Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Individualismus oder Kooperation?

Zumindest die Anthropologen sind sich einig: Der wesentliche Unterschied zwischen dem Homo sapiens und anderen entwickelten Säugetieren besteht nicht in seiner ausgeprägten Hirntätigkeit und den daraus resultierenden besonderen Fähigkeiten des Intellekts, sondern in der Fähigkeit, gesellschaftlich zu kooperieren. Wenn Kooperation tatsächlich als Alleinstellungsmerkmal zu gelten hat, dann sind alle Superlative, die im Zeitalter der Digitalisierung im Hinblick auf Wissen und die Vernetzung von Wissen verbreitet werden, nicht das Feld, dem die größte Aufmerksamkeit in politischer Hinsicht gewidmet werden müsste.

Es geht um den zivilisatorischen Stand von Zusammenarbeit. Was die globale Ordnung angeht, so ist diese allerdings nicht durch Kooperation, sondern durch Konkurrenz und Konfrontation gekennzeichnet. Diese Erkenntnis sollte allerdings nicht die Einsicht überstrahlen, dass weltweit von Gesellschaft zu Gesellschaft erhebliche Unterschiede in puncto gelebter Kooperation existieren. Auf der Makroebene sieht es jedoch düster aus.

Eine der positivsten Erscheinungen in der zurückliegenden, historischen Ära des Kalten Krieges zwischen Ost und West war die Bewegung der Blockfreien. In ihr hatten sich Staaten zusammengefunden, die nicht als Vasallen oder Satelliten der USA oder der UdSSR galten und für sich eine gesicherte Unabhängigkeit reklamierten. Auf der berühmten Konferenz im indonesischen Bandung fanden sich Länder wie China, Indonesien, Indien, Jugoslawien etc. zusammen und beschlossen, in aktiven wirtschaftlichen Austausch zu treten und sich politisch zusammenzuschließen, unabhängig von den jeweiligen doch sehr unterschiedlichen Gesellschaftssystemen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Das war weitsichtig, nutzte den einzelnen Mitgliedern und bescherte der Welt das einzige Korrektiv, das im Magnetfeld der beiden Supermächte etwas bewirken konnte.

Es war folgerichtig, dass die den Kampf überlebende Supermacht USA sofort ans Werk gingen, die Bewegung der Blockfreien zu zerstören. Das aus deutscher Sicht unrühmlichste Kapitel war dabei die Zerschlagung Jugoslawiens und der damit erworbene Ehrentitel eines Kettenhundes.

Zudem entwickelte sich China selbst zu einer Supermacht, dessen Interessen zunehmend mit dem Gedanken der Blockfreiheit kollidierten. Das Kapitel ist Geschichte, die Aufgabe einer internationalen, blockfreien Kooperation jenseits des Konkurrenzkampfes zwischen China und den USA um Weltherrschaft umso dringlicher.

Ressourcenausbeutung und Ressourcenkriege, Kämpfe und Kriege um geostrategische Positionen sowie die weltweite, systematische Verwüstung von Biosphären führen zu einem Punkt, der zunehmend als Showdown zwischen der Existenz des Homo sapiens in einer erlebbaren wie lebenswerten Welt und dem monströsen, destruktiven Gelüste nach universaler Ausbeutung beschrieben werden muss.

Um den Kräften, die nach lebenswerter Existenz streben, eine Chance zu geben, bedarf es der Kooperation im Mikro- wie im Makrokosmos. Ob damit das Zeitalter der Individualisierung seinem schnellen Ende zustrebt, sei dahingestellt. Fest scheint jedoch zu stehen, dass die Sucht nach individueller Selbstfindung und Selbsterfüllung politisch kein positiver und exklusiver Orientierungspunkt mehr sein kann.

Wer eine positive Prognose auf die Zukunft haben möchte, muss die Bemühungen unterstützen, die dem Bau von Koalitionen und Allianzen zur Gestaltung von gesellschaftlichen Verhältnissen dienen, in denen das Gemeinwohl über dem exzentrischen Individualismus steht. Und was für die jeweilige politische Betrachtung in der eigenen Lebenswelt gilt, das muss auch in internationalem Maßstab eine wachsende Bedeutung annehmen.

Ein Modell wie die historische Bewegung der Blockfreien könnte da helfen. Wenn überhaupt, dann kann nur die Fokussierung auf wachsende Kooperation zu einer Wende führen. Dass die Menschheit das kann, sagt die Anthropologie. Ob sie es will, beantwortet die Politik.

