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Könige der Verblendung

Es ist mal wieder soweit. In Deutschland ist die Euphorie ausgebrochen. Warum? Weil im transatlantischen Amerika ein Rockstar die Zeichen der Zeit erkannt und seine Stimme erhoben hat gegen politische Zustände in seinem Land. Sein Impuls ist ein guter, und dass er mit seiner Reaktion auch noch eine Menge Geld verdienen wird, liegt am Verwertungsprinzip des Kapitalismus und ist dem aufrichtigen Impuls nicht anzukreiden. Mit Streets of Minneapolis hat Bruce Springsteen gezeigt, dass in seinem Land Regungen existieren, die man als eine Reaktion der Straße auf die Anmaßungen der Regierenden charakterisieren kann und die zu einem demokratischen Gemeinwesen, so ramponiert es auch sein mag, gehören wie die Luft zum atmen.

Nicht nur dort, auf den Straßen us-amerikanischer Städte, woher sie kam, sondern auch im fernen Davos, dort wo sich jährlich die Mächtigen dieser Welt zum World Economic Forum treffen, war die Parole „No Kings“ zu vernehmen. In Davos leuchtete sie nachts über das Tal und erfreute so manchen Geist der Revolte. Die Formulierung ist der Ausdruck der Auflehnung gegen Autokratismus, diktatorische Anwandlungen und das Vergessen der Gewählten, dass sie einen Auftrag haben und nicht autorisiert sind, das machen zu können, was sie gerade wollen. Auch dieser Slogan ist, analog zu den Streets of Minneapolis, eine Wehrhaftigkeit von unten. In den USA. Und vielleicht in Davos, oder derer, die dorthin gereist sind.

Was hier, in Deutschland, massiv auffällt, ist der Applaus für alles, was anderswo, fern der eigenen Wirkung, an Widerstand zustande kommt. Ob es sich auf Massenproteste in Frankreich oder nun in den USA bezieht, übrigens zwei prasidentiellen Demokratieformen, oder auch der massiven Aktionen in Italien und Spanien, so korrespondiert die hiesige Sympathie mit dem mehr als notwendigen Aufbegehren gegen die eigenen, untragbaren Verhältnisse, die von Kriegstreiberei, Kriegswirtschaft, Regelungswahn, Freibriefen für die Superreichen und die systematische Demontage des Gemeinwesens gekennzeichnet sind, in keiner Weise. Hier scheint es zu reichen, inbrünstig die Streets of Minneapolis, Bella Ciao oder die Marseillaise mitzusingen, um im Schoße der gesättigten Knechtschaft zu verweilen.

Ich will heute nicht darauf eingehen, mit welchen zum Teil faschistoiden Parolen unsere politischen Repräsentanten sich hier aus der Deckung trauen können, ohne dass sich eine Stimme in Medien oder Parlament regt. Aber all denen, die jetzt, nach den tödlichen Schüssen auf amerikanischen Straßen, ähnlich wie vor einigen Jahren bei „I can’t breathe“, als Polizisten einen Schwarzen zu Tode würgten, mit Tränen erstickter Stimme in Bruce Springsteens Hymne intonieren, sollte es vielleicht zu denken geben, dass die gleichen Kanäle, die dieses Stück jetzt in Dauerschleife senden, noch vor kurzer Zeit alle Protestlieder gegen den Krieg aus ihren Hitparaden verbannten. Das ist kein Zufall. Das hat System und Methode.

Und wenn selbst solche Evidenzen nicht helfen, dann muss man davon ausgehen, dass die systematische Täuschung, die Mystifikation, auf beiden Seiten auf Zustimmung stößt. Auf der, die das System etabliert und auf der, für die es gedacht ist. Was sich dabei allerdings als ein Streich der geschändeten Wahrheit erweist, denn auch dieses zarte Wesen kann sich rächen, ist die Groteske des Slogans „No Kings“. Wer so mitspielt beim Spiel der Massenmanipulation, erweist sich als König der Verdrängung. Wir leben in einem Land der Könige. Nämlich der der Verdrängung und  Verblendung.

