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Alles kommt zurück!

Im Spätsommer wurde der Kadaver eines Wales in der Nähe der Schleswig-holsteinischen Stadt Husum angeschwemmt. Vor wenigen Tagen kam so etwas wieder in der indonesischen Java-See vor. Nicht, dass es etwas Neues wäre, dass verendete Wale an irgendwelchen Küsten angeschwemmt würden. Das kommt immer einmal wieder vor. Neu ist, was diese beiden Kadaver,  die 12.000 Kilometer voneinander entfernt strandeten, als Fracht in sich bargen. Im Falle des Husumer Wales waren es Autoteile, in dem aus der Java-See große Mengen Plastik. Wenn man so will, handelte es sich in beiden Fällen um eine neue Version von Müllcontainern. Oder, ins Literarische übersetzt, der Wal beginnt, den Menschen eine Botschaft zu senden, die biblisch-katastrophales Ausmaß in sich birgt. Sie lautet: Alles kommt zurück!

So dramatisch die Bilder sind, die mit diesen beiden Walen, die nicht die einzigen sind, von denen wir noch hören werden, so schlicht ist die tatsächliche Botschaft. Sie informiert darüber, dass es vorbei ist mit der lokalen Kaschierung eines global wirksamen Handelns. Jede Art der zerstörerischen Handlung wird global registriert und in Rechnung gestellt. Wer sich mit dieser Tatsache nur schlecht wird zurecht finden können, sind diejenigen unter uns, die mit dem gehobenen Bewusstsein leben, dass sie die ökologischen Probleme der Welt bereits frühzeitig erkannt haben und sich im Segment des mittelständisch-elitären Biokonsumismus bewegen. 

Vieles von dem, was unter dem Einsatz von Hochtechnologie für den berühmten globalen Markt vom selbst ernannten Exportweltmeister produziert wird und was nicht mit den in der Bundesrepublik nicht ausreichenden, aber dennoch durchgesetzten Standards zu vereinen ist, wurde von den hier ansässigen Firmen kurzerhand ins Ausland ausgelagert. Es ist eine Industrie der Mogelpackungen, mit denen der hochmütige Ökologismus hierzulande zur Schau getragen wird, der allerdings von anderen Staaten und Völkern längst seinem Charakter nach durchschaut worden ist. Die einzigen Exemplare, die tatsächlich noch glauben, die von Deutschland ausgehende Produktivität sei ökologisch verantwortlicher als z.B. die amerikanische, leben hier und lassen sich auf den Sänften des Werte bezogenen Hochmuts durch die engen Gassen der Republik schleppen.

Entscheidend ist nicht, wie geostrategisch diversifiziert die Produktion von Marktgütern vonstatten geht, ob zum Beispiel unbedenkliche Steuerungseinheiten eines Automobils im Stuttgarter Raum, die säurehaltigen Batterien hingegen aus Slowenien angeliefert werden. Es kommt darauf an, welche Produkte mit welchen Zutaten auf dem Weltmarkt in welcher Quantität angeboten werden. Die unheilbringenden Priester vom unbegrenzt freien Markt predigen seit je die heilsamen Kräfte des Marktes, die letztendlich alles wie von selbst regulierten. Der Todesfeldzug gegen den globalen Stoffwechsel der Natur spricht eine andere Sprache.

Es ist höchste Zeit für eine Strategie, die die Ursachen der Vernichtung deutlich benennt. Es kann nicht mehr angehen, dass chemisch gereinigte Ideologen des Ökologismus ihren Sermon von der vorbildhaften deutschen Vorgehensweise verbreiten, ohne darauf hinzuweisen, dass das nur unter dem Export bestimmter Produktionsabschnitte möglich war und dass es dem Wesen der kapitalistischen Produktion entspricht, alles zu produzieren, was sich verkaufen lässt. Aber nicht alles, was sich verkaufen lässt, hat bezogen auf den Planeten wie die Gattung einen Nutzen. 

Auch wenn sich viele Zeitgenossen, die aus den Brainwash-Anlagen des Wirtschaftsliberalismus entfleucht sind, winden werden wie die Aale: Es ist Zeit für eine groß angelegte Regulierung.