Wenn sich das geschäftsführende Personal nicht mehr eignet

Welche Optionen existieren, wenn sich herausstellt, dass alle Beteiligten in einem Prozess der Geschäftsführung der Aufgabe nicht gewachsen sind? Und wie kommt so etwas zustande? Die letzte Frage gehört an die erste Stelle, bevor darüber beraten werden kann, was zu machen ist, wenn das Malheur bereits wirkt. 

Zumeist kommen Menschen unter Umständen in die Verantwortung, aus denen heraus sich die Prognose erklären lässt, dass sie in der Lage sein werden, dass sie das, was sie bewerkstelligen  sollen, auch werden tun können. Dafür sprechen in der Regel sowohl die erworbenen Qualifikationen als auch die vorliegende Erfahrung. Hinzu kommen die zu erwartenden Aufgaben, die anstehen. Besteht eine Konvergenz zwischen Befähigung und Herausforderung, so können die Kandidatinnen und Kandidaten, zumindest denken das diejenigen so, die ermächtigt sind, das Mandat der Verantwortung zu übertragen, mit der Aufgabe betraut werden.

Was passieren kann, ist zum einen, dass sich die Ausgewählten von vornherein als nicht geeignet erweisen. Dann liegt eine Fehleinschätzung der geprüften Fähigkeiten und Fertigkeiten vor. In schlimmen Fällen haben die Kandidaten einen Akt der willentlichen Täuschung vollzogen. Neben der individuellen Unfähigkeit kann jedoch auch etwas anderes geschehen: die Begleitumstände wie und die Rahmenbedingungen, in denen die Gewählten agieren sollen, verändern sich radikal und dramatisch. 

Auch dann ist nicht selten festzustellen, dass sich das ausgewählte Personal als ungeeignet erweist. In diesem Falle muss es, soweit das seine bisherigen Taten und Leistungen rechtfertigen, mit Rat und Tat unterstützt werden. Bestehen allerdings bereits Zweifel, ob Eignung wie Haltung den neuen Herausforderungen entsprechen, dann muss schnell gehandelt werden, da ansonsten der Schaden kaum noch behoben werden kann. 

Der schlimmste Zustand, der produziert werden kann, ist die Koexistenz radikaler Veränderung von Bedingungen und ungeeignetem Personal. Sollte in einer derartigen Situation übrigens seitens der Auftraggeber nicht eingeschritten werden, so machen sich diese an dem zu erwartenden Desaster in hohem Maße mitschuldig und und haften dafür. Soweit dann Haftungsfragen noch einen Sinn machen. Manchmal ist die beschriebene Lage so dramatisch, dass eine Dimension der Zerstörung folgt, die eine Diskussion um die Haftung überflüssig macht.

Angenommen, das dargelegte Szenario träfe auch auf die gegenwärtige Politik zu. Dann müsste die Lage so beschrieben werden, dass die jetzige Geschäftsführung eigentlich auf Grundlage der von ihr erzielten Ergebnisse nicht mehr hätte weiter bestellt werden dürfen. Die Haltung, die sich hinter ihren Handlungen verbarg, korrespondierte nicht mit dem Willen derer, die sie beauftragt haben. Und die Handlungen selbst ließen immer wieder vermuten, dass andere, feindliche Auftraggeber mehr Einfluss hatten, als der vermeintlich legitime Souverän.

Hinzu kommt, dass zwei radikale Veränderungen der Rahmenbedingungen während der mittlerweile langen Amtszeit ein ebenso radikales Umdenken erfordert hätten. Das eine ist die Veränderung des Verhältnisses zu den USA. Dort hat sich ein Patronat verwandelt in den Status eines strategischen Konterpunktes. Eine Neudefinition und neue Positionierung des eigenen Standortes ist längst überfällig. Was stattdessen folgte, war ein Festhalten an alten Loyalitäten, letztendlich eine Garantie für ein Fiasko.

Die andere Veränderung wurde verursacht durch die auf alle Lebensbereiche ausstrahlende technologische Revolution. Dieser mit Bedächtigkeit zu begegnen, muss nicht immer schlecht sein. Sie jedoch in der gesamten Denkweise zu ignorieren wird zu einem ebenso desaströsen Erwachen führen wie die die blinde Traditionspflege gegenüber den USA. Das Agieren innerhalb der EU ist nur eine Fortsetzung der beschrieben misslichen Lage. 

Wir haben es mit einer Krise in doppeltem, nein, in dreifachem Sinn zu tun: 1. Haltung wie Fähigkeiten des beauftragten Personals entsprechen seit langem nicht dem Auftrag. 2. Die geänderten Rahmenbedingungen erfordern ein radikales Umdenken bei der Auswahl des zu beauftragenden Personals. 3. Diejenigen, die beauftragen und für die Mandatierung des geschäftsführenden Personals verantwortlich sind, sind zu zögerlich und sind bereits in der Haftung. 