Könige der Verblendung

Politik: Wege ins Verhängnis

Von einem bösen Zyniker stammt der Satz, dass die Dummheit das Gleichnis für die Unsterblichkeit darstellt. Nichts ist nämlich langlebiger als so mancher Trugschluss und der unreflektierte Glaube an eine zunächst bequeme Wahrheit, die sich allerdings sehr schnell als eine grausame Falle erwiesen hat. Wollte man die Situation, in der wir uns befinden, mit wenigen Worten beschreiben, dann wäre der Satz des erwähnten Zynikers gar nicht so falsch. Denn ein einziger Tag genügt, um sich ein Bild davon zu machen, mit welchen Täuschungen, Fehlannahmen, offensichtlichen Irrungen und dreisten Lügen sich die gegenwärtige Gesellschaft offiziell zu reflektieren glaubt.

Und sieht man sich an, an wen man sich wendet, um die Welt der großen Irritation zu entschlüsseln, so stolpert man über den nicht weniger richtigen Satz, der besagt, dass eine Variante der Dummheit darin besteht, immer wieder dasselbe zu versuchen, mit dem man zwar gescheitert ist, aber glaubt, irgendwann käme mit der gleichen Methode ein anderes Ergebnis zustande. Die Figuren, die sich von Anfang an geirrt haben, werden in einem grotesken Reigen a la Arthur Schnitzler immer wieder, bis zur eruptiven Übelkeit, nach einer Welterklärung gefragt. Heraus kommen die immer gleichen, seit Jahren stetig falsifizierten Geschichten.

Wer da nicht den Verstand verliert, ist im sprichwörtlichen Sinne gut beisammen. Wer die Grundlagen der formalen Logik beherrscht und einen sozialen Kompass besitzt, durchschaut den ganzen Spuk, der nur so lange aufrecht erhalten werden kann, wie das ganze Komparsen-Ensemble bezahlt werden kann. Wenn das Geld ausgeht, dann ist Schluss. Und dass dieser Punkt immer näher rückt, sieht man daran, dass bereits Schuldenaufnahmen in historischem Ausmaß getätigt werden müssen, um die Löcher zu stopfen, die man selbst gerissen hat. 

Wenn man einem Chemiekonzern Milliardenbeträge zuweist, weil dieser durch die hohen Energiepreise, die durch eine wahnwitzige Kriegspolitik zustande kamen, seine Konkurrenzfähigkeit zu verlieren droht, dann wird deutlich, wovon die Rede ist. Das ist das Motto aus dem Treppenwitz: Wir zerstören deine Produktionsgrundlagen, gehen dann zur Bank, leihen uns Geld und geben es dir dann, damit deine Verluste nicht so groß sind! Und dabei handelt es sich nur um ein Beispiel, wie gedacht und gehandelt wird. Dass die Verantwortlichen dieser Politik wissen, dass dieser Weg endlich ist, sieht man daran, dass sie den Krieg immer mehr als Ultima Ratio ansehen.

Machen wir uns nichts vor: alles, was da an Mystifikation und Fälschung herüberkommt, und selbstverständlich auch alles, was sich zusammenbraut an Empörung über das Handeln von immer mehr werdenden inneren wie äußeren Feinden, hat etwas zu tun mit der Sackgasse, in die man sich selbst manövriert hat.

Selbstüberschätzung, zustande gekommen in langen Phasen der Dominanz, kehrt sich irgendwann um. Nämlich dann, wenn es bei Konfrontationen mit den vermeintlich schwächeren, aus Größenwahn deklarierten Feinden, die ersten herben Schläge setzt. Dann macht sich, diese Prognose sei erlaubt, die Mischpoke schnell auf den Weg heraus aus der Gefahrenzone. Und diejenigen, die in Treu und Glauben oder einfach, weil sie nicht anders konnten, hier geblieben sind, haben dann die Rechnung zu bezahlen. So geht Betrug! Es ist ein Weg ins Verhängnis. Und kaum einer möchte es glauben.

Politik: Wege ins Verhängnis

Ärmel hochkrempeln?