The Huns Like Diesel

Hat noch irgend jemand Lust, über das Thema Diesel zu diskutieren? Wahrscheinlich nicht. Die Verwerfungen über einen Verbrennungsmotor, der  – aus welchen tiefenpsychologischen Gründen auch immer – vor allem von den Deutschen präferiert wird, sind erheblich. Wer sich die Chronologie der Ereignisse noch einmal vergegenwärtigt, bekommt regelrechte Beklemmungen. Denn die Abfolge des Geschehenen offenbart eine Aneinanderreihung von Betrug und Manipulation. Auf vielen Seiten! Und manchmal, so ganz nebenbei, kommt ein Gefühl auf, dass es diese Art der Aufarbeitung von Problemen ist, die immer wieder in Deutschland die Legitimation von Politik als solcher zur Disposition stellt. Das, was sich durch alles, jedes Ereignis und das Bekanntwerden jeder Faktenlage durchgängig vermissen lässt, ist nämlich eines: Konsequenz.

Es begann mit einem Reklamebetrug. Deutsche Dieselhersteller warben mit Schadstoffwerten, die nicht der Realität entsprachen, und zwar bewusst. In den USA hatte das weitreichende Folgen. Unabhängig von den dort möglichen Schadensersatzklagen, bot sich vor allem für die amerikanische Konkurrenz die Möglichkeit, die Dieselanteile auf dem Markt zurückzudrängen. 

In Deutschland wurde zunächst der Tatbestand geleugnet, und dann, als es nicht mehr ging, als Faktum akzeptiert. Die Kardinalkritik am Dieselmotor wurde gleich mit übernommen, was zu einer tiefen Irritation im Lande führte. Wieso waren Diesel, die vorher sogar steuerlich begünstigt waren, plötzlich für die schlechte Luftqualitätswert in Ballungszentren allein verantwortlich? Das, was vorher den Benzinmotoren attestiert wurde, galt plötzlich für den Diesel und die ehemaligen Dreckschleudern wurden über Nacht ökologische Vorzeigeobjekte. 

Es hätte für die Politik gereicht, wenn sie sich auf den Vorwurf der Messmanipulation beschränkt hätte. Was sich daraus an Schadensanspruch ergeben kann, ist durchaus beachtenswert. Dass die Bundesregierung aber die Argumentation der amerikanischen Behörden und der hinter ihnen stehenden dortigen Automobilindustrie übernahm, führte in die Sackgasse, die überall nur noch Überdruss erzeugt. 

Fragen, die in diesem Zusammenhang zielführend hätten sein können, fanden keine Beachtung. Wichtig ist es, zu erfahren, wie hoch tatsächlich die urbanen Belastungen sind und wodurch sie verursacht werden. Vergleichsgruppen wurden nie zugelassen, wie zum Beispiel der globale Beitrag durch Schiffsdiesel, der immens ist und die Relationen gewaltig verschiebt. Interessant ist auch die These des im Internet nun wie ein Pabst gehandelten Lungenarztes, der die Belastungen durch Dieselfahrzeuge in den Städten als eine Petitesse bezeichnet. Und zumindest von offizieller Seite wird panisch die notwendige Entscheidung verschleppt, die sich gegen die Automobilkonzentration in Städten per se wenden muss. Die gesamte Diskussion ist so verworren, dass das, was die Gesellschaft von Politik erwartet, nämlich Klarheit zu verschaffen und Entscheidungsoptionen zu eröffnen, nicht mehr sichtbar ist. 

Es scheint nicht nur so zu sein, dass die Deutschen den Diesel lieben, es scheint auch so zu sein, dass sie über ihren geliebten Diesel so diskutieren, wie sie immer diskutieren, verworren, unlogisch und ohne strategische Perspektive. 

Dass zudem quasi über Nacht noch die Preise für Dieselkraftstoffe denen des Normalbenzins angepasst wurden, führt nur noch zu individueller Unmutsbezeugung. In Frankreich brannte gleich die Hütte. Irgendwie kommt das Gefühl auf, dass der an eine psychische Deformation erinnernde Zustand des kollektiven Bewusstseins im Moment eine typisch deutsche Angelegenheit zu sein scheint. In England kursiert schon immer der Spruch „The huns like Diesel“. Mit Hunnen sind die Deutschen gemeint. 

Hunnen? Hunnen führen jetzt zu Tausenden mit ihren Dieselautomobilen nach Berlin, parkten alle vor dem Reichstag, und setzten ihre Karossen kollektiv in Brand. 

