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Streik und Moral

Die Helden von damals, für die eine euphorisierte Gruppe von Menschen auf die Balkons ging, um ihnen abends bei einem guten Glas Wein zu applaudieren, diese Helden stehen wieder im Fokus. Diesmal in ihrem Kampf um bessere Bezahlung. Und niemand stellt sich auf den Balkon und applaudiert. Ganz im Gegenteil, die Bestellmedien aus der soundso-Gruppe haben längst den Pfeil abgeschossen, dass es so aber nicht ginge. In einem Moment, wo die öffentlichen Haushalte so sehr von dem Lockdown in Mitleidenschaft gezogen worden seien, sei es unsolidarisch, unverschämt hohe Forderungen zu stellen. Alle wissen, dass die Gehälter in keiner Relation zu Leistung und Vergleich stehen. Aber dennoch scheint das Gift in verschiedenen Kreisen zu wirken. In Frankreich  wird übrigens zeitgleich das gleiche Stück aufgeführt. Doch während hierzulande noch ideologisch gekämpft wird, schickt Beau Macron schon mal die Polizei vor ein Krankenhaus und lässt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer Kundgebung eine Abreibung verpassen. Er hält sein Wort, er ist im Krieg.

Nun, da, wie es so zeitgenössisch heißt, das Infektionsgeschehen einen dramatischen Verlauf nimmt, kann die Konstellation nicht günstiger sein für diejenigen, die in Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen arbeiten. Und die Beschäftigten dort blicken auf einen kurzen und schmerzlichen Lernprozess zurück. Wer sich engagiert, wird beklatscht, wer eine gute Lobby besitzt, erhält Unterstützung. Die irrsinnigen Summen, die verteilt wurden, gingen an unterschiedliche Zielgruppen, nur diejenigen, die den Laden unter immensem Einsatz und hohem Risiko am Laufen gehalten haben, werden jetzt der unsolidarischen Verhaltensweise bezichtigt. 

Das mag manche empören, vor allem diejenigen, die direkt betroffen sind. Empörung allein ist jedoch zu kurz gegriffen. Dann was sich jetzt abspielt, ist eine gute Charakterisierung der geistigen und ethischen Zustände, in denen wir bereits seit langem leben. Wer sich für Berufe entscheidet, die auf das Gemeinwohl einzahlen, erhält nur in Krisen eine kurze Anerkennung. Und wer sich für den Erwerb an sich, als Akkumulation von Geld und Macht, erklärt, dem ist die Zuwendung der öffentlichen Hand in Zeiten der Krise sicher. Denn jammern, jammern können diejenigen, die nichts in die gemeinsame Kasse einzahlen, immer am besten. 

Un Monde fou! Aber so ist es. Wir scheinen uns daran gewöhnt zu haben, dass das, was als eines der originären Menschenrechte bezeichnet wird, nämlich eine angemessene Bezahlung für geleistete Arbeit, hier, in unserer Ordnung, nie per se zu erreichen ist. Es ist nicht die Rede von den Spekulationsgewinnen und den Steuerhinterziehungen. Die daraus erzielten Einnahmen sind keine angemessenen, sondern vermessene Zahlungen. Nein, gemeint sind die Gehälter in den Krankenhäusern und bei allen Berufen, die in gesellschaftlichen Katastrophen in der ersten Reihe stehen. Die Wertigkeit zeigt sich auch immer in der Bezahlung. Und das, was diese Menschen nun erleben, ist, sagen wir es so, wie es ist, Kapitalismus ohne Maske. 

Seit dem Beginn der Pandemie wurde sehr viel darüber spekuliert, was der von der Regierung verordnete Lockdown und dessen Folgen und Auswirkungen wohl in den Köpfen und der Gesellschaft verändern würde. Es begann, um das kurz zu bilanzieren, bei vielen, die sich daran beteiligten, mit utopischen Entwürfen und es endete in der Regel mit Dystopien. Viele sahen, was tatsächlich zählt in den Verhältnissen, in denen wir leben. Umso wichtiger ist es, in dem jetzigen Streik nicht in das Geheul der Demagogen einzustimmen, sondern diejenigen zu unterstützen, die Leistung an der Gemeinschaft erbringen.  

