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„Dann wird die ganze Republik verhökert“

Die Geschichte, als Regisseurin des Weltgeschehens, ist nicht nur geübt in der Inszenierung großer Tragödien. Sie spielt auf verschiedenen dramaturgischen Klaviaturen, und das zuweilen so brillant, dass die betroffenen Zeitgenossen vor Faszination die Sprache verlieren. Staunend stehen sie da, die Menschen, sie bilden das Publikum, dem es erlaubt ist, sich selbst in dem Stück zu sehen, das dort aufgeführt wird. Und in dem Moment, in dem die Akteure die Bühne betreten, ist es so gebannt, dass es keinen Einfluss auf das Geschehen hat, obwohl es sich selbst agieren sieht. Mit dieser Absurdität spielt die Regisseurin namens Geschichte ihr zuweilen frivoles Spiel. Gestern war so ein Tag. Er wäre geeignet gewesen für das große Drama, aber es wurde eine Groteske.

Gemeint ist der noch kalkulierte Rücktritt der Kanzlerin, die als geschickte Brettspielerin der Macht doch noch in der Lage war, das Heft des Handelns selbst in der Hand zu halten. Sehr spät, aber noch früh genug, um nicht erlegt zu werden von dem Heer der Epigonen, die sich das Wolfspelzchen bereits übergestülpt hatten und anfingen, das Rudel zu mobilisieren. Merkel war schneller. Was sie hinterlässt, ist eine einigermaßen realistisch als Wüste zu beschreibende Personalsituation innerhalb der Partei. Oder eben auch nicht. Auch sie war nicht das geborene Charisma. Der Michel hat sich auf das glanzlose Geschäft verständigt, zumindest im Augenblick. Vielleicht schillert schon bald wieder der Hunger nach dem eloquenten Despoten durch. Wer weiß?

Aber eine Figur, um zu dem zurückzukommen, was aus dem großen Drama eine Groteske machte, eine Figur löste unter denen, die schon andere Zeiten erlebt hatten, ein doch erstauntes Raunen aus. Da wurde der Name eines Mannes genannt, der es aus dem sauerländischen Brilon, wo er vom fahrenden Moped aus schon mal Steine in das Geschäft des Apothekers geworfen hatte, weil der für die Aussöhnung mit dem Osten war.  Und dann hatte er es, mit der Aura des jungen Kalten Kriegers, bis in die Führungsspitze seiner Partei gebracht. Bis eine Angela Merkel aus dem deutschen Osten daherkam, um ihn zu entmachten.

Dann ging er nach New York, genauer gesagt an die Wall Street, um dort als Jurist für ein Konsortium mit dem mystischen Namen Schwarzer Stein alles zu verhökern, was sich verhökern ließ. Die einstige Rotznase aus dem Sauerland verdiente Unsummen, und das schien ihn zu versöhnen mit seinem politischen Aus. Ganz lassen konnte er es jedoch nie, er wurde Chef der Atlantikbrücke, jener Organisation, die seit Jahren zu einer heißen Konfrontation mit Russland bläst und die so viel Neoliberalismus in sich trägt, dass es selbst Wirtschaftsliberale schüttelt, wenn sie davon hören. 

Es kann natürlich sein, wie bei jedem guten Pokerspiel, dass eine Karte gezeigt wird, um die Mitspieler zu irritieren. Es kann aber auch sein, dass die gezogene Karte ernst gemeint ist. Sie ins Spiel zu bringen ist die offene Kriegserklärung gegen diese Republik, wie sie sich in den letzten vierzig Jahren entwickelt hat. Dann käme ein Vollstrecker, wie wir ihn noch nicht erlebt haben. 

