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WM: Bundesverdienstkreuz und Großmanöver

Hans-Joachim Seppelt, seinerseits bekannt geworden als Doping Experte, dem es vor allem gelungen ist, vor allem russischen Sportlern in Zusammenhang mit den olympischen Spielen in Sotschi massenhafte Verstöße gegen das Doping-Verbot nachzuweisen, erhielt gestern von Bundespräsident Steinmeier das Bundesverdienstkreuz. Zeitpunkt wie Anlass sind politisch und beides zeigt, wie heuchlerisch es zugehen kann in diesem Land. Vorausgegangen war der Ehre nämlich ein kleines Scharmützel zwischen Seppelt und den russischen Einreisebehörden. Diese wollten ihm die Einreise anlässlich der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft nach Russland verweigern, wovon sie allerdings nach internationalen Protesten Abstand nahmen. Seppelt hatte unter anderem behauptet, auch im russischen Fußball werde systematisch gedopt. Diese Aussage zumindest erscheint dubios, weil alle deutschen Fußballfunktionäre seit Jahrzehnten zum besten geben, Doping mache in der Sportart Fußball überhaupt keinen Sinn.

Nichtsdestotrotz, es scheint, als sei alles erlaubt, was das Gastgeberland der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft, Russland, in der Lage ist zu diskreditieren. Es sei nur an das Ausbooten des Ex-TV-Fußballexperten Mehmet Scholl erinnert, der sich geweigert hatte, sich im Kontext der WM über die politischen Verhältnisse in Russland auszulassen. Er wolle, so der Satz, der zur Trennung führte, über Fußball reden und sonst nichts. Seppelt ist da anders, und dafür erhielt er nun das Bundesverdienstkreuz. Welches Verdienst im Sinne vorbildlichen Agierens für diese Republik damit honoriert wird, ist also deutlich.

Das kleine Ereignis, das da zu verzeichnen ist, reiht sich ein in die immer deutlicher werdenden Indizien einer ideologischen Kriegsführung. Ginge es um die Sauberkeit des Sportes, dann hätten wir genug im eigenen Land zu tun. Ja, wie war das noch? Die eigene ehemalige Top-Führungsebene des DFB unterliegt momentan einer staatsanwaltschaftlichen Untersuchung wegen schweren Korruptionsverdachts, und zwar in Sachen des Stimmenkaufs zugunsten der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland im Jahr 2006. Millionen Euro sind in diesem Zusammenhang an Stimmberechtigte der FIFA über schwarze Kanäle gewandert. Eigenartig, dass sich der Bundespräsident nicht zu diesem schweren Vergehen bis heute geäußert hat. Stattdessen bewirbt sich Deutschland für die nächst mögliche Austragung der Fußballeuropameisterschaft, so, als sei nie etwas gewesen.

Alle, die momentan so burschikos über die Frage reden, ob Politiker überhaupt nach Russland fahren sollten und was noch alles gemacht werden könnte, um zu verdeutlichen, mit welcher korrupten Despotie wir es dort zu tun haben, müssten, wären sie konsequent, die neuerliche Bewerbung als Austragungsort für ein Turnier dieser Größenordnung in Deutschland sabotieren und, sollte Anklage wegen Korruption erhoben werden, die berechtigte Frage stellen, ob Deutschland an künftigen Turnieren noch teilnehmen kann. Das wird natürlich nicht passieren. Der Propagandakrieg läuft bereits, und bis in die höchsten Stellen scheint sich niemand zumindest selbst zu ekeln.

Dass, by the way, in diesen Tagen unter der Führung der US-Streitkräfte 35.000 NATO-Soldaten auf dem Weg zur russischen Grenze sind, um passend zur WM-Eröffnung mit einem Großmanöver in Polen und im Baltikum dort den Ernstfall zu üben, dokumentiert, wie ernst die Lage wirklich ist. Einen solchen Fall hat es historisch noch nicht gegeben. Sich daran zu beteiligen, zeigt, inwieweit der geschäftsführende Ausschuss dieser Republik sich bereits im Kriegsrausch befindet. Die Werte, auf die sich diese Kreise berufen, spielen in ihrem eigenen Handeln keine Rolle. So etwas nennt man Glaubwürdigkeitsverlust. Und zwar auf der ganzen Linie.