Die neue Gouvernante

Die Phrasen, die unseren politischen Alltag begleiten, sind ein perfektes Indiz für die Geisteshaltung, die in den Köpfen dominiert. Wir betrachten mit Sorge, so der oft einleitende Satz, wenn es um Geschehnisse in anderen Ländern oder anderen Teilen der Welt geht. Wir verurteilen natürlich auch aufs schärfste, wenn etwas weiter geht als nur Anlass zu Sorge gibt, oder, und das gehört sich für ein Weltbild mit doppelten Standards, im eigenen Lager erregt etwas Sorge, das in einem anderen Lager zu scharfer Verurteilung führt. Und dann kommt noch die Steigerung, generell versteht sich, dass so etwas nicht ohne Folgen bleiben darf. In summa lässt sich feststellen, dass die Welt mit Deutschland eine neue Gouvernante bekommen hat, eine Gouvernante, die tadelt und lobt und drohend den Finger hebt. 

In der eigenen Echokammer, in der sich dieses Land bewegt, fällt der tadelnde, mäkelnde und immer wieder anmaßende Gestus gegenüber Dritten nicht weiter auf. Neben den Akteuren, die zu allem Unheil noch die internationale Bühne suchen, um die flachen, aber dennoch als Belehrung gedachten Statements abzusondern, orchestrieren die öffentlich-rechtlichen Medien den Vormarsch des neuen Geistes der Welterziehung mit ebenso fanatischem wie frenetischem Beifall. Zumindest die Generationen, die sich noch in dieser medialen Welt bewegen, können den Eindruck gewinnen, die Welt habe auf das Auftreten des neuen Deutschlands in der Besserungsanstalt geradezu gewartet. Der Konsens lautet: Nirgendwo werden die Probleme so exzellent gelöst wie bei uns und wir müssen den anderen zeigen, wie es geht.

Damit nicht der falsche Eindruck entsteht, es handele sich dabei um ein Phänomen der Alten, sei auf die Fridays for Future-Bewegung verwiesen, obwohl der Begriff Bewegung vielleicht zu hoch gegriffen ist. Da kristallisiert sich noch eine Steigerung des Gouvernantenhaften heraus, vor dem die Älteren des Metiers nur den Hut ziehen können. Da wissen die juvenilen Apostel aus mittelständischer und großbürgerlicher Provenienz gleich, wie man sich in jeder Alltagssituation zu verhalten hat und darüber hinaus haben sie gleich kollektive Sündeböcke parat, die am Tag des Jüngsten Gerichts zur Rechenschaft gezogen werden. 

Was bei den Älteren noch den Zug der geschichtsvergessenen Klugscheißerei trägt, hat bei den Jüngeren bereits den Zug des Sektenhaften. Psychisch sind es dort nur noch kleine Schritte Richtung IS und Taliban, es sei denn, da kommen plötzlich Offerten aus dem etablierten System und die eine oder andere Figur landet in einem Konzernvorstand oder im Bundestag zu Berlin. Own Lives matter! 

Noch einmal rückblickend auf die Tage, als vor dreißig Jahren, nach dem Desaster, das unter maßgeblicher Beteiligung Deutschlands im XX. Jahrhundert stattgefunden hatte, die Skepsis vieler Länder groß war, einer Wiedervereinigung zuzustimmen, so war sie, aus heutiger Sicht berechtigt. Das alte Verhalten des imperialen Anspruchs ist wieder in voller Blüte. Der Satz, der als ein unsägliches Fundstück in den Annalen Deutschlands auch dort bleiben sollte, dass nämlich am deutschen Wesen die Welt genesen soll, kann als das Leitmotiv der heutigen internationalen Politik identifiziert werden. Es stellt sich die Frage, wann aus der ewig mäkelnden Gouvernante der brachial agierende Zuchtmeister wird. Vieles spricht dafür, auch wenn man nicht glauben mag, dass diese zum Teil lächerlichen Figuren zu so etwas fähig sein sollten. 

Wäre da nicht der Rest der Welt, der diese Farce zunehmend mit Kopfschütteln quittiert und sich die Frage stellt, was denn da so brummt, im deutschen Kopfe. 

Maladie opportune?