Die würgende Zeit

Nein, ich will nicht in den Chor derer einfallen, die über die besondere, ambivalente Bedeutung  des 9. November auf die deutsche Geschichte reflektieren. Obwohl das viel hergibt. Dreimal in einem Jahrhundert hat ein ganz bestimmtes Datum große Relevanz: Der Sturz der Monarchie, die Pogromnacht 1933 und die Implosion der DDR 1989. Da kann schon so einiges in Beziehung gebracht werden. Und es kann spekuliert werden über den Nationalcharakter der Deutschen, mal rebellisch, mal bestialisch, mal human. Und dann stehen wir wieder da, wir armen Toren, und sind so klug als wie zuvor. Ohne die Reflexion über die deutsche Geschichte zurückweisen zu wollen, ganz und gar nicht, denn es geschieht viel zu wenig, aber mir geht es hier um etwas ganz anderes: welche Bedeutung hat die Reflexion von Geschichte überhaupt? Bringt sie das, was sich viele von denen, die aus den Katastrophen des XX. Jahrhunderts politische Schlussfolgerungen ziehen wollten, vorgestellt haben? 

Die Überlegung war, aus den historischen Ereignissen auf deutschem Boden Lehren zu ziehen. Diese sollten vor allem dahin gehend wirken, dass eine Demokratie immer nur so stark ist wie das Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger, dass die Menschenwürde unantastbar sei und die Ausgrenzung von Menschen innerhalb der Gesellschaft aufgrund von Religion, Geschlecht, Ethnie etc. nicht geduldet werden dürfe, dass Kriege auf fremden Territorien ein Tabu sein und dass die Gewalten im Staat geteilt sein sollten. Und die Vision der die Katastrophe Überlebenden bestand darin, diese Lehren in den Köpfen der nachfolgenden Generationen fortpflanzen zu können.

Ein finnischer Politologe, dessen Name in der Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung verloren ging, präsentierte kürzlich das Ergebnis einer von ihm durchgeführten Untersuchung, die sich damit befasste, inwieweit historische Ereignisse eine Wirkung auf nachfolgende Generationen tatsächlich noch haben. Und er kam zu dem Ergebnis, dass selbst die Schockwirkung historischer Katastrophen trotz ständiger Vergegenwärtigung in Schule und Kultur und im nationalen Narrativ ab der dritten Generation nicht mehr die gewünschte Wirkung haben. Die Erfahrung verliert mit den dahinscheidenden Zeitzeugen ihr Unmittelbares und sie wird nach und nach zu einer mittelbaren Erscheinung, die keine moralische Strahlkraft mehr besitzt. Was war, bewegt nicht mehr.

Der Begriff des Defätismus kommt in seiner deutschen Anwendung aus dem Französischen und beinhaltet das Stammwort Niederlage. Defätismus ist folglich die Überzeugung, dass alles, was geschieht, in einer Niederlage enden muss. Angesichts des paraphrasierten Versuchs des finnischen Politologen und angesichts des anwachsenden Nationalismus in Europa läge es einem Defätisten nahe, nun zum Besten zu geben, dass jede Form der Berufung auf die Vergangenheit auch nichts mehr bewerkstelligen könnte. 

Unabhängig von der möglichen Wirkung vermittelter Geschichte auf nachfolgende Generationen existiert noch eine Kategorie, die wesentlich entscheidender ist. Es ist die Unterscheidung von richtig und falsch. Und wer sich mit dieser Frage beschäftigt, wird sehr schnell zu dem Ergebnis kommen, dass es richtig ist, Zerstörern von Mensch, Moral und Ressource die Rote Karte zu zeigen. Wer sich dabei historischer Vergleiche bedienen kann, hat einen Vorteil. Wer sich nicht darauf berufen kann, kann dennoch urteilen. Insofern ist die Lage nicht so schlecht, wie sich dass der masochistische Defätist vielleicht wünschte. 

Euphorie ist ebensowenig angebracht. Vielleicht ist die Formulierung, die Alfred Döblin in seinem großartigen, immer wieder lesenswerten Roman „November 1918. Eine deutsche Revolution“ benutzte, durchaus treffend für das, was wir zur Zeit erleben:

„Die Zeit würgte aus sich heraus, was sie in sich hatte. Blieb abzuwarten, ob sie davon gesund wurde.“