Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der Kurs auf den Eisberg

Sahra Wagenknecht und ihre Unterstützer versuchen es zur Zeit mit der Plattform „Aufstehen!“, andere stricken an bestimmten Aktionsbündnissen und wieder andere arbeiten an Netzwerken, die dann greifen sollen, wenn es darauf ankommt. Und alle Aktivitäten stoßen im Keim auf Ablehnung zumindest jener, die jede Aktion als synthetisch reines Extrakt ihrer eigenen Weltanschauung sehen wollen. Ansonsten ist es nicht wert, unterstützt zu werden. Einigkeit besteht lediglich in der Einschätzung, dass es nicht so weitergehen kann, wie es das momentan tut. Denn das, was wir erleben, ist der Kurs auf den Eisberg. Ohne Abwege, straight! Und das ohne jede Form heroischer oder psychedelischer Romantik. Der Liner, der da auf den Crash zusteuert, ist ein alter, schwerfälliger Kahn, auf dem nicht einmal eine Band spielt. So weit hat uns der Wirtschaftsliberalismus gebracht. Seenot ohne ein einziges Zeichen übrig gebliebener menschlicher Kultur.

Das, was der amerikanische Endzeitphilosoph Fukiyama einmal im trunkenen Triumphalismus das „Ende der Geschichte“ bezeichnet hatte, die Implosion der Sowjetunion und der Sieg des freien Kapitalismus, ist zu einem Albtraum geworden. Wer von denen, die damals von der Entfaltung der Demokratie geträumt haben, hat heute eigentlich noch alle Sinne zusammen? Diejenigen, die es ehrlich meinten, werden im Tollhaus oder unter dem Einfluss starker Narkotika auf das Ende warten und es als eine Erlösung wie aus einem bösen Traum betrachten. Und diejenigen, denen klar war, dass das Ende der Geschichte das Ende der Zivilisation im Westen bedeuten würde, sie haben sich auf eine Koexistenz mit der Barbarei eingerichtet und frönen dem sozialen Vergleich, obwohl es, sollte es so weiter gehen, nichts mehr zu vergleichen gibt.

Die Liquidatoren der westlichen Zivilisation waren schon vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion unterwegs. Und die Sowjetunion war nur deshalb eine Art Faustpfand für die neuzeitliche Zivilisation, weil es hätte sein können, dass die  Opfer selbst des gemäßigten Kapitalismus sich hätten aus Verzweiflung an ihr orientieren können. Auch dass wäre fatal gewesen, aber die Möglichkeit wurde einkalkuliert. Nun, da diese Versuchung nicht mehr entstehen konnte, wurde losgelegt, was das Zug hielt.

Heute, im Oktober des Jahres 2018, sind wir Zeugen, was aus dem Ende der Geschichte tatsächlich geworden ist. Da relativiert der Präsident der noch mächtigen USA die Position zum Großinvestor und Ölexporteur Saudi Arabien in einem offenen Mordfall, weil ein Rüstungsauftrag von mehr als 100 Milliarden Dollar in den Büchern steht. Jeden Tag erleben wir die Eskalation der Barbarei. Sie ist allgegenwärtig. In diesem Kontext über Werte zu sprechen und dagegen nichts zu tun, und zwar im täglichen Leben, in den Routinen, das ist Kapitulation.

Besonders in Deutschland erliegt nahezu die gesamte Nation der Unterscheidung zwischen richtigem Leben hier und großer Politik dort. Vielleicht ist es deswegen auch alles so schwer in diesem Land. Mit der Nationenbildung, mit einer anständigen Revolution und mit einem wirksamen Widerstand. Wäre endlich klar, dass das Leben dort spielt, wo sich jeder Einzelne gerade befindet, dann ginge manches einfacher von der Hand. 

Wer sich im Alltag drangsalieren lässt, wer schweigt, wer sich unterwirft, wer nicht lernt, dass es möglich ist, den Befreiungsschlag zu setzen, kann sich eigentlich nicht wundern, dass so etwas in der „großen Politik“ auch nicht passiert. Alles ist eine Frage von Einstellung und Bereitschaft.  