Sie klagen zwar seit langem über Art und Inhalt der Geschäftsführung, lassen es aber geschehen. Sie wären gut beraten, schnellstens eine außergewöhnliche Gesellschafterversammlung einzuberufen, die gegenwärtige Lage zu beraten, die Geschäftsführung zu entlassen und eine neue zu berufen.

Von der Mythendeutung zum politischen Journalismus

Rolf Hosfeld. Heinrich Heine. Die Erfindung des europäischen Intellektuellen

Heinrich Heine ist brandaktuell. Er war nie aktueller als heute. Warum? Weil er an der Schwelle zur Moderne vieles von dem aufbrach, was gesetzt zu sein schien und weil er politische Tendenzen witterte, die weit über sein Leben, nämlich bis heute, wirken sollten. Dem Phänomen Heine, das vielleicht am besten mit den Überschriften des politischen Journalismus, des Exils und der Mythendeutung überschrieben werden können, geht der Journalist und Verleger Rolf Hosfeld in einer Biographie in sehr pointierter Weise nach. Die Komplexität der Person, die voller Widesprüche steckte und gerade daraus das Modell einer Lesart der sich zu seinen Lebzeiten bahnbrechenden Moderne ermöglichte, wird in dieser Biographie sehr gekonnt nachgezeichnet. Der Titel „Heinrich Heine. Die Erfindung des europäischen Intellektuellen“ verrät den Akzent, der auf dem Ganzen liegt. Es geht nicht um eine zumeist praktizierte Nachzeichnung von Biographie und Werk, was auch geschieht, sondern um die neue existenzielle Formgebung, für die Heine steht.

Drei wesentliche Akzente seien aus dem gut lesbaren Werk Hosfelds herausgegriffen. Wichtig und bis heute zumindest in der zeitgenössischen Rezeption unterschätzt ist die Entschlüsselung der gedanklichen Identität der Deutschen, die zu seiner Zeit noch um eine nationale Identität kämpften. In seinen Schriften unter dem Titel „Elementargeister“ dechiffrierte Heine den geistigen und mythologischen Horizont, in dem sich der werdende europäische Riese bewegte. In der für ein französisches Publikum verfassten „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ griff Heine auf diese frühen Arbeiten zurück und erklärte den langen Weg vom blutrünstigen Mythos zur Aufklärung. Und in der dem Nationalrevolutionär „Ludwig Börne“ gewidmeten Schrift polemisiert Heine gegen den aus den „Elementargeistern“ in die Moderne hinübergeretteten Puritanismus und Dogmatismus der Befreiung, der bis in unsere Tage reicht und ein deutsches Spezifikum darstellt. 

Einen zweiten Schwerpunkt stellt die eigene Existenz als Schriftsteller dar. Dabei ist die Namensgebung Schriftsteller im klassischen Sinne bereits eine Verfälschung der realen Existenz. Denn Heine hat mit der Art und Weise, wie er sein Geld mit dem geschriebenen Wort verdiente, den Beruf des Journalisten vorgezeichnet. Dass er seit den ersten Tagen seines Pariser Exils mit einem Honoré de Balzac befreundet war, zeigt die räumliche wie spirituelle Nähe dieser neuen Form des Berufs. Mit den vor allem in der Augsburger Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Berichten über Frankreich (Französische Zustände, Lutetia), England (Englische Fragmente) und Deutschland (Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland) wurde ein neues Genre aus der Taufe gehoben, dass als politische Prosa bezeichnet werden kann und die bewirkte, dass ein breiteres Publikum in die Wirkmechanismen von Politik Einblick erhielt.

Und schließlich der Visionär eines neuen Europa, das über die Nationalstaaten hinaus konzipiert werden müsse. Das entspräche vielleicht sogar der Diktion und Doktrin heutiger EU-Bürokraten, hätte Heinrich Heine damit nicht die Frage verbunden, wie eine Demokratie von unten zu gestalten sei. Er identifizierte einen gesamteuropäischen Klassenkampf, der das Movens zu einer Einigung darzustellen hätte. Das konterkariert alle Narrative über eine EU, die a) nicht Europa ist und b) zum Zwecke von Partikularinteressen funktioniert.

Die Biographie Hosfelds spart nicht die lyrischen Werke Heines aus, die zu seinem Weltruhm beitrugen, die wesentlichen Komponenten bei der Etablierung des neuen Typus eines europäischen Intellektuellen sind jedoch in den existenziellen Bedingungen eines politisch schreibenden Literaten und in der Art und Weise des Brückenschlags von Mythendeutung, philosophischer Textanalyse und aktueller Aufbereitung zu suchen.