In diesen Tagen ist alles möglich. In Zeiten, in denen der Trugschluss neben der Tatsache existiert, das Mögliche mit dem Irrsinn korrespondiert und die Gewissheit mit der Spekulation im Bett liegt. Jede Form der Klärung endet im Unklaren, jede Bemühung wird von irgendwoher diskreditiert, die Mutigen werden als gekauftes Pack bezeichnet und die Schweigsamen für ihre Passivität kritisiert. In solchen Zeiten ist es wahrscheinlich, dass die Hemmunglosen, die Betrüger und die Schwatzhaften für einen Moment der Geschichte das Ruder in die Hand nehmen und das Ganze auf ein Riff steuern. Sie gehen im Moment der Havarie mit unter und hinterlassen der Nachwelt einen Trümmerhaufen, an sich dem die Menschheit, so sie noch in zivilisierter Form existiert, Generationen abzuarbeiten hat. 

Bei der Bewertung der Frage, ob die offiziell bestätigte Covid-19-Erkrankung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump den Tatsachen entspricht, geht es sicherlich vielen Menschen so wie mir. Ich war und bin mir nicht sicher, ob es sich dabei um eine Tatsache oder ein Manöver handelt. Denn, und das ist die bittere Wahrheit, wir leben in Zeiten, in denen nichts an Absurdität mehr auszuschließen ist. Alles ist Spekulation, und die reinen Verfechter einer wie auch immer gearteten Wahrheit existieren nicht mehr. Weder in Ost noch West, nicht im Norden und nicht im Süden. Dieses Virus, dass der Verpestung der mentalen Atmosphäre, hat sich genauso ausgebreitet wie Corona. 

Für die Infektion Trumps spricht, dass wohl sein gesamtes, die Gefahr des Virus leugnendes Umfeld, ebenso infiziert ist. Das Weiße Haus scheint ein Hot Spot zu sein. Dagegen scheint zu sprechen, dass Trump putzmunter vor der Kamera sitzt und euphorisch von seinem Lernprozess mit der Krankheit spricht oder sich in einer gepanzerten Limousine in Washington vor seinen Unterstützern zeigt. Da kann man sich schon fragen, ob das vermeintliche Leid nicht inszeniert ist, um im Wahlkampf Mitgefühl wie Bewunderung zu mobilisieren. Die in dem vermeintlichen Krankheitsverlauf von ihm an den Tag gelegte Verharmlosung ist dabei allerdings der kriminellste Aspekt. Es provoziert die Ignoranz und verursacht weitere, vermeidbare Infektionen. Aber das beiseite, denn, wer glaubt noch daran, dass die Wahrnehmung eines Mandates mit dem Wohl derer zu tun hat, die den Auftrag gaben? In Zeiten wie diesen ist die Frage berechtigter denn je, auch wenn die Antwort in wenigen seltenen Fällen noch positiv zu beantworten wäre.

Im Französischen existiert die wunderbare Wendung der „Maladie opportune“. Mit ihr wird eine Situation bezeichnet, in der eine Krankheit zum richtigen Zeitpunkt kommt. Das impliziert die Möglichkeit der Vortäuschung wie die des tatsächlichen Eintritts. Besser kann die Situation in jeglicher Hinsicht nicht erfasst werden, weil die Grenzen zwischen Tatsache und Spekulation nicht mehr existieren. Donald Trump, ein begnadeter Demagoge, mag nun getroffen worden sein oder das Ganze nur inszeniert haben. Es handelt sich um eine Maladie opportune, weil er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln um eine Fortsetzung seiner Amtszeit kämpft. Dass, demoskopisch, das Kalkül nicht aufzugehen scheint, konnte er nicht wissen. Letztendlich ist es nicht mehr relevant, wer sich mit welcher Taktik durchsetzt. Denn ändern, ändern muss sich vieles, und vor allem grundsätzlich.

Wie der Begriff der Maladie opportune zeigt, haben ganz nebenbei, unsere französischen Nachbarn einfach Sinn für das Feine, mit Geist Behaftete. Wir Deutschen sind da einfach derber. Wenn man uns fragt, dann wünschen wir so manchem Widersacher die Pest an den Hals.