Europas Süden: Nicht mehr artig zum Diktat!

„Bin müde und leer, will in Süden ans Meer, auf meinem Weg ohne Wiederkehr“, sangen die Menschen mit Fernweh zu einer Zeit, als noch nicht das Primat der Wirtschaftlichkeit den Blick völlig verdorben hatte. Da war die Welt noch in Ordnung. Hier, im Zentrum Europas, rannten die Menschen in großen Kohorten in die Fabriken und schufteten im Schichtbetrieb. Dafür verdienten sie mehr als alle anderen ihresgleichen auf dem Kontinent. Sie kauften sich davon unter anderem tolle Autos, mit denen sie dann in Urlaub fuhren. Natürlich in den Süden. Und natürlich ans Meer. Dort hielten sie abends die Tische frei, soffen den Rotwein wie Bier und kehrten mit wilden Geschichten ans Band zurück und erzählten ihren Kollegen, sie könnten sich gar nicht vorstellen, was „da unten“ alles nicht funktionierte und was für eine laue Mentalität dort herrschte. Ja, der deutsche Michel war wieder wer und es schien, als herrsche er zu Recht über die Welt. Als Meister. Bei der Arbeit wie beim Fußball. Dieses Bild herrschte über Jahrzehnte, bei vielen ist es immer noch im Kopf, obwohl sich vieles dramatisch verändert hat.

Die EU hat dafür gesorgt, dass der alte und „faule“ Süden des Kontinents in Sachen Markt und Infrastruktur eingegliedert ist, dass dort, wo es sich lohnt, produziert wird, weil es billiger als im Zentrum ist und dass ordentlich das gekauft wird, was die Unternehmen aus dem Zentrum produzieren. Notfalls wird die Kaufkraft mit locker vergebenen Krediten hergestellt, um sie danach in einer massiven Staatsverschuldung wieder zu treffen. Und wenn diese vorliegt, dann wird auf Privatisierung gepocht. Die Liquidität, um sich des Volksvermögens zu bemächtigen, liegt natürlich im Zentrum des Kontinents und so werden zentrale Funktionen wie See- und Flughäfen wie Edelimmobilien ganzer Nationen verhökert. 

Dass sich der alte Süden, der die Kultur des Kontinents kulturell wie spirituell prägte und in dem so manches heute wesentlich besser funktioniert als im selbst ernannte Musterländle, dass sich dieser alte Süden nicht mehr länger von den protestantischen Zuchtmeistern aus Berlin. Und Brüssel vorschreiben lassen wollen, welcher Politik sie folgen sollen, ist konsequent. In Griechenland und in Portugal haben sich die von der EU, dem IMF und der Weltbank verordneten Schrumpf- und Privatisierungskurse als Albtraum für das gesellschaftliche Zusammenleben erwiesen. Dass sich Länder wie Italien oder Spanien in eine ähnlich Sackgasse treiben lassen werden, wird immer wahrscheinlicher. Der Süden Europas setzt sich nicht mehr artig hin zum Diktat.

Von kritischen Medien könnte erwartet werden, dass sie sich mit der Ursache wie der Wirkung immer deutlicher zutage tretender Verwerfungen in der EU auseinandersetzten. Manche machen das auch und verweisen auf den Provizialismus wie den Dogmatismus der Schäuble-Merkel-Doktrin. Nur die TV-Nachrichtensendungen, denen böse Zungen nachsagen, sie hätten sich zu einer Pressestelle der Bundesregierung entwickelt, machen das nicht. Stattdessen bedienen sie die alten Vorurteile vom ach so faulen Süden, der auch noch korrupt ist. Das kommt bei manchen gut, vor allem bei der AFD, die damit direkte Steilvorlagen aus der Bundesregierung bekommt. Aufgrund des Ausmaßes könnte spekuliert werden, stürzte diese Regierung, dann verschwände die AFD im Gully. 

Gefährlich wird es aber erst, wenn die einstigen Könige vom Band herausfinden, dass sie heute als Schlusslicht der Produzenten durch den Kontinent taumeln. Vorbei die goldenen Zeiten. Sie verdienen weniger, sie arbeiten länger und ihre Renten sich schlechter. Das soll sie aufwiegeln gegen die Kollegen im Süden. Es kann aber auch anders kommen.

