedacht für ein kleines Segment der Gesellschaft, waren erlaubt. Aber sie änderten nichts an dem Charakter. 

Nach dem Radio kam das Fernsehen. Und die Propagierung der Möglichkeiten, die dieses Gerät mit sich brachte, folgte dem gleichen Muster. Mit Bildung und kultureller Teilhabe wurde geworben, bis das Gerät in jedem Wohnzimmer stand. Und auch dann kam etwas anderes. Nämlich ideologische Indoktrination durch die, die über die Sendeanstalten verfügen konnten und ein immer gewaltiger auf die Köpfe zurollender Klamauk, der den Zugang zu klarem Denken systematisch vernebelt. Sowohl beim Radio als auch beim Fernsehen wurde zudem von einem Meilenstein in Richtung Demokratie gesprochen. Den Zustand letzterer bei der Verfügbarkeit dieser beiden Technologien möge jeder überprüfen.

Bei den heute verfügbaren Kommunikationsmitteln wiederholte sich die gleiche Argumentation. Bildung, kulturelle Teilhabe, Demokratisierung. Gemeint war vor allem die Möglichkeit auch derer, die weder über größere Mittel noch aufwendige Techniken verfügten, sich zu Wort zu melden und sogar zu organisieren. Mancher Aufstand wurde nicht zu Unrecht der Fähigkeit der No Names zugeschrieben, sich zu verständigen. Aber auch vieles von dem, was da in den Äther geblasen wird, ist eher ein Testat für das allgemein desolate Bildungsniveau als sein Gegenteil. Nur zweieinhalb bis drei Jahrzehnte nach der Massenverfügbarkeit dieser Technologien ist ein Status erreicht, der den Vorgängertechniken von Radio und Fernsehen ähnelt. Gewaltige Indoktrinationsprogramme, autokratischer wie demokratischer Trash. Den Rest erledigen zunehmend Zensur und Blockade. 

Zwei Fragestellungen mögen in diesem Kontext erlaubt sein. Die erste richtet sich auf die Verfügbarkeit über die Techniken. Vom Pariser Zeitungsbaron aus dem 19. Jahrhundert bis zu den aktuellen Social-Media Tycoons aus dem Silicon Valley hat sich nichts an der Tatsache geändert, dass der Privatbesitz einzelner Personen oder Gruppen darüber bestimmt, was dem Plebs an Information und Desinformation serviert wird. Auch heute sind es Monopolisten, die Geschäftsinteressen verfolgen und das auf den Markt werfen, was Macht und Rendite bringt. Bildung, kulturelle Teilhabe, Demokratie? Stupid!

Die zweite kritische Betrachtung geht in Richtung der psychologischen Wirkung des Konsums. Medizinische und psychosoziale Betrachtungen führen zu dem Befund, dass eine Überdosis dessen, was immer noch hinter dem beschönigenden Namen Social Media steht, zu Suchtverhalten, Konzentrationsschwächen, sozialer Depravation führen und therapiebedürftig sind. Auch unter diesem Aspekt kann längst nicht mehr von Bildung, kultureller Teilhabe und Demokratie die Rede sein. Wie so vieles, was der Privatbesitz an Produktionsmitteln zutage fördert, steht hier am Ende ein gerüttelt Maß an Zerstörung.

Das Etikett des Maschinenstürmers oder Technologiefeindes verteilt sich leicht. Die dargelegte Perspektive ist kein Plädoyer gegen die Technik. Allerdings gegen die Besitzverhältnisse und die daraus resultierende Gestaltung der Programme. Die angebrochene Fastenzeit, übrigens gleichermaßen für Christen und Muslime, wäre doch einmal, ganz weltlich, eine gute Gelegenheit, den Konsum des kommunikativen Trashs drastisch zu reduzieren. Genießen Sie mal eine Weile das analoge Dasein!    