Lohn und Amt

Es ist ein zweischneidiges Schwert. Nicht wenige beklagen in diesen Tagen, dass wir es mit einem neuerlichen Verfall der Sitten zu tun hätten. Der Respekt vor einander, vor allem vor dem Andersdenkenden und Andersartigen sei, verloren gegangen. Das, was immer wieder als Augenhöhe reklamiert werde, spiele immer weniger eine Rolle. Gerade deshalb habe das Wort eine derartige Konjunktur. Und die Bedürfnisse des Anderen spielten keine Rolle mehr. Andererseits wiederum wird beklagt, ein richtiger Streit um die Sache sei gar nicht mehr möglich. Wir befänden uns in einer debattenfeindlichen Konsesdemokratie, wo alles so lange durch Medien und Foren gejagt werde, bis alle nur noch müde seien und ein Kompromiss am Ende stehe, der keine Kontur mehr habe. 

Beides ist sicherlich richtig. Wer sich ständig in einem Prozess von Meinungsbildung und Entscheidung befindet, kennt beide Szenarien. Ersteres übrigens, der mangelnde Respekt und der Verfall der Sitten, wird zunehmend der Existenz der Neuen Rechten zugeschrieben. Dem kann nur zustimmen, wer sich mit dem Erinnern schwer tut. Viele derer, die den Verfall beklagen, sind durch Auftreten und Anmaßung längst ein Argument für den wachsenden Widerwillen. Letzteres, das Nicht-Mehr-Streiten können, wird zumeist den Repräsentanten und politisch Verantwortlichen in den mächtigen Ämtern vorgeworfen. 

Auch dabei handelt es sich um eine Täuschung. Es liegt begründet in der von Ihnen gewählten Strategie, wie Meinung gemacht wird. Diejenigen, die kritisieren und auf eine Veränderung der Verhältnisse drängen, sollen nur nicht in der Lage sein, die Auseinandersetzung zu suchen und zu führen.

Und an dieser Stelle greifen die beiden beklagten Zustände zusammen und ergeben einen Sinn. Respektlosigkeit, Bevormundung, Verleumdung und Impertinenz sind das Besteck derer, die sich nicht im Kampf um die richtige Idee durchsetzen wollen. Sie beherrschen ihr Handwerk, aber sie haben kein Programm, dass durch seinen sozialen Charme überzeugen könnte. Ihnen geht es ausschließlich um sich, um ihre Person. Da kommt es gut, wenn auf der anderen Seite die stehen, die zwar widersprechen wollen und für eine andere Realität stehen, aber nicht geübt sind im Führen der Auseinandersetzung.

Die große Masse der Kritiker an den Verhältnissen, die nicht so sind, wie sie dargestellt werden, weil sie mehr Konflikte und Probleme beinhalten als in Jahrzehnten zuvor, diese Masse der Kritiker ist durch einen langen Prozess der Wohlfühentmündigung nicht vorbereitet auf den Waffengang, der bevorsteht und der notwendig ist. 

Es ist keine überraschende Erkenntnis, dass aus der beschriebenen Unfähigkeit eine Unzufriedenheit entsteht, die von Tag zu Tag größer wird. Da sowohl die eigenen rhetorischen Mittel wie die psychische Stabilität fehlen und da die Organisationen, die in derartigen Auseinandersetzungen helfen können zu regierungsaffirmativen, immer weniger Resonanz findenden Wahlvereinen mutiert sind, wachsen Zorn und Hass. Die Mehrheiten, die sich, obwohl sie sozial dort völlig deplatziert sind, plötzlich auf der rechten Seite auftun, sind tatsächlich auch eine Revolte gegen den Zynismus, den die Funktionäre in den bestehenden Institutionen und Apparaten generieren, weil sie sich zu sicher fühlen und glauben, ihre Person sei wichtiger als das Amt.

Letzteres ist eine kleine Unterscheidung mit großem Sinn, von der bereits Seneca zu berichten wusste. Auf die Frage, was der gerechte Lohn für die Belastung sei, die ein öffentliches Amt ohne Zweifel bedeute, gab er die logische wie verblüffende Antwort: Das Amt selbst.