Es war keine leere Drohung. Die Prognose, einiger als Kassandras diffamierter Zeitgenossen, dass es sich bei dem derzeitigen Bundeskanzler und seinem Kabinett um ein Fundstück aus späteren Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts handele.  Zum Teil gar personell, aber auf jeden Fall was deren Vorstellungswelt betrifft. Die jetzt allenthalben herausgeblasenen Parolen von Lifestyle-Arbeitsmodellen, der Notwendigkeit, die Ärmel wieder hochzukrempeln etc. dokumentieren die Vorstellung von einer Art Wertschöpfung, die mit der Zukunft und vor allem auch mit dem Handeln einiger strategischer Marktkonkurrenten nicht mehr korrespondieren.  Wenn man sich allein die Referenzprojekte hinsichtlich der Automatisierung und der Nutzung Künstlicher Intelligenz aus China anschaut, dann bekommt man eine Ahnung davon, wohin die Reise gehen wird.

Ja, heute muss man Länder wie China in den Blick nehmen, um eine Vorstellung von Arbeit für die Zukunft zu bekommen. Und dann tauchen hier Politiker auf, die mit den Modellen der industriellen Produktion aus dem letzten Jahrhundert zu punkten versuchen. Und selbst die Voraussetzungen dafür wären nicht gegeben. Die prosperierende Bundesrepublik verdankte ihren Aufstieg einer rasanten Entwicklung von Bildung und Wissenschaft, einer blendend funktionierenden Infrastruktur, gut ausgebildeter Arbeitskräfte und einem gesellschaftlichen Zusammenhalt, der durch Sozialsysteme wie mögliche Teilhabe gekennzeichnet war. Und exakt die politischen Kräfte, die an der Demontage dieser Referenzen kräftig mitgearbeitet haben, appellieren jetzt an die Opferbereitschaft derer, deren Lebensgrundlagen durch den durch Gier und Hirnriss gekennzeichneten zügellosen Wirtschaftsliberalismus systematisch rasiert wurden. Es ist ein zynischer Witz.

Aber ehrlich gesagt, mehr haben sie auch nicht zu bieten. So, wie sie am Rockzipfel einer bestimmten Fraktion des amerikanischen Imperiums hingen, ohne sich je Gedanken darüber zu machen, was erforderlich wäre, weltpolitisch auf eigenen Beinen zu stehen, genau so haben sie sich in das imperiale Gebell der vermeintlichen Schutzmacht eingereiht, ohne an die eigenen strategischen Interessen zu denken.

Ja, so das Wort durchaus kluger Beobachter, Kritik ist gut, konstruktive Vorschläge sind besser! Stimmt! Nur ist die Frage aus dem Munde derer, die mit Verve die Karre in den Dreck gefahren haben, deplatziert. Auf der anderen Seite ist es nicht schwer, die vor dem Land in der jetzigen Situation liegenden Aufgaben zu umschreiben:

Innenpolitisch ist in Angriff zu nehmen, dass

  • das Momentum der freien Äußerung von den inquisitorischen Einschränkungen befreit wird,
  • Bildung in Schule wie Universität Feld von Investition und Leistung werden,
  • Die Privatisierung des Gesundheitswesens ein Ende findet und ausnahmslos alle Staatsbürger in seiner Pflicht wie seinem Nutzen stehen,
  • Die Rentenversicherungspflicht für ausnahmslos alle gilt,
  • In den öffentlichen Verkehr weitreichend investiert wird,
  • Das Besteuerungssystem Wertschöpfung an erster Stelle begünstigt und nicht produktive Bereiche stärker berücksichtigt,
  • Kunst und Kultur zu einem gesellschaftlichen Feld der Inspiration ausdrücklich deklariert werden.       
  • Außenpolitisch muss die Maxime gelten, 
  • Strikt nach den eigenen Interessen zu handeln,
  • Dem Prinzip der gegenseitigen Nichteinmischung zu folgen,
  • Gegenseitigen Nutzen in das Zentrum der Betrachtung zu ziehen,
  • Bündnisse mit den Staaten einzugehen, die analog ausgerichtet sind,
  • Und den Fokus auf die eigene Verteidigung zu richten. 

Die Aufzählung ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, erweckt jedoch den Eindruck, etwas mehr Potenzial zu haben, als Slogans, die sich auf das Hochkrempeln von Ärmeln beschränken. Aller Anfang ist schwer. Aber jedem Anfang wohnt bekanntlich auch ein Zauber inne.

Ärmel hochkrempeln?