Fastenzeit und das analoge Dasein

Aufstand als Frage der Selbstachtung

Wer gedacht hatte, die Statements und Erlebnisse auf der Münchner Sicherheitskonferenz hätten zu so etwas wie Besinnung führen können, sah sich schnell getäuscht. Das ewige Lamento der beiden in Deutschland ansässigen Fraktionen der politischen Abbildung us-amerikanischer Verhältnisse ist immer noch deutlich zu hören. Was beiden Fraktionen abgeht, ist die Erkenntnis, dass es sich bei den USA nach wie vor um eine imperiale Supermacht handelt, deren wichtigster Navigationspunkt das eigene Interesse ist. Die Rhetorik vom transatlantischen Bündnis ist besonders in den letzten krisenhaften Jahren durch die Fakten vollends demoliert worden. Dennoch halten Großteile der sich so gerne als liberale Mitte titulierenden Parteien immer noch an dieser Formulierung fest und trauern den wonnigen Jahren demokratischer Expansionspolitik nach. Während die anderen auf die neue Ära hoffen, die mit Donald Trump als dem imperialen Dealmaker aufscheint. Beide Variationen führen zu nichts, denn die Notwendigkeit, sich für eine auf eigenen Interessen basierende politische Strategie zu entscheiden, bleibt bestehen. Wiewohl die Zeit, die bleibt, um zu so etwas noch zu kommen, ausläuft.

Von wegen Besinnung. Nun, mit dem illegitimsten Kanzler der bundesrepublikanischen Geschichte, steuert dieser ebenfalls geschichtsvergessendste Darsteller auf eine Vision zu, die vom Deutschherren-Orden bis zu den Architekten der Operation Barbarossa verfolgt wurde und immer wieder die Existenz dessen, was sich in vielen Variationen als deutscher Staat repräsentierte, zum Abgrund führte. Nun also wieder. Kriegsgeheul gegen Russland, dicke Hose ohne Inhalt, verantwortungslos und barbarisch, aufgeblasene Backen für billiges Lobby-Geld, entwendet aus den Taschen derer, die diesen Krieg nicht wollen und mit denen bei Ausbruch auch nicht zu rechnen ist. Da erklingen die Melodien aus dem Paten, nur das dort, bei aller Frivolität, noch so etwas von Ehre zu spüren ist. Bei den grausigen Singvögeln dieses Projektes ist davon jedoch nichts zu verspüren.

Letztendlich muss festgestellt werden, dass aus den Reihen, die vorgeben, für die Demokratie und deren Werte zu stehen, beides bereits gemeuchelt wurde. Die Demokratie gilt nur für sie selbst und die Werte spotten aufgrund des doppelmoralischen Leichengiftes jeglicher Beschreibung. 

Was allerdings zu bemerken bleibt, quasi als Großleistung bellizistischer Propaganda, ist die Neutralisierung dessen, was einmal entweder als intellektuelle Sphäre oder als kritischer Resonanzraum der offiziellen Politik angesehen werden konnte. Dieses Publikum hat sich auf das Hase und Igel-Spiel der totalitären Logik eingelassen und leckt sich zufrieden die Lippen, wenn staatlich subventionierte Knallchargen den Kampf gegen den Faschismus ausrufen, während ein demokratisches Recht nach dem anderen einkassiert und eine Überwachungs- und Kontrollfunktion nach der anderen installiert werden.  

Angesichts der staatlich autorisierten politischen Analphabeten, die auf jedem nur erdenklichen internationalen Forum ihre unausgegorenen, von nichts gerechtfertigter Großmannssucht gespeisten, in die alte imperiale Banalität verfallenden Sentenzen in die Welt posaunen, kann man nur voller Scham und Demut zu Boden blicken. Und sich die Frage stellen, wann die Substanz, die dem Wahnsinn in all seiner Nacktheit ein Ende bereiten kann, die Konsistenz entwickelt, dass daraus eine ernst zu nehmende Kraft wird. Jede Form von Rebellion und Aufstand ist zu einer Frage der Selbstachtung geworden. Wer jetzt noch selbstzufrieden den Blick über den gedeckten Tisch schweifen lässt, ist Bestandteil des Problems.

Aufstand als Frage der Selbstachtung