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Junge ökologische Bewegung: Reden wir Tacheles!

Neben den durch die Industrie verursachten Schäden erleidet das Ökosystem schwere Kontaminationen vor allem durch den Schiffstransport von Waren und Rohstoffen. Den schwersten Schlag muss Mutter Natur jedoch jedes Mal bei Kriegen hinnehmen. Kriege und simulierte Kriege, d.h. Manöver, sind immer ein Duell mit der Natur. Insofern ist es notwendig, sich mit bestimmten Branchen wie der Kreuzfahrttouristik genauso zu befassen wie mit dem Krieg und denen, die von ihm leben, ihn vorbereiten und befeuern. Und dieser Aspekt wird dazu führen herauszufinden, wo bei der neuen ökologischen Bewegung die Sollbruchstelle liegt. 

Die Grünen, die nicht nur im Kosovo-Krieg ihre Unschuld verloren haben, sondern mit ihrer Position dort und im Folgenden eine der mächtigsten Friedensbewegungen der Welt gemeuchelt haben, sind positioniert. Sie sind sowohl auf NATO-Kurs, was heißt, sie unterstützen die Expansionsbemühungen nach Osten, treten immer wieder für militärische Lösungen ein und ihre Spitze unterstützt zudem den Import von us-amerikanischem Fracking-Gas. Will die neue, vor allem juvenile ökologische Bewegung nachhaltig Bestand haben, dann muss sie sich schnell von dieser politischen Kontamination befreien. 

Es handelt sich um eine gewaltige Aufgabe, vor der die junge Bewegung steht. Im Grunde hat sie Fragen gestellt, die auf der Hand liegen und die denen, die seit Jahren die politische Verantwortung tragen, nicht mehr in den Sinn kommen. Es geht darum, was zu tun ist, um eine Umsteuerung menschlichen Wirtschaftens und Konsumierens herbeizuführen. Das kann nur gelingen, wenn vor allem das alte Paradigma des Wachstums über Bord geworfen wird. Letzteres aber ist das Kernstück des Kapitalismus. Reden wir Tacheles: die Ziele der jungen ökologischen Bewegung können nur erreicht werden, wenn der Kapitalismus überwunden wird.

Sollte letzteres sich als erkanntes notwendiges Ziel herauskristallisieren, dann ist sehr schnell Schluss mit der zur Schau getragenen Sympathie seitens der herrschenden Öffentlichkeit. Sie wird nur so lange anhalten, wie die Möglichkeit der Instrumentalisierung für eigene Ziele existiert. Wenn es um die Systemfrage gehet, dann hört der Spaß auf. Die Auseinandersetzungen werden härter werden und es wird sich herausstellen, wer es wirklich ernst meint mit der Solidarität mit der Jugend.

Neben allem, was ansteht, von der Formulierung einer politischen Programmatik bis zur Findung und Entwicklung des notwendigen professionellen Personals, die erste Entscheidung wird bei der Frage von Krieg und Frieden fallen. Wenn sich die Bewegung bei den ausschließlich um Ressourcen gehenden und sich in Hochvorbereitung befindenden Krieg gegen den Iran heraushält, dann wird sie schneller tot sein als sie selbst glaubt. Sollte sie sich jedoch gegen die erneute kriegerische Verunstaltung der Welt stellen, dann werden die nach Innen gerichteten Streitkräfte sehr schnell ihre Unbarmherzigkeit gegen den jugendlichen Protest zur Schau stellen.

Und für alle, die meinen, sie hätten das Privileg, sich die ganze Entwicklung von einer externen, saturierten Stellung anzusehen, gilt dasselbe. Die Entscheidung, ob etwas zum Besseren zu bewegen ist, fällt an dem Tag, an dem erkannt wird, dass nicht nur die permanente Zerstörung des ökologischen Systems, sondern auch der Krieg als notwendiges Instrument der Wachstumsideologie und dem ihr zugrunde liegenden Wirtschaftssystem zusammen gehöre. 

Es geht nicht darum, die alte Rolle der Kassandra zu spielen, es geht darum, die Illusionen zu bekämpfen, die durch die distanziert sympathischen Rückmeldungen einer satten Gesellschaft den Zustand eines einfachen Weges suggerieren. Wer sich gegen den Krieg stellt, spielt nicht mehr mit Murmeln.