Betriebskultur und Führungsqualität

Jeder Mensch, der sich in Organisationen bewegt, ob sie der Arbeit dienen oder welche Zielausrichtung sie auch immer haben, jeder Mensch macht in Organisationen Erfahrungen in Fragen der sozialen Verkehrsformen, des Umgangs miteinander und der Art und Weise, in der die Organisation geführt wird. Da die Arbeitsorganisationen die meisten Menschen dieses Landes erfassen, dürften diese auch die bestimmenden sein in dem, was man, wiederum landestypisch, die jeweilige Kultur und die Führungsphilosophie nennt. Und selbstverständlich existieren von Unternehmen zu Unternehmen große Unterschiede. Dennoch sind sie die alles bestimmende Instanz. Das, was die Menschen in den Unternehmen lernen oder gelernt haben, reproduzieren sie in den anderen Organisationen, in denen sie sonst noch unterwegs sind, ob beim Sportverein, bei den Kleingärtnern oder in der politischen Partei.

Industriebetriebe sind aufgrund der Verwendung der Ressourcen massenhafter Arbeitskraft und großer Materialmengen eo ipso sehr straff organisiert. Sie haben die Prinzipien des Umgangs wie der Führung zumeist genau beschrieben und verschriftlicht, dort gelten die Regeln und Prinzipien, die man sich gegeben hat. Bei kleinen Unternehmen ist das oft anders, da existiert in nicht wenigen Fällen noch ein Patriarch, der alles bestimmt und auf den alles ausgerichtet ist. Ist das ein guter Mensch, so haben die Beschäftigten Glück, ist es ein Despot, haben sie Pech. Wiederum andere Betriebe lassen vieles zu, weil sie sich der kreativen Branche zurechnen und gerade von dem Unerwarteten leben. Das bewahrt deren Führungskräfte nicht vor einer großen Verantwortung, denn auch kreative Mitarbeiter haben ihre Erwartungen, was gerade in diesem Milieu leider oft vergessen wird oder gar nicht erst bekannt ist.

Anders herum sind die Beschäftigten daran interessiert, dass das, was in dem Unternehmen gilt, auch tatsächlich gelebt wird und sie sich an dem orientieren können, was als Kodex festgeschrieben ist. Das schafft Verlässlichkeit und vermindert den Stress, der durch Ungewissheiten entsteht. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben den Anspruch, dass der Umgang untereinander wie mit der Führungsebene fair vonstatten geht, dass man sich gegenseitig respektiert und vertraut. In diesem Falle signalisieren sie Loyalität gegenüber dem Unternehmen und seinen Verantwortlichen. Ist dieses allerdings nicht der Fall, artet der Konkurrenzkampf in Mobbing aus, sind die Regeln zynische Wortspielereien und ist ansonsten alles erlaubt und lassen die Führungskräfte im Krisenfall die Beschäftigten fallen und stehen sie nicht loyal zu ihnen, dann befindet sich das Unternehmen bereits in einer schweren Systemkrise, die in der Regel von der „unsichtbaren Hand“ des Marktes bereinigt wird. Es verliert Mitarbeiter, die Produkte und der Ruf werden schlechter und die Stellung am Markt siecht dahin.

Selbstverständlich kann eine solche Betrachtung nicht 1:1 auf das politische System übertragen werden, aber um zu verdeutlichen, mit welcher Kultur wir es momentan dort zu tun haben, taugt ein solcher Vergleich doch: Da wird in Bremen eine Stelle des BAMF beschuldigt, fehlerhaft Aufenthaltsgenehmigungen für Asylsuchende ausgestellt zu haben. Und sehr schnell reagiert das System so, dass sich alles auf eine Mitarbeiterin konzentriert, die fehlerhaft gehandelt haben soll. Der ehemalige Leiter des Kanzleramts, damals verantwortlich, weist alles Vorwürfe von sich und zeigt mit zitternden Fingern auf den damaligen Innenminister. Der neue Innenminister entschuldigt sich mit der Gnade der späten Berufung, zuckt mit den Schultern und lässt die Chefin des BAMF antanzen. Dieselbe wiederum zeigt nach unten. 

Da wird eine „Kultur“ transparent, sowohl des Umgangs wie der Führung, die sich darüber wundert, dass viele Menschen sie kopfschüttelnd ablehnen. Noch Fragen?