Wie sehr schätze ich doch meinen Zeitungshändler hier im Viertel, der mich angesichts der möglichen Kandidatur der genannten Figur regelrecht an seiner Tür überfiel und in dem ihm eigenen Alltagsscharfsinn tönte: „Wenn der kommt, dann wird die ganze Republik hier an der Wall Street verhökert!“ 

Die Saat geht auf

Die Saat geht auf. Das, was im letzten Vierteljahrhundert der Welt als Design angelegt wurde, fruchtet zumindest in den Ursprungsländern. Der trotz der fatalen Entwicklung immer noch von vielen Politikern gelobte Washington Consensus, eigentlich die Neuaufteilung der Welt nach dem Niedergang der Sowjetunion, ist die Schaffung einer neuen Ordnung nach neoliberalem Design. Mehr Freiheiten für das frei fliegende Kapital, weniger Staat, weniger staatliche Verantwortung, Privatisierung wo eben möglich und möglichst wenig gemeinschaftliche Organisation. Gleich dem großen Fressen wurde alles verschlungen, was sich nicht wehren konnte. Am Schluss steht eine Weltordnung, die den Namen nicht mehr verdient. Die westlichen Demokratien wurden von innen heraus, mittels der eigenen Begehrlichkeiten, destabilisiert. Heute und in naher Zukunft werden die Staaten überleben, die sich nicht auf den Washington Consensus eingelassen haben. 

Was sich niemand im Schicksalsjahr 1990 hätte vorstellen können und wollen, heute ist, zumindest in der westlichen Hemisphäre, nicht nach den reichsten Staaten dieser Erde zu suchen, sondern es sind einzelne Individuen, die reicher sind als reiche Staaten. Wir stehen am Ende der Privatisierung der Welt. Dass das so ist, haben wir zugelassen, indem wir Regierungen das Vertrauen ausgesprochen haben, die den dreckigen Job der systematischen Vernichtung der Gemeinschaft mit besorgt haben.

Gestern, bei einem Vortrag, wies ein Frankfurter Politologe darauf hin, dass er in seinen Seminaren in den 1990er Jahren an Indikatoren für die Kennzeichnung von Ländern der damals so genannten Dritten Welt gearbeitet habe. Zu diesen Indikatoren hätten gehört eine gravierende Spaltung der Gesellschaft in viele Arme und wenige Reiche, die Abschottung der Eliten, eine lausige Steuermoral der Eliten, ein schlechtes Bildungssystem, Mängel in der gesundheitlichen Versorgung, Wohnungsnot etc.. Man braucht gar nicht erst darauf hinzuweisen: Die Dritte-Welt-Indikatoren beschreiben mittlerweile sehr gut die faktische Situation im Land der Export-Vize-Weltmeister. Washington Consensus – Mission accomplished! 

Die Privatisierung des Westens zugunsten einer Gruppe von Individuen hat deren Gemeinwesen drastisch geschwächt und gleichzeitig das Erscheinungsbild zumindest illiberaler Demokratien und autoritär organisierter Regimes verbessert. Wundert es da, wenn sich die Kritiker der Entwicklung daran zunehmend orientieren? Und es wird so bleiben! Warum? Weil die Saat, die der Neoliberalismus in gleichmäßigen, sich immer wiederholenden Bewegungen nach überallhin verteilt hat. Bis in die letzten Hirnwinkel auch verwirrter Geister ist die hyperventilierte Vision gedrungen, ein jeder könne walten wie der liebe Gott der Überlieferung. Es sei legitim über Leben und Tod zu entscheiden und es sei normal, dass er sein Schicksal selber in die Hand nimmt, und wahllos Menschen liquidiert, die in der eigenen individuellen Konzeption des Lebens stören. 

Ob die Erosion des alten Westens, oder zumindest dessen, was sich angesichts der gegenwärtigen Situation im Gedächtnis festgesetzt hat, die Konkordanz individueller Freiheiten und dem Rechtszustand, in dem ein kollektiver Wille der Gemeinschaft definiert ist, ob diese Erosion noch aufzuhalten ist, steht in den leuchtenden Sternen. Sicher ist nur, dass jedes Festhalten an der neoliberalen Doktrin den Prozess der Auflösung noch beschleunigen wird. Wer sich damit noch brüstet, und davon gibt es hierzulande nicht wenige, garantiert damit den Aufstieg eines neuen, autoritären Kurses. Noch ist es möglich, sich gegen diesen Trend, der im Abendland vorherrscht, zu stemmen. Dieser Trend ist die Frucht der Politik des letzten Vierteljahrhunderts, und wer das Abendland noch retten will, der muss gegen diesen Trend aufbegehren.