Der Tod ist kobaltblau

Frei nach der Bibel könnte die Formulierung lauten:

Wer sich von den folgenden Ausführungen nicht betroffen fühlt, trete zurück und danke in Demut für das Privileg, nicht von erdrückender Schuld beladen zu sein.

Worum  es geht? Um den von einer Gesellschaft, die in Selbstgerechtigkeit versinkt, mit zu verantwortenden Krieg gegen Mensch und Natur. Und um eine Gesellschaft, der es gelungen ist, durch das Instrument der Symbolpolitik das kollektive Gefühl zu erzeugen, selbst Gutes zu tun, während der Rest der Welt schlecht ist.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Wer freute sich nicht beim Anblick von Elektroautos, Elektrorädern oder Elektrorollern über die angenehme Geräuschlosigkeit und die ausbleibende Emission. Dass letztere woanders, vielleicht sogar aus dem lokalen Kohlekraftwerk in die Atmosphäre entweicht, ist der eine Aspekt der Täuschung. Der andere ist auf einem anderen Kontinent zu suchen und deshalb, soweit man Interesse daran hat, sich an der Vertuschung zu beteiligen, auch gut zu verbergen.

Eine Information, die sich als Ausgangspunkt gut eignet, weil sie es im wahren Sinne des Wortes auf den Punkt bringt: Seit 2016 ist der Preis für Kobalt von 21.000 Euro je Tonne auf 78.000 Euro gestiegen. Kobalt, das in der Republik Kongo abgebaut wird, hat seinen Wert nicht deshalb vervierfachen können, weil die Maler, die zu den Pionieren seiner Entdeckung gehörten, nun die Nachfrage so gesteigert hätten. Nein, Kobalt ist, neben Lithium, der Rohstoff, der benötigt wird, um Smartphones und Batterien für E-Mobilität herzustellen.

Um an die Gegenden zu kommen, in denen unter Tage nach dem teuren Gut geschürft wird, bedarf es der territorialen Hoheit darüber. Da dies so ist, wird ein permanenter Krieg darum geführt. Dieser Krieg gehört zu den schmutzigen, d.h. es kämpfen Soldaten und Söldner gegen die dort lebende Zivilbevölkerung. Eines der Mittel, um die Menschen dort zu demoralisieren, ist das Mittel der Massenvergewaltigung. Wenn es um Kobalt geht, werden Frauen systematisch und nahezu flächendeckend vergewaltigt.

Das Schürfen nach dem edlen Stoff besorgen Kinder, die durch die schlechten und gefährlichen Arbeitsbedingungen wie die schädlichen Gase gesundheitlich so ruiniert werden, dass sie, wenn sie überhaupt das Erwachsenenalter erreichen, es als Vollinvaliden betreten, ohne dass jedoch irgendeine Versicherung oder Kasse parat stünde, um das kümmerliche Restdasein zu unterstützen.

In den Straßen begegnen die Prototypen des kritischen Zeitgeistes den Exemplaren der E-Mobilität und den Produkten der Digitalisierung mit einem milden, teils selbstzufriedenen und auch, das sei eingestanden, tolerantem Lächeln. Warum? Weil es komplett gelungen ist, die synthetische Welt, in der man lebt, als ein Abbild der realen Lebenswelt „da draußen“ zu verkaufen. Die urbane, innovative Intelligenz geht davon aus, sie befände sich in Kongruenz zum globalen Dasein.

Und, ebenfalls ein Massenphänomen des modernen Trugs, man spricht von „sauberen“ Technologien, die den gleichen Dreck, den gleichen Schweiß, das gleiche Blut und die gleiche Demütigung an sich kleben haben wie die verspotteten Technologien, die sich fossil zu ernähren hatten.

Stellen wir uns der Realität: Digitalisierung und E-Mobilität funktionieren, weil Krieg, Massenvergewaltigung und Kinderarbeit einen Rohstoff liefern, der die Instrumente des wohligen Selbstbetruges schaffen. Und, ist es tatsächlich so, dass die Ankündigung einer CO2-Steuer und das Verbot von Plastiktüten über den brutalen Kolonialismus hinwegtäuschen, auf dem die Epoche basiert?

Auf jeden digital-urbanen Hipster kommen unzählige Verdammte dieser Erde!

Wie geht es weiter mit Europa?