Politische Relativitätstheorie

Über den Jemen wissen wir nahezu nichts aus den hiesig dominanten Medien. Da wurde eher von der drohenden, größten menschlichen Katastrophe aller Zeiten im syrischen Idlib schwadroniert, die dann allerdings doch nicht eintrat, weil es auch Einigungsprozesse gibt, bei denen der „Westen“ nicht beteiligt ist. Als Zyniker könnte man fragen, ob das positive Ergebnis nicht deshalb zustande kam. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass den Lamenteuren hierzulande es um das Schicksal von IS-Kämpfern ging. Aber im Jemen, da lassen Tausende ihr Leben, und die Nachrichtenticker bleiben im Cool-Modus.

Und nun der Fall Khashoggi! Das Schicksal des dem saudischen Regime gegenüber kritischen Journalisten ist bedauernswert. Einen Menschen wegen seiner Meinung zu ermorden, das geht nicht, und doch wurde uns gezeigt, wie leicht es ist. Dass andere, auch westliche Geheimdienste ähnlich wie der saudische unterwegs sind, lässt sich nur vermuten, meistens bekommen wir Nachrichten darüber, wie derb und brutal die Russen zulangen und die Spekulation über CIA und MI5 leitet sich aus Hollywoodproduktionen ab, die, fragte man die Agenten, allesamt ihre Storys aus der Luft greifen.

Politik ist auch die Art und Weise, wie etwas kommuniziert wird. Der Kommunikationsmodus verrät vieles über die tatsächlichen Motive, die Werte und die Interessen. Und der Fall Khashoggi zeigt, wie tief der nahezu komplette Überbau dieser Gesellschaft gefallen ist. Während der massenhafte, von saudischer Seite und deutschen Waffen mitbetriebene Völkermord im Jemen nahezu keine Erwähnung findet, während die ehedem bekannte Unterstützung von Al Qaida und dem IS aus Saudi Arabien tabuisiert wird, muss nun ein einziger Leichnam herhalten, um eine Welle der Empörung auszulösen, die in heißen Telefonaten der Weltprotagonisten ausartet und den saudischen Prinzen Salman, den größten Kriegstreiber im Nahen Osten, dazu veranlasst, die von ihm selbst gedungenen Mörder ganz empört vor ein Gericht zu stellen. Da beweist sich, wie hoch die Werte, auf die sich die Unterhändler der Waffenlieferungen an alle möglichen Dunkelmänner berufen, tatsächlich auf der Börsenwand firmieren.

Der Fall Khashoggi illustriert die im politischen Lager des Westens grassierende Verwahrlosung, und sie hat auch ein System. Es besteht aus einer komplett falsch verstandenen Relativitätstheorie. Aber in Zeiten des Glaubwürdigkeitsverfalles ist auch dieses sekundär. Während ein Einzelschicksal zum Kulminationspunkt einer bedeutungslosen Symbolpolitik hochstilisiert wird, werden quantitativ wie qualitativ bedeutende Ereignisse aus dem Blickfeld genommen. Das ist von den Relationen unangemessen und grenzte an eine pathologisch zu kategorisierende Wahrnehmungsstörung, verbürge sich nicht dahinter das bewusste System einer gezielten Verschleierung.

Das ist es, was uns der Fall Khashoggi lehrt. Es geht nicht um die Empörung über einen abscheulichen Mord. Es geht um die Ablenkung von Kriegen und Kriegsvorbereitungen und um die Verschleierung eigener Mitschuld im Sinne sehr materieller Unterstützung eines Mörderregimes.

„Wir sind die Guten“, das ist der Slogan einer Elite, die sich komplett vom Rest der Bevölkerung abgeschottet hat und nicht einmal mehr ahnt, was in der Köpfen derer, die derartig unwürdige Schauspiele beobachten, vor sich geht. Entfremdung, nennt man so etwas, und das, was sich überall in unseren Wertezonen an Erosion zu beobachten ist, ist auf dieses Phänomen zurückzuführen. Bleibt nur eine Folgerung: Game over!