Nicht zu Unrecht stellt sich die Frage, was aus dem verunglückten Projekt Europa werden wird. Die kürzlich durchgeführten Wahlen haben ein Ergebnis hervorgebracht, das bei kühler Betrachtung zu erwarten war: Die Mehrheit der Europäerinnen und Europäer, die sich überhaupt zur Wahl begeben haben, drückten ihre Unzufriedenheit mit denen aus, die für die jüngste Entwicklung der Europäischen Union Verantwortung trugen. Die Parteien, die davon profitierten, profitierten von dem Unmut, dass die Wählerschaft ihnen eine konstruktive Kursänderung zutraute, ist zu bezweifeln. Sie waren Nutznießer einer Gegenreaktion. Mehr nicht.

Die Gegenreaktion wird jedoch bleiben. Und, das ist das Bemerkenswerte, die Politik, die zu der Gegenreaktion geführt hat, wird seitens derer, die gewarnt werden sollten, nicht zum Anlass einer kritischen Selbstreflexion genommen werden. Sie selbst befinden sich in einer verhängnisvollen Echokammer aus den Bausteinen Lobbyismus und Bürokratie, in denen das Gehörte suggeriert, man befände sich auf einem erfolgsversprechenden Weg. Die Interessen jedoch, um die es tatsächlich geht, verlangen nach Fortsetzung. Es geht um Märkte, es geht um Liquidität und es geht um Ressourcen. Vor allem billige Arbeitskräfte werden auf dem Areal jener Gemeinschaft genauso durch die Gegend geschoben und transportiert wie Nordseekrabben. 

In der Nordsee gefangen, nach Marokko zum Schälen transportiert und in Dosen zurück in den Penny in Mannheim. Ökologisch nachhaltig, wie man zu sagen beliebt. Mit den Arbeitskräften verhält es sich ähnlich: Polnische Köche in England, bulgarische Steineklopfer auf dem deutschen Bau, rumänische Handwerker in Italien und bald kosovarische Krankenschwestern in der deutschen Pflege. Das alles nicht wegen der wunderbaren internationalen Verständigung, sondern um die Preise für die Ware Arbeitskraft möglichst niedrig zu halten. 

Dabei war vor den Wahlen mit ungeheurem Aufwand der Traum noch einmal mit großen Gesten inszeniert worden. Da ginge es, so das immer wieder und wieder vorgebrachte Narrativ, um die direkte, die wahre Demokratie. Wenn Frau von der Leyen Ausdruck dieser Idee sein soll, dann ist offensichtlich, was dahinter steckt. Leider kein Weg für die Menschen in Europa, die durch tatsächliche individuelle Leistung ein auskömmliches und kulturell inspirierendes Leben führen wollen. Wer sich über die Unterkünfte und Lebensverhältnisse der Fremdarbeiter in Katar echauffiert, möge sich einmal die Existenzbedingungen der osteuropäischen Ausbeiner in den Fleischfabriken in Ostwestfalen ansehen und dann noch einmal berichten.

Bei dem Auseinanderdriften der gewählten Regierungen der EU in punkto dessen, was jetzt eigentlich geschehen soll, ist es sehr wahrscheinlich, dass nichts richtungsweisenderes als die gegenwärtig gelebte Praxis dabei herauskommen wird. Umso erforderlicher wird es sein, an einer Gegenstrategie zu arbeiten, die die Kräfte zueinander in Kontakt bringt, die a priori mit einer anderen Agenda arbeiten. Es geht um die klassischen Begriffe, die aus der Zeit stammen, als der Wirtschaftsliberalismus noch lauernd in den Höhlen lag, und es geht um aktualisierte Bedürfnisse: 

gut bezahlte Arbeit zu akzeptablen Bedingungen, menschenwürdigen Wohnraum, der bezahlbar ist, allen zugängliche Bildungseinrichtungen, die auf guten Niveau sind, für alle verfügbares  Wasser und akzeptable Luft, Kultureinrichtungen, die jenseits des Konsumwahns den Sinn für Reflexion und Innovation wecken, einen Frieden, der sich nicht auf kriegerische Bündnisse stützt und eine demokratische Form der Selbstbestimmung, die nicht durch Algorithmen torpediert wird.

Das Ansinnen fordert zahlreiche und intensive Diskussionen, und es erfordert direkte Aktion und Praktische Schritte. Bringen wir die Akteure zusammen!